Die Schnecke, der Maulwurf und die Hauskatze - Verleihung des August-Bebel-Preises an Oskar Negt

Zweifel – Geschichte – Wählerinitiative

 

Die Schnecke, der Maulwurf und die Hauskatze

Verleihung des August-Bebel-Preises 2011 an Oskar Negt

 

Benjamins Engel der Geschichte wird durch den Raum getrieben – Montag, 21. März 2011 20:05:56 Uhr, Atrium im Willy-Brandt-Haus, Parteizentrale der SPD. Die Schatzmeisterin, der Nobelpreisträger, der Schriftsteller, der August-Bebel-Preisträger, der Philosoph, der Akademiepräsident, der Bundestagvizepräsident, der Oskar-Negt-Leser aus Ost-Berlin, der Laudator … visavis der überlebensgroßen Willy-Plastik im Rücken der Mann des Fortschritts.

Vom Engel der Geschichte heißt es bei Walter Benjamin, dass er „das Antlitz der Vergangenheit zugewendet“ hat. „Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ - Für Günter Grass ist der Fortschritt eine Schnecke.

Das paradoxe Bild vom Engel der Geschichte ist auch ein brutales. Denn der Engel ist ein Getriebener, der seine Flügel nicht schließen kann. Das, was den Engel ausmacht - seine Flügel -, wird ihm zum Verhängnis. Der Eigenschaft, fliegen zu können, beraubt, hat der Engel keine Kraft, sich dem Fortschritt regulierend entgegen zu stellen. Der „Sturm“ wird ihm die Flügel brechen, versuchte er es. Er muss sich mit ihm im Angesicht der Vergangenheit fortbewegen. Das heißt für das Denken des Fortschritts weit mehr als der Glaube an die pure Machbarkeit.

 

In der Vergangenheit der Bundesrepublik Deutschland gibt es vielleicht nur einen einzigen Moment, in dem der Fortschritt des Gerechten unaufhaltbar schien. Dies war der Wahlkampf 1969. Das Jahr nach ´68. Das Ende der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD nahte und brachte die SPD unter Willy Brandt an die Regierung. Doch ausgerechnet für diese Umbruchsphase machte der schon berühmte und, wie er selbst 1972 verrät, reiche Schriftsteller Günter Grass (*1927), der in Berlin-Friedenau wohnte, die Schnecke zur Metapher des Fortschritts. Daran knüpfte er nun - gut 40 Jahre später - an.

Damals 20 Jahre Bundesrepublik Deutschland. Heute mehr als 60. Günter Grass ist durch seinen Reichtum zum umtriebigen Stifter geworden. Die August-Bebel-Stiftung, die alle 2 Jahre den August-Bebel-Preis verleihen soll, ist seine 4. Stiftung.

 

1979 stiftete er den Alfred-Döblin-Preis für unveröffentlichte Prosa, der an das Literarische Colloquium Berlin gekoppelt ist. 1992 gründete Grass die Daniel-Chodowiecki-Stiftung mit Sitz an der Akademie der Künste Berlin, die den gleichnamigen Preis für polnische Zeichnung und Grafik vergibt. 1997 errichtete er in Erinnerung an seinen Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie die Otto-Pankok-Stiftung „zugunsten des Romavolks“. Nun ist der August-Bebel-Preis hinzugekommen.

Der August-Bebel-Preis ist jetzt sozusagen in die „Espede“ hineingepflanzt. Die Stiftung des Preises verdankt sich nämlich, wie Günter Grass am Montag verriet, der anhaltenden Treue seiner Leser. Es ist nicht einmal eines seiner berühmtesten Bücher, sondern Aus dem Tagebuch einer Schnecke (1972), das seit September 1998 bereits in seiner 3. Auflage bei dtv erschienen ist. Man darf davon ausgehen, dass sich das Stiftungskapital von 250.000,- € allein aus den drei Auflagen bei dtv schöpfen ließ.

 

Fragen zur August-Bebel-Stiftung können an das Sekretariat von Günter Grass in Lübeck gestellt werden. Das ist erfreulich. Aber es wäre noch schöner, wenn die Öffentlichkeitsstandards des Internets bereits im Sekretariat angekommen wären. Denn Grass will nicht zuletzt durch die Stiftung „Demokratie und Gerechtigkeit“ als Leitlinien der Sozialdemokratie stärken. Diese seien vor allem mit August Bebel (1840-1913) als Gründer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung verbunden.

