Hardcore Schnitt für Schnitt - Gespräche der Karmelitinnen von Francis Poulenc an der Komischen Oper Berlin

Angst – Leben – Tod

 

Hardcore Schnitt für Schnitt

Gespräche der Karmelitinnen von Francis Poulenc an der Komischen Oper Berlin

 

Am Schluss verwandelt sich das ganze Bühnenbild in eine Guillotine. In der Musik von Francis Poulenc ist jeder Schnitt, der die 16 Nonnen, eine nach der anderen vom Leben zum Tode befördert, scharf zu hören. Die Oper endet mit dem Fallbeil. Zack! Finis! – Applaus. Die Inszenierung und die SängerInnen werden gefeiert.

Als sich die Zuschauer auf ihre Plätze begeben, noch bevor der erste Ton erklingt, ist die Maschine der Angst bereits als eiserne Anlage in Stapelregalen oder Etagenbetten oder als Schneideinstrument auf der halbdunklen Bühne installiert. Ein halbnacktes Wesen mit zerzausten blonden Haaren rennt orientierungslos durch die Gänge. Todesangst oder Lebensangst? Einfach Angst. Die Gespräche der Karmelitinnen werden von nichts als Angst handeln.

Das Halbdunkel und die gleißende Helligkeit der Scheinwerfer (Licht: Frank Evin) werden die Gespräche, Ausbrüche, Tiraden, Flüche, das Betteln, Beten und Wimmern scharf gegeneinander abheben. Das halbnackte Wesen, das geschlechtlich ambivalent bleibt, wird immer irgendwie anwesend sein. Mal sitzt es auf einem Bett. Mal steht es im Hintergrund, mal an der Seitenbühne. Ein anderes Mal schaukelt es, wie vom Hospitalismus gezeichnet, im Etagenbett. Ein Wesen in Angst. Der kleine Francis? Der kleine Calixto? Das Alterego der Blanche de la Force?

Man muss bei Blanche de la Force beginnen, wenn man einen Zugang zu dieser Oper finden will. Nein, nicht bei der Geschichte der von Gertrude von le Fort (1879-1971) erfundenen Romanfigur, von der die Autorin von Die Letzte am Schafott (1931) einmal sagte, sie habe die „Todesangst einer ganzen zu Ende gehenden Epoche“ verkörpert. Auch nicht die Geschichte der 16 Nonnen von Compiègne. Die Geschichte kommt erst im Nachhinein. Wenn man die Geschichte von Blanche erzählt, übersieht man schon das Unerhörteste der Oper.

Wir erzählen Geschichten aus Angst. Und die Nonnen finden aus Angst zum Singen im Chor zusammen. Allein, wo die Gespräche aufhören, setzt das (gemeinsame) Singen ein. Singen beruhigt. Manchmal singt man so vor sich hin. Die Gespräche werden quasi im Klartext gesungen. Poulenc kam es darauf an, dass die Gespräche nicht von der Musik übertönt werden.  

Francis Poulenc (1899-1963) hat einmal eine bedenkenswerte Wendung gebraucht, indem er sagte:

Blanche c’était moi / Blanche, das war ich

Bedenkenswert an der Wendung ist, dass Poulenc behauptete nicht mehr Blanche, die aus Angst vor dem Leben sich als Nonne „Blanche von der Todesangst Christi“ nennen will, zu sein. Ja, ja, Blanche hat Angst vor dem Leben. Ich nicht. Ja, ja, Blanche opfert ihr Leben der Todesangst Christi. Ich nicht. Blanche ist ein wenig merkwürdig. Sie ist phobisch. Ich nicht. Wir sagen immer: ich nicht, wenn es um Angst geht.

Die Figur der Blanche muss man, bevor man ihre Geschichte erzählt, genau betrachten. Blanche heißt weiß im Französisch. Weiß wie das unbeschriebene Blatt Papier. Weiß wie das leere Blatt. Aber auch weiß wie der Tod. Ihr Familienname, de la Force, weist eine merkwürdige phonologische Ähnlichkeit zu le Fort auf. Blanche de la Force, Blanche von der Kraft. Welche Kraft? Sie ist doch schwach, wenn sie das Leben fürchtet. Oder ist es Stärke, ins Kloster zu gehen, um die Welt zu verlassen. Im Kloster ist das Leben, wie die Priorin eingangs warnt, keinesfalls leichter.

