Die Matratze war noch warm - Ein Interview mit Jinran Kim über Last Mattress in der Galerie Förster

Matratze – Porträt – Tod

 

„Die Matratze war noch warm“

Ein Interview mit Jinran Kim über Last Mattress in der Galerie Förster

 

Die Galerie Förster in der wundersamen Schröderstraße in Mitte neben Alpenstück, Bäckerei Alpenstück und dem Designer-Showroom Parkhaus zeigt in einer Einzelausstellung die Letzten Matratzen der süd-koreanischen Künstlerin Jinran Kim. Was sind Letzte Matratzen/Last Mattress?

Jinran Kim arbeitet mit einer ungewöhnlichen Kombination von Materialien: Seife, Baumwolle, Seide, Holz und Erinnerungen. Im Sommer 2009 richtete sie eine Installation im Mausoleum auf dem St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg ein. Am 29. Oktober 2009 verteilte sie während einer Gemeinschaftsausstellung in der Galerie Wedding, Kunst & Interkultur, Seifestücke. Auf ihrer Website rührt sie mit der dunkelrot lackierten Zeigefingerspitze in einer Schaumfläche auf schwarzem Grund.    

 

NIGHT OUT @ BERLIN hat Jinran Kim in der Galerie Förster zwischen geweißter Backsteinwand und Ladenfenster getroffen.

NIOBE: Mit welchen Materialien haben Sie für die Letzten Matratzen gearbeitet.

JK: Ich habe Baumwolle, Naturfarben und koreanische Seide benutzt. Die Baumwolle ist ein hautfreundliches Material. Darauf habe ich mit der Farbe aus der Natur gemalt. Das war eine sehr malerische Arbeit. Wichtig war mir auch die Struktur der Baumwolle beim Malen. Es ist keine Leinwand, sondern hat eine eigene Struktur. Insgesamt sind die Matratzen nicht nur Malerei, sondern ein Wandobjekt: Malerei, Struktur und koreanische Seide.

NIOBE: Sie bauen auch den Rahmen selbst?

JK: Ja, auch

NIOBE: Es ist also eine sehr handwerkliche Arbeit.

JK: Ja, das Handwerkliche ist mir wichtig.

NIOBE: Wenn ich mir die bemalte Baumwolle der Matratzen ansehe, dann erinnert mich das an Tuschmalerei.

JK: Ja, die Technik ist schon ein bisschen wie Tuschmalerei. Als ich Kind war, habe ich Kaligraphie gelernt. Ich war von meinen Eltern aus diesem Bereich schon beeinflusst. Also ich habe diese Technik ein wenig anders benutzt.

NIOBE: Wenn ich die Matratzen anschaue, dann beginnt mich daran, das Individuelle zu interessieren. War die Frage der Individualität ein entscheidender Punkt im Arbeitsprozess?

JK: Jede Matratze ist natürlich für eine bestimmte Person, der ich die Matratze sozusagen schenken möchte. Ich habe beim Arbeiten schon über diese Person nachgedacht, ich habe mich an sie erinnert. Also heißt das, dass diese bestimmte Matratze für eine koreanische Sängerin ist. Oder eine andere Matratze für einen Schriftsteller aus der Kolonialzeit ist. Also jede einzelne Person ist mit der Produktion der Matratze als Geschenk für sie verbunden. 

NIOBE: Man kann das aber nicht unbedingt sehen, wenn man vor der Matratze steht. Oder finden Sie, dass man das sehen kann, für wen die Matratze ist?

JK: Genau. In dieser Installation hier in der Galerie, war es mir wichtig, die Matratzen ohne Information zu präsentieren. Natürlich kann man ohne Information nicht sehen, ob das die Matratze für einen Mann oder eine Frau, eine Königin oder einen Mönch oder eine Geisha ist. Ich möchte, dass man die Matratze erst einmal ohne konkrete Information betrachtet. Wenn man die Matratze alleine sieht, dann ist das etwas anderes, als wenn man sie mit Informationen betrachtet. Man kann dann später den Text zu dieser Person lesen.

NIOBE: War dieses Projekt eine kulturelle Erinnerungsarbeit für Sie?

JK: Insbesondere bei dieser Arbeit spielt für mich Erinnerung eine wichtige Rolle. Einmal ist da die biographische Erinnerung. Und dann die politische, historische Erinnerung.

NIOBE: Erinnerung ist ein merkwürdiger Prozess. D. h. einmal könnte diese Malerei als Bild, wenn man es ausstellt, so etwas wie ein Porträt sein.

JK: Oh, ja.

NIOBE: Ein ganz anderes Porträt …

JK: Ja, genau.

NIOBE: Würden Sie sagen, dass sie ein Porträt, für diese Künstler und Personen, an die sie erinnern wollen, geschaffen haben?

JK: Genau, ich habe mich an diese Leute erinnert, als ich in meinem Atelier gearbeitet habe. Ich habe diese Leute zwischen 1900 und 1930 ausgewählt, zwischen der japanischen Kolonialzeit und vor dem Krieg. Besonders diese Leute. Sie sind schon verstorben, aber sie sind in Korea immer noch für die Erinnerung wichtig. Sie haben die koreanische Geschichte und Kultur beeinflusst.