Die Stiftung ist indessen nicht nur finanziell mit dem Tagebuch einer Schnecke verknüpft. Vielmehr führt das Tagebuch selbst demokratische Basisarbeit als Wählerinitiative vor. Günter Grass engagierte sich im Wahlkampf der „Espede“, wie es im Buch heißt, 1969 als deutschlandweit Reisender mit dem Ziel, die Gründung „sozialdemokratischer Wählerinitiativen“ von „Schnecklingen“ bis „Hinterzig“ anzustoßen.

Zurück aus Schnecklingen, komme ich mir schnell vor. Das liegt südlich von Oberzögern, an der Straße nach Kreuchlingen und gehört mit den Gemeinden Schlaichheim, Weilwangen, Weil am Wald und Hinterzig, zu einem Wahlkreis, in dem die Sozialdemokraten, seit Bebel, zwar Fortschritte machen, dennoch überdehnt langsam und nur vergleichsweise vorankommen. (S. 45)

 

An der Einschätzung der „Espede“ als Partei des schneckenhaften Fortschritts hat sich für Günter Grass seither zum Guten wohl kaum etwas geändert. Die unabhängige Jury, zu der auch der Laudator und Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung Heribert Prantl gehört, wird nicht ganz ohne Anregung Grass’ Oskar Negt als ersten Preisträger gewählt haben.

Es ist nicht nur das sozialpolitische und sozialphilosophische Verdienst, das Oskar Negt (*1934) zu einem prototypischen Preisträger gemacht haben wird. Vielmehr erinnerte dieser selbst daran, dass er nach seinem Parteiausschluss wegen seiner Tätigkeit im SDS – Sozialistischen Deutschen Studentenbundes – nie wieder Parteimitglied geworden ist. Gleichwohl war er als Berater im Kanzleramt unter Gerhard Schröder und Frank Walter Steinmeier tätig. Und er hatte sozialpolitisch anderes im Sinn als Hartz IV.

 

Im Wahlkampf 1969 ging es, wie man Aus dem Tagebuch einer Schnecke erfährt, sozialpolitisch um die „dynamische Rente” und das „Städtebauförderungsgesetz”. Wie anders waren die Zeiten. In Bonn am Rhein wurde auf der Adenauerallee gerade die Unterpflasterbahn Bonn-Bad Godesberg gebaut, die Erwähnung findet, weil die Ramme „der Grund für  Streit und ähnliche Gesellschaftsspiele” (S. 63) in der Wählerinitiativ-Zentrale gibt. Und die Bahn war noch zweifelsfrei eine „Bundesbahn” und kein böser Stuttgart21-Konzern:

Tagsdrauf fuhr ich (mit der Bundesbahn) nach Münster, um gegen den Widerstand eines schon ältlichen Jungsozialisten, abseits, in einer aufgemöbelten Mühle, die Gründung der »Sozialdemokratischen Wählerinitiative Münster« anzuregen. (Redenreden und Zweifel, der sich verzehrt, für Stunden das Wort entziehen.) Tagsdrauf fuhr ich nach Bremen, um dort vor fünfhundert versammelten Volksbibliothekaren einen Vortrag über den Zustand der Truppenbüchereien (»Was lesen die Soldaten?«) zu halten. (S. 95)

Die Schnecke im Tagebuch einer Schnecke ist durchaus eine vielgestaltige Metapher. Sie wird nicht nur als überdehnt langsamer Fortschritt eingesetzt. Sie kommt auch als Selbstwahrnehmung des Autors gleich auf mehreren Ebenen vor.

Ich bin die zivile, die menschgewordene Schnecke. Mit einem Drang nach vorne, nach innen, mit einem Hang zum Wohnen, Zögern und Haften, mit meiner Unruhe und Voreile im Gefühl bin ich schneckenhaft. (S. 70)

Und natürlich wird die Schnecke à la Grass in all ihren Erscheinungsformen von der schwarzen „Nacktschnecke“ über das „Kamtschatka-Seeohr“ bis zur „essbaren Herkuleskeule“ nahezu enzyklopädisch durchdekliniert.

