Errettung in trüben Zeiten - David Blooms Performance Salvation in den Uferstudios

Salvation – Chanukka – Weihnachten

 

Errettung in trüben Zeiten

David Blooms Performance Salvation in den Uferstudios und die Wintersonnenwende

 

Gestern war der Himmel in Newgrange, Kreis Meath, Irland verhangen. Es regnete. Nasskalt um die 8° C fast wie in Berlin. Trotzdem hatten sich einige Menschen, das irische Fernsehen und Reporter der Irish Times auf freiem Feld vor und in dem Hügelgrab aus der Jungsteinzeit vor mehr als 5.000 Jahren eingefunden. Bis zuletzt wollten sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Sonne wie 2006 doch noch die Wolkendecke durchbrechen könnte und der magische Lichtstrahl der Wintersonnenwende das Innere der Kammer erleuchten könnte.

David Bloom hatte in dieser nach Licht lechzenden Zeit am 4. Advent zu seiner Performance Salvation in die Ufer Studios in Berlin-Wedding am Ufer der Panke eingeladen. „Christ, der Retter ist da“, singen zumindest die österreichischen und deutschen Christen zu Weihnachten seit 1818. Und die Juden in aller Welt feiern in diesem Jahr noch bis zum 28. Dezember Chanukka, das auch das Lichterfest genannt wird. Mit anderen Worten: die in der nördlichen Hemisphäre verbreitete Dunkelheit in dieser Zeit rief einen Kult um das Licht als Errettungsmetapher hervor.

Wir wissen nicht, wie oder wofür die Menschen der Jungsteinzeit in Newgrange nordwestlich von Dublin und in beträchtlicher Entfernung zu den Dublin und Wicklow Mountains die Öffnung oberhalb des Zugangs des Hügelgrabes berechneten, durch die bei unbewölktem Wetter allein beim niedrigste Stand der Wintersonne die Kammer erhellt. Wie konnten sie dies überhaupt berechnen? Ist es vielleicht nur ein Zufall, weil vor über 5.000 Jahren die Sonne nicht den exakt gleichen Stand erreicht hat? Oder doch Zeugnis für die Existenz eines uralten Lichtkultes in der dunklen Zeit?

Die Abwesenheit schriftlicher Zeugnisse zur Existenz der Hügelgräber in Newgrange lässt auch die Frage offen, ob mit der Feststellung der Wintersonnenwende von Anfang an eine Erwartung auf Errettung verknüpft wurde. Insofern als der Tiefststand der Sonne im Winter eine Wendung auf mehr Licht, wärmere und fruchtbarere Zeiten verheißt, lässt sich formulieren, dass daran eine Erwartung besserer Zeiten verknüpft wurde.

“Why are you suffering”, fragt David Bloom am Sonntag in die Runde des Publikums. Warum leidest Du? Das Versprechen der Moderne lag nicht zuletzt nach christlich-abendländischer Tradition darin, dass der Mensch nicht mehr leiden müsse, weil er sich durch Berechnungen zur Verhinderung von Leiden wie Hungersnöte, Krankheiten und Traurigkeit des Leidens entledigen könne. Die Moderne, kann man durchaus formulieren, war eine große Leidensverhinderungsanstrengung. Doch selbst Hedgefonds, in die Pensionskassen und Privatiers ihr Geld anlegen, vermögen nicht, das Leiden aus der Welt zu schaffen.

Wie die Rede vom Licht so ist auch die vom Ufer mit dem Versprechen der Rettung verknüpft. Deshalb war es eine schöne Koinzidenz, dass David Bloom seine Salvation-Performance in den Ufer Studios aufführte. Es handelt sich um ein „work in progress“, wie David nicht müde wurde zu betonen. Wie sollte Salvation auch etwas Anderes sein können als ein work in progress? Denn es lässt sich an der Rettung oder Errettung durchaus beobachten, dass sie diese verspricht, aber nicht wirklich zum Abschluss bringt. Sie erweist sich geradezu als ein unendlich hinausgeschobenes Versprechen. Endend nur an der Grenze des Todes.

