Festival-Stimmung - Charlotte Hug, Oliver Schneller, Michael Gordon, Robyn Schulkowsky und Joey Baron beim Auftakt von MaerzMusik 2013

Schlag – Klang – Komposition

 

Festival-Stimmung

Charlotte Hug, Oliver Schneller, Michael Gordon, Robyn Schulkowsky und Joey Baron beim Auftakt von MaerzMusik 2013

 

Am Freitagabend wurde im Haus der Berliner Festspiele das Festival für Aktuelle Musik MaerzMusik eröffnet. Die Extremmusikerin Charlotte Hug spielte auf ihrer Viola in „Weichbogentechnik“ und erzeugte mit ihrer Stimme Klänge im Obertonbereich in einer eigenen Installation ihrer auf langen, halbtransparenten Bahnen gezeichneten Son Icons mit dem Titel Mercurial Touch. Zweifelsohne ein Höhepunkt, der noch einmal am 22. März um 18:00 Uhr zu erleben sein wird.

Die Herstellungsprozesse der im Foyer des Rangs installierten Son Icons für die Soloperformance Slipway to Galaxies sind äußerst komplex. Sie generieren Zeichnungen beispielsweise durch 40stündigen Schlafentzug, funktionieren als Partitur und Bühnenbild zugleich. Klangbilder werden Bilderklang und spielen ständig mit Grenz-Erfahrungen. Sie entstehen durch die Gezeiten an der Irischen Atlantikküste oder durch Mineralien der Engadiner Inn-Quelle. Farbintensität und Linienführung werden von Charlotte Hug in Klänge transformiert, um eine geradezu kosmologische Aufführung hervorzubringen.


Thematische Personalisierungen von Festivalprogrammen, wie im vergangenen Jahr mit John Cage geschehen, lassen sich möglicherweise leichter vermitteln. Es ist eine Hilfskonstruktion. In diesem Jahr ist MaerzMusik in drei Felder aufgeteilt, die es erst einmal zu entdecken gilt: „Schlagwerke“, „[Um]Brüche: Türkei – Levante – Maghreb“  und „Minidrama – Monodrama – Melodrama“. Das Festival-Programm wurde von seinem künstlerischen Leiter, Mathias Osterwold, also breit gefächert. Das macht es allerdings auch ein wenig unübersichtlich und dem Publikum bei der Auswahl nicht ganz leicht.


Der Eröffnungsabend stand mit Timber von Michael Gordon, aufgeführt durch Slagwerk Den Haag, und Kompositionen von Christian Wolff in der Sonic Arts Lounge um 22:00 Uhr durch Robyn Schulkowsky & Joey Baron ganz im Zeichen der Schlagwerke und Schlagzeuge. Mit Michael Gordon und Christian Wolff kamen gleich zwei recht unterschiedliche Komponisten zum Zuge. Schlagwerk, so lässt sich sagen, bietet eine breite Klangvielfalt, bei der es sich lohnt, einmal genauer hinzuhören. Und genau das macht ein Festival für Aktuelle Musik aus: Der Experte als Publikum ist weniger gefragt als vielmehr Hörer mit offenen Ohren, die sich einmal intensiver einzelnen Bereichen der Aktuellen Musik widmen wollen, können, sollten.


Das Programm von MaerzMusik wartet mit etlichen Uraufführungen auf - oder zumindest deutschen Erstaufführungen. Das macht einen guten Teil der Qualität des Festivals aus und lässt es zugleich zu einem Treffen der Komponisten und Musiker der Szene werden. Timber von Michael Gordon wurde in deutscher Erstaufführung geboten. Deshalb können die Hörer natürlich nie wissen, worauf sie sich einlassen. Gerade das bereitet den Reiz, das Kribbeln.


Wenn Unerwartetes eine bemerkenswerte Stimmung erzeugt, ist die Uraufführung schon gerettet. Der Ausschnitt aus Slipway to Galaxies von und mit Charlotte Hug  am Freitag war ebenso eine Uraufführung wie For a Medley und Bass Drum Duo für Joey und Robin von Christian Wolff. Und beim Bass Drum Duo reißt dann der legendären Robyn Schulkowsky, die der Berichterstatter schon in den 70er und 80er Jahren im Radio hörte, das – beinahe hätte ich gesagt - Trommelfell, nein, die Bespannung der Basstrommel. Eine Katastrophe war das nicht, aber ein doch ziemlich einmaliger Augenblick, den Robyn Schulkowsky gekonnt in die Performance einbaute.


