F***ability versus Credibility - Zu Andres Veiels Das Himbeerreich im Deutschen Theater

Finanzsystem – Sprache – Banker

 

 

F***ability versus Credibility

Zu Andres Veiels Das Himbeerreich im Deutschen Theater

 

Das Podiumsgespräch im Foyer des 1. Rangs im Deutschen Theater mit Andres Veiel, Jan Ross und SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider gehörte am 6. März zum Theaterabend und Programm „Demokratie und Theater“. Die Stuhlreihen sind gefüllt. Die TheaterbesucherInnen sitzen auf dem Boden, stehen an den Seiten und strafen Jan Ross’ kecke Anfangs-Formulierung – „der Unterschied zwischen Theater und Podiumsdiskussion ist, dass bei der Podiumsdiskussion immer die erste Reihe leer bleibt“ – Lügen. Vorzugsweise mit einem Glas Wein in der Hand wird der Unterschied vom Publikum hinweggesessen.

Das Himbeerreich im Deutschen Theater ist ein Publikumsmagnet. Der große Clou der Theatersaison. Kritiken und Berichte auf allen Kanälen. Banker/Schauspieler sprechen O-Ton zum „Deal“ auf der Bühne. Zum O-Ton gehört das F-Wort. „You must be fuckable“, sagt Dr. Brigitte Manzinger (Susanne-Marie Wrage). „Sie müssen Phantasien wecken.“ Und das tut sie schließlich nicht nur in Verweis auf ihre Person und Bankkarriere, sondern in einer „28. Gewinnprognose“. Das F-Wort lässt sich leichter verstehen, als das rätselhafte Bankervokabular.

Das Podiumsgespräch im Foyer ist die Fortsetzung des Theaterstücks mit anderen Mitteln. Darauf wird zurückzukommen sein. Denn wie im Theaterstück auf der Bühne so auch beim Podiumsgespräch spielen Finanzbegriffe eine Rolle. Das wohlmeinende Programmheft (Redaktion: Ulrich Beck, Jörg Bochow) bietet denn auch zwischen Seite 26 und 31 ein sechsseitiges „Glossar: Finanzbegriffe“. Zwischen „Ware und Geld“ von Karl Marx (S. 16) und den Finanzbegriffen wird der Theaterabend aufgespannt. Hier will ein Autor und sein Publikum verstehen, wissen, was da eigentlich passiert.

Auf den Textauszug von Karl Marx wird nicht zuletzt deshalb zurückzukommen sein, weil das einseitige Zitate vorgibt, Marx habe eine abschließende Theorie des Geldes aus „der Ware“ heraus entwickelt. Dies ist schon deshalb wissenschaftlich falsch, weil die Herausgabe der Manuskripte zum Kapital, dem Marxschen Hauptwerk,in der MEGA, das ist die Marx Engels Gesamt Ausgabe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wie vom Berichterstatter kürzlich besprochen, vielmehr eröffnet hat, dass eine Theorie des Geldes Marx beim Schreiben allergrößte Probleme bereitete. Doch noch in anderer Hinsicht wird auf „Ware und Geld“ zurückzukommen sein.


Foto: Arno Declair 

Andres Veiel wollte eigentlich einen Dokumentarfilm zur Finanzkrise am Beispiel des Kaufs der Dresdner Bank durch die Commerzbank in den Jahren 2008 und 2009 drehen. Doch wurde bei den Interviews mit den Akteuren sehr schnell deutlich, dass sie für einen Film nicht zur Verfügung stehen würden, Schweigevereinbarungen unterschrieben hatten und ihre Interviews nur anonymisiert verwendet werden dürften. Immerhin entstanden 1.400 Seiten Interviewmaterial, das Veiel, soviel teilte er auf der Podiumsdiskussion mit, nur verwenden durfte, wenn er seine Quellen nicht namentlich nennt. Quellenschutz! Aus dem Interviewmaterial wurden schließlich 40 Seiten Text für die Schauspieler in Das Himbeerreich.


Foto: Arno Declair

Das Himbeerreich, und wie Veiel den Dokumentartext aufbereitete, montierte, fiktionalisierte und strukturierte, knüpft irgendwo zwischen Frank Wedekinds „Monstretragödie“ Die Büchse der Pandora und dem Dokumentartheater an. An Wedekinds Lulu erinnert beispielsweise der weißbehandschuhte Vorstands-Chauffeur Hans Helmuth Hinz (Jürgen Huth), wenn er als Faktotum, Clown und Krisenmanager die Titel der einzelnen Teile – „Das große Fest“ – „Der Deal“ – „Underground“ – „Backup“ – „Die große Rede“ – quasi vor den Bühnenvorhang tretend, den es nicht gibt, ansagt. Von der Hype bis zur Depression wird der Zyklus eines Finanzdeals in Zeiten der Krise durchgespielt.