NIOBE: Haben Sie die Matratzen schon in Korea ausgestellt?

JK: Nein, noch nicht.

NIOBE: Gibt es Koreaner, die diese Matratzen schon gesehen haben?

JK: Ja.

NIOBE: Und wie haben sie darauf reagiert?

JK: Diese Leute, die ich für die Arbeit ausgewählt habe, sind sehr präsent für Koreaner. Einer, den ich ausgewählt habe, ist er vor kurzem gestorben.

NIOBE: Gehen wir noch einmal auf die Matratzen als Objekte ein. Es gibt diese Baumwolle, die bemalt ist und die gemusterte Seide sozusagen als Rahmen. Sind das typisch koreanische Motive, die Blumen und Muster auf der Seide als Rahmung?

JK: Nein, ich finde nicht, dass das typisch koreanische Motive sind. Aber das Objekt als solches ist typisch koreanisch. Es gehört zur Futton-Kultur. Das hat ganz viel mit der Art und Weise des Lebens in Korea zu tun. Man lebt auf dem Futton. Unsere Kultur ist eine Bodenkultur, keine Sitzkultur wie in Europa. Das ganze Leben spielt sich auf dem Futton ab. Man rollt abends den Futton aus und schläft darauf.     

NIOBE: Leben Sie hauptsächlich in Berlin oder sind sie häufig in Korea?

JK: Ich bin schon häufig in Korea. Mein Leben ist in Berlin und Korea. Ich habe auch Projekte, die in Korea laufen.

NIOBE: Unterrichten Sie an Hochschulen in Korea?

JK: Ich habe schon einmal unterrichtet. Das war eine sehr interessante Erfahrung, aber ich möchte lieber freie Künstlerin bleiben. Ich habe meine Ausbildung in Korea gemacht. Und dann habe ich entschieden, dass ich im Ausland Erfahrungen sammeln möchte. Und dann kommt natürlich die Frage: Warum nicht Paris oder London, sondern gerade Berlin? Ich bin seit 1994 in Berlin. Und ich erlebe die Entwicklung dieser Stadt. Berlin ist eine absolut selbständige Stadt. Ich bin immer wieder fasziniert von Berlin. Ich bin jetzt schon ziemlich lang in Berlin.

NIOBE: Ist Berlin besonders anregend für Ihre Arbeit?

JK: Ja, Berlin ist sehr gemischt. Es gibt viele junge Leute. Es gibt auch Arbeiter und Künstler. Ich finde es sehr angenehm.

NIOBE: Denken Sie, dass sie sich mehr trauen, weil es offener ist, als wenn nur in Korea arbeiten würden?

JK: Das glaube ich ganz bestimmt, wenn ich wieder in Korea war. Z.B. habe ich ein Projekt, das ich nur so in Berlin machen kann. Es eine Arbeit über Trümmerfrauen in den Ruinen. Ich zeichne überall in Berlin Ruinen aus dem Zweiten Weltkrieg. Ich laufe durch alle Ecken von Berlin und zeichne. So eine Arbeit kann man nur in Berlin machen. Auch ist der lange Winter in Berlin grau und dann kann man einfach nur zeichnen.

NIOBE: In dieser Ausstellung hier in der Galerie Förster gibt es einen Bildschirm, auf dem die Zeichnungen zu sehen sind. Sind das Fotografien?

JK: Nein, das ist eine Videoarbeit, die ich vor ungefähr einem Jahr mit einem Videokünstler begonnen habe. Er hat gefilmt, wie ich die Matratzen herstelle. Vielleicht ist das noch ein wenig spielerischer.

NIOBE: Kommen wir wieder zu den Matratzen zurück. Es sind die Letzten Matratzen. Und dann denkt man unweigerlich an den Tod. Der Tod ist etwas hoch Kulturelles.

JK: Oh, ja gewiss.

NIOBE: Sie haben auch diesen 108-Stufen-Tempel gemacht. Wie weit ist das eine Arbeit über den Tod für sie? Wie weit kommt die Endlichkeit in ihren Matratzen vor?

JK: Bei diesen Letzten Matratzen denken die Leute natürlich erst einmal an Tod. Das ist richtig. Aber ich bin immer von dem Leben fasziniert, das sich bis zum letzten Moment auf diesen Matratzen abgespielt hat. Man hat auf diesen Matratzen geschlafen und geträumt und geliebt. Das ist das, was mich immer fasziniert bei der Herstellung der Matratzen. Bei dieser Arbeit ist das Thema eher das Leben als der Tod.

NIOBE: Das kann ich mir schon vorstellen. Aber wenn ich die Matratzen sehe, dann ist doch das Leben abgebrochen. Das ist ein Prozess der Endlichkeit. Die Matratzen sind hergestellt worden. Aber dieser Prozess ist jetzt abgeschlossen und die Matratzen sind auch ein totes Objekt. Kommt das ihrer Vorstellung von Tod nah?

