"Farben wie eben aufgelegt." - Im Licht von Armana im Neuen Museum

Licht – Amarna – Nofretete 

 

„Farben wie eben aufgelegt.“
Im Licht von Amarna – 100 Jahre Fund der Nofretete im Neuen Museum

 

Am 6. Dezember 1912 notierte der Grabungsleiter Ludwig Borchardt im Tagebuch der Ausgrabungen in Tell el-Amarna einen Fund mit den knappen Worten: „Lebensgroße bemalte Büste der Königin, 47 cm hoch. Mit der oben gerade abgeschnittenen blauen Perücke, die auf halber Höhe noch ein umgelegtes Band hat. Farben wie eben aufgelegt. Arbeit ganz hervorragend. Beschreiben nützt nichts, ansehen.“Es war die Geburtsstunde eines Superstars und der Beginn einer mittlerweile 100 Jahre andauernden Weltkarriere. Zentrale Funktion nimmt das Licht bei dieser Karriere und die Erzählung davon ein.

Für die Ausstellung Im Licht von Amarna (7. Dezember 2012 bis 13. April 2013) zerteilt ein spektakulärer, raumgreifender Lichtkeil Zeit und Raum im 2. Obergeschoss des Neuen Museums. Der Lichtkeil markiert die Zäsur, die die in der Ägyptologie Amarna-Zeit genannte, aus Inschriften (re-)konstruierbare Dauer der Hauptstadt Achet-Aton, was mit „Horizont des Lichts“ übersetzt wird, in die Chronologie der ägyptischen Dynastien zwischen 1351 und 1334 v. Chr. reißt. Die nur 12jährige Existenz Achet-Atons als Hauptstadt des Pharaos Ach-en-Aton oder Dem Aton wohlgefällig also Echnaton und seiner Gattin Nofretete nimmt eine einzigartige Stellung und Funktion in der Ägyptologie ein.

So knapp die Formulierungen Ludwig Borchardts ausfallen, so deutlich markieren sie genau jene Modi, die die „lebensgroße Büste der Königin“ und ihre Karriere zum Superstar ausmachen werden. Der letzte Satz des Tagebucheintrags macht nun gerade verspätet, doch auch programmatisch Karriere:

… Beschreiben nützt nichts, ansehen. 

Diese Formulierung vom 6. Dezember 1912 wird auf der Rückseite des reichhaltigen, geradezu prächtigen und teilweise mikrologischen Katalogs zur Ausstellung im Michael Imhof Verlag zitiert.[1] Offenbar versagen die Worte beim Versuch der Beschreibung.

Das Beschreiben, das in der Kunstgeschichte eine entscheidende Funktion einnimmt, wird mit Ludwig Borchardts Worten in dem Moment nutzlos, als die Büste der Königin ans Licht kommt. Statt der kunsthistorischen oder ägyptologischen Beschreibung erfolgt nun nach einem trennenden Komma das indikativische „ansehen“.[2] Der Tagebucheintrag vermag den Wunsch, mehr über den Moment des Erscheinens zu wissen, kaum zu befriedigen. Eher wirft er Fragen auf. Denn offenbar sieht Borchardt noch nicht richtig. Was später als eine Krone gelten wird, heißt bei ihm „blaue(…) Perücke, die auf halber Höhe noch ein umgelegtes Band hat“.

Ludwig Borchardt (5.10.1863-12.8.1938), dem zusammen mit James Simon (17.9.1851-23.5.1932) der Katalog gewidmet ist, war zwar kein Ägyptologe, sondern Bauforscher, doch das Scheitern der sprachlichen Erfassung der Büste markiert weniger ein persönliches Manko an Wissen, als vielmehr den Moment der Lichtung selbst, um es einmal so zu formulieren. Die Erfassung der Büste als die der Königin gelingt. Auch die erste qualitative Einordnung der Arbeit – „hervorragend“ - wird sich bestätigen lassen. Doch das Beschreiben wird mit dem ersten Moment seiner Nutzlosigkeit eben dieses als eine schier endlose und durchaus widersprüchlich umkämpfte Arbeit anstoßen. Zahllos die Erzählungen zu Nofretete und ihrer Schönheit.