Foto: Arno Declair

Die Akteure, die Interviewtext sprechen, sprechen nicht miteinander. Sie reden aneinander vorbei, monologisieren und vermitteln dem Publikum das Arbeitsleben in den Vorstandsetagen zwischen gepanzerter Limousine, Vorstandsfahrstuhl, Vorstandssessel, Bankervokabular, dynamischer Körpersprache, Arbeitspraxis und Karriere-Ende. Die Hochstimmung der Hype elektrisiert die Akteure ebenso wie das Entdecken eines Finanzlochs in Milliardenhöhe sie in tiefste Depression stößt. Am Schluss helfen nur Puma-Trainingsanzüge und das „Notfallbuch“, das Hans Helmuth Hinz, der Chauffeur, an die Überlebenden verteilt.

 

Der Bühnenraum (Bühne: Julia Kaschlinski) verwandelt sich vom illustren Spiegelkabinett der Eitelkeiten, in dem Dr. Brigitte Manzinger – ihr Name darf als Anspielung auf MUNZINGER, „Wissen, das zählt“, verstanden werden -, eher beiläufig sagt: „You must be fuckable“, ins Fegefeuer der Einsamkeit. Solange die gläsernen Aufzüge noch lautlos fahren, kann sich der Akteur als systemrelevant sehen. Erst wenn der Aufzug stehenbleibt, sieht er sich selbst seinem Schicksal überlassen. Dann ist der Moment für Bertram Ansberger (Manfred Andrae) gekommen, von seinem Chauffeur, mit dem er mehr Zeit verbracht hat als mit seiner Frau, Abschied zu nehmen.

 
Foto: Arno Declair

Gottfried W. Kastein (Ulrich Matthes) beherrscht den Sound(!) der Interviewerzählung perfekt. Denn weit mehr als auf Inhalte, gar Sinn kommt es bei der Erzählung von der Krise darauf an, Fragen zu stellen, die vor allem nicht beantwortet werden können. Der Sound einer Frage und der möglichen Antwort, die sich damit auftun könnte, ist weit wichtiger als die Antwort selbst. Im Sound werden Zusammenhänge hergestellt, die an Erzählmuster anknüpfen. Der Sound der Erzählung ist nicht weit entfernt vom Stammtisch. Doch er kommt eher in einer gediegenen Piano-Bar beim Apres-Ski zur Geltung:

Um was geht es: um das Nachdenken. So wie Herrhausen nachgedacht hat. Der sitzt da alleine in seinem Büro und kommt darauf, dass die Welt keine Chance hat, wenn man die aufgezwungenen Verschuldungen nicht radikal abschreibt … Irgendein Diktator nimmt einen Kredit auf und dann ist Uganda, Burundi-Klabundi verschuldet. Der verjuxt das mit irgendwelchen Polinnen in Süd-Frankreich und das Land hat die Schulden und dann ist er weg … (Programmheft, S. 24)


Foto: Arno Declair

Über „Uganda, Burundi-Klabundi“ geht die Erzählung schnell zu „die Griechen“ zu „Zypern“ und dem „EURO“ über, um dann auf die „Europäische Zentralbank“ und „Goldmann Sachs“ zu kommen. Und mit großer Aufklärungsgeste stellt Gottfried W. Kastein die ganz großen Fragen, als wären sie nun das Nonplusultra zur Beantwortung der Schuldenkrise. Werden sie wirklich nicht gestellt?

