Ein Stück Himmel für Kleist - Schlüsselübergabe im Kleist-Museum, Frankfurt/Oder

Naturstein – Himmel - Findling

 

Ein Stück Himmel für Kleist 
Schlüsselübergabe im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder

 

Die Schlüsselübergabe ist der Moment des Architekten. Als der Architekt Grischa A. Lehmann den symbolischen Schlüssel für das Kleist-Museum zunächst an den Bauherrn, Dr. Martin Wilke als Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder), übergab, war das auch ein Abschied von seinem Bauprojekt, der ihn zugleich mit ein wenig Schmerz und Stolz erfüllen konnte. Dann überreichte Dr. Wilke den Schlüssel an den Museumsdirektor Dr. Wolfgang de Bruyn. Und schließlich hielten sie alle samt dem Beigeordneten für Bauen, Stadtentwicklung, Umwelt und Kultur der Stadt Frankfurt, Markus Derling, und dem zuständigen Staatssekretär Martin Gorholt des Landes Brandenburg den Schlüssel.

Thomas Wolk vom Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt streicht sein elektrisches Cello. Frankfurt feiert. Reden werden geredet. Ein fiktiver Kleistbrief wird verlesen. Führungen mit dem Architekten und Mitarbeitern des Museums erschließen den Neubau. Der Wachenzeller Dolomit aus Franken wird als Fassadenstein begründet. Die Grautönung der Scheiben zum Lichthof mit Himmel für Kleist wird erläutert. Wieder werden Reden gehalten, belegte Brote gegessen und Musik gemacht und die digitale Technik erweist sich schlussendlich als tückisch. Alles hat mit Heinrich von Kleist zu tun und seinem postumen Ruhm und der früheren Hansestadt Frankfurt, dem Bunten Hering im Stadtwappen und der Euroregion. Viele Frankfurter, die nicht zur Schlüsselübergabe im Museumsgarten geladen sind, feiern das HanseStadtFest Bunter Hering & Swawolny Kogucik diesseits und jenseits der Oder in Słubice.

Dem Erweiterungsbau des Kleist-Museums wird eine große Bedeutung für Stadt und Region beigemessen, die insbesondere bei strahlendem Sonnenschein und allgemeiner Festtagsstimmung umso berechtigter scheinen will. Mit einem weiträumigen Eingangsbereich, hellen Räumen für Veranstaltungen, Museumspädagogik, Ausstellungen und Verwaltung sowie einem Archivkeller wird das Museum sich nicht nur vom ursprünglich kleinen Barockbau (319 qm Nutzungsfläche) aus dem Jahr 1777 zu einem größeren Literaturmuseum (1441 qm Nutzungsfläche) transformieren. Vielmehr wird es aus Enge und räumlicher Begrenztheit auch zu einem Museum übergehen, das allein von der Fassadengestaltung und den vielfältigen Ein-, Aus- und Durchblicken einen anderen Austausch mit der Stadt pflegen kann und will. Bei den Führungen wird mehrfach die neugewonnene Transparenz herausgestellt.

Grischa A. Lehmann, der sein Architekturbüro in Berlin hat und mit dem Hauptsitz von Lehmann Architekten in Offenburg bei Karlsruhe im Südwesten der Bundesrepublik zusammenarbeitet, hat einen funktionalen Museumsbau geschaffen, der sich nicht aufdrängt. Mit bodenlangen Fenstern wird eine klare, funktionale Fassadengliederung und mit der Natursteinfassade aus Wachenzeller Dolomit bei entsprechendem Sonnenlicht eine helle, ins Gelblich gehende, erdfarbene Außenansicht geboten, die sogar das spätbarocke Bonbonrosa des Altbaus mitträgt. Wachenzeller Dolomit gilt als besonders widerstandfähig unter den Kalksteinen und erfüllt damit den Wunsch auf Nachhaltigkeit. In Kombination mit dem Barockdenkmal der ehemaligen preußischen Garnisonsschule wird nun nicht nur die Herkunft Kleists erinnernd gewahrt, sondern insbesondere und stärker als mit dem Wink des Denkmals die Moderne unterstrichen.