Bevor die Angst zu einer Maschine wird, gibt es bereits Angst. Wir wünschen ein Leben ohne Angst. Der Wunsch nach einem Leben ohne Angst spricht auch aus dem Gespräch, das Bettina Auer mit Calixto Bieito (Regie), Rebecca Ringst (Bühne) und Ingo Krügler (Kostüme) geführt hat.

Bieito: … Heute sind die Menschen voller Angst. …

Ringst: … Dies führt zu immer mehr Ängsten, weil uns ständig bewusst wird, vor wie vielen Dingen wir überhaupt Angst haben könnten. …

Krügler: … Das heißt, die Angst macht sich überall im Leben breit. …

Der Wunsch nach einem Leben ohne Angst, sagt viel über Angst. Angst vor EHEC, Angst vor Krebs, Angst vor AIDS, Angst vor dem Leben, Angst vor dem Tod. Wiederum gibt es einen Wink von Francis Poulenc, der erst durch die Veröffentlichung seiner Briefe postum nachzulesen ist.

… Es ist mein Magen. Krebs. Trotz der Versicherung meiner Ärzte, dass mir nichts fehlt, fürchte ich, nie wieder arbeiten zu können. Würden Sie die Pater des Karmelitenordens in Dallas bitten, eine Novene für mich zu verrichten, damit ich meine Gesundheit wiedererlange und fähig werde, Gott und die gesegneten Märtyrerinnen von Compiègne mit meiner Musik zu verherrlichen? Ich habe schreckliche Angst.

Und Pater Griffin aus Dallas antwortete im Jahr 1954 umgehend. Denn ein Mensch, der so schreckliche Angst hat, dem muss geholfen werden.

Ich eile, Ihnen zu versichern, dass nicht nur die Karmeliten von Dallas, sondern alle Karmeliten der USA – Pater, Schwestern, und Brüder – diese Woche mit einer Novene für sie beginnen werden. …

Eine Novene, muss man dazu sagen, ist ein neun Tage aufeinander praktiziertes Gebet mit gleichbleibenden und wechselnden Passagen, um von Gott eine besondere Gnadengabe zu erflehen. In der neunfachen Wiederholung des Gebetes und der kraftvollen, kollektiven Verrichtung durch „alle Karmeliten der USA“ wird das Unbestimmte der Angst von Poulenc quasi durch ein Regelwerk ersetzt.


Foto: Monika Rittershaus

Man darf den Briefwechsel, die Kommunikation, nicht unterschätzen. Pater Griffin fährt nämlich mit einer bemerkenswerten Formulierung fort:

Einer von uns, der blind ist, hat vor zwei Tagen erfahren, dass er nunmehr auch in den Beinen gelähmt sein wird. Er fragte sich für welchen Zweck er dieses Opfer darbringen könne, und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er ist jetzt glücklich darüber, das Opfer einem solch großen und schönen Zweck weihen zu dürfen: …

Francis Poulenc’ „schreckliche Angst“, die die Ärzte kraft ihrer Diagnose haben zu müssen bezweifeln, wird nun nicht nur durch ein Novene kollektiv bekämpft, vielmehr noch gibt Pater Griffin durch seinen Mitbruder der angezweifelten Angst einen Sinn. Das nennt man wohl eine feinsinnige Heilung von der Angst.


Foto: Monika Rittershaus

Erbat sich Francis Poulenc die Novene wirklich, weil er so „schreckliche Angst“ hatte. Wir wissen es nicht. Doch, was er von den Karmeliten als Sorge um seine Angst hören wollte, bekam er zu hören und sogar noch ein wenig mehr. Der „schrecklichen Angst“, die von den Ärzten geleugnet wird, wird von den Karmeliten nicht nur bekämpft, sondern angenommen, empfangen (!) als Zweck eines Opfers.