… Wen trifft es? Die, die keine Häuser haben, keine Goldbarren im Safe, den kleinen Sparer, der sein Vermögen verliert. Wozu führt das? Gigantische Rezession. Wer gewinnt daran, wo geht das Geld hin? An die, die heute schon auf den Zusammenbruch des gesamten Systems Hunderte von Milliarden wetten. Warum wird da niemand wütend? Warum werden die Zelte abgebaut und in den Museen ausgestellt? – Die eigentlichen Fragen werden nicht gestellt. (Programmheft, S. 25)

 
Foto: Arno Declair

Andres Veiel und die Dramaturgen stellen Kasteins Krisenerzählung besonders heraus. Sie ist als einzige Textpassage im Programmheft abgedruckt. Geht es also wirklich um einen „Schuldenerlass“ qua Herrhausenschem „Nachdenken“ über „die aufgezwungene Verschuldung von Entwicklungsländern“ aus dem Jahr 1987 vor der Weltbank in Washington? Die Erzählung geht scheinbar bruchlos vom Problem der Verschuldung von Entwicklungsländern zur Verschuldung Griechenlands über und wird damit kurzgeschlossen. Das (!) wäre allerdings sehr genau zu überdenken. Auf geradezu beispielhafte Weise wird der Ursprung der Verschuldung Griechenlands an den „Familien Papandreou, Karamanlis und wie sie alle heißen“ festgemacht.    


Foto: Arno Declair (Ausschnitt: T.F.)

Die Sprache der Banker, gleichsam eine Finanzsprache, und ihr Sprechen stehen durchaus im Fokus von Veiels Bühnenstück. Die dokumentarische und zugleich fiktionalisierte Finanzsprache soll das System entlarven. Das Publikum muss sich nicht schämen, weil es diese Sprache nicht versteht oder gar beherrscht:

… Selbst hochrangige Banker, geschweige denn Politiker verstehen oft nicht mehr, worum es bei den jeweiligen „Derivaten“, „Swarps“, „stochastischen Volatilitäten“ oder „strukturierten Produkten“ geht. „Wir müssen permanent Entscheidungen treffen in einem Bereich, den niemand wirklich durchdringt“ – so lautet eine Kernaussage im Stück. Die Frage der Verantwortung ist in diesem Zusammenhang eine evidente, die Andres Veiel im ‚Himbeerreich’ im Spannungsverhältnis zwischen der Einsicht „Sie können nicht der Retter der Welt sein“ und der Aufforderung zu mehr globaler Freiheit „Wir sollten mehr Kapitalismus wagen“ zur Disposition stellt. (Jörg Bochow, Ulrich Beck im Programmheft S. 11) 

Die Frage der Verantwortung hat Andres Veiel beim Podiumsgespräch konkretisiert. Er möchte nämlich durchaus jene oder jenen strafrechtlich zur Verantwortung ziehen, der im Dresdner-Bank-Deal die „28. Gewinnprognose“ herausgegeben hat. Gleichzeitig befindet er sich in dem Dilemma, dass er seine Quellen nicht verraten will und kann. Eine prekäre Situation könnte man das nennen. Sie erinnert ein wenig an aktuelle, vielgeschmähte Rechtfertigungen aus dem Geheimdienstmilieu. Im Kontext der Gewinnprognose spielt vielmehr, ob nun rein dokumentarisch oder fiktionalisiert, die Fuckability eine entscheidende Rolle.


Was unterscheidet die F***ability – „You must be fuckable“ - von der Credibility? Und warum könnte das überhaupt wichtig werden? Bei der Credibility geht es nicht zuletzt um einen Modus der Glaubwürdigkeit, des Kredites in seiner Polysemantik von Vorschuss, Vertrauen, Verdienst, Guthaben, Entlastung. Vor allem der Modus des Glaubens und Vertrauens vom Lateinischen credere, der zeitlich in einem Voraus mit einer Rückbindung an eine vorher erbrachte Leistung gewährt wird, wirft die Frage auf, worauf sich bezogen wird. Credibility wird nicht nur einem Kredit- oder Finanzinstitut oder von diesem gewährt, sondern ist insbesondere für die Sprache in den Medien und den Journalismus ein wichtiger Maßstab, wie ihn zum Beispiel Mathias Müller von Blumencon für den SPIEGEL und den Journalismus 2020 prominent formuliert hat. Nicht zu vergessen ist die Rolle der Credibility bei Investments.


Credibility wird demnach mehr oder weniger konkret wie die Sprache semiologisch gedacht. Das Zeichen oder Anzeichen für eine Leistung oder Sache wird mit der Credibility als Glaubwürdigkeit verkoppelt. Mit der F***ability verschiebt sich quasi die Wertfrage, der ganze Finanzbereich. Denn nun wird der Finanzwert aus einem semiologischen Feld herausgelöst und in den Bereich der „Phantasien“, wie es Dr. Brigitte Manzinger in Das Himbeerreich formuliert, verschoben. Laut Wiktionay geht es dabei um „worthy to being fucked“, anders gesagt: der Wert verschiebt sich in den phantasmatischen Bereich einer Praxis, die sich projektiv abspielt. Ob die Praxis ausgeübt werden wird oder werden kann, spielt so gut wie keine Rolle für den hervorgerufenen Wert.


