Geschlechtsoperationen Europas - EUROZENTRIKA zeigen Visual Migrations - Moving Images im Berlin Carré

Europa – Bildatlas – Frau

 

Geschlechtsoperationen Europas

EUROZENTRIKA zeigen Visual Migrations – Moving Images im Berlin Carré

 

Europa war eine Frau. Die Berliner Bildungsforscherin Ute Frevert hat vor gut einem Jahr mit der Lektüre von Friedrich Schillers Jenenser Antrittsrede zu Europa formuliert:

… Europa unterzog sich, als sie erwachsen wurde, einer Geschlechtsumwandlung. Sie war nun keine Frau mehr, sie war ein Mann. Nur als Mann konnte sie jene unbändige Kraft und Kreativität entfalten, die sie gegenüber ihren nichteuropäischen Kindern zur Schau stellte. Nur als Mann konnte sie Macht ausüben. (Ute Frevert: Europa ist eine Frau: Jung und aus Kleinasien, in: H-Soz-u-Kult, 22.06.2010)

Wie es dazu kam, dass Europa ein Mann wurde und laut Freverts Titel nun wieder eine Frau ist, inszeniert aktuell das Künstlerinnenkollektiv Eurozentrika in der Ausstellung Visual Migrations – Moving Images mit einem von Aby Warburg inspirierten dreidimensionalen, multimedialen Bilderatlas im Berlin Carré, das kurz vor seiner baulichen Umwandlung steht. Über zwei Etagen webt sich ein Bilder- und Zitatennetzwerk, das zur Vernissage am Samstag durch Performances ergänzt wurde.

Die Diskussion um das Geschlecht und die Geschlechter Europas hat im letzten Jahrzehnt an Drive gewonnen. Aktuell wird durch die Destabilisierung des EURO, der Münze, mit der sich Europa verrechnen lassen soll, das europäische Geschlecht nicht an seinen Grenzen in Frage gestellt, sondern sozusagen an seinem klassischen Kern. Sollen die Griechen noch weiter zu Europa gehören? Werden die Römer dem Schuldendruck standhalten können?

Die Geschlechter der Griechen und Römer galten seit der Weimarer Klassik als Ur-Europäer. Schließlich hatte der griechische Göttervater die schöne Maid Europa aus Kleinasien entführt. Da die Griechen bekanntlich am nördlichen Rand Kleinasiens ihr Reich errichteten, musste Zeus sie rücklings in den Norden bringen. Es war eine Flucht mit Folgen.

In Griechenland konnte Zeus mit Europa in ehebrecherischer Absicht nicht bleiben. Göttergattin Hera hätte interveniert und sie sogleich vernichtet. Also musste der namenlose Kontinent, in dem sich Zeus vergnügen konnte, hinter dem Rücken Heras liegen. Zeus schenkte ihn der geraubten Unschuld aus Kleinasien und nannte ihn Europa. Insofern lag Griechenland aller Klassik-Freunde zum Trotz immer schon am Rande des Kontinents.

Gegenwärtig wankt der Euro schwer wegen den Griechen und Römern. Insbesondere die deutsche Finanzhochkultur, der Steuerzahler anundfürsich und die Mittelschicht sowieso rufen unisono: Raus mit den Griechen! Raus mit den Römern! So ökonomisch uneuropäisch wie die Griechen kann man gar nicht sein. Italien! Rom schafft es nicht. Gerade herabgestuft. Gute Produkte, aber die kann auch der Rettungsschirm nicht halten.

Gegenüber 2010, als Ute Frevert ihren programmatischen „Essay zur europäischen Geschlechterforschung“ auf der Website der H|Soz|u|Kult veröffentlichte, haben demnach entscheidende Verschiebungen im geschlechtlichen Feld Europa stattgefunden. Die Geschlechtergeschichte ist mittlerweile ein weit verzweigtes Netz der Europäischen Geschichte. Die Bilder zu Europa sind gerade auf besondere Weise in Bewegung geraten. Doch wenn Europa-Bilder erodieren, dann werden die Bilder des ganz Anderen, dessen was Europa nicht ist oder nicht sein will nur umso stärker.

Eurozentrika ist eine junge Kunst- und Theorie-Gruppe, die sich die Reflexion von gegenwärtigen Theorien, Diskursen, medialen und politischen Polemiken über das Konzept der ,Europäischen Identität’ zur Aufgabe gemacht hat. Nele Brönner, Natascha Bohnert, Mikala Hyldig Dal, Mascha Jacobs und Caroline Schubarth haben für die Ausstellung an der Karl-Liebknecht-Straße weitere KünstlerInnen, MedienwissenschaftlerInnen, PerformerInnen und PhilosophInnen wie Judith Siegmund, Claudia Reiche, Francesca Romana Ciardi, Baruch Gottlieb etc. eingeladen, ihren Beitrag zum Bild-Diskurs-Werk beizutragen.