 

Zwischen enzyklopädischem Wissen und metaphorischem Gebrauch wird die Schnecke schließlich zur „Sogschnecke“, die keinesfalls mit einer Saugschnecke der Schneckenförderanlage bei Hackschnitzel- oder Pelletheizungen zu verwechseln ist. Die heizungstechnische Förderschnecke interessierte Grass im Schreibprozess entweder nicht oder es lag ihm einfach fern. Die „Sogschnecke“ ist im Roman sexuellen Ursprungs: 

... Sie kam und wollte was kriegen. So stumpf und unbetroffen sich ihr schwermütiges Fleisch von Zweifel hatte stoßen lassen und so wenig es Zweifel, bevor die Sogschnecke Lisbeth änderte, trotz stößigem Fleiß und besessenem Fummeln gelungen war, ihr ein wenig Zärtlichkeit abzujagen, jetzt deckte sie ihn ein, kam sie entgegen, gab sie zurück ... (S. 271)

Die „Sogschnecke“, die Lisbeth änderte, wäre eben auch als eine sog. Schnecke bzw. sogenannte zu lesen.

Aus dem Tagebuch einer Schnecke ist wahrscheinlich bis dato das ultimative und nobelpreiswürdige Werk zur Schnecke als Metapher. Nie war in der Literatur seither mehr Schnecke. Selbst Patrica Highsmith’ 1970 in den USA als The Snail-Watcher and other Stories veröffentlichte Kurzgeschichte könnte allerhöchstens eine ferne Anregung gegeben haben. Bei Particia Highsmith (1921-1995) ist die Riesenschnecke indessen ein ebenso beeindruckendes Mörder- wie Mordsviech. Der Highsmith-Schnecken-Beobachter gerät final recht grauslich unter die Radula.

 

Vielleicht trägt sich die Schnecke bei Grass auch irgendwie mit Mordsgedanken, doch zum Mörder wird sie nie. Vielmehr verschwistert sie sich in der Erzählung des Tagebuches mit dem Zweifel. Zweifel durchzieht das Tagebuch als strukturierendes Moment. Zweifel an der Geschichte – Zweifel am Fortschritt – Zweifel an Gerechtigkeit. Und nicht zuletzt wird die Erzählfigur Herrmann Ott selbst zum personifizierten Zweifel.

Zweifel rät mir, hier einen Punkt zu machen. Er werde auch keine Spannungen zwischen den Lehrkräften der Rosenbaumschen Schule preisgeben ... (S. 62)

Mit dieser und anderen Formulierungen wird der Danziger Jude Herrmann Ott zu Zweifel und zum Zweifel des erzählenden Ich. Die Syntax lässt offen, ob Hermann Ott "rät", "einen Punkt zu machen" oder ob es ein Zweifel an der Erzählung ist.

Aus dem Tagebuch einer Schnecke, das anders als die weitbekannten und weltberühmten Romane, Novellen und Erzählungen keine große Erzählung produziert, obwohl es sich selbst dem Genre Roman zurechnet, thematisiert wie vielleicht kein anderes Buch von Günter Grass die Möglichkeiten der Erzählung als Geschichte selbst. Während Grass im Roman Der Butt (1977) das proletarische Kochbuch aus August Bebels Autobiographie Aus meinem Leben (1910) einfließen ließ, beginnt die Erzählzeit des Tagebuchs mit dem 5. März 1969, als Gustav Heinemann in der Bonner Beethovenhalle zum Bundespräsidenten gewählt wurde, und endet mit dem September des Dürer-Jahres 1971.

 

Um den Anspruch der Geschichte für die Demokratie, der zweifelsohne mit der Stiftung des August-Bebel-Preises verknüpft ist, im Kontext des, nennen wir es, Stiftungs-Romans abschätzen zu können, ist die Art und Weise der Erzählung von Geschichte im Tagebuch nicht unerheblich. Man könnte sagen, dass an dem einen Ende die großen Geschichtserzählungen von August Bebel in Aus meinem Leben und Die Frau und der Sozialismus stehen und an dem anderen Grass’ Tagebuch.