Foto: Monika Rittershaus

Könnte es sein, dass Poulenc zum Katholizismus konvertierte, weil die Ebene die Kommunikation mit den Karmeliten um so vieles besser funktionierte als mit den Ärzten? Sie haben keinen Grund für ihre Angst, sagten Ärzte. Wir nehmen ihre Angst an und einer von uns empfängt sie als Gabe für sein Opfer, schrieb der Pater. Man könnte auch von einer Kommunion sprechen.


Foto: Monika Rittershaus

Es gibt Angst. Darum geht es Francis Poulenc als Komponist und Librettist vor allem. Angst gibt es in den unterschiedlichsten Farben der Musik und in der Musik. Angst kommt in den unterschiedlichsten Schattierungen vor. Todesangst, Lebensangst, Angst um mich, Angst um den Anderen.


Foto: Monika Rittershaus

Die Sehnsucht der Schwester Constance (Julia Giebel), die schwanger ist, sich für Blanche (Maureen McKay) zu opfern ist groß. Sie ist so groß, dass sie Blanche abstößt. Doch wie sich nicht zuletzt mit dem Brief des Paters Griffin lesen lässt, geht es mit dem Opfer um Sinn und Zweck.  Schließlich aber wird sich Blanche für Constance als Letzte am Schafott opfern. Die Logik des Opfers ist in der Ökonomie der Angst nicht zu unterschätzen.


Foto: Monika Rittershaus

In der Wendung, sich zu opfern, die mit Blanche de la Force als ein ethischer Akt der Stärke verstanden werden kann, liegt auch eine musikalische. Wie Arne Stollberg im Programmheft anmerkt, wird „das klangliche Symbol von Blanches Familie mit dem sprechenden Namen »de La Force« … hier zum ersten Mal auf die vorher so schwache, ängstliche Heldin bezogen, aber zugleich in seiner Klanggestalt entkörpert, gewissermaßen schwerelos gemacht“. Die schwerelose Stärke kommt vor dem Schnitt!


Foto: Monika Rittershaus

Nicht das Heldische der Heldin ist die große Stärke der Oper, das wäre doch wohl deutlich eine Unterschätzung von Francis Poulenc, der niemandem anderen und geringeren als Jean Cocteau in die Pariser Künstler- und Homosexuellen-Szene eingeführt wurde. Er gab an von Paul Eluard, Max Jacob, Louis Aragon, Louise de Vimorin und Apollinaire inspiriert worden zu sein. Man wird nicht Katholik aus Verblödung. Aber vielleicht wird man Katholik, weil man um die Angst weiß.


Foto: Monika Rittershaus

Denn entweder wird Angst in der Moderne verdrängt oder medizinisch als Grund geleugnet oder in Phobien und Krankheitsbildern pathologisiert. Sie findet heute womöglich so stark wie nie zuvor eine mediale Aufsplitterung in „immer mehr Ängsten“, wie Rebecca Ringst sagte. In unserem Wunsch nach Angstfreiheit generieren die Medien „immer mehr“ Ängste. Die Angst wird nicht weniger. Vielmehr sprechen wir viel häufiger von der Angst, die wir nicht wollen.


Foto: Monika Rittershaus

Jacques Lacan (1901-1981) müssen auf irgendeine geheimnisvolle Weise die Dialogues des carmélites, die nach der Uraufführung an der Mailänder Scala am 26. Januar 1957 ab 21. Juni des gleichen Jahres in der Opéra de Paris aufgeführt wurden, entgangen sein. Sie hätten eigentlich in seinem Seminar X, ab dem 14. November 1962 eine Erwähnung finden müssen. Doch ich habe bisher keinen Hinweis darauf gefunden. Wahrscheinlich gab es eine Folie, die verhinderte, dass Lacan die Oper sah. Im Seminar X spricht Lacan ein ganzes Semester lang nur von der Angst, l’Angoisse. Nach der französischen Ausgabe 2004 erschien die deutsche im letzten Jahr. Lacan, Jacques: Das Seminar, Buch X. Die Angst/L’Angoisse. Aus dem Französischen von Hans-Dieter Gondek. Verlag Turia + Kant. Wien-Berlin 2010.