Die Visuellen Migrationen werden mittels Bildmedien, Texten und schwarzen Verknüpfungsstreifen hergestellt. Die Bilder werden untereinander durch Streifen verschaltet. Beispielsweise führt eine Verknüpfung von Marcel Duchamps ready made Fountain (1917) zu Bruce Naumans Self Portait as a Fountain (1966). Was passiert bei derartigen Bildbewegungen? Was ist daran Europa? Und in welchem Verhältnis steht das Zitat von Joost de Bloois zu den beiden „Fontainen“:

'Autofiction' coins no less than the artistic self as an instrument of critique: 'autofiction' makes 'critique' (be it historical or institutional) run parallel to investigations into imaginaries of the self.

de Bloois, J. The artists formerly known as... or, the loose end of conceptual art and the possibilities of 'visual autofiction'. Image [&] Narrative [e-journal], 19 (2007).

Joost de Bloois Aufsatz im E-Journal für “visual narratology and word and image studies in the broadest sense of the term” befasst sich in Anknüpfung an Roland Barthes mit “visueller Autofiktion”. Marcel Duchamps Fountain wird mit Bruce Naumans Self Portrait a a Fountain als “klare Referenz” kontextualisiert:

Bruce Nauman's emblematic Self Portrait as a Fountain (1966) shows the artist's naked torso and head spouting water. A clear reference to Marcel Duchamp's mythic Fountain (1917) signed R. Mutt, Nauman's piece obviously plays with the notions of 'readymade' and 'signature,' two pivotal and debated notions of 20 th century art. Self Portrait as a Fountain presents the artist-signatory as being himself a readymade of sorts.

Doch gerade das, was de Bloois als „klare Referenz / clear reference“ behauptet, ist keineswegs klar im Sinne von eindeutig. Es wäre wenigstens eine kunsthistorische Konstruktion. Mit anderen Worten: Bilder, die sich bewegen, die in Bewegung versetzt werden und die bewegen, haben keine „klare Referenz“. Vielmehr ist die Referenz der Bilder ein Problem. Dies zeichnet sich nicht zuletzt bereits mit Aby Warburgs Mnemosyne ab. Warburgs Mnemosyne kommt eher von Sigmund Freud als von Hesiods Theogonie, in der sie die Tochter von Gaia und Uranus ist. Zeus zeugt mit Mnemosyne in neun aufeinander folgenden Nächten die neun Musen.

Die Kultur- und Geschlechterwissenschaftlerin Kerstin Brandes eröffnete die Ausstellung am Samstag mit einem performativen Vortrag zum Konzept der Visual Migrations. Sie erwähnte vor allem Aby Warburg (1866-1929) und seinen unvollendeten „Bilderatlas Mnemosyne“. Der Bilderatlas Aby Warburgs habe sozusagen bei der Text-Bild-Collage der Visual Migrations Pate gestanden. Das Mnemosyne-Projekt Aby Warburgs und seine Veröffentlichung als Buch im Rahmen der Gesammelten Schriften (2000) durch Martin Warnke ist ein vieldiskutiertes. Dass der Bilderatlas als Buch unvollendet blieb, weil Warburg plötzlich verstarb, hat nicht zuletzt Folgen für Mnemosyne. 

Vergleicht man die überlieferten Aufnahmen des Mnemosyne-Atlas von 1924-1929 in der Bibliothek Aby Warburgs, dann fällt an dem ausgestellten Atlas zunächst einmal auf, dass er sozusagen aus Bild-Clustern bestand. Rudolf Friesing spricht von „visuellen Clustern“. Bild-Cluster, müsste man sagen, generieren andere Europa-Bilder als Bilder, die distinkt getrennt sind und durch Streifen verknüpft werden. Verknüpfungsstreifen oder Texte waren im Modelle des Atlas nicht vorgesehen. Gleichwohl war Mnemosyne ein europäisches Bild-Erinnerungs-Projekt.

Der Unterschied zwischen Cluster- und Verknüpfungstechnik ist für das Geschlecht Europas nicht ganz unwichtig. Die Verknüpfungstechnik tendiert gegen eine Trennung oder Gegenüberstellung von Bildern im Unterschied zu einer durch das Cluster bedingten Unschärfe von Bild. Im Cluster erscheint das Bild immer nur durch seine Verschiebungen. Es wird tendenziell unmöglich, ein einzelnes Bild ins Auge zu fassen. Vielmehr springt ein Bild aus den Konstellationen im Cluster heraus. Es wird niemals zum Einzelbild.