 

Friederike Seyfried hat als Kuratorin der Ausstellung und Direktorin des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung den Titel wohlüberlegt gewählt und mit ihm nicht zuletzt an Borchardts Fundformulierung – „Farben wie eben aufgelegt.“ – angeknüpft. Die Farben der Büste werden nämlich in einem bemerkenswerten Modus formuliert. Sie sind „wie eben aufgelegt“. Sie sind (wie) frisch. Die „Belichtung“ der Büste am 6. Dezember 1912 vermag es, einen geradezu wundersamen Effekt zu zeitigen. Statt einer zeitlichen Entfernung von ca. 3.300 Jahren sieht Borchardt sie „wie eben aufgelegt“. Die historische Differenz wird durch das Licht in den Farben geschlossen oder gelöscht.

Zu den Farben der Büste ließe sich vermutlich sehr viel sagen. Das sie derart frisch, „wie eben aufgelegt“ sind, hat sicher auch etwas damit zu tun, dass sie eben ca. 3.300 Jahre keinem Licht und keiner sonst Leben spendenden Feuchtigkeit ausgesetzt waren. Denn das Sonnenlicht zerstört auch die Farben, weshalb Nofretete heute kaum dem Licht ausgesetzt wird und die Büste, die wesentlich aus bemaltem Gips besteht, nach Friederike Seyfried überhaupt derart fragil ist, dass sie gar nicht bewegt werden darf und die Erhaltung jener bemalten Gipsform des Gesichts allerhöchste konservatorische Ansprüche stellt.

 

Nofretete hatte Glück. Echnaton nicht. Das sind  die kleinen, kaum sichtbaren Sensationen, die die Ausstellung zeigt. Echnatons Büste, die zusammen mit der Nofretetes in Tell el-Amarna gefunden wurde, war bei Auffindung bereits beschädigt, weil sie prächtiger, z. B. mit Blattgold ausgestattet war. Die Lippen Echnatons waren noch erhalten, wie sich auf Fotos aus der Auffindungszeit und der ersten Aufstellung im Katalog sehen lässt.[3] Bei Borchardt heißt es:

In dem Eckraum des Hauses, an der NO-Ecke, …, liegt eine in 5 Stücke zerschlagene lebensgroße farbige Königsbüste nicht ganz vollständig. Gesicht leider recht ramponiert. Erhalten sind Brust, Stück des Armes, Hals, Gesicht u. Perücke.[4] 

 

Echnaton erlitt zusätzlich Kriegsschäden. Dabei gingen die Lippen verloren. Für die Ausstellung ist die Büste mit Hilfe computergestützter Technik restauriert worden. Echnaton hat wieder die so sprechenden Lippen bekommen. Bevor man die Lebens- oder sonst eine Geschichte von Echnaton und Nofretete zu erzählen beginnt, kann gar nicht deutlich genug die Auffindungssituationen des, um es einmal so zu sagen, Königspaares herausgestellt werden. Echnaton - „ursprünglich bemalter und vergoldeter Kalkstein“ - obwohl heute ungleich glanzloser, lag in Stücken. Nofretete – „Kalkstein, bemalter Stuck, Bergkristall, Wachs“[5] - ganz, fast unbeschädigt in „Farben wie eben aufgelegt“. 

 

Friederike Seyfried lehnt es, wie sie auf der Pressekonferenz sagte, ab, sich an irgendwelchen Spekulationen um ein angebliches Verschwinden Nofretetes zu beteiligen. Stattdessen wartete sie mit einem neuerlichen Datierungsergebnis von Forschern der belgischen Universität Leuwen auf, die kürzlich eine Inschrift gefunden haben, in der Echnaton und Nofretete noch im 16. Regierungsjahr zusammen genannt werden. - Es sind derartig winzige Informationsschnipsel, aus denen sich die großen Ägypten-Romane speisen. Und natürlich wurde auf der Pressekonferenz genau nach diesen Bruchstücken gefragt, weil Journalistinnen, es waren wirklich nur Frauen, doch allzu gern ihren LeserInnen mitteilen würden, wie es 1335 v. Chr. um die königliche Ehe stand. 

 

Die Ausstellung legt einen besonderen Fokus auf die Lebenswelten der kurzzeitigen Hauptstadt Achet-Aton. Nicht die yellow story des Königspaares und seiner Töchter steht im Vordergrund, sondern all jene Fragmente, Bruchstücke, Relikte, die am Ausgrabungsort gefunden wurden, ohne dass sie spektakuläre Berühmtheit erlangt hätten. Doch genau mit dieser Kontextualisierung wird eine wichtige (ägyptologische) Verschiebung vorgenommen. 

