Geburtstagsparty mit esprit - 300. Geburtstag Friedrichs des Großen als Originalklang-Konzert mit Armin Müller-Stahl und Burghart Klaußener

Gefühl – esprit – Mythos

 

Geburtstagsparty mit l'esprit

300. Geburtstag Friedrichs des Großen als Originalklang-Konzert mit Armin Müller-Stahl und Burghart Klaußner

 

Welch ein Glück, dass ich gestern Nacht um 23:30 Uhr noch für ca. 18 Minuten in der ARD-Mediathek in Friedrich der Große – Ein deutscher König hineingeschaut habe. Heute Morgen ist das Medium gelöscht. Doch ca. 18 nächtliche Minuten genügten, um einigermaßen genau die Mythen unserer Zeit verkörpert zu sehen. Wird man sie zu Friedrichs 400. Geburtstag noch verstehen?

Nein, Esprit ist nicht nur eine Modekette mit Sitz auf den Bermudas, in Ratingen (!) und Hongkong und einem Umsatz von 3,1 Mrd Euro (2008/2009). L’esprit gab es insbesondere im 18. Jahrhundert als an die französische Sprache geknüpftes Exportprodukt der Aufklärung. L’esprit kannte natürlich die Friedrich-Historiographie des 19. Jahrhunderts nicht. Das war viel zu französisch. Das ARD-Biopic vermeidet denn auch peinlich genau l’esprit. Ist nicht fernsehkompatibel. Stattdessen stampft die großartige Katharina Thalbach als Friedrich der Große, ein „Gespenst“ (O-Ton), wie im 20. Jahrhundert Otto Gebühr (1877-1954) durch den preußischen Sand.

L’esprit ist dem „Deutschen“ fremd. Um so erstaunlicher und verdienstvoller war es, dass es Wolfgang Knauer in seinem „Konzertgespräch post mortem zwischen dem Preußenkönig und Voltaire nach ihrem Briefwechsel zu Lebzeiten“ gelungen ist, l’esprit als eine Lust an der Formulierung in deutscher Sprache vernehmbar werden zu lassen. Mit Burghart Klaußner als Voltaire und Armin Müller-Stahl als Friedrich II. hatten die Berliner Philharmoniker zwei Sprecher für ihre Reihe Originalklang mit den brillanten Berliner Barock Solisten und der glänzenden Akademie für Alte Musik Berlin engagiert, die anders als das fernsehgerechte Bio-Pic und dessen Schauspieler in der Lage sind, l’esprit zu versprühen. 

François Marie Arouet (1694-1778) aus einer bürgerlichen Juristenfamilie stammend sollte selbst Jurist werden. Als Voltaire, wie er sich ab 1718 nannte, wurde er mit l’esprit reich. Er wurde sogar sehr reich. Ein kleiner-großer König im Reich des l’esprit. Auf seinem Sarkophag im Pantheon in Paris steht:

POETE HISTORIEN PHILOSOPHE IL A GRANDI L'ESPRIT HUMAIN ET LUI APPRIT QU'IL DEVAIT ETRE LIBRE (Als Dichter, Historiker, Philosoph machte er den menschlichen Geist größer und lehrte ihn, dass er frei sein soll.)

Dabei ist zu bedenken, dass der „l’esprit humain“ nur unzulänglich, mit „menschliche(r) Geist“ übersetzt werden kann. Der „l’esprit humain“ entspringt von Anfang an in der Karriere Voltaires einer Poetologie als Formulierungskunst.

Voltaire machte Friedrich II. zu Friedrich dem Großen durch die historisierende Titelfindung Frédéric le Grande und fast arm, indem er, der Bürger, für die Korrespondenz und Gespräche mit dem König exorbitante Honorarforderungen stellte. Friedrich II. zahlte, weil l’esprit, sens und humanité nicht billig zu haben waren. Voltaire, der Händler des „Geists“, „Gefühls“ und der „Menschlichkeit“ hatte geradezu ein Monopol für seine kostbare Ware, durch die Friedrich der Große als moderner, aufgeklärter König, der keinen einzigen, wichtigen Brief oder veröffentlichten Text in Deutsch schrieb, nicht denkbar wäre.