Das Verhältnis von Geschichte und Demokratie hat viel mit dem Erzählen von Geschichte zu tun. Nicht zuletzt dann, wenn Günter Grass in seiner Stiftungsrede am Montag an den „Stolz auf unsere Geschichte“ appelliert und dem „Geschichtsverlust“ entgegen wirken will. Der dritte und letzte Teil von Aus meinem Leben erschien erst 1946 postum durch Karl Kautzky, um die Lebensgeschichte Bebels abzuschließen. Die Frau und der Sozialismus als Geschichtserzählung der Frau von der „Urgesellschaft“ bis zur „Verwirklichung des Sozialismus“ erschien noch zu Bebels Lebzeiten 1909 nach der Erstauflage von 1883 bereits kanonisiert in der 50. Auflage.

 

Das Tagebuch steht dem Roman als Erzähl-Genre entgegen. Während die zumindest tendenzielle Faktizität des Tagebuchs sich an das Datum und Daten hält, wird der Roman bereits im Schreib- und Erzählprozess zur sinnstiftenden Geschichte. Aus dem Tagebuch einer Schnecke formuliert bereits im Titel einerseits mit dem „Tagebuch“ einen Horizont von Faktizität und kehrt ihn zugleich mit der „Schnecke“ in Fiktionalität um. Grass’ Roman handelt gleich auf mehreren Ebenen von diesem Prozess. Eine ebenfalls nicht unwichtige Rolle spielt dabei ein Kupferstich von Albrecht Dürer, Melencolia I.

Als seine Mutter im Jahre 1514 starb, hat Albrecht Dürer die MELENCOLIA in Kupfer gestochen. Viele sagen: Ein deutsches Blatt. Jeder erkennt sich. (S. 125)

Das Ich des Romans wird ständig als Zeuge des faktischen Erzählens aufgerufen, um gleichzeitig als Fiktion entstellt zu werden. Beispielsweise beginnt das Erzähler-Ich von dem Danziger Juden Hermann Ott auch als liegengebliebene Geschichte Ranickis zu erzählen.  

Ranicki, der nicht Biologie studiert hat, doch dessen Geschichte bei mir liegenblieb, mag jetzt Fragen stellen. (S. 41)

Mit anderen Worten das Faktische in der Geschichte Hermann Otts wird allererst in der Fiktionalität der Erzählung zur Geschichte. Ein naiver Glaube an die Geschichte als solche, der mit dem „Stolz auf unsere Geschichte“ aufscheint, wird auf durchaus überraschende Weise mit der Erzählung von Geschichte im Tagebuch widerlegt.

 

Wiederholt erinnert Aus dem Tagebuch einer Schnecke daran, dass die Erzählung des Ich als Geschichte eine unmögliche ist. Das Unmögliche, das als Geschichte zusammengesetzt begehrt wird, erweist sich allenfalls als „gebündelte Splitter“.

»Sagen Sie, zersplittert das nicht?«

»Ja, es zersplittert.«

»Ich darf also schreiben: Sie sind zersplittert.«

»Bin ich.«

»Ist das nicht schade?«

»Warum?«

»Weil Sie doch immerhin früher mal ganz waren.«

»Nie ganz. Nur gebündelte Splitter.«

»Und was haben Sie vor? Teilweise vor?«

»Schlafen.«

»Und was möchten Sie, wenn Sie könnten?«

»Mich verkapseln ...« (S. 284)

Die Erzählung von Geschichte ist schon immer mehr (und weniger) als Geschichte selbst, weil sie immer nur als Erzählung vorkommt. Die durchaus historische Erzählung von Hermann Ott, die um 1972 der verdrängten Geschichte der Danziger Juden vor und nach 1933 entgegen arbeitet, wird immer schon durch die Analogien des Erzähler-Ichs „Günter Grass“ mit dem erzählten Ich „Hermann Ott“ als Schnecke, als Zweifel auf der Ebene der Metapher zur Geschichte vom Ich. Ranickis Geschichte und seine Fragen werden zur Geschichte Günter Grass’ im Horizont einer Erzählung vom Ich.

