Grandioses Masse-Ereignis - Masse des staatsballetts berlin im Berghain

Masse – Mensch – Performanz

 

Grandioses Masse-Ereignis

Masse des staatsballetts berlin mit dem Berghain

 

Welch ein Coup für das staatsballett berlin! Bereits zur Uraufführung waren alle 10 weiteren Aufführungen von Masse in der Halle am Berghain ausverkauft. Die einzigartige Kombination von einmaligem Veranstaltungsort - Halle am Berghain, Star-Maler für den Bühnenraum - Norbert Bisky, House- und Techno-Musik, Staatsballett und vielversprechenden Choreographien von Xenia Wiest, Nadja Saidakova und Tim Plegge mit dem Titel Masse als Versprechen löste zumindest eine Massenwanderung von den Opernhäusern, wo das Staatsballett sonst tanzt, in den einst „Fernheizoper“ genannten Bau aus.


Masse hat keinen Autor - vielleicht mit Norbert Bisky einen ebenso originellen wie klugen  Stichwortgeber. Masse mit der Musik von DIN (Efdemin &Marcel Fengler), Marcel Dettmann & Frank Wiedemann sowie Henrik Schwarz praktiziert ein neuartiges Produktionskonzept, das Akteure der Berliner Kunstszene verknüpft. Die Musiker des Labels Ostgut, die sonst regelmäßig im Berghain auflegen, haben mit den ChoreographInnen ihre Musik erarbeitet und vice versa. Quinque Viae – Dynamics of Existence, Boson und They heißen die drei Choreographien, die für das aufs klassische Repertoire ausgerichtete Staatsballett einzigartig sein dürften.


Musiker, ChoreographInnen und die TänzerInnen wurden bei der Uraufführung gefeiert. Und natürlich der Bühnenraum von Norbert Bisky und das ehemalige Heizkraftwerk. Monumentale Industriearchitektur, die als späte Revolutionsarchitektur der Jahre 1954/55 durchgeht und weit zurück bis in die Zeit der Entwürfe von Étienne-Louis Boullée zu einem Cénotaphe für Issaac Newton verweist. Boullées Entwürfe zeigen eine riesige Kugel, die auf drei Ebenen mit spitz geformten Pinien oder Pappeln umstellt ist. Norbert Bisky verweist in seinem Text Zum Bühnenbild auf die „Newton’schen Axiome (1687)“, in denen Masse „eine zentrale Rolle“ spielt.


Auf höchst anregende Weise haben sich Xenia Wiest, Nadja Saidakova und Tim Plegge mit dem Thema Masse beschäftigt. Sie suchen unterschiedliche Anknüpfungspunkte von der Kernforschung und dem Higgs-Boson über Evolution und die Theologie des Thomas von Aquin bis zur Soziographie und -logie der Masse. Während Xenia Wiest und Tim Plegge in ihren Choreographien durchaus narrative Ansätze verfolgen, geht Nadja Saidakova mit Boson vielleicht am weitesten. Masse in Bewegung wird zu ihrem Thema. Und das Bewegungsrepertoire bringt eine erstaunliche Vielfalt zwischen Klassik und Moderne hervor.


© Norbert Bisky / VG Bild-Kunst Bonn

Die einzigartige Kombination und Kooperation hat mit Masse ein Tanz-Ereignis hervorgebracht, das schon jetzt als richtungweisend eingeordnet werden darf. Denn sowohl die Musik der House- und Techno-Produzenten wie die Choreographien orientieren sich an den aktuellen Entwicklungen auf höchstem Niveau. Kennt man House und Techno eher als ereignisarme Rhythmus-Musiken zum monotonen wie berauschenden Club-Tanz, so knüpfen Henrik Schwarz, Marcel Dettmann, Frank Wiedemann, Efdemin und Marcel Fengler nun an die Avantgarde der aktuellen und elektronischen Musik an, wie man sie in der Sonic Arts Lounge im Berghain während MärzMusik hören kann und beispielsweise am 19. März ab 22:00 Uhr mit Thomas Ankersmit gehört hat.


