Ich beim Schreiben des Romans - Dein Name und die Kleist-Preis-Rede von Navid Kermani

Liebe – Tod – Roman 

 

Ich beim Schreiben des Romans
Dein Name und die Kleist-Preis-Rede von Navid Kermani
 

 

Ein Monat ist seit der Verleihung des Kleist-Preises 2012 am Vormittag des 18. November im Berliner Ensemble verstrichen. Gleich nach einer der besten, weil in vielfacher Hinsicht stimmigsten Kleist-Preis-Verleihungen der letzten 10 Jahre hätte der Berichterstatter posten müssen. In Echtzeit zwischen Twitter- und Facebook-Länge z. B. um 12:52 Uhr hätte der Post raus müssen. Selbst Ijoma Mangold war am 22.11.2012 um 07:00 Uhr in der ZEIT online und im Print schneller, wenn auch nicht sehr viel ausführlicher als Facebook. Er schrieb vor allem über das C der CDU, weil Norbert Lammert als Vertrauensperson der Jury Navid Kermani gewählt und eine Laudatio gehalten hatte. 

 

Der Berichterstatter hatte ungefähr ein Jahr zuvor Gregor Dotzauers Kritik am 25. oder 26. August 2011 angelesen und dann beschieden, sich mit „1200 Seiten literarische(m) Maximalismus“ nicht zu befassen. Die Kritik des Feuilletons ist ein bedenkenswerter Modus des Schreibens und Urteilens. Die Angabe von 1200 Seiten war, wie so manches andere auch, ungenau und fehlerhaft.  

 

Navid Kermanis Roman Dein Name zählt 1229 Seiten und irgendwann so nach Seite 50 wollte ich gar nicht mehr aufhören weiter zu lesen, wenn es nicht Uhrzeiten gäbe und das Leben des Lesers nicht von anderem auch strukturiert würde. Beispielsweise wird das Leben von U-, S- und überhaupt Bahnfahrten strukturiert. Und über 1229 Seiten im Leineneinband in der Sporttasche lassen diese auf ganz andere Weise sportlich werden: 1293 Gramm Buch. Norbert Lammert kam auf eine Lesezeit von 40 Stunden, was einer guten Arbeitswoche entspräche. Warum also dieses dicke Buch? Meine iranische Freundin Afsar sagt gleich: Typisch Iraner. Und natürlich spielen bei dem in Siegen geborenen Sohn iranischer Eltern aus dem Bonner Botschaftsmilieu der Iran, Iraner und der „Perserteppich“ eine Rolle im Roman. 

 

Barbara Nüsse las zu Beginn der Verleihung aus Dein Name, was überhaupt schon, ganz entgegen Dotzauers Kritik, aufhören ließ. Mit Manos Tsangaris (Percussion) und Chen Pi-hsien (Piano) schuf Barbara Nüsse sozusagen den künstlerischen Rahmen für die Verleihungszeremonie und die Reden. Insbesondere die Übergänge aus den Percussion- und Pianoeinsätzen zum gelesenen bzw. gesprochenen Wort boten eine Inszenierung von Sprache und Musik, wie sich nur selten bei derartigen Anlässen ereignet. Die Pianistin und der Schlagzeuger, mit großen Zimbeln oder arabischen Sagat, erzeugten Klänge, die mit dem Klang der Sprache kommunizierten. Es ließ sich fragen, wann Klang Sprache wird oder welchen Klang eine Sprache hat. Das gab einen Wink auf Navid Kermanis „Dankrede“. 


Die Dankrede von Navid Kermani ist mittlerweile auf der Seite der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft e.V. als open source verfügbar. Sie beginnt mit der Frage: „Was ist Liebe?“ — Und bei diesen ersten drei Worten mit Fragezeichen darf daran erinnert werden, dass es ein Großteil des Publikums, nennen wir sie Kleist-Freunde, zusammenschreckend durchzuckte. Navid Kermani entfaltete die Frage allerdings auf ansprechende, vielschichtige und widersprüchliche Weise, in dem er an „das Ach! der Alkmene“ in Heinrich von Kleists Amphytrion anknüpfte  und es bis zum arabischen Mystiker Muhyidin Ibn Arabi durcharbeitete. Eine brillantere Kleist-Preis-Rede war in den letzten Jahren kaum zu hören und lesen gewesen. 