Die 15.000 Briefe umfassende Korrespondenz Voltaires, wird wahrscheinlich nur übertroffen von Friedrichs erhaltener (!) Korrespondenz, die über 20.000 erreicht. Mit anderen Worten der Schüler schreibt noch mehr als sein Lehrer. Friedrich II. „verfasst(e) Texte, unentwegt und in großer Zahl: Kabinettsbefehle mit Gesetzeskraft, täglich zwölf im Durchschnitt; Briefe an Familienmitglieder, Freunde, Minister, Untergebene; politische Anweisungen und Vermächtnisse an seine Erben; historische Ausarbeitungen über die Geschichte der Dynastie; Betrachtungen über politische Theorie und Kriegskunst und vieles mehr“.[1]

Neben dem Schreiben gibt es noch das Leben, den Krieg und den Staat. Oder wie muss man das Verhältnis von Korrespondenz und Leben bei Friedrich II. formulieren? Wer derart exzessiv korrespondiert und schreibt, will gehört werden. Korrespondenzen entstehen aus Lesen und Schreiben. Korrespondenzen brauchen Adressaten. Wer sind diese Adressaten? Ist hier „jemand am Werk, der nichts dem Zufall überlassen möchte, der noch über den Tod hinaus Deutungsmacht ausüben will“?[2] Ein hoch moderner Kontrollfreak, der pausenlos twittert? Oder schreibt sich da jemand um Kopf und Kragen mit „l’esprit humain“?

Wir wissen nicht, ob Friedrich II. schrieb, um alles zu kontrollieren, um die Kontrolle über „sein“ Leben zu behalten. Oder ob er „nur“ durch den Schreibzwang, der häufig Grammatik und Orthographie missachtete, gleichsam überschrieb, leben konnte. Wie in dem Konzertgespräch in der Philharmonie anklang, gibt es in der Korrespondenz Friedrich des Großen eine beachtenswerte Verknüpfung von Schreiben, Leben und Tod. Friedrich zitiert einen dramatischen Text Voltaires in einem verzweifelten Brief über den 3. Schlesischen Krieg und formuliert damit den Gedanken, sich selbst (als König) zu töten. Daraufhin antwortet ihm Voltaire, dass er (als Philosoph) am Leben bleiben müsse. Friedrich überlebt.

Jens Bisky (Unser König – Friedrich der Große und seine Zeit) hatte im Dezember im Literaturhaus eine Ähnlichkeit zwischen Heinrich von Kleist und Friedrich II. mit der Anspielung auf den Selbstmord zur Sprache gebracht. Das erweist sich als einigermaßen ignorant, wenn man die Briefe liest. „Selbstmord“ ist eben nicht gleich „Selbstmord“. Friedrich II. überlebt. Heinrich von Kleist nicht. Friedrich II. überlebt vielleicht einzig und allein, weil er eine Korrespondenz mit Voltaire führte und nicht mit Henriette Vogel. Jenseits der schwer zu ergründenden Kausalität eines „Selbstmordes“ ist es möglicherweise nicht zuletzt die Frage entstehender Korrespondenzen, ob man sich erschießt oder am Leben bleibt.

In der Eröffnungssequenz des Bio-Pics gibt Katharina Thalbach Friedrich als zutiefst depressiven Charakter, der den Kindern als „Gespenst“ erscheint. Ein Gespenst wäre zumindest ein lebender Toter oder ein toter Lebender. Gespenster verdanken ihre Existenz dem Hörensagen. Doch in der fernsehkompatiblen Mythologie[3] wird das Gespenst sofort wieder als König eingesetzt. Ein mit extremer Untersicht gefilmter Soldat weist die Kinder zurecht: „Das ist unser König.“ Das Gespenst wird autoritär mit einem Titel und mit einer historischen Erzählung versehen. Qua bürgerlicher (!) Familienaufstellung als Erzählmuster – Vater, Mutter, Schwestern, Brüder – packt das Bio-Pic das unfassbare Gespenst sogleich beim Schopfe.