Die Ufer Studios befinden sich auf dem Areal einer ursprünglichen Insel im früheren Flussbett der Panke. Quasi auf dem gegenüberliegenden Ufer wurde eine Heilquelle entdeckt, die der Gegend den Namen Gesundbrunnen gab. Das war noch zu Zeiten Friedrich des Großen so, als sich die Gegend weit außerhalb der Residenzstadt Berlin zu einem Ziel für Trinkkuren entwickelte. Um die Jahrhundertwende soll noch vermeintliches Heilwasser neben dem Luisenbad abgefüllt worden sein. Doch die Badstraße hatte sich längst zu einem Vergnügungsviertel für Trinkkuren anderer Art entwickelt.

Zwischen 1928 und 1931 wurde das heutige Areal als Betriebshof für die Straßenbahn ausgebaut. Seit 2008 gehört es einem privaten Träger. Seit 2010 sind die ehemaligen Straßenbahngebäude für die freie Tanzszene Berlins erschlossen worden. Das Netzwerk TanzRaumBerlin bietet freien Choreographen und Tänzern Räume für Proben und Aufführungen. Selbst bei nasskaltem Regenwetter hat das Gelände einen besonderen Charme. Von der Gropiusstraße grüßt ein weihnachtlich mit Lichtketten geschmückter Balkon herüber. Doch im Wedding könnte es sehr wahrscheinlich sein, dass es türkische Muslime sind, die den Balkon mit Lichterketten geschmückt haben.    

David Bloom hat seine Performance in einer Verschaltung von Künstlerdiskurs und Biographie angekündigt:

A Portrait of the Artist as a Young Messiah. Born into a Jewish family. Usually depicted with long hair and a beard. Charismatic. 30 years old when he begins his ministry. Operating during a period of rapid social and political upheaval which some consider to be the end of an age. David Bloom has this obsession with The Artist saving the world through his passion and sacrifice. How relevant are narrative and transcendence in a post-modern performance world?

Seit dem Künstler-Genie Leonardo Da Vinci in der Renaissance nimmt der Künstler als Maler und Wissenschaftler eine Position ein, der zuvor dem Schöpfer vorbehalten war. Die Position des Künstlers als Schöpfer nimmt in der Folgezeit unterschiedliche Konfigurationen an. Im 19. Jahrhundert kommen zum Künstler und Wissenschaftler andere Formen hinzu, die mit Anknüpfungen zum Beispiel an schamanische Praktiken den Künstler zum Heiler machen. Der Künstler beginnt die Krankheiten seiner Zeit, seiner Epoche zu bearbeiten, wenn nicht gar zu heilen. Josef Beuys war in diesem Bereich besonders einflussreich. Zugleich beginnt damit die Dekonstruktion in der Kunst.

Der Künstler als Grenzgänger, als jemand der gesellschaftliche Grenzen abschreitet, befragt und gelegentlich überschreitet, ist möglicherweise die zur Zeit am stärksten verbreitete Form. David Bloom gehört zu diesen Grenzgängern. Einerseits befragt er gesellschaftliche und darstellerische Grenzen im Tanz, andererseits will er in unterschiedlichen Modi das Publikum in die Performance einbeziehen und Prozesse des Heilens oder der Rettung einleiten. Das ist vor allem eine Frage der Intensität in seiner Salvation-Performance.

Was vermag Intensität? Es ist durchaus ein schmaler Grat, auf dem Bloom mit seiner Performance agiert. Allzu leicht könnte sich durch die Intensität ein „Kreis“ von Bewunderern und Begleitern bilden, wie es bei Stefan George der Fall war. Bloom aber stiftet keinen eigenen, wie auch immer definierten Kult, sondern spielt unterschiedliche Formen des Rettungsversprechens durch. Das ließ sich am 4. Advent sehr gut verfolgen. Während Stefan George und Josef Beuys auf jeweils spezifische Weise eine Kunst zum Kult entwickelten, beispielsweise auch in der Aktion Wie man einem toten Hasen die Kunst erklärt am 26. November 1965. Beuys verweigerte auf geradezu kultisch schamanische Weise die Erklärung der Kunst, erweiterte aber gerade dadurch die Funktionsmöglichkeiten von Kunst.