Es tut dem Staatsballett gut, sich aus dem Schema des Klassischen herauszubewegen. Ballett lebt von der Performanz als Bewegung. Und die Ballerina Xenia Wiest, die sonst u. a. in Symphony of Sorrowful Songs tanzt, erweist sich mit Quinque Viae – Dynamics of Existence als ebenso ernsthafte wie witzige Choreographin. Bei ihr beginnt alles mit der eindrucksvoll in Szene gesetzten Rückenmuskulatur. Sie lässt sich von der massiven Industriearchitektur im 17 Meter hohem Raum und meterdicken Stahlbeton-Decken inspirieren und verknüpft die Masse mit der Evolution: „Jede Masse ist in Evolution.“ Diese dynamische Auffassung von Masse „in Evolution“ verschiebt auch das Denken von Masse als etwas Festes, Beständiges, Mächtiges …


Foto: Bettina Stöß (staatsballett berlin) 

Die Verkopplung von Masse und Macht kommt in den drei Choreographien auf erstaunliche Weise eher unterschwellig vor. Während in Hamburg ein luxuriöser Herrenausstatter am Ballindamm also mit Blick auf die Binnenalster seit alters her High + Mighty also Groß und Mächtig heißt und gelegentlich der Körperumfang älterer Führungskräfte in Politik und Wirtschaft zum Abbild ihrer Macht wurde, hat sich dieses Zusammenspiel fast gänzlich aufgelöst. Masse generiert nicht mehr zwangsläufig herrschaftliche Macht. Masse kann vielmehr zum Flexibilitätsproblem werden, um auf schnell wechselnde Verhältnisse zu reagieren. Im BMI, also Body-Mass-Index, wird das Verhältnis von Masse, Körpergröße und Alter streng reguliert und zeitigt Effekte wie Magersucht.  


Foto: Bettina Stöß (staatsballett berlin)

Norbert Biskys „Bühnenbild setzt sich künstlerisch mit der Katastrophenstimmung der letzten Jahre und dem zunehmenden Skeptizismus gegenüber unbegrenztem Wachstum auseinander“, wie er es selbst im Programm formuliert. Sein Plakat, auf dem sich ausstreckende Arme und ins Leere greifende Hände im Raum taumelnder Körper sehen lassen, verkoppelt vor allem die Katastrophe mit der Masse. Doch Biskys Bilder sind immer auch Vexierbild. Ihre Sichtbarkeit kippt an einem Punkt. So könnte in dem Plakat eben auch eine Club-Szene ekstatisch tanzender Körper sichtbar werden. 

In der Katastrophe werden Menschen-Körper zur stürzenden Masse. Andererseits ist die Katastrophenstimmung aufs Engste mit einer sich nicht spurlos verflüchtigenden Finanzmasse verknüpft oder eine Staatsschuldenmasse mit der Massenarbeitslosigkeit unter jungen Menschen in Spanien, Portugal oder Italien. Spurlos verflüchtigt sich die Finanzmasse nicht, weil sie verlassene Wohnsiedlungen oder Industriebrachen hinterlässt. Doch gerade die Finanzkrise hat gezeigt, wie sich eine Finanzmasse in Büchern bzw. Computersystemen quasi in Nullkommanichts verwandeln kann. 

Masse ist durchaus so etwas wie die Wiederentdeckung eines schwierigen und vieldeutigen Begriffs, der spätestens seit den Entwürfen Étienne-Louis Boullées um 1800 aufs Tiefste mit dem Bild der Menschen in der Moderne verkoppelt ist. Denn in der Französischen Revolution und der Erklärung der Menschenrechte kommt der Mensch der Moderne zu sich selbst. Newtons Gesetze und die Formulierung der Masse, die von Boullée die Form einer riesigen Kugel erhält, durchdringen das Verhältnis von Mensch und Welt. Doch die Kugel als Analogie auf die Erdkugel, den Globus kommt als verkörperte Masse in Masse nicht mehr vor. Stattdessen setzt Nadja Saidakova in Boson Masse als eine Art unförmigen Urschleim, aus dem sich „Elementarteilchen“ lösen, unter dem eingestürzten Busheck in Szene.       