Foto: Monika Rittershaus

Lacan eröffnete sein Seminar damit, dass er nicht auf die Angst der Patienten, sondern geschickt auf jene seiner  Hörer zu sprechen kam. Denn es ist mit anderen Worten nicht so, dass die Analytiker keine Angst hätten, vielmehr wüssten sie diese nur besser „zu regeln und zu dämpfen“. 

Allerdings muss man die Kommunikation der Angst anschneiden. Ist diese Angst, die Sie, wie es scheint, in Ihnen so gut zu regeln und zu dämpfen wissen, dass sie Sie leitet, dieselbe wie die des Patienten? (S. 14)


Foto: Monika Rittershaus

In der Eröffnungssitzung spricht Lacan fast ausschließlich von der Angst seiner Hörer. Es geht also keinesfalls darum, ohne Angst zu sein, was nicht zuletzt 1968 wieder eine wichtige Rolle spielen wird. Vielmehr geht es darum, wie man „sich … mit der Angst zu arrangieren“ weiß. Das Arrangement der Angst hat dabei viel mit dem ich (je) zu tun. 

Wenn Sie sich also mit der Angst zu arrangieren wissen, wird es uns bereits voranbringen, wenn wir versuchen zu sehen wie. Und auch ich selbst, ich wüsste sie nicht hervorzubringen, ohne sie auf irgendeine Weise zu arrangieren. Darin besteht vielleicht eine Klippe. Ich darf sie nicht vorschnell arrangieren. Das heißt aber auch nicht, dass es auf irgendeine Weise durch irgendein psychodramatisches Spiel mein Ziel sein sollte, Sie in die Angst zu werfen (jeter) – mit dem Wortspiel, das ich bereits über das ich (je) aus dem jeter gemacht habe. (S. 16)

 

Für Lacan geht es nicht darum, die Angst zu verorten oder zu benennen. Eher geht es ihm um eine Dekonstruktion des Wissens von der Angst. Er knüpft dafür an Martin Heideggers Rede vom Sein als einer „ursprünglichen Geworfenheit“ an. Denn es geht darum, was man „aus der Angst“ oder im Deutschen verallgemeinernd, ohne bestimmten Artikel aus Angst macht.

Die Analytiker, werden sie auf der Höhe dessen sein, was wir aus der Angst machen? Es gibt Heidegger. Mit einem Kalauer über das Wort jeter war ich ihm und seiner ursprünglichen Geworfenheit sehr wohl am nächsten. (S. 17)


Foto: Monika Rittershaus

Im zweiten Teil kommt Lacan genauer auf Sigmund Freuds Text Hemmung, Symptom und Angst von 1926 zu sprechen.

Hemmung, Symptom und Angst, so lautet der Titel, der Slogan, unter welchem einem Analytiker der Schlussstand dessen in seinem Gedächtnis erscheint und bezeichnet, was Freud über das Sujet der Angst artikuliert hat.

Lacans Formulierung zum Freud Text ist genau und ironisch. Denn der Titel ist bereits zu einem „Slogan“ geworden, als wüsste man Genaueres von der Angst. Doch Freud hat nur etwas „über das Sujet der Angst artikuliert“. Damit rückt Lacan den Vorgang der Artikulation von Angst in die Aufmerksamkeit. Angst kann nämlich, so darf man einmal sagen, unterschiedlich artikuliert werden.   

 

Lacan weist dezidiert den Text als ein Netz, mit dem sich die Angst fangen oder fassen ließe zurück. Angst gibt es, bevor sie artikuliert wird:

         Ich werde nicht in diesen Text hineingehen, aus dem Grunde, dass ich heute entschlossen bin, wie Sie das von Beginn an sehen, ohne Netz zu arbeiten, und dass es kein Sujet gibt, bei dem das Netz des Freud’schen Diskurses näher daran ist, uns eine falsche Sicherheit zu geben. Wenn wir in diesen Text hineingehen, werden Sie genau das sehen, was im Bezug auf die Angst zu sehen ist, nämlich, dass es kein Netz gibt. Wenn es um die Angst geht, hat jede Masche, wenn ich das so sagen kann, nur dadurch Sinn, dass sie die Leere belässt, in welcher es die Angst gibt. (S. 19)