Der Architekt Lehmann wollte und sollte nicht zu viel in den Erweiterungsbau hineinlesen. Schließlich ging er 2010 als Sieger aus dem internationalen, europaweit ausgeschriebenen Architekturwettbewerb hervor, der eben auch den Wünschen der Frankfurter Politiker und beispielsweise dem Leiter Entwicklung des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Dr. Roland Kamzelak, und Prof. Dr. Günter Blamberger, dem Präsidenten der Heinrich-von-Kleist Gesellschaft, entsprach. Die Begrenzbarkeit der Kosten ─ Förderungsvolumen: 5.316.370 € aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie dem Bund und dem Land ─ ist für die Verantwortlichen kleinerer Städte und Kommunen heute maßgeblich. Architektur hat immer auch mit den Erfordernissen und Diskursen ihrer Zeit zu tun. Mit der Wahl des Wachenzeller Dolomits als Naturstein lässt sich durchaus lesen, welche Kriterien für einen Museumsbau und für die Verantwortlichen heute eine Rolle spielen. Zwar hatte Lehmann durchaus überlegt, einen brandenburgischen Naturstein für die Fassade zu verwenden. Doch es setzte sich eben der Wachenzeller Dolomit, offenporig geschliffen, durch, weil er frostbeständig und salzresistent ist, weshalb er sich sogar als Stein für Fußgängerzonen empfiehlt.

Architektur und Bauprojekte müssen immer mit dem Unvorhersehbaren rechnen. Gilt die Architektur in der Moderne einerseits als Exempel für Berechen- und Sichtbarkeit, an der sich der Mensch insbesondere in der Moderne erweist und quasi verwirklicht. So sind es andererseits oft die Gründungsarbeiten, die tendenziell Unvorhersehbares in den Weg stellen. Es ist ja nicht einfach so, dass ein Architekt einen Entwurf abliefert, der dann ohne weiteres umgesetzt werden kann. Verzögerungen in der Bauausführung sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. So war es auch seit dem Baubeginn im August 2011 bei den Gründungsarbeiten für das Museum, als während der Grabungsarbeiten Reste historischer Bebauung freigelegt wurden und auf ihren stadtgeschichtlichen Wert erst einmal untersucht werden mussten. Es kam zur Verzögerung beim Bau.

Natürlich spielte auch das Grundwasser in der Nähe der Oder eine wichtige Rolle. Der Baugrund musste erst einmal durch Grenzen gegen das Wasser hergestellt werden. Für den Baugrund mussten Spundwände 16m tief in den Boden eingelassen werden, um eine wasserfreie Baugrube herstellen zu können. An der Südseite des Museum ragen die Spundwände noch um einige Zentimeter aus dem Boden. Es wäre zu überlegen, ob diese Restsichtbarkeit des schwierigen Baugrundes nicht in die Außengestaltung des Museums mit einbezogen werden kann. Um es literarisch und wissenschaftlich zu wenden: Grund und Gründungen sind als Frage der Herkunft gerade in der Literatur ein wichtiges Thema. Zu erinnern ist dabei an Heinrich von Kleists Erzählung Der Findling. Findlinge als zerstreute, große Steine gestalteten die Gründungsarbeiten für den Museumsbau besonders schwierig. Sie machten den Einsatz von Spezialtechnik aus Süddeutschland erforderlich.