 

Das Bedeutungsspektrum von Masse, wie sie mit der Maßeinheit Kilogramm gemessen wird und mit dem Urkilogramm als „Zylinder von 39 Millimeter Höhe und 39 Millimeter Durchmesser aus einer Legierung von 90 % Platin und 10 % Iridium“ als Verkörperung seit 1889 „in einem Tresor des Internationalen Büros für Maß und Gewicht (BIPM) in Sèvres bei Paris aufbewahrt“ wird, ist außerordentlich vielfältig und durchaus widersprüchlich, wie u. a. das Deutsche Wörterbuch verrät. Zu beobachten ist eine Bewegung von der „unförmlichen zusammenhängenden materie“, die auch als „teig“ bezeichnet werden kann, zur „quantität der materie eines festen körpers“ bei Immanuel Kant. Kant verkürzt die Masse mit anderen Worten auf einen festen Körper und nimmt ihr damit das Unförmige, das auch unfassbar bleibt.   


Die Masse, die bei Issaac Newton gerade nicht als lateinische massa vorkommt, sehr wohl aber in Johann Christoph Adelungs dritten Band des Grammatisch-kritischem Wörterbuch der hochdeutschen Mundart von 1798 als „aus dem Französ.“ kommend formuliert wird, unterliegt einem signifikanten Bedeutungswandel, der nicht zuletzt im kulturpolitischen und –wissenschaftlichen Pejorativ der Massenkultur im 20. Jahrhundert seine wohl stärkste Ausformung gefunden hat. Bei Adelung allerdings heißt es noch:

… aus dem Französ. Masse und Latein. Massa, die Menge der Materie eines Körpers, wo man dieses Wort von allen Körpern gebrauchen kann, wenn man von denselben weiter nichts bezeichnen will, als daß sie aus vieler zusammen hangenden Materie bestehen. Eine ungeheure Masse. Erhabene Arbeit in ganzen Massen, in ganzen zusammen hangenden großen Stücken. In einigen Fällen werden besondere Arten von Dingen, so fern sie ein Ganzes ausmachen, Massen genannt. Dergleichen ist die Credit-Masse in den Concurs-Prozessen. In der Mahlerkunst werden viele an einem Orte gesammelte Lichter oder Schatten, Massen genannt. Die beträchtlichsten Partien eines Gemähldes bestehen aus Massen, es mögen nun Lichtmassen oder Schattenmassen seyn…

 


Foto: Bettina Stöß (staatsballett berlin)

Adelung knüpft in seiner Formulierung der Masse mehr oder weniger direkt und verkürzend an den Masse-Artikel aus der Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert an. Im zehnten Band der L'Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers dirigée par Diderot & d'Alembert (1751-1772) wird nun „Masse‟ aus den Newtonschen Prinzipien und dem Gebiet der Mechanik heraus definiert, denn Newton hatte lediglich von Körpern bzw. dem corpus geschrieben. Doch um die Quantität der Materie eines Körpers zu berechnen, wird nun im Bedeutungsfeld von „Körper & Materie“ sowie „Dichte & Volumen“ die Masse formuliert. Nicht unerheblich sind dabei die Verweise, die Diderot und d’Alembert als verkettendes Verfahren einfügen „Voyez Corps & Matiere… Voyez Densité & Volume‟:

MASSE, s. f. (Phys.) en Méchanique, est la quantité de matiere d’un corps. Voyez Corps & Matiere. La masse se distingue par-là du volume qui est l’étendue du corps en longueur, largeur & profondeur. Voyez Densité & Volume.

On doit juger de la masse des corps par leur poids ; car M. Newton a trouvé par des expérierces fort exactes, que le poids des corps étoit proportionnel à la quantité de matiere qu’ils contiennent...

L'Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers dirigée par Diderot & d'Alembert


Foto: Bettina Stöß (staatsballett berlin)

 

Von Menschenmassen als eine nicht mehr als einzelne identifizierbare, große Anzahl von Menschen ist in der Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert noch keine Rede. Sie halten sich an die modernen Wissenschaften, Künste und Gewerbe, wenn Masse im Feld der Botanik, der Physik, der Hydraulik, der Pharmazie, der Marine, des Handels, des Geldes, der Architektur als „terme dont on se sert en Architécture, pour exptimer l’ensemble des parties principales aussi-bien que la gran leur des édifices“ und der Malerei als „masse de lumiere‟ als Begriffe formuliert werden. Dabei ist gerade die „masse de lumiere“ höchst doppeldeutig, weil das körperlose Licht gerade in der Physik an die Grenzen von Masse stößt. 