Mit MaerzMusik ist der Hörer durch die Uraufführungen ganz nah dran am Hören eines allerersten Mals. Das stellt ihn natürlich auch vor eine besondere Problematik des Sprechens, Schreibens, worauf nicht zuletzt mit der Uraufführung von Chico Mellos Pills or Serenades am gestrigen Samstagabend zurückzukommen sein wird. - Hier nur soviel: Die „Stimmungsstudie“, wie Chico Mello sein Minidrama nennt, wird noch einmal am Montag, den 18. März, um 20:00 Uhr aufgeführt: Hingehen! – Sagen, was man gehört hat, ist eine nicht zu unterschätzende Arbeit. Soll man Übersetzungsarbeit sagen? Was hört der Hörer, wenn es ein erstes Mal ist?


Das Aktuelle der aktuellen Musik hat immer mit dem ersten Mal zu tun. Und dem wohnt gewiss ein Zauber inne. Man kann ja auch enttäuscht werden. Mit S. und ihrem Begleiter saß der Berichterstatter also nach Timber und vor Bass Drum Duo im Foyer der Berliner Festspiele und suchte nach Worten ebenso wie die beiden anderen, was gehört worden war. War toll. Vor Timber hatte der Berichterstatter noch gedacht 60 Minuten auf Latten hauen? Was das wohl wird, vor allem hoffentlich nicht langweilig. Also Timber heißt eben soviel wie Holz, Holzlatten, Balken, Bauholz. Sprache hilft etwas.

 

S. und ihrem Begleiter ging es genauso, dass sie noch gar nicht sagen konnten, was sie gehört hatten. Und dann fingen wir an. Eine Erzählung vom Hören beginnt. Unordentlich zunächst. - Zuerst dieser Hall, da dachte ich, das wird abgemischt. Dann wurde klar, dass dieser Halleffekt durch das schnelle Schlagen auf den „Latten“ von unterschiedlicher Länge kam. Sehr präzise. - Ja, und der „Schläger“ links hat auch noch dirigiert. Manchmal nur mit dem Oberkörper, manchmal auch mit Handzeichen. – Ist ja klar, dass unterschiedlich lange „Latten“ verschieden hohe Töne erzeugen können. Hatte ich mir nur nie zuvor Gedanken drüber gemacht. – Es gab soviel unterschiedliche Klangfarben. – War immer spannend, was wohl als nächstes passiert. – Und eine dynamische Steigerung war auch zum Schluss drin.


In der Percussion werden ständig neue klingende Instrumente erfunden. Wie soll man also vorher wissen, wie sich Timber anhört, wenn es vorher nicht zu hören war? Der Schlag erzeugt Klang in einer unendlichen Varietät. Insofern kann man sagen, dass Timber durchaus ein neues Instrument ist, das im Klangspektrum der Percussion auf die 70er Jahre verweist, in denen Robyn Schulkowsky als Pionierin ein ganzes Arsenal neuer Schlagzeuge entwickelte, im Alltag fand und für das Karlheinz Stockhausen, Maurizio Kagel, Walter Zimmermann, Rebecca Saunders, Sofia Gubaidulina und Wolfgang Rihm eigene Werke komponierten oder Schulkowsky diese uraufführte. Vielleicht zeichnet sich die – aktuelle – Musik des letzten Drittels des Zwanzigsten Jahrhunderts sogar dadurch aus, dass die Percussion um immer neue Schlagzeuge erweitert wurde und dies weiterhin geschieht.


Percussion hat wohl eine besondere Affinität zur Straße oder zu Lebenswelten. Die Streichinstrumente oder das Klavier, der Flügel gar, sind Instrumente des Haushalts und des Bürgertums. Schlagzeuge lassen sich immer und überall finden, sobald irgendjemand anfängt zu schlagen und Klang zu erzeugen. „Es gehört eben auch zu den schöneren Dilemmata der Musikgeschichte, dass täglich neue Schlagzeuginstrumente erfunden werden,“ schreibt Björn Gottstein in seinem für die Programmblätter von MaerzMusik 2013 geschriebenen Essay RakatungtungrakatungonBurubummbummbumm.


Doch nicht nur die Instrumente, wenn sich denn noch von einem speziell für die Musik angefertigten Instrument sprechen lässt, werden ständig neu „erfunden“. Vielmehr spielt sich das Erfinden beim Schlagzeug im Modus des Findens ab. Die Schlagzeuge als Musikinstrumente sprengen eben auch die Grenzen eines klassischen Instrumentariums, mit dem Musik gemacht wird. Die Schlagzeuge entziehen sich mittlerweile einer Systematisierung, wie es Gottstein an dem auch vergeblichen Bemühen um 1970 thematisiert:

Nichts verleitet so zur Systematisierung wie das vielseitige Arsenal des Schlagzeugers. Als um 1970 herum gleich drei Bücher erschienen, die sich der Rolle des Schlagzeugs in der neuen Musik widmeten, stand die Erfassung und Systematisierung der Instrumente im Mittelpunkt… Aber wie verhält es sich mit den Water Gongs, wenn ein schwingend-klingender Gong langsam ins Wasser getaucht wird? Wo genau hat der Drumcomputer seinen Platz? Wo ein Drumset gewordenes Streichquartett?    


