Gärtnern an einem Sommerabend - Zu Almut Hüflers Vortrag Gartenfreuden. Paradoxien der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies

Garten – Do it yourself – Heterotopie

 

Gärtnern an einem Sommerabend

Zu Almut Hüflers Vortrag Gartenfreuden. Paradoxien der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies anlässlich der Ausstellung Do it yourself im Museum für Kommunikation

 

Am Dienstagabend - im 2. Stock des Museums für Kommunikation hatte sich die Sommerhitze aufgestaut – hielt die Germanistin Almut Hüfler vom ZfL unter Anknüpfung an Michel Foucaults Radiovortrag Les hétérotopies vom 7. Dezember 1966 einen Vortrag zu Gartenfreuden. Denn das Gärtnern ist die Do it yourself-Tätigkeit - wenigstens seit dem 20. Jahrhundert - par excellence und passt damit zur aktuellen Ausstellung im Museum für Kommunikation. Bekanntlich profitiert eine ganze Garten- und Heimwerkerindustrie vom DIY.

Für Foucault ist der Garten das „älteste Beispiel einer Heterotopie“. Sein populärer Radiovortrag Die Heterotopien erfährt nicht zuletzt deshalb eine Wiederentdeckung, weil er in Krisenzeiten das Versprechen auf „Gegenräume“ als „lokalisierte Utopien“ formuliert. Jede „menschliche Gruppe“ schneide wahrscheinlich „aus dem Raum, den sie besetzt hält, …, utopische Orte aus und aus der Zeit, in der sie ihre Aktivitäten entwickelt, uchronische Augenblicke“.

Almut Hüfler schlug dementsprechend einen weiten erzählerisch-imaginären Bogen von der biblischen Vertreibung aus dem Garten Eden bis zu aktuellen Sozialutopien des Guerilla Gardening und Urban Gardening. - Schauplatz der Fotos für diesen Artikel ist ein ganz normaler und zugleich einzigartiger Garten eines Eigenheims irgendwo in Deutschland am 23. Juli 2012 nach 20:00 Uhr.

Hüfler knüpfte mit ihrem Vortrag also an eine Verschränkung der Erzählung vom Garten als konkreten Ort und damit auch einer paradoxen Utopie sowie Michel Foucaults Projekt „einer Wissenschaft“ an. Paradox ist die Topologie des Gartens als Utopie schon deshalb, weil eine Utopie ein erträumter, imaginierter (Nicht-)Ort ist. Deshalb spricht Foucault von Heterotopien.

Eh bien! je rêve d’une science – je dis bien une science – qui aurait pour objet ces espaces différents, ces autres lieux, ces contestations mythique et réelles de l’espace où nous vivons. Cette science étudierait non pas les utopies, puisqu’il faut réserver ce nom à ce qui n’a vraiment aucun lieu, mais les hétéro-topies, les espaces absolument autres; et forcément, la science en question s’appellerait, s’appellera, s’appelle l’hétérotopologie. De cette science qui est en train de naître, if faut donner les tout premiers rudiments.[i]

Der Traum „von einer Wissenschaft“ betont bereits einen bestimmten Modus dieser Wissenschaft, der gerade mit der Emphase des „Eh bien!“ im Französischen des Radiovortrags das Imaginäre deutlich hervorruft.[ii] Die „Heterotopologie“ handelt von Gegenräumen, den ganz anderen Räumen, „les espaces absolument autres“, „reale(n) Orte(n) jenseits aller Orte“. Und es sind Orte, die sich in Bewegung finden – „keine einzige Heterotopie, die konstant geblieben wäre“. Foucault definiert die Wissenschaft von der Heterotopie als eine gesellschaftliche Notwendigkeit:

… Es gibt wahrscheinlich keine Gesellschaft, die sich nicht ihre Heterotopie oder ihre Heterotopien schüfe… (S. 11)

Der Garten nimmt als Paradigma für die Heterotopie eine besondere Funktion ein, worauf Hüfler hinwies. Denn bereits in der Bibel ist der Garten, in den Gott Adam und Eva setzt, ein Teil der Welt, der Erde, der besonders privilegiert wird:

Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. (Genesis 2,8)

In der biblischen Erzählung ist der Garten Eden Teil der Welt und zugleich ihr Ursprung. Dennoch ist der Garten topologisch wie chronologisch begrenzt:

Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen. (Genesis 2,10 – Bibel in der Einheitsübersetzung – Universität Innsbruck)

Anders gesagt: Die sprachlich verfasste Topologie des Garten Eden ist nicht einfach nur eine verlorene Utopie, vielmehr ist sie von Anfang an eine Heterotopie, weil sich die Grenzen nicht genau fassen lassen. Insbesondere Genesis 2, 10 macht es schwer, festzulegen, wo der Strom entspringt und wo er sich „zu vier Hauptflüssen“ teilt. Einerseits entspringt er in Eden, andererseits teilt er sich noch im Garten.