 

In der schier endlosen Dynastien-Geschichte der Ägypter spiegelten sich nicht zuletzt im 19. Jahrhundert die modernen europäischen Herrscherhäuser allzu gern selbst. Das Manko an dynastischer Geschichte eines Hauses Brandenburg bzw. Preußen und eines seiner ersten Geschichtsschreiber, nämlich Friedrich II. selbst, wurde mit der Erzählung der Dynastien quasi angefüllt.[6] Denn im Verlust der zumindest teilweisen Legitimation der Herrschaft durch ein Gottesgnadentum, gegen den Friedrich II. anschreibt, verlangt der moderne Herrscher seit Ludwig XIV. nach Geschichte als Erzählungen von den herausragenden und so die Herrschaft legitimierenden individuellen Leistungen der Herrscher aus dem - beispielsweise - Hause Brandenburg. 

  

Ägyptologie hat mit anderen Worten viel mit dem Fehlen von Geschichte zu tun. Sie ist ein Kind der Moderne. So wie Friedrich II. als einer der ersten modernen Monarchen, die sich von der Kirche absetzen oder emanzipieren zum Historiographen seines eigenen Hauses wird, erfüllt auch die Dynastien-Geschichte der Ägypter einen emanzipatorischen Wunsch nach Geschichte. Diese Strategie winkt hinüber ins 20. Jahrhundert und die Geschichte der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG) in Kairo, die von dem Berliner Kaufmann und Mäzen James Simon unterstützt wird. Er und nicht das Kaiserhaus finanzierte die Ausgrabungen 1912. Der Kaiser sah die Nofretete zuerst bei Simon in seinem Haus am Tiergarten. 

 

Eine Ausstellung zu den Lebenswelten in Achet-Aton setzt sich also zumindest teilweise von der Wissensgeste der Dynastien-Geschichte ab. Lebenswelten erfordern mit anderen Worten andere Ausstellungsstücke. Der Reichtum der Ausgrabungen in Tell el-Amarna wird also nicht fetischistisch auf den Superstar Nofretete verengt, sondern kommt allererst in der Vielzahl der vermeintlich „bedeutungslosen“ Objekte ans Licht. Friederike Seyfried beleuchtet, nicht nur den Kontext, sondern auch die Unvollständigkeit dessen, was wir von Echnaton und Nofretete, von Achet-Aton und der sogenannten Werkstatt des Tutmosis, wo die Büsten aufgefunden wurden, wissen können. Anstatt einer geschlossenen Wissensgeste zu unterliegen, sagt sie beim Ausstellungsrundgang mehrfach: 

Wir wissen es nicht. 

Das Konzept der Ausstellung Im Licht von Amarna darf durchaus als Verknüpfung aktueller, internationaler Forschungsanstrengungen gelten. Der Fetisch Nofretete wird,  als Bild weiterhin strategisch präsent, allererst in seiner Funktion als solcher inszeniert. Nicht mehr die Wissensgeste des Experten und seiner großen Erzählungen steht im Vordergrund, sondern die mikrologische Arbeit an Resten und Relikten, die einerseits ans Licht kommen, kontextualisiert werden und andererseits trotzdem nicht (vollständig) entschlüsselt werden können. Der Haufen mit den Schmuckelementen aus Fayence, die Ohrpilze und Skarabäen und kauroidförmigen Perlen sind fast genauso wichtig wie die prominenten Büsten.[7] 

  

Warum heißt der Fundort „Werkstatt des Tutmosis“? Die „Werkstatt des Tutmosis“ ist als Referenz in der Ägyptologie ein, ja, geflügeltes Wort. Der Berichterstatter, der kein Ägyptologe ist, hatte sich durchaus, ohne ein genaueres Studium einzugehen, gefragt, warum die Werkstatt, die des Tutmosis gewesen sein soll, wenn sie doch so offensichtlich mit Echnaton und Nofretete zu tun hat. Auf dem Presserundgang hörte und las er nun zum ersten Mal, dass der Name von einem „unscheinbare(n) Objekt aus einer Abfallgruppe“ herrührt. 