Die Bankerin Manzinger – „Wissen, das zählt“ - formuliert die Fuckability ausdrücklich nicht darüber, dass sie nun jederzeit für die Praxis zu haben wäre. Vielmehr steigt ihr Wert gerade in dem Maße, wie sie das Versprechen auf die Praxis nicht einlöst. Auf diese Weise generiert sie Wert und nicht zuletzt Werte am Finanzmarkt. Mehrfach kommt in Das Himbeerreich von den männlichen Akteuren die Sprache auf die „Performance“ im Finanzgeschäft wie bei Prostituierten. Für eine Finanzsprache als einer Sprache der Banker heißt das, dass sie exakt über die Versprechen, die (nicht) eingelöst werden, funktioniert. Es geht also nicht darum - und darum geht es fast nie beim Sprechen -, dass „hochrangige Banker“ die sich sprachlich ständig neu schöpfenden Finanzbegriffe in der Sprache der Banker verstünden oder „verstehen“ müssten.


Wie lässt sich nun der im Programmheft abgedruckten Ausschnitt zu Ware und Geld lesen? Wie generiert sich bei Karl Marx Wert? Und wie wird in seiner Formulierung aus Ware Geld? Dass Karl Marx an einer Schnittstelle von Literatur und Wissenschaft schreibt, wurde bereits hinsichtlich der Herausgabe der Manuskripte zur Kapital-Abteilung der MEGA erwähnt. Wie sich nun bereits in der eröffnenden Formulierung des Ausschnitts beobachten lässt, ist die Schwierigkeit die Bestimmung eines Wertes. Welchen Wert hat die Ware? Wie lässt er sich bestimmen?

Was den Warenbesitzer namentlich von der Ware unterscheidet, ist der Umstand, dass ihr jeder andere Warenkörper nur als Erscheinungsform ihres eignen Werts gilt. Diesen der Ware mangelnden Sinn für das Konkrete des Warenkörpers ergänzt der Warenbesitzer durch seine eignen fünf und mehr Sinne. Seine Ware hat für ihn keinen unmittelbaren Gebrauchswert … (S. 16)


Der „mangelnde Sinn (der Ware) für das Konkrete des Warenkörpers“ stellt auch die Frage nach dem Sinn der Ware. Die Ware, also genau das, was bewertet wird oder bewertet werden soll, ist nämlich auch sinnlos. Genau deshalb erhält die Ware einen (oder mehrere) supplementäre(n) Sinn(e). In der marxschen Formulierung lässt sich mit dem Modus der Ergänzung deutlich eine Überschneidung der vermeintlich anthropologischen „eigenen fünf“ Sinne mit einem „mehr“ an Sinn beobachten. Der Wert der Ware wird sinnlich und sinnvoll durch Ergänzung. Er existiert und tut es zugleich nicht. Das „Konkrete des Warenkörpers“, beispielsweise eines Hauses mit Grundstück, auf dem eine Hypothek lastet, ist für den Wert der Ware unerheblich. Denn er ist einzig und allein durch den Modus der Ergänzung hergestellt worden.


In Marx’ Formulierung nimmt die Operation des Ergänzens – „ergänzt der Warenbesitzer“ – selbst eine schwankende Funktion ein. Denn beim Ergänzen geht es darum, Unvollständiges, Unfertiges ganz zu machen, zu vervollständigen, Fehlendes hinzufügen. Was der Ware als Ware fehlt, ist ein Körper in seiner Konkretisierung als einem Modus der Vergegenwärtigung. Was gänzlich fehlt kann allerdings nicht ganz gemacht werden. Deshalb schwankt das Ergänzen zwischen einem Ersetzen für nichts und einer Vervollständigung der Ware durch einen Körper. Mehr noch der „Warenkörper“, Frau Manzinger lässt grüßen, kann allererst zu einem Körper als Ware werden.

Die Frage des Tausches wird zu einer nachträglichen. Marx will quasi im Nachhinein die Sinnlichkeit der Ware durch Äquivalenz an eine Kronkretisierung rückbinden, um so vom schwankenden und flüchtigen „Warenkörper“ ausgehend Geld als Tauschmittel zu erklären. Der Signifikant, das Zeichen, soll an das Signifikat, das Bezeichnete, gekoppelt werden, obwohl genau dies durch die Ergänzung unterlaufen worden war.