Was mit der Genesis zu einem Problem des Übersetzens, der Syntax und der topologischen Erzählung wird, verweist auf den Garten als Heterotopie, als

eine jahrtausendealte Schöpfung, die im Orient ohne Zweifel magische Bedeutung besaß. Der traditionelle Garten der Perser war ein Rechteck, das in vier Teile unterteilt war – für die vier Elemente, aus denen die Welt bestand. In der Mitte, am Kreuzungspunkt der vier Teile,  befand sich ein heiliger Raum: ein Springbrunnen oder ein Tempel … (S. 15)

Während nach Genesis 2,9 in der Mitte des Gartens Gott den Baum der Erkenntnis wachsen lässt, befindet sich im Garten der Perser an diesem Ort „ein Springbrunnen oder ein Tempel“ nach Foucault.        

Der Garten ist für Foucault ein Text oder zumindest ein Teppich, genauer ein Orientteppich, der zugleich den Garten als Wintergarten reproduziert und Ort der Erzählung ist. Das Verweben des Gartens in Foucaults Radiotext führt die heterotopische Aktivität vor. Garten, Orientteppich, Welt und Roman werden wissenschaftlich verwoben.

... On voit que toutes les beautés du monde viennent se recueillir en ce miroir. Le jardin, depuis le fond de l’antiquité, est un lieu d’utopie. On a peut-être l’impression que les romans se situent facilement dans des jardins; c’est qu’en fait les romans sont doute nés de l’institution même des jardins. L’activité romanesque est une activité jardinière. (S. 45)  

Der Garten und die gärtnerische Tätigkeit werden von Foucault in dem Beitrag mit dem Roman und dem Schreiben eines Romans gleichgesetzt: „L'activité romanesque est une activité jardinière.“ Als Heterotopie sind Garten und Roman jene ganz anderen Orte der Imagination, die sozusagen aus der Realität ausgeschnitten sind. Insofern sind Heterotopien immer auch Literatur.

Hüfler sieht nun allerdings die Vertreibung aus dem Paradies als ein ursprüngliches Motiv des Gartens von einer „Erzählung von einer besseren Welt“. Und mit der Vertreibung setze das paradoxe Versprechen des Do it yourself ein. Denn Gott vertreibt den Menschen zur Strafe aus dem Paradies, wo alles wie von selbst lief. Stattdessen muss er nun unter erschwerten Bedingungen alles selbst machen. Die Vertreibung als Verlust einer quasi selbsttätigen Natur wird zur Bruchstelle, an der der Mensch den Samen in die Hand nehmen muss und damit den „Akt vom Einpflanzen der Natur“.

Von Jean Jacques Rousseaus Roman Émile ou De l’éducation (1762) und den Gartenbildern in seiner Julie ou la Nouvelle Héloïse (1761) schlug Almut Hüfler einen kontrastierenden Bogen zu Friedrich Schillers Jenaer Vorlesung und dem Menschen als „Schöpfer seiner Glückseligkeit“. Die Vertreibung führt sozusagen im Projekt der Aufklärung zum „Paradies der Erkenntnis“. Während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Garten ein „Schutz vor einer bedrohlich empfundenen Welt“ wird, war er im Absolutismus für Ludwig XIV. noch Repräsentation einer imaginären Welt, die ganz auf den Herrschergott ausgerichtet ist.

Näher ging Hüfler auf die Heterotopie des Gartens in Johann Wolfgang Goethes Wahlverwandtschaften (1809) ein. In den Wahlverwandtschaften wird der Garten zu einem Schauplatz von „Täuschung und Selbsttäuschung“. Ein wichtiges Motiv für die Täuschung im Garten seit dem 18. Jahrhundert sind die Ha-Ha- oder Aha-Gräben. Sie sind nämlich einerseits eine Eingrenzung des Gartens als Landschaft, andererseits sind die Mauern in Gräben versteckt, so dass die Landschaft des Gartens über ihn hinaus geht. Der Gartenbesucher sieht den Graben als Grenze erst, wenn er unmittelbar davor steht und dies mit einem Aha oder Ha-Ha quittiert.