Salvation knüpft wenigstens an vier, sequentiell durchaus scharf von einander unterschiedene Modi von Heilsversprechen an. In einer ersten Sequenz führt er eine körperbetonte Praxis der Hyperventilation vor. Technik und Effekt der Praxis fallen in eins mit der Performance. Es bleibt somit auf durchaus auch beunruhigende Weise offen, ob es nur um die Vorführung einer Praxis ging oder um ihre Umsetzung. Das Versprechen auf Heilung liegt in der Praxis selbst, die vorgeführt werden kann, und damit zugleich befragt und bestätigt wird. Bereits diese Ununterscheidbarkeit macht einen entscheidenden Zug von Blooms Choreographien aus.

Auf die Befragung nach dem Leiden – „Why are you suffering“ – folgt eine Sequenz, die an Rituale der Fußwaschung erinnert. Im Ritual der Fußwaschung geht es um die Geste einer Annahme oder Aufnahme. Dem Gast, der möglicherweise einen weiten Weg zurückgelegt hat oder der sich auf einem nicht enden wollenden Weg befindet, wäscht der Gastgeber die Füße. In der Fußwaschung, die Jesus am Vorabend seines Todes an seinen Jüngern im Garten Gethsemane vornimmt, wird die Geste der Gastlichkeit in einen Akt der Stiftung von Gemeinschaft überführt. Diese Gemeinschaft findet indessen ausschließlich im Namen Jesu Christi statt. Sie hat somit eine ausgrenzende Wirkung. Bloom nimmt diese Geste nur an einer Person vor, womit im Grunde die christliche Verortung aufgehoben wird.

In einer weiteren Sequenz nimmt Bloom vielleicht eine besonders aktuelle Szene auf. Er wirft Münzen unter Flüchen und starker Aggression auf den Boden. Die rituelle Abkehr vom Materialismus und Konsumismus als Ursache des Leidens ist in vielen Kulturen verbreitet. Jegliche Form des Bettelmönchs in den unterschiedlichsten Kulturen zielt darauf, das Heil jenseits von materiellem Wohlstand zu versprechen. Letztlich findet sich hier sogar die Rede vom modernen Künstler als „Hungerkünstler“ (Kafka) wieder. Der durchaus idealistische Künstler wendet sich ab von der gesellschaftlichen Verpflichtung des Abbaus von Leidensdruck durch Gewinnmaximierung.


Die letzte Sequenz erinnert an rituelle Tanzformen, die Trance entstehen lassen können. Wie bei der anfänglichen „Atemübung“ geht es bei der Trance um einen Vorgang der Überschreitung selbst. Häufig wird Trance erzeugt, durch einen kontrollierten Vorgang zum Kontrollverlust. Das kontrollierte Agieren soll durchbrochen oder umgangen werden, um eine unkontrollierte, erweiterte Erfahrung zu machen. Dies geschieht in bestimmten Tänzen ebenso wie im Rap, was Bloom auf beeindruckende Weise vorführte.

Die Sehnsucht nach Rettung oder Errettung ist heute möglicherweise genauso aktuell, wie zu Zeiten, als der zweite Tempel in Jerusalem gebaut wurde. Denn Chanukka feiert ein Wunder. In der Erzählung vom Wunder geht es darum, eine bestimmte Ordnung einzuhalten. Denn der Leuchter für den Tempel soll nur mit geweihtem Öl gefüllt werden. Doch das Licht, das brennt, hat nur noch Öl für 1 Tag. Die Herstellung von geweihtem Öl aber braucht 8. Doch der Gott der Juden ließ das wenige Öl 8 Tage brennen, damit das ewige Licht nur mit geweihtem Öl brennen konnte. Dieses Wunder wird mit dem 9-armigen Chanukka-Leuchter gefeiert. Heute wird das zweite Licht am Leuchter angesteckt.

Ein Wunder, das Retten oder Heilen kann, ist letztlich immer eine Ausnahme von der Regel. Und es ist immer eine Überschreitung einer Grenze, wie sie sich in dieser Zeit ereignen kann. In diesem Sinne wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern ein frohes Fest.

 

Torsten Flüh


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Categories: Kultur | Tanz

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