Foto: Monika Rittershaus

Von der Angst zu sprechen oder gar eine Oper zu komponieren und sie dann auch noch wie an der Komischen Oper aufzuführen, führt zu wenig Freude. In den Kritiken wird immer von der Geschichte gesprochen. Ja, ja, Blanche, die „Angst vor dem Leben“ hat und sich dann heroisch an die Seite ihrer Schwestern stellt. Angst haben immer die Anderen. Damit wird Angst zur Sache der Anderen. Angst will – „Heute sind die Menschen voller Angst“ – man von sich fernhalten. Und doch oder gerade weil das Regieteam die Angst der Karmelitinnen nicht zur eigenen Angst machen will, gelingt es ihnen Bilder, Gesten und Töne aus Angst auf die Bühne zu bringen. Das Bühnenbild inszeniert vor allem eine Leere, in der es die Angst gibt.


Foto: Monika Rittershaus

Die Angst ist schneidend. Und sie ist hardcore. Sie gehört zum harten Kern. Nicht weil sie der Kern wäre, sondern weil sie schneidend ist. Am Schluss der Eröffnungssitzung des Seminars hat Lacan die Angst soweit zu einer Kernfrage gemacht, dass sich ihr nicht mehr entkommen lässt. Angst ist universell in dem Maße, wie sie vor ihrer Artikulation bleibt.  

… Es geht um das Begehren. Und der Affekt, durch den wir vielleicht angespornt werden, all das hervortreten zu lassen, was dieser Diskurs als nicht allgemeine, aber universelle Konsequenz für die Theorie der Affekte zum Inhalt hat, ist die Angst.

An das Schneidende der Angst haben wir uns zu halten, und auf dieses Schneidende hoffe ich Sie das nächste Mal weiter hinzuführen.

14. November 1962


Foto: Monika Rittershaus

Ich muss noch einmal auf die historische, womöglich gar kulturhistorische Funktion der Hinrichtung der 16 Nonnen von Compiègne zurückkommen. Man muss sich nämlich fragen, was in dieser für Gewöhnlich als La Terreur, als Herrschaft des Schreckens, von September 1792 bis Juli 1794 abspielte. Die Nonnen wurden nämlich zum Schluss des Terreur am 17. Juli 1794 hingerichtet.

 

Das große Projekt der Aufklärung heißt Befreiung. Befreiung von was? Befreiung von der Kirche. Befreiung vom Adel. „Ah, wir werden es schaffen, /Die Aristokraten an die Laterne!“, zitiert Poulenc ein Lied von 1790. Man hört wie sich die Revolutionäre in der dreifachen Wiederholung des „ça ira“ Mut machen.  Befreiung von einem Gott. Und warum will man sich von ihnen befreien? Man will keine Angst mehr haben müssen. Da ist die Angst, die zum Terreur wird, immer am Arbeiten. Der Wunsch nach einer Welt ohne Angst wird nicht zuletzt mit der Erfindung des Arztes Joseph-Ignace Guillotin, einem Bekannten, wenn nicht Freund Voltaires, humaner ausgeführt.


Foto: Monika Rittershaus

Von der Angst ist in der Aufklärung als Projekt keine Rede. Aber die Diskussion dreht sich darum, welchen Grund Gott haben könnte, dass er das Schlechte oder Böse in der Welt zulässt. Das Schlechte ist indessen landläufig mit Angst besetzt, von der eben nicht gesprochen wird. In diesem Kontext muss man Leibniz' Essai de Théodicée (1710) sehen. Er kommt mit Thomas von Aquin zum philosophischen Versprechen, dass das Schlechte sich zum Guten der Welt wendet. Mit dieser Wendung wird nicht zuletzt eine Welt ohne Angst versprochen, denn das Schlechte, vor dem man sich fürchten müsste, hat sein Gutes. Leibniz macht daraus „die beste aller möglichen Welten“.