 

An der Grenze zur Sprache artikuliert sich nach Navid Kermani mit dem „Ach! der Alkmene“, was sich nicht sagen lässt, um es einmal so zu formulieren. Er beantwortet nicht einfach die Frage nach der Liebe, vielmehr arbeitet er sie als existenzielle Erfahrung in ihrer Widersprüchlichkeit von verzweifelndem Seufzen und lustvollem Stöhnen mit dem arabischen Wort tanaffus durch, „weil die islamischen und hier speziell die arabischen Mystiker große Seufzerexperten waren“ (S. 8). Der kleistische Seufzer, das Ach! der Alkmene wird genau in dem Moment artikuliert, in dem die Sprache versagt, in dem sie  als Seufzer noch nicht (wieder) oder nicht mehr artikuliert werden kann. Denn mit dem Ach! haucht sie „ihr Bewußtsein, ihre bisherhige Existenz,“ wie Navid Kermani meint, aus. (S. 3) 

 

Mit dem arabischen „oaaach“, als „im Arabischen mit zwei Buchstaben“, dem hamza und dem hâ' wiedergegebenen Anfangs- und Endseufzer, schlägt Kermani den Bogen zum „Ursprung dieses Klang gewordenen Atmens“ (S. 8) nach Ibn Arabi. Anders als der göttliche Odem oder eben nur in mystischer Formulierung kommt „der tiefe Atem“ aus „der Quelle der göttlichen Liebe und geht durch die Geschöpfe hindurch“. Kermani scheut sich mit anderen Worten nicht, Alkemenes „Ach!“ mit der arabischen Mystik zu lesen und gibt damit zu Recht einen Wink auf Amphytrions Anklänge an Christus. — Natürlich widersetzt sich eine solche Lesart jeglichen(!) fundamentalistischen Anweisungen. — Der biblische Gott ist in seiner Liebe „cholerisch, zornig, rachsüchtig und mordend, er ist großmütig, erbarmend, zärtlich und beschützend, er ist rasend, der Gott der Bibel, nicht weniger als Penthesilea und Achill ist er rasend vor Liebe“. (S. 7) 

 

Der liebe Gott ist in der Bibel, vor allem in dem den drei monotheistischen Religionen gemeinsamen Alten Testament nicht lieb. Mit anderen Worten und an Kermani anknüpfend: Heinrich von Kleists Götter, Helden und Halbgötter sind nicht lieb, sondern in ihren Lieben bedingungslos und stellen eben gerade deshalb die Frage nach der Liebe und Gott, als um 1800 die Welt gebrechlich wird und sich eine positiv formulierte Wissenschaft zur Lösung aller Rätsel mit der Geste der Homogenisierung anschickt. Der Modus der Frage im Schreiben ist entscheidend. Das Rätsel oder mit einem anderen Wort das Heilige, dem die Frage gilt, spielen sich an der Grenze des Wissens ab.  

 

Der Roman Dein Name (2011) von Navid Kermani wird von einem Navid Kermani geschrieben, der eine Rundfunkreihe über das Heilige besprechen soll. Und diese fast beiläufige, leicht zu überlesende Eröffnungssequenz des Romans gibt nicht nur einen Wink auf den Roman als „Totenbuch“, sondern eben auch der Frage nach dem Heiligen. Das Heilige ist auch das Rätselhafte, das sich nicht lösen, nicht erzählen, nicht einmal aussprechen lässt.  

… In einer guten halben Stunde wird Navid Kermani im Rundfunk eine Reihe besprechen, die nach dem Heiligen fragt, sechs Sendungen über Sex, Barmherzigkeit, Rausch, Musik, Macht und Sterben, sechsmal das Heilige als Tuwort. Wer es ausspricht, überführt sich der Lüge, sagte er der Redakteurin gestern am Telefon… (S. 7) 

 

Dotzauers Kritik 2011 war ein Verriss mit der Geste des Wissens um die Literatur. Deshalb ist sie nicht nur eine Bagatelle von Gestern, sondern hat durchaus mit der Frage nach der Literatur zu tun. Reichhaltig und kenntnisreich verwies er auf die Anklänge und Entschlüsselungen anderer Autoren in Dein Name. Dotzauer kennt die Literatur und formuliert schon eingangs ihre narratologische Aufgabe: 

 Die Literatur bringt seit jeher Ordnung in das amorphe Rauschen der Dinge… 

Obwohl diese Formulierung einen verhaltenen Wink auf Michel Foucaults Ordnung der Dinge gibt, verkehrt Dotzauer sie in eine nicht weniger als erschreckend totalitäre Formulierung von Literatur. Die Kritik zielt auf Abschreckung. Und der Leser fragt sich, was zwischen Dotzauer und Kermani vorgefallen sein könnte, dass die Kritik derart harsch und persönlich ausfällt. Das hätte dem Berichterstatter schon 2011 aufgefallen sein und deshalb gerade sein Interesse geweckt haben müssen. Die Kritik endet mit einer Großkritikergeste, die in ihrer Formulierungsselbstverliebtheit kaum zu überbieten ist: 

… Das Ergebnis ist hier zu besichtigen: Unter dem Koloss dieses Lebens- und Totenbuches liegt Navid Kermani lebendig begraben.  