Mit einem Schlag werden die wissenschaftlichen Modi der Systematisierung fraglich. Natürlich sind die Latten für Timber präpariert. Aber sie werden allererst zum Musikmachen instrumentalisiert. Sie sind nicht einfach Instrument, sondern werden durch den Schlag und das Schlagen, um vorerst bei diesem Modus zu bleiben, zum Schlag-Zeug. Anders formuliert: Der Ursprung der Musik liegt nicht in der Herstellung eines Instrumentes, sondern in einer Praxis, radikal gesagt, nichts und alles zum Instrument zu machen. Zeug klingt, wenn es auf irgendeine Weise zum Klingen gebracht und in einer Komposition zum Instrument transformiert wird.


Foto: Ali Ghandtschi 

 

Schlagwerke lassen sich mit anderen Worten schwer eingrenzen. Ein Schlag ist nicht nur ein Schlag, sondern kann auch als ein Schaben, Kratzen, Streichen Klang erzeugen. Während bei Timber der Klang auch durch eine rhythmische Präzision und, um es einmal so zu sagen, Schichtungen von Klängen geht, komponiert Christian Wolff für Joey Baron und Robyn Schulkowsky, indem er deren Improvisationen einkalkuliert, was er einmal für das am Samstag uraufgeführte For a Medley ausführlicher formuliert hat.

„For a Medley“ ist, wie so oft bei mir, aus einzelnen, aneinandergereihten Teilen und Stücken entstanden, inklusive Bestandteilen, bei denen jeder Spieler eine Folge gemeinsamer kurzer Phasen frei auswählen kann, auf diese Weise eine Art anarchischen Kanon gestaltet  und improvisierend musikalische Entscheidungen im Moment der Aufführung trifft. (Programmblatt Robyn Schulkowsky & Joey Baron)


Man könnte nach Christian Wolff also durchaus sagen, dass jede Aufführung von For a Medley das Erlebnis einer Uraufführung generiert.Natürlich bedeutet jede Aufführung, jedes Live eines Musikstückes unvorhersehbare Aktualisierung. Doch während bei den meisten Partituren und Repertoire-Aufführung die Inszenierung darauf angelegt ist, dass möglichst das Gleiche mehrmals wiederholt werden kann, durchbricht und unterläuft Christian Wolff geradezu den Erwartungshorizont einer Aufführung als Aktualisierung.


Im Eingangsbereich des Hauses hat der Komponist Oliver Schneller, der auch den Bereich „[Um]Brüche: Türkei – Levante – Maghreb“ kuratiert hat, seine Klanginstallation Polis. Istanbul- Kairo – Jerusalem – Beirut von 2009 aufgebaut. Es ist eine „8-Kanal-Soundscape Montage“, die von 14:00-18:00 Uhr und jeweils zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn, erlebt werden kann. Unmittelbar vor der Aufführung leidet die Installation sehr darunter, dass der allgemeine Lautstärkepegel zu hoch ist. Schneller hat nach Plan zu gleichen Zeiten in Istanbul, Kairo, Jerusalem und Beirut Klanglandräume aufgenommen und so geschnitten, dass man die Städte entweder einzeln hören kann oder sich aus ihnen ein quasi quadrophoner Raum ergibt.


Während mit Pills or Serenades auf den Musiktheaterbereich von Minidrama, Monodrama, Melodrama ausführlich zurückzukommen sein wird, soll hier schon angemerkt werden, dass Oliver Schneller klugerweise die Musik für [Um]Brüche nicht unter der Konstruktion einer islamischen Musik zusammenfassen wollte. Denn es gibt den Islam als homogenes Gebilde ebenso wenig, wie es eine islamische Musik gibt. Perser verstehen sich nicht als Türken oder Araber und die Musik des Libanon kennt die unterschiedlichsten konfessionellen Strömungen und Einflüsse. Dass homogenisierende, diktatorische Systeme in Tunesien, Libyen, Ägypten und Syrien zusammengebrochen sind oder zusammenbrechen, hat wohl den Fokus auf islamische Machtstrukturen gelenkt. Aber wie es Schneller vermeidet einen homogenen Klangraum mit Istanbul, Kairo, Jerusalem, Beirut zu installieren,  wäre es ebenso falsch von einer islamischen Musik zu sprechen oder diese hören zu wollen.


MaerzMusik 2013 ist eröffnet und zeigt in seinem Logo eine flächige Ansammlung von Punkten, die sich als Löcher in einer Lautsprechermembran sehen ließen. Darüber das rote Rechteck der Festspiele, das sein Intendant, Thomas Oberender, zum Logo gemacht hat. MaerzMusik bietet Ausschnitte aus einer vielfältigen Aktuellen Musik, in die es sich meistens auf höchstem Niveau hineinhören lässt.

 

Torsten Flüh

 

 

MaerzMusik 2013

 

 


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