... I have followed therein ... Thomas Aquinas ... that the permission of evil tends towards the good of the universe ... It will therefore sufficiently refute the objection to show that a world with evil may be better than a world without evil. But I have gone still further in the work, and have even shown that this universe must be indeed better than every other possible universe. (Leibniz, G. W.:Theodicy. Essays on the Goodness of God, the Freedom of Man and the Origin of Evil. Commentator: Austin Farrer  Translator: E.M. Huggard Release Date: November 24, 2005 [EBook #17147]) 

 

Eine Welt ohne Angst. - Voltaire hat dieses Versprechen mit Candide aufgegriffen und ins Satirische gewendet. Candide hat wahrlich keine Angst. Er ist angstfrei, was auch immer passiert. Seine Angstfreiheit hat unterdessen viel mit seiner Einfältigkeit zu tun. Alles was ihm widerfährt, hinterlässt offenbar nur äußerliche Spuren an seinem Körper. In Candide gibt es keine Todesangst. Cunigonde stirbt und wird bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, aber sie lebt und steht immer wieder von den Toten auf. Optimismus ist selbst in der Satire gut, um Angst zu regulieren.


Foto: Monika Rittershaus

Für die entfesselte Phase der Terreur in der Revolution, die oft als Entartung und allenfalls als Übergang von Historikern verstanden wird, heißt das, beispielsweise an Leibniz erinnernd, dass er geradezu restlos die Angst beseitigen will. Dem Willen zur restlosen Ausrottung der Angst, nicht zuletzt als Reaktion auf eine zumindest imaginierte Konterrevolution, fallen die Nonnen zum Opfer. Als Karmelitinnen erinnern sie daran, dass selbst Christus nicht frei von Angst war. Es geht weniger um den Heroismus als Sieg über die Angst, als vielmehr um den Wahn einer angstfreien Welt. Die Seligsprechung der Nonnen 1906 lenkt auch von der Angst, dass der Tod umsonst gewesen sein könnte, ab.

 

 

Wir sind nach wie vor Kinder der Aufklärung. Unser Glaube an eine Welt ohne Angst ist groß. Gleichzeitig vervielfältigt und artikuliert sich Angst in immer wieder neuen Ängsten. Man muss nicht gleich Katholik werden, vielleicht muss man noch nicht einmal gläubig werden, doch es gibt zumindest ein Interesse an Religiosität, weil Angst so vielfältig und uneinholbar geworden ist.


Foto: Monika Rittershaus

Die Angst und Machtverhältnisse unter den Nonnen werden darstellerisch und gesanglich, vom scharf akzentuierten Orchester gestützt, von Maureen McKay, Christiane Oertel, Erika Roos und geradezu brünhildenhaft von Irmgard Vilsmaier als Mutter Marie und Julia Giebel als Schwester Constance ausgeführt. Hier dreht sich alles mehr um Angst als um Liebe. Eine Oper ohne Liebeshandlung. Der Tod der alten Priorin von Christiane Oertel wird gesanglich und darstellerisch äußerst hart dargestellt. Irmgard Vilsmaier reißt Maureen McKays Arme auseinander und macht ihren Körper zum Kreuz.  


Foto: Monika Rittershaus

In der Kleinheit dieses Todes, der von Constance als jener der Priorin angezweifelt wird, liegt der große Widerspruch zum Heilsversprechen. Constance leugnet die Angst der Priorin, indem sie davon ausgeht, dass es der Tod einer Anderen gewesen sein muss. Sie leugnet damit insbesondere die Angst. Francis Poulenc indessen hat gerade auf den Tod der Priorin, der als klein und kleinlich aus Angst fehlgeht, intensivste Arbeit verwendet:

Ach! Mein kleiner Pierre, »Sie« hat gestern Abend um sieben Uhr den letzten Atemzug getan, nach welch einer Todesangst! Mutter Marie, ehrgeiziger denn je, war von unglaublicher Härte. Die arme Blanche war völlig verrückt. Was mich betrifft, so bin ich völlig erschöpft, …
Poulenc an Pierre Bernac, 19. Dezember 1953

 

Torsten Flüh

 

Gespräche der Karmelitinnen

Oper von Francis Poulenc

Komische Oper Berlin

 

Weitere Aufführungen am

3., 9. und 16. Juli 2011

8., 16. und  29. Oktober 2011

3. November 2011

 

 


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Categories: Oper

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