Ein phantastisches Konzerttheater - Zur Uraufführung von Ruedi Häusermanns Gang zum Patentamt im HAU1

Patent – Jurisprudenz – Perpetuum mobile

 

Ein phantastisches Konzerttheater

Zur Uraufführung von Ruedi Häusermanns Gang zum Patentamt im HAU1

 

Ruedi Häusermann entfacht am HAU1 mit seinen Musikerschauspielern, Komponisten, Pianisten, Erfindern, Klangkünstlern und Sängern ein phantastisches Konzerttheater. Es ist poetisch, leise, laut, den Hörnerv kitzelnd, lustig, spannend und den Sinn abklopfend. Dieses Wunder an Musiktheater kommt unter dem schlichten Titel Gang zum Patentamt auf die Bühne.

Natürlich ist der Titel komisch. Um die Komik des Titels sofort zu verstehen, muss man vermutlich Schweizer sein. Schweizer haben einen besonders trockenen Humor. Und doch gibt es keinen besseren Ort, als den Gang zum Patentamt – Komposition für vier wohlpräparierte Einhandklaviere und Perpetuum mobile mit Texten von Paul Scheerbart im alten Hebbel Theater an der Stresemannstraße aufzuführen.

 

Häusermann hat Berlin mit Gang zum Patentamt die Wiederentdeckung eines grandios phantastischen Berliner Dichters beschenkt. Paul Scheerbart, 1863 zur sogenannten Gründerzeit in Danzig geboren, lebte ab 1887 in Berlin und verstarb hier am 15. Oktober 1915, um auf dem Park-Friedhof Berlin-Lichterfelde beigesetzt zu werden. Er gilt als Phantast und Einzelgänger in der Literatur, aber vor allem auch als Anreger der Moderne für den Architekten Bruno Taut ebenso wie für Walter Benjamins Passagenwerk.

Das Hebbel Theater wurde in seiner Jugendstil-Architektur just zu jener Zeit erbaut, als sich Paul Scheerbart entschloss, seine Erfindung eines Perpetuum mobile, mit der er sich über Jahrzehnte befasst hatte, im Kaiserlichen Patentamt wenige hundert Meter vom Theater entfernt in der Gitschiner Straße 96, zur Anmeldung zu bringen. Im Maschinenzeitalter träumte man von nichts mehr als von einer aus sich selbst laufenden Maschine, einem Automobil oder Perpetuum mobile. 1907/1908 wurde das Theater erbaut. 1877 war das Kaiserliche Patentamt gegründet und 1905 war das Gebäude in der Gitschiner Straße eröffnet worden. Die Ursprünge von Theatralik und Patentbehörde liegen somit geographisch und historisch nicht all zu weit auseinander.

Die phantastisch in Arbeitsplatz, Werkstatt und Küche gestufte Bühne (Barbara Ehnes) und die Kostüme (Annabelle Witt) haben einen leicht historischen Anklang, sind aber wie die Vintage-Klamotten des sehr jungen und trendigen Publikums ganz aktuell. Natürlich geht es Ruedi Häusermann um keine historische Anverwandlung, vielmehr um einen Brückenschlag. Plötzlich hören sich die phantastischen Texte Paul Scheerbarts ganz aktuell an. Plötzlich ist da die Geschichte von der gebratenen Ameise als Kommentar zum Arbeitsspaß und Menetekel für alle Herzinfarktrisikogruppen.


Foto: Thomas Aurin

Aus dem Bühnenraum hört man das Ticken eines Metronoms. Soviel Stille und doch nicht Stille war auf dem Theater selten. Das Metronom mit seinem Tak---Tak füllt mit einem Mal den ganzen Bühnenraum aus. Ist ein Metronom, das im gleichmäßigen Anschlagen den Takt für eine Komposition angibt, ein Perpetuum mobile? Mit dem Aufkommen der industriellen Epoche um 1815 wird das Metronom für die Instrumentenbauer wichtiger. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Metronom als einem die Zeit taktenden Instrument und dem Takt der Dampfmaschinen, dem Takten von Arbeitstagen und Arbeitsabläufen? Frühzeitig um 1848 wurde der Arbeitstag beim Berliner Lokomotivenbauer August Borsig in der Chausseestraße getaktet. Daran mussten sich die Arbeiter erst einmal gewöhnen.