»Nein! Über dich!«

»Wie du bist, wenn du dich nicht erfindest.«

»Wie du wirklich bist.«

»Na einfach wirklich.« (S. 77)       

 

Aus dem Tagebuch einer Schnecke beginnt mit einer Erzählung vom Ich im Modus des Briefes an die Kinder:

Liebe Kinder, heute haben sie Gustav Heinemann zu Präsidenten gewählt ... (S. 7)

Die Fragen der 4 Kinder - durchaus autobiographisch mit Franz, Raoul, Bruno und Laura aus Grass' erster Ehe mit Anna Schwarz benannt - und anderer Fragensteller erscheinen als Zitate immer wieder im vielgestaltig mäandernden Erzählfluss.

»Und was meinste mit Schnecke?«

»Die Schnecke, das ist der Fortschritt.«

»Und was issen Fortschritt?«

»Bisschen schneller sein als die Schnecke …« (S. 9)

Das Ich und die Geschichte entziehen sich einem Wirklich-sein, der Kinderfrage: »Wie du wirklich bist.« Deshalb könnte es zwar interessant sein, wenn Günter Grass eines Tages seinen Briefwechsel mit Willy Brandt wirklich herausgibt, woran Barbara Hendricks erinnerte. Doch man wird nicht erwarten dürfen, dass man dann mehr über das Wirkliche des Jahres 1969 erfährt. Brandt schweigt übrigens meistens, wenn er im Tagebuch vorkommt. Aus dem Tagebuch einer Schnecke ist wie Aus meinem Leben durchaus ein sozialdemokratisch-autobiographischer Roman, der bereits die nur ein wenig überraschende Frage stellt:

Wo beginnt die Enthäutung einer Person? (S. 78)   

 

Das Wirklich-sein und das Geschichten erzählen, das nicht gelingen will, hat nämlich mit einem Trauma zu tun. Dieses Trauma hat (k)einen Namen, der (dennoch) schmerzhaft klingt: „Augst“. Und dieses „Augst“ kehrt nach Seite 169 also fast genau der Mitte des Buches, als ein Verdrängtes ständig wider. Der Erzähler wird es nicht los. In der Konstellation von Melancholie und Utopie, Zweifel und Fortschritt, Schnecke und Espede ist „Augst“ das Trauma.

„Augst“ ist (nicht) der Name einer Person, vielmehr ist es ein sprachlos machendes Ereignis in seiner Ereignishaftigkeit. „Augst“ kann nicht sprechen und besuchte „mehrere Sprechschulen“. (S. 246) Heute, 2011, nachdem die Vorgänge um die Reformpädagogen Hartmut von Hentig und Gerold Becker 2010 öffentlich geworden sind, ist es noch mehr als 2006, dem Erscheinungsjahr von Beim Häuten der Zwiebel, ein Ereignis in einer Konstellation, die sprachlos macht und das Sprachlose zum Sprechen bringt.

Nur zum Schluß fand sein gestammelter Ausverkauf Gleise. Er hatte sich vorbereitet und beeilte sich springend auf den letzten Satz zu. Ohne in seinen Zetteln zu suchen, sagte er: »Ich werde jetzt provokativ und grüße meine Kameraden von der SS!«

… Auf dem Podium gab man zu, verlegen zu sein. Professor von Hentig litt öffentlich. Professor Becker vermittelte. Auch ich sprang nicht auf, um ihn einzuholen. Bleigüsse oder Versäumnisse oder Haftschäden… (S. 171)

 

 

Zweifellos: Der Ausruf »Ich werde jetzt provokativ und grüße meine Kameraden von der SS!« muss für den SPD-Wahlkämpfer Günter Grass traumatisch gewesen sein. Er ist in dem Roman, der sich mit den Mitteln des Tagebuchs schreibt, so bedrückend und niederstürzend, dass das Ungeheuerliche des Ausrufs variiert und auf die Familie des „Augst“ abgelenkt werden muss:

Hätte Augst »…und meine Familie…« gesagt, wenn man ihn nach der Schuld und den Schuldigen gefragt hätte? Später fragte ich Frau Augst und Augsts Söhne. »Es war die Krankheit«, sagte Frau Augst in Tübingen. »Wir haben alles versucht, aber er trübte sich immer mehr ein…« (S. 177) 