Wolfgang Knauer hatte aus dem Briefwechsel Friedrich II. mit Voltaire fünf Gespräche mit wörtlichen Zitaten für Originalklang zusammengestellt. Bereits das „Vorspiel“ setzte die Korrespondenz markant mit Zitaten in Szene. Die Formulierungen sind so originell, dass in einer Art Pingpong im Gespräch das Publikum wiederholt zum Lachen gebracht wurde. Armin Müller-Stahl und Burkhart Klaußner verstanden es, die Lust an der Überbietung mit witzigen Formulierungen in Szene zu setzen. Es punktet, wer die bessere, schlagfertigere Formulierung findet. Voltaire bleibt gegenüber den Betrugsvorwürfen und dem Vorwurf der Schmeichelei in der Defensive. Dennoch bleibt er nicht zurück, wenn er entgegnet, Friedrich als König ohne Schmeichelei wäre wie ein Papst, der an der Unfehlbarkeit zweifle. Und Punkt für Voltaire, den Friedrich II. womöglich mit einem Lächeln quittiert haben wird.

Wenn sich Voltaire als „Königin von Saba“, die ihren Salomon in Friedrich verliere, formuliert, dann ist das eine so vieldeutige Anspielung, dass einem der Atem stockt. Einerseits besucht die „Königin von Saba“ im Alten Testament König Salomon als ebenbürtige Herrscherin. Andererseits macht sich Voltaire mit der Travestie einer „Königin von Saba“ zu eben jenem begehrten Objekt, das sich nicht fassen, behalten lässt. Voltaire und Friedrich werden einander immer wieder brauchen und können es dennoch nicht miteinander aushalten. Nicht zuletzt ist die Rolle der Königin von Saba, die einer Diva in ihrer Funktion eines durch Begehren vergegenwärtigten Objektes, das dennoch unerreichbar bleiben muss.

Mit »Ein Frosch wagt zu quaken«, »Ich nähre mich von Eurem Weihrauch«, »Ich bin kein feuriger Denker« und »Das Phantom, das sich Ruhm nennt« hat Knauer vier Gespräche um vier Zitate herum gebaut, die das schwierige und zugleich existentielle Verhältnis durch die Korrespondenz von Friedrich II. und Voltaire in Szene setzen. Mit Voltaire findet Friedrich einen Adressaten in einem spiegelbildlichen Verhältnis, das dennoch ständig als Verfehlung des Anderen stattfindet. Die Korrespondenten, die über sich schreiben, spiegeln sich im Adressaten ihrer Briefe, um sogleich zurechtgewiesen zu werden, dass der jeweilige Adressat nicht dessen Spiegelbild sei.

Obwohl die zum Gespräch umgeformten Zitate aus Briefen viel vermögen, geben sie dennoch einen verschobenen Eindruck wieder. Die Gespräche zwischen Friedrich II. und Voltaire sind ja gerade nicht überliefert, sondern die Briefe. Gespräche funktionieren anders als Briefe. Briefe sind, wie sich insbesondere an Friedrichs Brief vom 27. Juni 1740 an Voltaire lesen lässt, eine Art Selbstgespräche. An Friedrichs Brief vom 27. Juni 1740 ist so erstaunlich, dass er zunächst damit beginnt, dass er vom Tod des Vaters am 31. Mai erzählt. Wie Friedrich am Sterbebett des Vaters steht, entspricht den Erzählkonventionen vom Tod des Königs. Spuren einer Versöhnung im Moment des Todes tauchen auf. Der Widerstreit zwischen Vater und Sohn scheint beigelegt.