 

Ruedi Häusermanns Inszenierung ist eine Komposition über das Verfehlen der Sprache und ihre Versprechen. Immer wieder stocken die Schauspielkünstlerkonstrukteure, wenn sie etwas sagen. Sie versuchen die Erfindung, die sie gemacht haben, sprachlich und zeichnerisch auf Tafeln und Blättern, auf der Schreibmaschine und im Bühnenraum zu erfassen und zu verfassen. Das Theater der Erfindung läuft irgendwie aus sich selbst. Das Theater der Erfindungen ist ein Klangtheater, das mit Klavieren, Flüstertüten, Stimmen, Seilen und dem Walfisch von Philipp Läng, einem Saiten-Instrument eigener Erfindungsgabe, unablässige neue Sounds produziert.


Foto: Thomas Aurin

Die Schauspielkünstlerkonstrukteure sprechen mit Händen, Füßen und Zungen, hämmern, setzen dampfende und fauchende Kaffeemaschinen in Gang, hören in den Produktionsprozess in ganz stillen Minuten hinein, um ganz leise zu singen zu beginnen. Es ist immer wieder ein ungläubiges und unglaubliches Staunen in ihren Gesichtern, das die Zuschauer fesselt, sie ganz still zuhören und zusehen lässt, bis sie an der einen oder anderen Stelle doch einmal loskichern müssen oder ein Szenenapplaus losbricht.

 

Das Theater der Erfindungen, so wie es sich zwischen all den Fahrradspeichen, Pendeln, Schnüren, Drähten und Federn abspielt, wird selbst zum Perpetuum mobile. Es läuft aus sich selbst heraus, könnte stundenlang weiter gehen und ergeht sich in einem ständigen Auf und Ab über Treppen, Stege, Rampen. Irgendwann sitzen 6 der Protagonisten ganz oben in der von Barbara Ehnes geschaffenen Küche wie zum Gruppenfoto und stimmen wieder ein Lied an. Dazu dampfen 4 Kaffeemaschinen wie Klaviere, um mit einem Fauchen eine neue Bewegung anzustoßen.   


Foto: Thomas Aurin

Paul Scheerbart war nicht der Erste, der von einem Perpetuum mobile träumte, es zu konstruieren versuchte und nach eigenen Angaben am 8. September 1909 beim Kaiserlichen Patentamt in der Gitschiner Straße unweit des Halleschen Ufers einreichte. Der Autor phantastischer ebenso wie satirischer Literatur hatte bereits in dem Berliner Autor A. J. Freiherr von Voigts-Koenig im Jahr 1838 einen Vorläufer für ein Perpetuum mobile. Voigts-Koenig verfasste das kleine Büchlein mit dem Titel: Ueber künstliche Schlittenbahnen, Eisenbahnen, Lokomotive und Waggons sowie den Land-Transport durch Lokomotive überhaupt.

 

Just in dem Jahr, 1838, als mit dem Potsdamer Bahnhof der erste Bahnhof Berlins erbaut wurde, erschien das Büchlein mit der Ankündigung einer neuen Technologie, über deren genaue Wirkungsweise der Autor keine Angaben machen wollte, um seine Rechte an dem Patent, das noch nicht beschieden sei, zu schützen. Voigts-Koenig verspricht nämlich keine Eisenbahn, sondern eine Schlittenbahn, die viel schneller sei. Der Text erschien zuerst in der Kameralistischen Zeitung für 1838 und in einem Sonderdruck. Freiherr von Vogts-König, Geheimer Justiz- und Kammergerichtsrath in Berlin nannte sich dort der Verfasser. Ob er tatsächlich Jurist war, ließ sich nicht einwandfrei herausfinden. Eine „Figurentafel“ enthält der Sonderdruck auch. Künstliche Schlittenbahnen!