… Seit dem Fund eines Fragments einer Pferdescheuklappe aus Elfenbein, das den Titel und Namen eines >Leiters der Arbeiten und Bildhauers Tutmosis< nennt, wird dieses Hauses jener Person zugesprochen. Gefunden wurde das unscheinbare Objekt in einer Abfallgrube am Rande einer Baumbepflanzung im Hof zwischen den Häusern P.47.2 und P.47.3, so dass man nur von Indizien einer Zuschreibung sprechen darf.[8]    

  

Die Ägyptologie wird so vor allem zu einer fragilen, einer archäologischen Wissenschaft. Das dünne Netz der Zuschreibungen, aus denen sich der ägyptologische Text webt, wird teilweise vom winzigen Detail abgelöst. Auf diese Weise wird deutlich, welche Verfahren der Zuschreibung allererst zu Referenzen führen, die mit der Geste des Wissens in den großen Erzählungen angegeben werden. - Aber der Laie, der Museumsbesucher will Wissen und nicht die Hinterfragung all der wundervollen Geschichten aus der Ägyptologie, könnte nun eingeworfen werden. 

  

Wenn man sich auf das Konzept der Ausstellung einlässt, das auch zu Verunsicherungen von Wissen führen könnte, dann wird sie mindestens genauso spannend, ja, spannender als die Nofretete selbst. Vielleicht ist es nicht nur ein konservatorisches Argument, dass die Nofretete nicht fotografiert werden darf. Man könnte das Fotografierverbot auch einmal so wenden, dass eben nicht jeder Besucher mit dem Smartphonefoto, mit der Belichtung, wie man sagt, die Nofretete einfängt und mit nach Hause nehmen oder auf in sein Facebook-Profil hochladen kann. 

  

Im Dokumentations- und Rezeptionsteil der Ausstellung zum Fund der Nofretete im Untergeschoss kann man noch einmal auf die Auffindungssituation und Rolle der Fotografie zurückkommen. Im Katalog findet sich dazu der Beitrag Nofretete im Fokus. Die ersten Fotografien der Nofretete-Büste von Lars Petersen.[9] Petersen erzählt von einem eher zufälligen Besuch des Prinzen Johann Georg, Herzog von Sachsen (1869-1938) bei den Ausgrabungen am 6. Dezember 1912. Am 7. Dezember werden laut Borchardts Tagebuch die „Königin“ und der Prinz nebst Gattin Prinzessin Mathilde  fotografiert. 

… Es ist bei der bis 12 Uhr dauernden Arbeit nicht leicht, Prinzessin Mathilde von den die Funde noch deckenden Schutt herunter zu locken. […] Jedenfalls zeigen die Herrschaften reges Interesse. […] Um 12 Uhr Rückweg nach Hause; Besichtigung des Fundbüros und nochmalige Begrüßung der Königin von gestern. Gegenseitige photographische Aufnahmen der Gäste und der Ausgrabenden. Die Herrschaften gehen zum Schiff zurück.[10]    

  

Die „nochmalige Begrüßung der Königin“ fällt auf den Fotos mehr oder weniger handgreiflich aus. Heutigen Restauratoren mag durchaus ein Schauer über den Rücken laufen, wie die Grabungsteilnehmer und „Gäste“ die Büsten des Königs und der Königin nach ca. 3.300 Jahren in bloßen Händen halten. „Hans von Berlepsch zeigt den Echnaton-Kopf (ÄM 21251) am Fundort“[11] durchaus besitzergreifend. Die für die Fotografie günstigen Lichtverhältnisse um 12 Uhr am 7. Dezember geben das Ausgrabungsereignis zugleich als ein gesellschaftliches zu sehen und zu bedenken. Die Gäste sehen den „Ausgrabungsarbeiten“ als Inszenierung zu. 

  

Für den Bereich Glaubenswelten der Ausstellung hat Jan Assmann den Beitrag Die neue Staatsideologie – Die Religion des Lichts geschrieben.[12] Er geht dabei auch auf den Monotheismus der Aton-Religion ein und gibt damit zumindest einen Wink auf Moses, den Ägypter. Die Religion des Lichts, der Achet-Aton seine vermutlich nur 12jährige Existenz verdankt, liest Assmann als „Amarna-Trauma“ (S. 83). Was war traumatisch an der von Echnaton – Ach-en-Aton – eingeführten und praktizierten Religion? Und was wäre ein Trauma bei Assmann? Welches Verhältnis funktioniert zwischen Trauma als einem Modus der Verletzung und der religiösen Praxis? Assmann kommt am Schluss seines Beitrages auf die „Zuschreibung der drei großen Pyramiden von Cheops“ zu sprechen und gibt so eine Antwort auf die Frage, warum Echnaton aus dem historiographischen Gedächtnis gelöscht wurde. 