… Dadurch wird die Naturalform dieser Ware gesellschaftlich gültige Äquivalentform. Allgemeines Äquivalent zu sein wird durch den gesellschaftlichen Prozess zur spezifischen Funktion der ausgeschlossenen Ware. So wird sie – Geld. (S. 16)


Das Geldwerden der Ware wird durch einen unterbrechenden Gedankenstrich -  interpunktiert. Der Gedankenstrich in seiner Polyfunktion von Pausenzeichen, Wechsel, Übergang, Stockung, Eintritt von etwas Unerwartetem, Einschaltung, Auslassung etc. lässt die Ware quasi in einem Übersprung Geld werden. Hatte Marx kurz zuvor noch ein Äquivalenzverhältnis aus dem „gesellschaftlichen Prozess“ heraus geschrieben, so wird nun nicht etwa ein Doppelpunkt : oder ein mathematisches Gleichheitszeichen = gesetzt, sondern der unbestimmte, syntaktisch unterbrechende und verbindende Gedankenstrich. Erst im Moment der Ausschließung wird die Ware Geld, nein, wird sie – Geld. Der Wechsel geschieht mit der Unterbrechung plötzlich. Von Tausch kann - da - keine Rede sein, es sei denn im Modus eines plötzlichen Wechsels.


Der Stücketext wird von Andres Veiel nicht daraufhin konzipiert, dass die Finanzsprache in ihrer Funktionalität offengelegt wird. Stattdessen wird er als das wahre Sprechen der Banker ausgegeben und auch so vom Publikum verstanden. Veiel glaubt zutiefst an die Aussagekraft seiner Interviewpartner und ihrer bunten Erzählweisen. Da aber alle etwas mitteilen wollen von der Finanzwelt, geht der Text nicht etwa an die anderen Akteure als Beteiligte, sondern munter ins Publikum. Selten wurde in jüngeren Inszenierungen soviel an der Rampe gesprochen. Es ist als wolle Veiel, ganz Autor und Regisseur, ständig sagen: Nun hört doch endlich her. Nun hört doch den hier mal. – Das erschöpft sich als Theater.

Das Podiumsgespräch nach der Aufführung führt den Verantwortungsdiskurs munter fort. Andres Veiel will, dass die „28. Gewinnprognose“ bestraft wird. Nennt den oder die Banker⁄in aber nicht, weil … Schnell sprechen Veiel, Ross und Schneider über die Rettung der IKB Deutsche Industriebank durch den Staat im Jahr 2007 und Ross will Schneider darauf festnageln, dass Peer Steinbrück und Jörg Asmussen die IKB und die Hypo Real Estate am Parlament vorbei mit dem Geld des Steuerzahlers gerettet haben oder so ähnlich. Schneider lässt sich darauf aber nicht ein. Denn genau darum geht es mittlerweile, dass IKB und Dresdner Bank, Hypo Real Estate und Lehman Brothers, Euro-Krise und Commerzbank-Darlehn munter durcheinander gewirbelt werden. Alles scheint mit allem verknüpft, immer wird der Steuerzahler und/oder Sparkassenkunde übers Ohr gehauen und die Ritter der Öffentlichkeit pieken mal den einen Verantwortlichen auf und dann mal den anderen, ohne das sich irgendetwas ändern würde. - Aber unterhaltsam war’s doch.   


Kurz: Das Himbeerreich verspricht einen Mehrwert an Wissen über die Krise und die ältere Platznachbarin in Reihe 11 Parkett schaut dann nach ca. 1 Stunde, Dauer 1 Stunde 30 Minuten, verstohlen auf ihre Armbanduhr. Nein, das Ensemble ist großartig. Sie machen das Beste draus. Es bleibt auch was hängen. Aber die Finanzsprache, die Sprache der Banker wird nicht dadurch aufgedeckt, möglicherweise entlarvt, dass man ein „Glossar: Finanzbegriffe“ im Programmheft abdruckt. – Und doch ein Clou der Saison.

 

Torsten Flüh

 

Deutsches Theater Berlin

Das Himbeerreich

Weitere Aufführung am
11., 14., 23. und 31. März 2013

und im April


Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Categories: Theater

0 Kommentare
Actions: E-mail | Permalink | Comment RSSRSS comment feed