Der Masse-Artikel ist eng mit der Entstehung des Wissensprojektes Enzyklopädie als Erstellung und Sammlung modernen Wissens überhaupt verknüpft. Jean Le Rond D’Alembert hatte nämlich mit der Veröffentlichung seines Traité de dynamique (1743) das von Newton nicht beantwortete Problem nach den Gründen für die Bewegung der Körper allererst als Frage formuliert und mit der Masse als einem Grund beantwortet.  

... Or quelles font les causes capables de produire ou de changer le Mouvement dans les Corps? ...
... D’où les partisans des forces vives concluent que la force des Corps qui se meuvent actuellement, est en général comme lé produit de la masse par le quarré de la vitesse...
(Preface XX, Traité de dynamique, Paris 1753)

Der wissenschaftliche Erfolg des Traité de dynamique wird zum Anlass für das Enzyklopädie-Projekt. Mit anderen Worten: Masse wird als Grund zu einem Wissensschlüssel der Moderne. Nicht zuletzt wird das Wissen der Enzyklopädie zu einem Motor der Französischen Revolution. 

In den Entwürfen von Boullée wird die Newtonsche Masse zur massigen Größe. Die Entwürfe des Cénotaphe verdichten Masse zum kosmologischen Weltbild, worauf im Kontext des Planetariums in den nächsten Tagen zurückzukommen sein wird. Die Größe der Bilder in der Architektur wird durch die Architektur zur Größe der Bauwerke - „édifices“ - als Bild für die neue, revolutionäre Welt. Bei Boullée wird diese Welt in Tag- und Nacht-Zyklen bespielbar. Stahlbeton gibt es noch nicht. Es ist nicht zuletzt Friedrich Gilly mit seinem Entwurf eines Hochofens auf einer Waldlichtung 1798, mit dem die Transformation der Revolutionsarchitektur in eine rein projektive Industriearchitektur in Preußen stattfindet. Es gibt zu der Zeit noch nicht einmal eine Eisengießerei in Berlin. Die Königlich Preußische Eisengießerei wird sehr viel bescheidener erst 1805 an der Panke vor den Toren Stadt auf den Gelände einer Schneidemühle gegründet. 

 

Das Neuartige an Masse als Ballett-Projekt ist der offene Austausch der Masse-Konzepte, wenn Nadja Saidakova mit Boson die Halle am Berghain einerseits an „eine Kathedrale“ erinnert und sich andererseits „aus der energetisch aufgeladenen Verbindung von Raum und Musik“ eine Stimmung ergibt, die sie „an etwas Treibendes denken“ lässt, „das an Grenzen stößt, um durch deren Überschreitung etwas Neues hervorzubringen“. Das Große, sehr Große der Architektur und das unendlich Kleine eines Higgs-Boson mit einer „Masse“ von ca. 2,25 · 10-25 kg und einer „mittleren Lebensdauer“ von ca. 10-22 Sekunden lässt Masse heute zum Geheimnis werden, während sie im Urkilogramm noch so greifbar schien und sich im Tresor einschließen ließ.

 

Tim Plegge verschiebt den Masse-Begriffe nicht zuletzt mit Anknüpfung an die sozialen Praktiken im Berghain, das durch Masse und Diskretion – Foto-Verbot! – einen Raum auch für sexuelle Praktiken bietet, in die Ambivalenz von Masse und Individuum. Ihm schwebt „ein Wechselspiel zwischen Masse und Subjekt, im Zustand der Transformation, ohne Grenzen zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft“ vor. Masse und Individuum befinden sich in seiner Choreographie in einem unablässigen Prozess. Was noch am Ende des 20. Jahrhunderts als trennbar begehrt wurde, spielt sich nun als Prozess des Sozialen ab. Jede/r kann zugleich Masse und Individuum werden. 