Doch die Erzählung vom Tod des Vaters erfährt einen Umschlag. Denn im Zuge des Erzählens und Briefschreibens wird es dem Korrespondenten plötzlich klar, dass er König geworden ist und nun die Position des Vaters einnehmen muss. Was das bedeutet, wird Friedrich, obwohl er natürlich als Thronfolger lange darauf vorbereitet worden ist, erst im Briefschreiben klar. Er fordert am Schluss wie in einer Panikattacke Voltaire auf, den Druck des Antimachiavell aufzukaufen.

Pour Dieu, achetez toute l’édition de l’Antimachiavel.  

Retrospektiv lässt sich das nicht halb so interessant erzählen, wie es im Brief schreibend stattfindet.

Ute Frevert hat mit ihrem Buch Gefühlspolitik sicher den anregendsten Beitrag zum Friedrich-Jahr vorgelegt. Sie beschäftigt sich bereits länger mit dem Thema Gefühl. 2008 hielt sie auf der Jahrestagung der Heinrich von Kleist-Gesellschaft e.V. einen Vortrag zu Gefühle um 1800 - Begriffe und Signaturen und sprach davon, dass sich „Heinrich von Kleist … mitten in dieser neuen Welt emotionaler Politik“ befände.[4] In ihrem nun vorgelegten Buch kommt sie mit der Frage Friedrich als Herr über die Herzen? zu dem Schluss, dass sich „vorsichtig und leise, aber gleichwohl unüberhörbar … in der Kommunikation zwischen König und Untertanen eine neue Semantik“ andeutete.[5]

Frevert legt Friedrich nicht auf die Couch oder Chaiselongue, spielt keine Familienaufstellung durch und setzt nicht zur großen Geschichtserzählung an. Sie untersucht vielmehr an einem Ensemble von Texten, die sich um das Thema Gefühl, im Französischen sens formieren, wie sich die Erzählungen vom Gefühl seit der Erziehung Friedrich II. und an der sogenannten Tafelrunde verändern. Friedrich II. „sah sich auch als wehrlosen Spielball starker Gefühle, gegen die er sich trotz aller Anleihen beim Stoizismus nicht zu immunisieren vermochte“.[6] Verleihen Gefühle Friedrich einerseits die Legitimation seiner Souveränität, so wenden sie sich andererseits gerade gegen ihn, weil es für ihn keinen Gott mehr gibt. Mit anderen Worten: es gibt nur noch wie in einem „Stoßgebet“ die Adressaten seiner Briefe - Mon Dieu/Mein Gott, kaufen sie die ganze Ausgabe des Antimachiavel!

Zum Ensemble der Gefühle gehört nicht zuletzt die Ausübung von Musik. Die Praxis der Musik mit einer Querflöte wird zu einem Prüfstein für die Fähigkeit des Ausdrucks von Gefühlen, wie sich mit einem Bericht von Charles Burney noch 1772 lesen lässt. Das Flötenspiel erfordert Empfindungen:

Ich war sehr erfreut, und sogar erstaunt, über die Nettigkeit seines Vortrags, in den Allegro’s sowohl, als über seinen empfindungsvollen Ausdruck in den Adagio’s. Kurz, sein Spielen übertraf in manchen Puncten alles, was ich bisher unter Liebhabern, oder selbst von Flötenisten von Profession gehört hatte.[7]

Über Friedrichs Musikgeschmack lässt sich vielleicht streiten. Doch es ist weniger eine Frage des Geschmacks als vielmehr eine der Fähigkeit zur sensibilité, die zur zeitgemäßen Ausstattung des Königs als Mensch wird. An Charles Burneys Erzählung vom Flötenkonzert in Sanssouci spielt nicht zuletzt die Exklusivität des Konzertes eine wichtige Rolle. Der musizierende König, mittlerweile 60 Jahre alt, wird nämlich nur nach mehrfacher Überprüfung und hinter etlichen Türen für den Gasthörer ansichtig. Das Flötenkonzert, ob nach den Kompositionen Johann Joachim Quantz’ gleichsam rituell wiederholt oder nicht, wird zum „Allerheiligsten“.[8]

Friedrich II., der geradezu in einer folgenschweren Verkennung mit La Jouissance, den epikuräischen Genuss - Die Lust wie von Vanessa de Senarclens vorgeschlagen, ist eine Fehlübersetzung - im Umfeld seiner Thronbesteigung 1740 besungen hatte, und die göttliche volupté (Wollust) zur Herrscherin der Welt gemacht hatte, war dem Problem des Gefühlsmanagements gegenübergestellt. Was noch in einer halb privaten, halb öffentlichen Dichtkunst an Algarotti funktionieren mochte, sollte sich im Angesicht der Schlachtfelder als fatal erweisen.