Vogts-König beginnt den Artikel mit der Veröffentlichung seines - selbstverständlich - strengvertraulichen Briefes vom 22. September an „die verehrlichen Herren Directoren der Aktiengesellschaft für die Berlin-Potsdamer Eisenbahn“. Auf sprachlich umständliche Weise erklärt er, dass es viel billiger wäre, eine Schlitten- statt Eisenbahn zu bauen. 

Obgleich ich bis jetzt noch keine Antwort hierauf erhielt, welches auch nach dem gewöhnlichen Geschäftsgang beinahe unmöglich ist, und noch nicht einmal um die dort erwähnten Erfindungs-Patente nachgesucht habe, so stehe ich doch nicht an, meine Erfindung, aus welches keineswegs ein Arcanum zu machen ...

 

Der Artikel ist eine köstliche Satire auf Aktiengesellschaften, Patentrechte, Erfindungen und die Versprechen des Eisenbahnzeitalters. Schlittenbahnen sind schneller als Eisenbahnen argumentiert Vogts-König. Er entwirft 1838 mit Anbruch des Eisenbahn-Zeitalters eine Art phantastische Transrapidstrecke:

Vielleicht werden wir „binnen weniger als Jahresfrist, ... in 5 bis 6 nach Ludwigslust und Herrenhausen u. mit weit größerer Bequemlichkeit und geringerer Gefahr als bisher, ohne zerstoßene Gliedmaßen, ... im Stande sein“ zu fahren “und dass Derjenige, der in kurzer Zeit viel abthun und zu dem Ende vor 5 Uhr Morgens aufstehen und von hier abfahren will, um 10 Uhr z.B. ein Bad und zweites Frühstück in Teplitz nehmen, um 1 Uhr sich in Prag an die Tafel setzen und bis gegen 3 Uhr daran verweilen, dann aber zwischen 6 und 7 Uhr in Wien eintreffen kann, um nach beendigtem Schauspiel und eingenommenem Souper am folgenden Morgen gegen 11 Uhr in Teplitz zu baden, ohne deshalb die gewohnte Nachtruhe in einem bequemen Bette mit ausgestreckten Gliedern, wie zu Hause, nur einen Augenblick entbehrt zu haben; ...“

Versetzt sich Vogts-König 1838 anhand der Schlittenbahn in einen wahren Geschwindigkeitsrausch beim Schreiben, indem eine Stadt durch eine andere im Stundentakt ersetzt wird, so kommt Paul Scheerbart ca. 70 Jahre später im Rausch der Ersetzungen, die das Perpetuum mobile auslöst, zu dem Schluss:

Schließlich brauchen wir die Sonne gar nicht mehr.

Die Schlittenbahn, die gleichzeitig mit der Eröffnung der ersten Preußischen Eisenbahnstrecke zwischen den Residenzstädten Berlin und Potsdam, verfasst wird, ist nicht zuletzt wegen der Ermangelung einer Antriebskonstruktion ebenso ein Perpetuum mobile wie jenes, das Scheerbart konstruiert und (be)schreibt.

 

Die Auffassung Paul Scheerbarts als Einzelgänger und Phantasten der deutschen Literatur muss man in der Konstellation mit Vogts-König anders sehen. Die beiden phantastischen Patente und ihre Zeichnungen, vor denen man sitzt, hyperaktiv herumrennt oder ohnmächtig steht, sind nämlich Grenzbereich des Wissens. Gelingen könnte es ja, man weiß es nur vorher nicht. Und es ist immer die andere Seite sehr wohl funktionierender Patente. Die Patentanmeldung als Verfahren, ihr Regelwerk, ist wie das der Sprache vertrackt.

Patentanmeldungen und Konstruktionsbeschreibungen spielen sich an den Grenzen des Verständlichen, des Wissens, an den Grenzen der Sprache, und genauer der Jurisprudenz ab. Iuris prudentia ist das Recht der Klugheit und die Klugheit des Rechts. Man kann es mit Rechtswissenschaft übersetzen, was ebenfalls offen lässt, ob Wissen Recht schafft oder Recht Wissen schafft.