Das Thema der Migration mit und an Europa herauszustellen, ist in vieler Hinsicht fruchtbar. Als Geraubte ist die mythologische Europa selbst eine Migrantin. Das Anthropo-logische Bild ist eurozentrisch. Was zum Menschen gehört, zum Sein des Menschen, entscheidet sich an den Grenzen Europas. Doch dieses Anthropo-logische Bild ist durchaus schwer einzufangen. Es lässt sich nicht einfach fotografieren oder im Text formulieren. Vielmehr bleibt es bis zu einem gewissen Grade opak. Es stellt sich allein durch das Machen von visuellen Unterschieden her.

Wenn Bruce Nauman sich zu einer Fontaine macht, dann macht er etwas anderes, als wenn Marcel Duchamp ein „Urinoir“ zur „Fountain“ macht. Is „Bruce Nauman impersonating Duchamp’s Fountain“? In der künstlerischen Herstellung der Fontaine fehlt zumindest das Urinoir, was nicht ganz unwichtig ist. Während der Vernissage trat eine Künstlerin auf, die in sozusagen unmittelbarer Nähe zu den beiden Bildern der Fontaine, eine Body-Performance zeigte, den weiblichen Rückenakt auch einer geschlechtlichen Zuschreibung – Frau/Mann/Mensch/Tier - entzog und die mehrfach urinierte.

 

„Die ästhetische Erfahrung ist ihrer selbstreflexiv-performativen Struktur nach konstitutiv auf das ästhetische Objekt bezogen, genauer auf jenen Prozeß, der am Objekt zwischen Material und Bedeutung hin- und herspielt.” Das eher assoziative Verfahren der Text-Bild-Collage verändert auch die zitierten Texte. Aus dem Zitatenschatz der Gender-, Bild- und Europaforschung werden äußerst unterschiedliche Positionen und Texte von Roland Barthes, Hélène Cixous, Judith Butler, Joost de Bloois oder Ute Frevert u.a. ohne Kommentierung ausgestellt. Die kurzen Zitate, die nicht weiter kontextualisiert werden, können so leicht ins Aphoristische kippen oder als Wahrheitsstempel funktionieren.

Durch das abgewandelte Atlaskonzept von Eurozentrika entsteht ein weiterer Effekt. Die Einzelkünstler verschwinden tendenziell im Kollektiv, das den Atlas erstellt hat. Die Kollektivisierung durch Eurozentrika ist ein interessanter Effekt. Die Autor- und/oder Künstlerposition wird in dem Maße fragwürdig, wie er in der atlasartigen Installation aufgeht. Schlägt man den Bogen zurück zu Joost de Bloois, dann findet die Autofiktion unter der Aufgabe des Selbst nunmehr als Atlas statt.

Fast in der Mitte des Raumes hat Claudia Reiche ein Diasichtgerät mit einer Vielzahl von europäischen Abbildungen der Klitoris installiert. Bei den Abbildungen aus meist populärwissenschaftlichen Arbeiten aus unterschiedlichen europäischen Ländern fällt auf, dass die Klitoris, obwohl wissenschaftlich bekannt, teilweise gar nicht dargestellt wird. Sie wurde und wird ausgestellt oder beschnitten. Die seltsame An- und Abwesenheit der Klitoris in anatomischen und sexualwissenschaftlichen Bild-Werken korrespondiert auf bedenkenswerte Weise mit Beschneidungspraktiken der - außereuropäischen - islamischen Welt.

Die Video- und Performancekünstlerin Francesca Romana Ciardi inszenierte anhand der Deklaration der Menschenrechte das ambivalente Spiel Europas von Verlockung und Abstoßung. „Come closer, come closer“, lockt Europa die Besucher heran. Dann liest sie aus der begehrenswerten Deklaration der Menschenrechte. „No one, every one, no one, no one …“ Die deklarierten Menschenrechte betreffen und gehören jedem und niemandem.

Francesca treibt Europas Verführungskünste auf die Spitze. Sie nimmt Nummernschnipsel wie im Wartesaal der Migrationsbehörden zwischen die Lippen und verteilt sie an die Wartenden. Es ist ein grausames Spiel von Verlockung und Abstoßung, das die schöne Europa mit ihren VerehrerInnen treibt. Dann tanzt Europa einen mechanischen Stempelflamenco als müsse sie und allen anderen beweisen, wie hart sie arbeitet.

Europa hat viele, ambivalente Gesichter. Gestern ritt Europa noch den Celtic Tiger heute stufte die Rating-Agentur Moody’s Irland auf „Ramschniveau“ (Handelsblatt) herab.

 

Torsten Flüh

 

EUROZENTRIKA:

VISUAL MIGRATIONS - MOVING IMAGES

LEAP, Berlin, Alexanderplatz

Karl-Liebknecht-Straße 13

noch bis 15. Juli 2011 12:00 bis 18:00 Uhr