  

Die Geschichte des Ketzerkönigs Echnaton, der in Ägypten nach seinem Tod einer vollständigen damnatio memoriae anheimfiel, ist die bedeutendste Entdeckung, die der Ägyptologie gelungen ist. Echnaton schaffte die traditionelle Religion ab und führte an ihrer Stelle einen neuen Gott ein: den Sonnen- und Lichtgott Aton… (S. 79) 

Jan Assmann arbeitet daraufhin die spezifische Veränderung heraus, die durch Echnaton  als „ein Aufklärer und Bilderstürmer“ mit der Einführung der neuenReligion stattfindet. Das repräsentationslogische Bild wird durch den Prozess, das Werden ersetzt. Das „neue Weltbild“ charakterisiert er „als reine(n) Präsentismus“ (S. 80). Damit spricht er nicht zuletzt ein zeichentheoretisches Problem, weil der „reine Präsentismus“ vor allem die Repräsentation abschafft: 

… Er räumt mit allem auf, was eine Differenz zwischen dem Hier und Nicht-Hier, dem Jetzt und Nicht-jetzt voraussetzt: dem Mythos und den Kultbildern, d. h. den Formen symbolischer Repräsentation… (S. 80)  

  

Das ist zweifelsohne ein tiefer Einschnitt nicht nur im Kontext der Ägyptologie. Vielmehr schlägt Assmann mit seiner Radikalisierung Echnatons ebenso einen Bogen zu aktuellen literaturwissenschaftlichen Diskussionen, indem er das Prozessuale des neuen Kultes herausstellt und zum Trauma macht. 

… Sein neuer Gott ist bei seinem Lauf allein. Alle mythischen Bilder sind aus den Texten verbannt. Da ist keine Mutter mehr, die den Gott des Morgens gebiert, keine Amme, die ihn aufzieht, kein Feind, den es zu überwinden gilt, kein Totenreich, in das der Gott des Nachts hinabsteigt… (S. 81)  

  

Die Abschaffung der Repräsentation durch „reine(n) Präsentismus“ erweist sich nach Assmann als fatal. „Die „Restaurationsstele“ Tutanchamuns enthält die bitterste Abrechnung, die je eine ägyptische Königsschrift über eine vorausgehende Epoche gemacht hat“. (S. 83) Die Abrechnung hat nach Assmann Folgen für die Spuren der Amarna-Zeit. Sie werden nahezu völlig gelöscht. Das Trauma hinterlässt für Assmann einerseits eine Spur und führt zugleich zur „Spurenvernichtung“. Die „Spurenvernichtung“ wird so zur Spur des Traumas. Das Löschen wird sozusagen zur Spur. Da wo etwas hätte repräsentiert sein müssen, lässt sich nichts finden. 

  

Einerseits lassen sich sehr wohl Spuren der Amarna-Zeit oder von Achet-Aton finden, sonst gäbe es Echnaton und Nofretete nicht. Andererseits wird der Mangel an Spuren für Assmann gerade zur „bedeutendste(n) Entdeckung“. Vor allem aber geschieht das Trauma, von dem Assmann spricht, in eben dem Modus, der sich nicht nur in der „Vernachlässigung“ und Löschung von repräsentationslogischen Spuren der anderen Götterbilder vollzieht, sondern in dem Vermögen zur Re-Präsentation überhaupt. Damit wird angegriffen, was dem Trauma nach Siegmund Freud helfen soll, nämlich das Erzählen. Anders gesagt: wenn die Logik der Repräsentation nicht mehr funktioniert, weil nur noch die Gegenwart eines stetigen Werdens, eines Prozesses, eben der „Präsentismus“ gilt, gibt es keine Erzählung mehr. Ein repräsentationslogischer Wert der (Götter-)Bilder wird nicht mehr unterstützt. Deshalb kam Echnaton auch ohne einer Vielzahl von (Götter-)Bildern aus. Einzig das Bild der Sonnenscheibe, das eben auch kein Bild ist, weil es sich nur unter Verlust des Augenlichts direkt ansehen lässt, also zeitweilig oder dauerhaft blind macht, wird zum Bild des Herrschergottes Aton. Doch soweit geht Assmann mit seiner Durcharbeitung des Aton nicht. Er bemüht vielmehr die große Erzählung, die dann als Interpretation der drei großen Pyramiden von Gizeh ausgestaltet wird.   