JK: Ich glaube, das ist die Aufgabe künstlerischer Arbeit, dass man sich mit ernsthaften Themen befassen muss. Es soll nicht nur makaber sein. Es geht auch um Krankheit und andere wichtige Aspekte.

NIOBE: Ich möchte noch einen Moment bei diesem Punkt bleiben. Wenn man die Einfärbungen so sieht, dann ist das etwas sehr Gegenwärtiges. Heutzutage sterben alte Menschen in einem Krankenhaus oder Pflegeheim in einem weißen, sauberen Bett. Und wenn man sich da einmal mit beschäftigt hat, dann weiß man, dass der Körper nicht mehr funktioniert. Es gibt Probleme mit dem Urin, mit dem Speichel und anderen Körperflüssigkeiten. Hat das eine Rolle gespielt?

JK: Ja, natürlich, wenn man diese Baumwolle betrachtet, dann kann man das auch sehen. Man kann diese verschiedenen Flächen sehen. Und man kann sich dann etwas ekeln. Aber ich finde schon, dass diese malerische Arbeit da ist für das Auge. Natürlich ist da auch ein Tropfen Blut. Also ich erinnere mich, an meine Großmutter und als der Krankenwagen kam und jeder wusste, was passiert. Also damals als sie starb und der Wagen kam, da bin ich in ihr Zimmer gegangen, und die Matratze war noch warm  

NIOBE: Das Entscheidende ist auch, wie sie das jetzt bei ihrer Großmutter beschrieben haben, dass die Menschen, die da gelegen haben, weg sind. Das ist ein entscheidender Aspekt des Nachdenkens über Tod. Das, was wir sehen, ist ein Zeugnis dessen, was nicht mehr da ist.

JK: Ja, klar, ich habe wirklich ein starkes Erleben gehabt, als ich an den Letzten Matratzen gearbeitet habe. Das ist ein interessanter Punkt für mich gewesen.

NIOBE: Bleiben wir noch einen Moment an dieser Stelle. Die Bettlaken, die Bettwäsche, in denen heute gestorben wird, sind meistens weiß. Sie sind antiseptisch. War das ein Aspekt für sie, auf dieses Antiseptische hinzuweisen?

JK: Ja, die Bettwäsche ist weiß. Man kann ein paar Spuren sehen, aber sie ist weiß. Beim Futton kann man auch sehen, dass der Bettbezug weiß ist oder schmutzig, wenn man ihn abzieht. Aber die Baumwolle hat ganz viele Flecken. Wenn meine Mutter die Bettwäsche gewechselt hat, dann konnte ich das sehen. Da kommt eine total starke Erinnerung zustande. Das hat mich fasziniert. Höchstwahrscheinlich ist das heute nicht mehr so. Aber wenn meine Mutter die Bettwäsche vom alten Futton abgezogen hat, dann war das so.

NIOBE: Das kann man sich schon vorstellen, dass sich früher das Leben in so einen Futton stärker eingeschrieben hat. Würden Sie das so sagen?

JK: Ja, auf jeden Fall.

NIOBE: Wenn da Spuren hinterlassen werden, dann ist das auch ein Schreibprozess, der sich nicht so einfach entschlüsseln lässt. Vielleicht gar nicht zu entschlüsseln ist, aber er ist einfach da.  

JK: Ja, genau, in das Material …, in der Baumwolle ist da so eine lange Zwischenzeit.

NIOBE: Gefühle auch.

JK: Ja, Gefühle auch. Zum Beispiel meine eigene Freude. Alles. Das ist das Objekt.

NIOBE: Zum Projekt der Matratzen gehören nicht zuletzt die Fotografien von den Menschen, für die Sie die Matratzen angefertigt haben. Sind die Matratzen so etwas wie andere Fotografien.

JK: Das ist gut. Ich habe viel darüber nach gedacht, wie man die Fotos zeigen soll. Die Matratzen sollen diesmal als Porträt nur für sich selbst wirken. Dann kann man sich die Fotos von den Menschen ansehen. Die Matratzen sollen als Wandobjekt wirken.

NIOBE: Verstehen sie sich als Konzeptkünstlerin?

JK: Da würde ich eher nein sagen. Das Malerische war mir sehr wichtig. Die handwerkliche Arbeit. Aber natürlich sind diese Letzten Matratzen schon sehr stark ein Konzept. Mit diesen Personen, mit diesen verschiedenen Medien.

NIOBE: Ich danke Ihnen für das Gespräch Frau Kim.

JK: Danke.

 

Torsten Flüh

 

Jinran Kim

Noch bis 23. Oktober 2010

Galerie Förster

Schröderstraße 2

10115 Berlin

Dienstag-Freitag 16-19 Uhr

Samstag 12 – 18 Uhr

T: 0176 22 805 909

 

Jinran Kim

Berliner Liste 2010

fair for contemporary art

and photography

7. bis 10. Oktober 2010

Münze Berlin

Molkenmarkt 2

U 2 Klosterstraße

S 3 Jannowitzbrücke