 

Für, sagen wir, Otto Normalverbraucher ist eine Patentanmeldung in der Regel bis heute unverständlich. Weder kann er sie lesen, noch kann er sie verfassen. Macht er eine Erfindung, wird er sich mit dem Problem konfrontiert sehen, seine Erfindung, die neu sein soll und muss (!), sprachlich zu erfassen. Das gelingt ihm in der Regel nicht, weshalb er heute einen Patentanwalt, einen Patentrechtswissenschaftler zur Hilfe nimmt. Der Patentanwalt ist sozusagen das Scharnier zwischen der Erfindung und seiner sprachlichen Abfassung.

Ich werde jetzt nicht die Geschichte der Anmeldung einer Marke, die Feuerland heißen sollte, erzählen. Geographische Namen dürfen nicht als Marke eingetragen werden. So das Markenrecht als Unterart des Patentrechts. Im Rahmen der Anmeldung ging es nicht um einen geographischen Namen, insofern Feuerland vielmehr eine industrie-kulturelle und –historische Formation in Berlin war. Die Ablehnung der Marke Feuerland durch das Patentamt erfolgte trotzdem aufgrund des geographischen Namens an der Südspitze Südamerikas. Markenrechtlich wurde das eine Feuerland also mit dem anderen gleichgesetzt, was allein mit der Deckungsgleichheit der Buchstabenfolge begründet wurde. Freilich hören Berliner immer Südamerika, Patagonien, wenn ich Feuerland sage.

 

Man muss genau hinschauen, was es mit der Konstruktion von Sprache und Wissen sowie mit der Konstruktion einer Erfindung auf sich hat. Phantastisch wird die Sprache nur in einer neuen Kombination, die späterhin gar nicht mehr so phantastisch und neu erscheinen muss. So heißt es in Ruedi Häusermanns Komposition zum Klavierquintett No 36-4 Eintrat, der Dritte mit einem Zitat von Paul Scheerbart:

Diese Radgeschichte macht alles möglich, besonders eine elektrische Beleuchtung in der Nacht, dass alles starr sein wird. Alle Kirchtürme können ja von oben bis unten mit Licht überschwemmt werden.

Das zehnköpfige Ensemble, mit dem Häusermann auf der Bühne zusammenarbeitet, 3 Frauen und 7 Männer, spielt nicht einfach Theater. Vielmehr werden sie selbst zu Erfindern, die mal in Gruppen und Grüppchen mal allein an einem neuen Perpetuum mobile höchst konzentriert werkeln, bis sie vom Funktionieren ihrer Arbeit selbst überrascht werden.

 

Das Werkeln, das Schieben und Klappen von Bühnenteilen, das Verschieben und Schieben eines Overheadprojektors durch den Bühnenraum erzeugt immer wieder neue Überraschungen. Erst wird die eckige Lichtfläche des Overheadprojektors zum Scheinwerfer, mit dem Gegenstände, die von der Decke herunter hängen, plötzlich als dramatische Bildwerke an der Rückwand erscheinen. Dann verteilt Philipp Läng eine Flüssigkeit auf der Glasplatte des Overheadprojektors und versetzt sie mit dem Walfisch in Schwingungen.


Foto: Thomas Aurin

Ständig entsteht aus der Kombination alter Dinge etwas überraschend Neues. Wo auf der größten Theaterbühne der Welt in der Friedrichstraße zehntausende von Leuchtdioden Bilder zaubern müssen, reichen bei Häusermann und seinem Ensemble eine Saite, eine singende Säge, ein ausrangierter Overheadprojektor, ein Tropfen Flüssigkeit und mehrere Schultafeln, um den Zauber einer Erfindung, eines bewegten Bildes, zu visualisieren. Freilich braucht es Augen, das zu sehen.

 

Und es braucht Ohren und nicht nur Synthesizer, um die Musik, das Konzert der Erfindung zu hören. Möge es möglichst viele verständige Augen und Ohren geben, um Häusermanns Wunder zu sehen. Gehen Sie hin.

 

Torsten Flüh

 

Gang zum Patentamt

24.-26. September 2010

19:30 Uhr

HAUEINS

Hebbeltheater

Stresemannstraße 29

10963 Berlin

 

Weitere Aufführungen

Wiener Festwochen

Mai 2011


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Categories: Theater

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