Mère de leurs plaisirs, source à jamais féconde,
Exprimez dans mes vers, par vos propres accents
Leur feu, leur action, l’extase de leurs sens!

Die Lust, la volupté, sollte sich nicht nur als „Mutter unseres Vergnügens“ erweisen, sondern sie sollte auch ungeahnte Schmerzen erzeugen, die gegen die Schmerzen, die der Vater dem Sohn zufügte, fast nichts waren. La Jouissance ist für Friedrich ein Befreiungsprogramm, das es erfordert, dass das Feuer der Lust, „l’extase de leurs sens“ in einer vielfach abgesicherten Umgebung stattfindet. Das einmal entfachte Feuer versprach nicht nur einen „Feuerhimmel andrer Art“, sondern auch das Fegefeuer der Hölle. 1772 findet das Feuer, die Ekstase unserer Sinne/Gefühle als vielfach wiederholtes Ritual im Flötenkonzert statt.

In Gefühlspolitik unterstreicht Ute Frevert die Ambivalenz der Gefühle, denen sich Friedrich euphorisch verschrieben hatte:

Je sens, donc je suis: Hier erfuhr Friedrich am eigenen Leibe, wie viel Wahrheit in der Sentenz seines Philosophen-Freundes steckte.[9]

Ich fühle, also bin ich, damit wird Friedrich II. nicht allein zum Schlachtfeld unterschiedlicher philosophischer Konzepte von Epikur versus Stoa, sondern zum Schlachtfeld der modernen Philosophie überhaupt. Friedrich wendet die Philosophie, die ihm Souveränität versprach, in der Praxis an und findet sich als ihr Gefangener wieder. Um dieser Gefangenschaft europäischer Philosophie-Konzepte zu entrinnen, gewinnt nicht zuletzt Voltaires Neuinterpretation des Konfuzius eine wichtige Funktion, wie Cay Friemuth in seinem Buch Friedrich der Große und China nahelegt.

Was sich auf dem Feld Friedrich des Großen spätestens nach seiner Thronbesteigung abspielt, lässt sich nicht fassen mit Charakterschilderungen und Familienromanen. Er wird nicht müde zu schreiben, zu bauen - Forum Fridericianum mit Katholischer Hedwigskirche, Königlicher Bibliothek, Opernhaus und Prinzenpalais für seinen Bruder Heinrich (heute Humboldt-Universität), Sanssouci, Neues Palais, Chinesisches Haus, Schloss Bellevue für Prinz Ferdinand, Königliche Porzellan-Manufaktur, die Türme vom Deutschen und Französischen Dom auf dem Gendarmenmarkt, Maulbeerbaum-Plantagen an der Ecke Chausssee- und Invalidenstraße und in Friedrichshagen, Obstplantagen in der Gartenstraße et cetera, et cetera -  und zu musizieren. Doch das Drama um die Gefühle und den Genuss gibt als Krise der modernen Philosophie bereits einen Wink auf die Problematiken der Französischen Revolution und wie sie sehr viel später in Georg Büchners Danton’s Tod wiederkehren wird. Nur davon konnte Friedrich nichts wissen. Er sah sich und musste sich als Souverän in der Rolle des Einzelkämpfers sehen.  