Foto: Bettina Stöß (staatsballett berlin) 

In der narrativ angelegten Choreographie von They wird nicht zuletzt eine Jugendkultur aufgerufen, in der es darum geht, ständig zu einer Gruppe zu gehören. Doch die Gruppe als Form von Masse kann sich jederzeit auch gegen den Einzelnen wenden, ihm Angst machen, ins Monströse anwachsen und ihn zum Massenmörder machen. In zwei Sequenzen wird ein junger Mann zum Mörder an den Anderen, Ihnen, zu denen er gehören will, doch nicht mehr kann. Warum sind es eigentlich immer junge Männer, die in Schulen zu Massenmördern werden? Was hat Masse mit Geschlecht zu tun? Ist Masse, abgesehen vom grammatischen Geschlecht, geschlechtslos? Stellt sie möglicherweise gerade die Kategorie des Geschlechtsidentität in Frage? 


Foto: Bettina Stöß (staatsballett berlin)

Plegge führt für seine Choreographie ein Zitat von Elias Canetti an: „Nichts ist geheimnisvoller und unverständlicher als die Masse“. Doch was bei Canetti gleichermaßen als Kritik und Versprechen zur Masse in Masse und Macht 1960 formuliert wird, führt Plegge nicht mehr als Problem der Masse vor, sondern konzentriert sich auf das Prozesshafte. Suchte Canetti noch in den Wissenschaften vom Menschen Erklärungsmodelle für Massenbewegungen seit den 1920er Jahren, so kann heute jede/r im Internet wie im Club Teil einer Masse werden und zugleich vereinzelt sein. — Wie einsam ist es in der Masse? 

Die Unterscheidungsmodelle zwischen Masse und Individuum funktionieren zumindest nach Plegge nicht mehr:

Sie sind Masse. Sie sind Individuen.

Sie sind Individualismus und Massenphänomen in einem.

Sie sind gleichzeitig Individuum in der Masse, sowie in der Masse individuell.

Vielleicht gibt dies nicht zuletzt einen Wink auf die aktuelle Verschränkung von Individuum und Masse, wie sie in dem Anschlag auf den Marathon von Boston mit zwei jungen Männern zum Ausdruck kommt. Der Boston-Marathon war nicht nur von den Zuschauern und den Fernsehanstalten vor Ort eine Massenveranstaltung. Vielmehr laufen Zehntausende beim ältesten Marathonereignis der Neuzeit mit und tausende Helfer sind an der Strecke für die LäuferInnen im Einsatz, während es um höchst individuelle Bestzeiten geht.  

 

Dzhokhar Tsarnaev, der jüngere der beiden Brüder, war, wie mitgeteilt wird, integriert und beliebt in Gruppen. Zugleich war er mit seinem Bruder bis aufs Äußerste vereinzelt und isoliert. Ob sich aus dieser Überschneidung von individuellem und Massen-Verhalten, Teil sein von Masse und zugleich diese als ihr Gegner vehement angreifen, jemals eine schlüssige Erklärung für die Tat wird finden lassen, ist eher unwahrscheinlich. Könnte es nicht auch einen Terror geben, den die Masse ausübt? Masse gebiert immer auch Monströses. Es ist vielleicht nicht ganz zufällig, dass an der Leiche des Bruders, Tamerlan Tsarnaev, geradezu die Frage der Antigone des Sophokles in Boston entbrennt. Darf, soll, wie kann der Leichnam begraben werden.

Police said it's costing the department tens of thousands of dollars to provide security at the funeral home that is holding Tsarnaev's body, and officer details are wasting precious resources.

(Worcester police: Get suspect's body out of city)


Es ist Norbert Bisky und dem staatsballett berlin mit Masse gelungen, was vielleicht gar nicht so sehr beabsichtigt war, einen schillernden und vieldeutigen Begriff erneut ins Interesse zu rücken. Masse hat sich als Kategorie in Flashmobs, Likes und Hits auch verflüchtigt. Massen finden sich heute in Windeseile für kurze Zeit zusammen und verlieren sich sogleich in den unendlichen Weiten des Internets - aber nicht nur da. Massen lassen sich selbst als Occupy nicht mehr fassen. Derartige Prozesse und die Performanz der Masse verdienen nicht nur fachwissenschaftliche Aufmerksamkeit.

 

Torsten Flüh

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staatsballett berlin

MASSE

Halle am Berghain

Weitere auf Aufführungen am bis 25. Mai 2013

 

Als Tonträger erscheint
MASSE 
am 10. Juni 2013
Henrik Schwarz - Balletsuite #1 - Masse
Dettmann ι Wiedemann - Menuett
DIN - EVOLVE


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Categories: Tanz

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