Der Aha-Graben als Begrenzung, die gleichzeitig zur Täuschung einer unbegrenzten Repräsentation von Welt und zur Markierung von Eigentum wie Ausgrenzung fremder Einflüsse – Diebe, Tiere, Wildtiere etc. – dient, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Denn mit dem Aha-Graben wird im Kontext der Aufklärung und aufgeklärter Herrschaft der Anspruch der gottähnlichen Beherrschung von Welt erhoben, die an keine Grenzen mehr stößt.

Doch das Problem der Grenze, die sich erst im Moment des Aha oder Haha sehen lässt, betrifft auch die imaginäre Unbegrenztheit des Subjekts in seiner Selbstbeherrschung. Es steht nämlich nun plötzlich vor einem Graben, in dem eine Mauer lauert. Scheint dem herrschenden Subjekt der Aufklärung beispielsweise als Friedrich der Große keine Grenze mehr unüberwindbar, definiert er sich geradezu folgerichtig durch die Übertretung von Grenzen jeglicher Art als herrschendes Subjekt, so wird es doch durch plötzliche Aha-Gräben in seine Schranken verwiesen.  

Am Ende des 18. Jahrhunderts lassen sichLandschaftsgärten mit Humphrey Reptons Red Books quasi seriell reproduzieren. Mit den Vorher-Nachher-Büchern und dem Erfahrungsschatz von nahezu 60 Landschaftsgärten wird die Natur verbessert. Der Landschaftsgarten spiegelt nunmehr die Kultur des Gartens vor allem als verbesserte Natur und Welt wider. Gleichzeitig wird der Auftraggeber zu einem quasi natürlichen Herrscher über eine Welt, die schier grenzenlos zu werden scheint, was sicher nicht nur zufällig mit überseeischen Kolonien, Sklaven- und Dreieckshandel korrespondiert.  

In ihrem letzten Teil ging Hüfler auf prominente, aktuelle und extreme Gartenformen ein, nämlich einmal den virtuellen Garten als „Eskapismus“ und dem Garten in der Stadt als „Sozialutopie“. In Projekten wie dem Tropical Islands - „Europas größte tropische Urlaubswelt“ - im Brandenburgischen Krausnick, Ortsteil Brand, und der „Echtzeit-Farmsimulation“ FarmVille auf Facebook formieren sich extreme Gärten. Für beide Gartenformen gilt, dass sie bessere Welten versprechen, in die sich bei Bedarf aus dem lästigen oder anstrengenden Alltag fliehen lässt. Der Garten als Freizeitpark Tropical Islands wirft nach Hüfler ein Licht auf die „wandelbare Vorstellung von Ursprünglichkeit und Authentizität“.

Doch der Garten als Sozialutopie wie er in den Konzepten vom illegalen Guerilla Gardening oder im legalen Urban Gardening vorkommt, lässt sich nicht einfach von der eigenen Geschichte am anderen Ort trennen. Ging und geht es beim Guerilla Gardening darum, freie Flächen in der Stadt beispielsweise New York ohne Erlaubnis in einen Garten zu verwandeln, so sucht Urban Gardening eine Auflösung des Widerspruchs von Stadt und Natur in der Stadt mit Hilfe stadtplanerischer Strategien. In beiden Fällen ist das Gebot des Do it yourself zum Motor von Grenzverschiebungen geworden. Was sich scheinbar in der Gesellschaft als Widerspruch nicht lösen lässt, wird in die eigenen Hände genommen.

Die Implikationen des Guerilla und Urban Gardening entsprechen sehr genau Michel Foucaults Formulierung einer Heterotopie. Das Gärtnern wird zu einer Aktivität, die sich nicht einfach nur außerhalb oder am Rande einer Gesellschaft verorten lässt. Vielmehr mobilisiert sie die Gegenkräfte und Gegenorte eines in Zeiten der Krise geradezu hysterischen Diskurses der Wertschöpfung, der sich als Wertverlust entlarvt. Genau diese Gegenbewegung führt allerdings wie schon im New York Anfang der 80er Jahre nicht zur Ent- sondern Aufwertung städtischen Raums, der aufgewertet selbstverständlich das Investitions- und Kaufbegehren steigert. Das subversive Gärtnern im städtischen Raum auf Brachen und Industrieruinen führt diese quasi zurück in einen Wertschöpfungsprozess und stellt Eigentumsfragen anders.