Die Auffindung der nicht vorhergesehenen Findlinge beim Erweiterungsbau wie der Grundwasserspiegel sind beispielhafte Probleme der Grenze und der Sichtbarkeit. Einerseits zeichnen sich Findlinge dadurch aus, dass sie zerstreut in der Landschaft oder im Boden aufgefunden werden. Sie gehorchen mit anderen Worten keinen Regeln. Auf ähnliche Weise erweist sich das Wasser als kaum oder nur schwierig begrenzbar, was man angesichts der Flutkatastrophe in weiten Teilen Deutschlands von Passau an der Donau im Süden bis Lauenburg an der Elbe in dieser Zeit nicht weiter erwähnen müsste. Allerdings werden Findlinge und Wassergewalt nach einigen Wissensmodellen unmittelbar miteinander verkoppelt. Das Wasser soll in Vor- und Frühzeiten die großen Steine an die Auffindungsorte transportiert haben. In der aktuellen Erzählung von der Unbeherrschbarkeit des Wassers im Wissensmodell des Klimas wird die Verantwortung Politikern zugeschrieben.

Es ist nun gerade Heinrich von Kleist, der in seiner Erzählung vom Findling die Frage des Wissens von der Herkunft und damit auch dem Grund literarisch durchspielt. Darauf hat beispielsweise Marianne Schuller 1997 in Moderne. Verluste. hingewiesen (S. 15ff). In Johann Christoph Adelungs Grammatisch-kritischen Wörterbuch der hochdeutschen Mundart in der Ausgabe von 1811 wird Der Findling allein als „ein von seinen Ältern weggesetztes und von andern gefundenes Kind; ein Findelkind“ formuliert. Jacob und Wilhelm Grimm kamen bei der Erstellung ihres Deutschen Wörterbuchs bis zum Artikel Furcht, den Jacob am 20. September 1863 bearbeitete, als er verstarb. Findling wird im Wörterbuch der Gebrüder Grimm in Richtung dreier Gebrauchsweisen aufgefächert. So wird es in der Genealogie für „expositus, findelkind“ ebenso wie von Bienen- und anderen Tierzüchtern für „eingefangne herrenlose andere thiere“ und geologisch für „in dem sand und schuttlande zerstreut liegende gesteinblöcke“ verwendet .

 

Die chrono- und topologischen Modi des Findlings folgen dem Zufall. Es lässt sich weder genau bestimmen, wann noch wo ein Findling aufgefunden wird. Ex-position oder Aussetzung, Herrenlosigkeit und Zerstreuung kommen mit dem Findling zur Sprache. Es lässt sich daher auf literarische Weise im Spannungsfeld von Architektur und Durchführung eines Bauvorhabens einmal daran erinnern, dass die Position des Architekten in der Moderne, die ihm in der Medien-Öffentlichkeit zugeschrieben wird, permanent vom Zufall in Frage gestellt ist. Wenn man mit Grischa A. Lehmann spricht, kann man in seinen Antworten durchaus ein gewisses Unbehagen an den Zuschreibungen hören. Der Erweiterungsbau ist aus einem ständigen Kommunikationsprozess mit einer Vielzahl von Beteiligten hervorgegangen. Abgesehen von den Findlingen, die bei den Gründungsarbeiten ans Licht kamen, sind Architekten und Architekturbüros heute tendenziell Knotenpunkte der Kommunikation, der vorherrschenden Diskurse.

Ab 18. Oktober wird die neue Dauerausstellung Rätsel. Kämpfe. Brüche. Die Kleist-Ausstellung im Kleist-Museum gezeigt werden. Barbara Gribnitz will mit der neuen Dauerausstellung auch die „Frage nach dem Verhältnis des Autors zu seinem Werk“ anders stellen. Denn sie „ordnet erstmalig Kleists Werk nicht in die biographische Erzählung ein bzw. dieser unter, sondern präsentiert Leben und Werk mit Hilfe unterschiedlicher Herangehensweisen“, wie es im Call for Papers des begleitenden wissenschaftlichen Kolloquiums heißt. Dann wird das Museum, wie man sagt, von den Kuratoren und den Mitarbeitern des Museums bespielt. Der Moment des Architekten ist dann schon gewesen.

 

Torsten Flüh

 

PS: Das Kleist-Museum öffnet wieder am 18. Oktober 2013 mit der neuen Dauerausstellung.

 

Kleist-Museum

 


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Categories: Kultur

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