Der Einbruch des Realen ist nicht das Erzählte. Aber es macht erzählen und schreiben. Der Ausruf des „Augst“ kehrt auf fast schon gefährliche Weise in der Konstellation von Melancholie – „trübte sich… ein“ - und Utopie, für die Albrecht Dürers Kupferstich »Melencolia I« nicht zuletzt mit „Vom Stillstand im Fortschritt“ variiert wird (S. 300ff), wieder. Für einen Moment steht im wahrsten Sinne des Wortes der Fortschritt still. Es ist kein Stillstand von Dauer im Fortschritt. Aber der Fortschritt als solcher steht für eine Schrecksekunde, für den Zeilenumbruch, für Strich und Punkt eines Ausrufezeichens still. Im abschließenden Zitierzeichen wird der Ausruf schon als der eines Anderen gefasst. 

 

Der Erzähler, der sich selbst nicht erzählen kann, dessen Geschichte als Zweifel erzählt wird, trägt im Nachhinein „Augst“ als dem Verdrängten des Traumas das „Du“ an. Ein einzelner Satz - im Zeilenumbruch zum Absatz erhoben - im Tagebuch einer – verletzten wie verletzlichen – Schnecke, herausgeschnitten wie ein Gedankenpfeil:

Jetzt, zu spät, Augst das Du antragen. (S. 202) 

Und die Identifikation mit „Augst“, der sich aus Depression, Trübsinn, Melancholie mit dem aus Bittermandelessenz hergestellten Zyankali in Halle 1 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 1969 in Stuttgart als Vater der späteren Journalistin Ute Scheub das Leben nahm, geht soweit, dass das Erzähler-Ich Mandeln isst und darüber nachdenkt, wie dem Mann mit dem ungeheuerlichen Ausruf zu helfen gewesen wäre:

Ich hätte Augst einladen sollen, mitzumachen beim Wahlkampf: »Sie werden gebraucht. Das ist nicht nur sinnlos, auch wenn es manchmal so aussieht. Es muß ja nicht immer gleich alles so total absolut sein.« (S. 204)

Und:

         Augst ein Denkmal schreiben. (S. 251)

Was sich nicht erzählen lässt, wird von Günter Grass mit der Stiftung des August-Bebel-Preises als Geschichte anders erzählt und umgeschrieben:

Der Sozialismus, Kinder, begann mit Streit. Damals wie heute ging es um die klassische Frage: Reform oder Revolution? Wo ich hinkomme -…-, seit Bebel hat er sich frisch gehalten, der Streit der Schnecken, die springen wollen…

Bebel starb 1913 in Zürich.

         Seit ein paar Jahren trägt Willy Brandt Bebels Taschenuhr, die immer noch geht.

…Darf ich dir (später einmal) den August Bebel hinlegen? »Aus meinem Leben«. Ein langsames Buch. Eine Schneckenbiografie… (S. 109)

Gestiftet wird eine Geschichte, die ein Trauma, das zumindest mit „Augst“ als anderem wiederkehrte, mit August (!) überschreibt. Aus dem Tagebuch einer Schnecke erzählt zwar von dem als widersprüchlich erfahrenem, aber nichtsdestoweniger siegreichen wie historischen Wahlkampf der SPD von 1969. Doch das Buch verdankt sich einem anderen Ur-Sprung. 

In dem Maße wie Günter Grass auf wirklich schmerzhafte Weise im Roman Aus dem Tagebuch einer Schnecke das Schreiben und Erzählen im Modus des Tagebuchs offenlegt, wenn man es liest, übersteigt dieser bei weitem die autobiographische Erzählung. Dort fehlt nämlich „Augst“. Der Roman handelt weniger von der SPD oder der Melancholie oder dem Fortschritt oder der Utopie als vielmehr vom Schreiben selbst. Die Schnecke ist immer schon Erzählung. Schreiben aber findet immer statt:

…Überall immerzu. Ich schreibe, während ich zuhöre antworte.