Foucaults Konzept einer Heterotopologie kann insofern durchaus zur Klärung gesellschaftlicher Narrative wie dem Garten beitragen. Das Narrativ des Gartens an der Schnittstelle von Natur und Kultur, aber auch als Ausschnitt des anderen aus dem imaginären Raum einer vorherrschenden Gesellschaft und ihrer Funktionsweisen erweist sich als besonders fruchtbar. Zum Einen streicht Foucault in seinem Vortrag mit dem eröffnenden Absatz gerade das Selbstmachen mit dem découpe (S. 39) heraus. Zum Anderen wird damit allerdings auch deutlich, dass der Ausschnitt durchaus eine Beziehung zum Raum der Gesellschaft unterhält. Das Andere existiert quasi nur und allererst als Ausschnitt, wenn es ausgeschnitten worden ist. 

Bei dem von Almut Hüfler mit Foucault grob skizzierten Bogen ging es um reale Gärten, wenn man es einmal so formulieren will. Die Gärten des Guerilla Gardening und Urban Gardening oder der Entdeckung der postindustriellen Stadt als Raum der Bio-Diversität, also durchaus als Garten, verschieben aktuell auch das Narrativ Garten. Wird es in den Kulturraum der Stadt als Lösung ökologischer und ökonomischer Probleme zurückkehren? Die Galeries Lafayette in der Friedrichstraße des französischen Stararchitekten Jean Nouvelle präsentieren längst ihre Fassade als vertikalen Garten.

Doch die Heterotopologie müsste sich eben auch mit jenem Garten als Versprechen, dem Paradies, befassen, der Selbstmordattentäter und -attentäterinnen dazu veranlasst, sich selbst und ihre Zielgruppen in die Luft zu sprengen. Auch hier, ja, in extremen Maße herrscht hier das Do it yourself als Befehl. Denn das Versprechen auf das Paradies, also den Garten Eden ohne die Beschränkung des Hungers und des Verzichts, ist doch zumindest so real und mächtig, dass es Kriege zu entfachen vermochte und vermag. Der Garten ist mit nichten als Heterotopie ein Ort des Friedens. Bombenbasteln, Sprengstoffgürtel und Urananreicherung sind zutiefst mit dem Paradies, das etymologisch auf nichts anderes als den Garten selbst verweist, wie Hüfler anmerkte, verknüpft.

Der Garten ist äußerst wirkungsmächtig und auch auf schwierige Weise mit dem Do it youself, mit dem Selbst, das zum Macher und Schöpfer wird, verkoppelt. Die Künstler des Projektes Datscha-Radio - „a garden in the air. Berlin-Rosenthal“ - haben deshalb nicht ganz unrecht, wenn sie verkünden: „Ein Garten ist mehr als eine Metapher“. Wenn man die Metapher nur als ein sprachliches Bild formuliert und dieses von einer Strukturierung von Wirklichkeit entkoppelt, mögen die Aktivisten von datscharadio recht haben. Doch die Metapher transportiert oder sendet eben nicht nur etwas, vielmehr bringt sie dies allererst hervor.      

Es ist vielleicht weniger ein Paradox als ein Dilemma, in dem sich das Do it yourself des Gärtnerns abspielt und abspielen muss, weil es sich (nicht) in einem Widerspruch zur Topologie der Gesellschaft befindet. Die Wahlmöglichkeit des Do it yourself, im Garten etwas selber zu machen oder machen zu lassen, spielt sich an jener seltsamen, vielleicht sogar unheimlichen Grenze ab, in der ein Haufen aus Heckenschnitt sich selbst und damit den Ameisen, ihrer Brut, Spinnen und Würmern überlassen wird, die sich dann ungehindert vermehren. Man muss selbst die mühsame und zeitraubende Arbeit des Harkens und Verpackens in Biomülltüten machen.

 

Torsten Flüh

 

Museum für Kommunikation - Berlin

Do it yourself

Die Mitmach-Revolution

noch bis 2. September 2012

 

Datscha-Radio:

a garden in the air.

24.-31. August 2012

Micro-FM in Berlin-Rosenthal,

GSG „Einigkeit“, Parzelle 665

Beginn: Freitag, 24. August, 12:00 Uhr

 

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[i] Foucault, Michel: Die Heterotopien/Der utopische Körper. Zweisprachige Ausgabe. Frankfurt am Main 2005. p. 41

[ii] In der deutschen Übersetzung von Michael Bischoff, fällt dieser empathische Ausruf quasi weg: „Ich täume nun von einer Wissenschaft – und ich sage ausdrücklich Wissenschaft -, der Gegenstand …“ Foucault, a.a.O. S. 11

 


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Categories: Kultur

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