 

Was sich an der faszinierenden Ausstellung Im Licht von Amarna beobachten lässt, ist nicht zuletzt die Arbeit des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung, die eben nicht in der Beantwortung der Frage, weshalb Nofretete quasi ein Auge fehlt, ihr Ende findet. Die Arbeit an den Funden wird immer wieder auch neue Fragen hervorbringen. Zumindest ist diese Ausstellung kein Abschluss als letztgültiges Ergebnis, als neue Nachricht oder schlechthin das Neue von Nofretete als des Rätsels Lösung. Vielmehr führt sie vor, dass immer wieder neue Fragen gestellt werden müssen im Prozess der Zuschreibungen. 

  

Zum Schluss der großen Ausstellung wird Kerstin Behnke mit der Berliner Cappella am Sonnabend, den 13. April 2013 um 20:00 Uhr im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof Philip Glass’ Echnaton konzertant aufführen. Und wenn man sich an die Aufführung Echnatons in der Parochialkirche 2009 erinnert, dann kann man sich diesen Termin nur vormerken.     

 

Torsten Flüh 

 

IM LICHT VON AMARNA
100 JAHRE FUND DER NOFRETETE 

7. Dezember 2012 bis 13. April 2012
Neues Museum
Ägyptisches Museum und Papyrussammlung 

Öffnungszeiten

Mo      10:00 Uhr - 18:00 Uhr
Di       10:00 Uhr - 18:00 Uhr
Mi       10:00 Uhr - 18:00 Uhr
Do      10:00 Uhr - 20:00 Uhr
Fr       10:00 Uhr - 18:00 Uhr
Sa      10:00 Uhr - 18:00 Uhr
So      10:00 Uhr - 18:00 Uhr 

Eintrittspreise 

bis: 13.01.2013

14,- €, ermäßigt 7,- €
(Museumskarte Sonderausstellung Russen und Deutsche + Im Licht von Amarna + Neues Museum)
Tickets buchen 

ab: 14.01.2013
14,- €, ermäßigt 7 €
(Museumskarte Sonderausstellung Im Licht von Amarna + Neues Museum) 

 

Im Licht von Amarna
100 Jahre Fund der Nofretete

Katalog
23 x 26,7 cm, ca. 380 Seiten
ca. 250 Abbildungen, Hardcover
ISBN 978-3-86568-842-2 (deutsch)
ISBN 978-3-86568-848-4 (englisch)
Euro (D) 29,95 €
CHF 40,90
Euro (A) 30, 80

 

Sonnabend, 13. April 2013, 20 Uhr
Hangar 2 des Flughafens Tempelhof

"Erhebe Deine Stimme" - Mitsingekonzert
Philip Glass: Echnaton (konzertante Aufführung)
Deutsches Filmorchester Babelsberg
Lichtinstallationen: Katrin Bethge
Berliner Cappella
Leitung: Kerstin Behnke

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[1] Seyfried, Friederike (Hg. für Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz): Im Licht von Amarna – 100 Jahre Fund der Nofretete. Berlin 2012
[2] Vgl. auch Jung, Mariana: 100 Jahre Fund der Nofretete. In: Seyfried, Friederike … S. 421
[3] Vgl. Kataloge S. 448 ABB.2 und 459 zusammengesetz (historische Fotos) und siehe dazu S. 335 (ohne Lippen)
[4] Ebenda S. 334
[5] Ebenda S. 336
[6] Friedrich II.: Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg. Berlin 1747/48.
[7] S.o. Katalog S. 302 und 303
[8] Siehe Foto von der Aufschrift zum Modell der „Werkstatt des Tutmosis“
[9] S.o. Katalog S. 445 ff
[10] Ebenda S. 446
[11] Ebenda S. 448 ABB. 2
[12] Ebenda S. 79-83