         Ich schreibe, während ich irgendein Schnitzel zerkaue, über Kies laufe, schwitzend eingekeilt bin, gegen Sprechchöre anschweige, Saubohnen mit geräuchertem Schweinekamm koche, mich woanders erfinde… (S. 240)

 

Nicht die großen Erzählungen, die großen Romane, die Film werden konnten, sind Günter Grass’ beste Bücher. Sein bestes Buch ist jenes, in dem das Erzählen misslingt. Auf die Weise des misslungenen Erzählens macht es die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland als traumatische Erfahrung lesbar. Das Buch vom Erzählen und Schreiben, das in seinem Werk unter Fernerliefen genannt wird und dem man möglicher Weise keine größere Beachtung geschenkt hätte, wenn er nicht selbst mit der Stiftung des August-Bebel-Preises das Interesse noch einmal auf dieses gelenkt hätte, arrangiert zersplitterte Geschichten um ein Trauma. Aus dem Tagebuch einer Schnecke ist keine verfrühte Autobiographie, sondern das Buch über das Schreiben des Günter Grass’.   

Wie Heribert Prantl in seiner launig-philosophischen Preisrede auf Oskar Negt feststellen musste, hat sich August Bebel in seinen Schriften weder als Schnecke noch sonst als irgendein fabelhaftes Tier imaginiert. In seiner Autobiographie Aus meinem Leben werden außer einer „Hauskatze, die nicht ohne Gejaule ihre jungen zur Welt bringt“, gar keine Tiere erwähnt. In den Schriften Oskar Negts kommt zumindest der Maulwurf als eine mögliche Imagination vor.    

 

Die Schnecke, der Maulwurf und die Hauskatze mit ihrem Geburtsgejaule haben etwas mit der Sozialdemokratie und ihren Geschichten zu tun. Oskar Negt war von Heribert Prantls Laudatio und der sozialphilosophischen Interpretation eines Tieres, das in „selbstgegrabenen Gangsystemen“ lebe, das Bodengefüge als Basis für neue Pflanzen auflockere und die Böden durchmische, tief beeindruckt und wohl auch ein wenig gerührt.

 

Jedenfalls gelang es Prantl, deutlich zu machen, wie Oskar Negt gleichsam in den Fußstapfen August Bebels, der 1865 in Leipzig den Arbeiterbildungsverein gründete, stets auf Bildung gesetzt habe und für alternative Bildungsformen eingetreten sei, um diese beispielsweise über die Bildungseinrichtungen der Gewerkschaften oder die Glocksee-Schule - "Glocksee, die andere Art Schule zu machen" - für die Demokratie einzusetzen und die Menschen im Sinne der Aufklärung mündig zu machen. Denn der Kapitalismus in seiner Erscheinungsform der Rationalisierung befördere die Menschen zurück in die Unmündigkeit.    

Oskar Negt legte in seiner frei gehaltenen Dankesrede Wert darauf, dass August Bebels Reden deshalb so wirkungsvoll gewesen wären, weil sie Erzählungen seien. Die SPD erinnerte er daran, dass Bebel bei ihrer Gründung kein ausgrenzendes, sondern einschließendes Prinzip verfolgt habe. Größe, könnte man sagen, entsteht nur durch die Vielartigkeit von Geschichten, die vorkommen dürfen. Identität dürfe nicht durch Ausgrenzung zustande kommen.

 

Und mit seiner Rede bekam auch der Fortschritt eine neue Wendung. Denn der Fortschritt ist für Oskar Negt vor allem „Eingedenken der liegengebliebenen Probleme“ wie beispielsweise der Bildungsreform, die kognitive, soziale und emotionale Kompetenzen gleichermaßen fördern müsse. Denn Revolutionen müssten manchmal als „Notbremsen“ in einen Fortschrittsglauben an ein beherrschbares „Restrisiko“ stattfinden. So wurden nicht zuletzt die jüngsten Ereignisse in Nordafrika und Fukushima in der Rede zum Thema der Erzählung.

Anders als bei August Bebel und Günter Grass findet die Geschichtserzählung bei Oskar Negt nicht als Zeugenschaft von Geschichte, sondern als Durcharbeitung der Geschichte zum Zwecke der Verschiebung und Veränderung statt. Der Engel der Geschichte bricht sich im Sturm des Fortschritts nicht mehr die Flügel und wird fluguntauglich. Vielmehr zieht er bei Negt revolutionär die Notbremse, um die Geschichte auf ein anderes Gleis zu bringen.

 

Torsten Flüh