 

Navid Kermanis Roman Dein Name rührt nicht nur an Gregor Dotzauers Wissen von der Literatur, er rührt in der Art und Weise wie er geschrieben worden ist und unablässig das Schreiben des Romans, den Roman als Gattung und ein „ich“, das den Roman schreibt, befragt, an der Literatur als Wissen selbst. Dieser Zug, das Wissen der Literatur selbst in Frage zu stellen, wird mit dem Begriff der Ironie als Modus von Literatur formuliert. 

… Der Romanschreiber könnte sich gegen die Aura des Todes wappnen, indem er bereits von den Lebenden alles Schlechte notiert, das ihm auffällt. Jetzt schon hat das Vorhaben eine Wirkung, die ihn ängstigt: Wo er hinsieht, künftige Kapitel. Er unterhält sich am Telefon mit einem Redakteur und überlegt, ob dieser Roman, den ich schreibe, auch einen Namen erhalten wird… (S. 47)  

 

Elisabeth Strowick hat einmal zur Ironie bei Kierkegaard in Bezug auf Sokrates formuliert:  

… Der Begriff der Ironie aber markiert weniger Sokrates’ Verstellung als die Verstellung der ganzen Szenerie, jenen Punkt des Umschlags des Vertrautesten in das Unvertraute, des Wissens ins Ungewisse. Die Ironie inszeniert das Unheimliche. … Die Ironie, …, irritiert das Verhältnis des Subjekts zum Wissen…[1] 

In Navid Kermanis Roman geht es daran anknüpfend um eben jenen unheimlichen Moment der Ironie, mit dem das „Vertrauteste(…) in d(a)s Unvertraute, d(a)s Wissen(…) ins Ungewisse“ umschlägt. Insofern hat Dotzauer ein untrügliches Gespür für seine vernichtende Kritik. Denn die „Ordnung“ gerät hier in Unordnung. Allerdings vor allem im Modus der Infragestellung der Position des Autors, der Funktion des Namens und dem Vermögen der Literatur selbst.  

  

In der Konstellation von Roman und Kritik, sogar „Romanschreiber“ und Literaturkritiker legt Dotzauer in seiner (ver)nichtenden Schlussformulierung exakt den neuralgischen Punkt offen. Das „Verhältnis des Subjekts zum Wissen“ wird von Dein Name derart angegriffen, dass „Navid Kermani lebendig begraben“ werden muss. Dies gilt umso mehr für das Genre Roman. Ist es doch der Roman, der als literarische Wissensakkumulation aus dem 19. Jahrhundert ins 21. hinüberwinkt. Während sich Navid Kermani in Dein Name ständig nach dem Verhältnis von „Romanschreiber“, „ich“, Geschichte und Geschichten, Ereignissen und Namen, der „Selbstlebensbeschreibung“ des Großvaters als Voraussetzungen des Romans fragt, macht er die Produktionsbedingungen des Romans öffentlich. 

 

Der Roman, in dem der (fiktive) Autor sich seine Welt selbst erzählt und schafft, befindet sich mit Dein Name nicht nur in einer Krise. Denn wenn es nur eine Krise von Autorschaft und Roman oder eben „Romanschreiber“ wäre, dann bestünde Hoffnung, dass der Autor zurückkehren oder es ihn außerhalb der Romanliteratur geben könnte. Mit „Romanschreiber“ und „Selbstlebensbeschreibung“ wird allerdings vor allem darauf angespielt, dass der Autor im Prozess des Produktion allererst im Werden begriffen ist, - „den Roman, den ich schreibe“. Dabei wird fragwürdig, ob es noch ein Roman ist, der geschrieben wird, oder nicht vielmehr vergebliche „Abfälle“. Denn: 

Seit die Tante die fünf, sechs himmelblauen Hefte verteilte, hat der Enkel nie wieder jemanden davon sprechen hören. (S. 49) 

Und  

Die Abfälle, die er womöglich zwischen den Kapiteln weiter anhäuft, würde er auf Lesungen damit erklären, dass durchs Leben auch keine Müllabfuhr fährt. (S. 11) 

Doch der Roman ist nicht mehr in Kapitel als Ordnungsprinzip eingeteilt. Er ist kapitellos oder deutet im Romanschreiben allenfalls noch Kapitel an, die als solche sogleich wieder in Frage gestellt werden. Damit tendiert er zur Blogwurst oder Letternwüste.