Das Konzertgespräch in der Philharmonie gab mit dem Esprit in Gespräch und Konzert einen facettenreichen Eindruck von den unterschiedlichen Komponisten um Friedrich II.. Johann Gottlieb Graun, Johann Philipp Kirnberger, Johann Joachim Quantz, Georg Anton Benda, Friedrich mit der Komposition seiner Sinfonia D-Dur, wahrscheinlich von 1743, und Carl Philipp Emanuel Bach. Muss man sich nicht eigentlich fragen, warum gerade Friedrich, der nur Solo-Flöte spielte, ausgerechnet eine paarweise Besetzung des Orchesters mit zwei Flöten, zwei Oboen und zwei Hörnern fordert? Die Antwort könnte in dem Friedrich-Zitat liegen, das Vanessa de Senarclens (HU Berlin) und Jürgen Overhoff (Uni Hamburg) neben vielen anderen erstaunlichen Formulierungen neben dem Friedrich-Standbild an die Fassade der Humboldt-Universität unter dem Motto Lumières - Dichtung und Aufklärung per Laserstrahl projezieren lassen:

Ècoutez mes concerts!

Die Sinfonia D-Dur ist sicher kein kompositorisches Meisterwerk, aber sie denkt sich hinein in das Regelwerk der Barockmusik und ordnet mit den Tempi Allegro assai/sehr fröhlich, Andante espressivoAdagio/Ausdrucksvoll schreitend – Ruhig, Scherzando: Allegro/Heiter: Fröhlich nicht zuletzt Gefühle (an). Die Beherrschung der Gefühle mittels der Tempi könnte auch ein Versprechen sein. Schließlich darf sich der Musiker nicht von den Gefühlen beherrschen lassen, er muss in der Lage sein, sie technisch zu beherrschen. Doch so fröhlich oder munter wie es die Sinfonia D-Dur mit der Variation des Allegro verspricht, war Friedrich in seinen Briefen zumindest nicht.

Ob er so virtuos wie Christoph Huntgeburth (Traversflöte) in Johann Joachim Quantz’ Konzert e-Moll oder Jacques Zoon (Flöte) gar in Carl Philipp Emanuel Bachs Konzert d-Moll jemals gespielt hat, das können wir nicht wissen. Aber „empfindungsvoll“ soll er nach Charles Burney gewesen sein.

 

Torsten Flüh      

 

Lumières - Dichtung und Aufklärung

Die Poesie Friedrichs des Großen
24. Januar bis 29. Januar 2012 täglich 16:00 Uhr bis 8:00 Uhr
Fassaden der Humboldt-Universität am Reiterdenkmal
Unter-den-Linden 6
10117 Berlin

 

30. Lange Nacht der Museen

Sonnabend, 28. Januar 2012, 18:00 Uhr bis 2:00 Uhr

Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin
KPM Welt

 

Ute Frevert

Gefühlspolitik
Friedrich II. als Herr über die Herzen?
Göttingen 2012
16,90 €

Cay Friemuth
Friedrich der Große und China
Hannover 2012

18,00 €

 


[1] Frevert, Ute: Gefühlspolitik – Friedrich als Herr über die Herzen? Göttingen 2012. S. 12

[2] Ebenda S. 12

[3] Anm.: Mit dem Begriff der Mythologie knüpft dieser Text an die Neuausgabe der Mythologies bzw. der Mythen des Alltags von Roland Barthes ebenso wie an den Workshop Mythologies – Mythen des Alltags am 19. und 20. Januar 2012 im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin an, worauf ich in den nächsten Tagen zurückkommen werde. Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Berlin 2010.

[4] Frevert, Ute: Gefühle um 1800 – Begriffe und Signaturen. In: Blamberger, Günter u.a. (Hrsg.): Kleist-Jahrbuch 2008/2009. Stuttgart/Weimar 2009. S. 47

[5] Siehe Frevert: Gefühlspolitik S. 126

[6] Ebenda S. 39

[7] Zitiert nach: Stähr, Wolfgang: Kunst und Gunst – Musik von, für und wider König Friedrich II. In: Berliner Philharmoniker Programmheft 44, Saison 2011/2012 S. 17

[8] Ebenda S. 15

[9] Siehe Frevert: Gefühlspolitik. S. 39


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