 

Existiert der Roman möglicherweise nur als Roman, weil er als ein dickes Buch von über 1229 Seiten auf dem Tisch liegt? Beteuert der „Romanschreiber“ nicht immer wieder die Unmöglichkeit des Romanschreibens und produziert dennoch einen? Was verspricht der Titel Dein Name mit dem merkwürdigen Modus der Anrede? Wessen Name? Meiner? Und was versprechen Name und Titel? Schließlich doch nicht endlich: Was trägt der Satz - „Satz: Greiner & Reichel, Köln“ – zum Roman bei? Sind die langen am Romansatz oder -Druck orientierten Absätze noch syntagmatische Einheiten? Oder hält der Absatz als Romansatz etwas zusammen, was schon längst auseinanderfliegt, um es einmal so zu formulieren? 

 

Das „Totenbuch“ ist letztlich nur der Name einer elektronischen „Datei“. (S. 12) Doch es ist eben auch eine Frage nach der „Bedeutung im Leben“. Siestellt den Romanschreiber ständig vor die Frage von Kriterien, nach denen die Toten, von denen erzählt werden soll, ausgewählt werden könnten. Es ist eine unmögliche und ironische Frage nicht zuletzt von Bedeutung.  

Wieviel Grad, Meter, Liter, Gramm, Bytes oder Protonen muß jemand ihm bedeutet haben, damit der Romanschreiber »wohlverdient« nachruft, »verstorben«, »ruht« oder, wie im frühesten Christentum üblich, »schläft in Frieden«: dormit in pace? (S. 13)    

 

In dem Verhältnis des Subjekts zum Wissen, insbesondere beim Lesen eines Buches geht es nicht zuletzt immer um das Versprechen – Dein Name – von sich selbst zu lesen. Dein Name als Name und Titel eines Romans kann Versprechen und Drohung zugleich sein. Denn wenn „mein“ Name in unangemessener Weise darin steht bzw. zu lesen wäre, dann denunziert mich auch das Auftauchen meines Namens und sei er ein Pseudonym oder Nick wie „FrAndrea33 im Chat“. Im Namen fällt die Verschaltung des Lesens mit dem Subjekt zusammen.  

Ohne den Fernseher leiser zu stellen, klappte er den Laptop wieder auf und klickte sich, als die Werbung eines elektronischen Antiquariats aufleuchtete, von Buch zu Buch zu den sämtlichen Werken, Briefen und Dokumenten Friedrich Hölderlins, die er für 49,99 Euro zuzüglich Versandkosten bestellte, während er FrAndrea33 im Chat idealere Orgasmen auf dem Perserteppich bereitete, als er es in Wirklichkeit je vermöchte. (S. 9)  

 

Hat er nun oder hat er nicht? Literatur? Syntax? Er „klickte …, als die Werbung … aufleuchtete, …, die er … bestellte, während er … bereitete, als er es … je vermöchte“. Temporale Folge und Gleichzeitigkeit werden durch das Konditional mit dem Konjunktiv verknüpft und gleichzeitig hoch ironisch als Fiktion ausgestellt. Es sind derartige Formulierungen, die das Verhältnis von Roman, Wirklichkeit und Autorschaft quasi über den „Perserteppich“ stolpern lassen. — Und der „Perserteppich“ als Stolperfalle eingeübten Wissens wird von Navid Kermani mitten im Satz und dem Erzählen der Erzählung ständig ausgelegt. 

 

Was passiert, passiert in der Sprache und verrät das Heilige nie. Eine Nacherzählung von Handlung etwa als einem Romanschreiber, der mit FrAndrea33 chattet, ihr auf dem Perserteppich Orgasmen bereitet, Probleme in der Ehe hat, Zidane ebenso wie Hölderlin liebt, nachruft und bedenkt, aber auch das Klo im Siegerland putzt, weil seine Frau im Krankenhaus liegt, erscheint ebenso widersinnig wie banal. Gerade deshalb ist Dein Name ein großer Roman. Die Handlung ist am ehesten noch ein Roman, den ich/er schreibe/t, und der als Buch äußerst unhandlich wird. 

 

Die mediale Vernetzung des Autors, Romanschreibers, Chatters, Bloggers, Vaters, ichs, Navid Kermanis in der Sprache und Uhrzeit wird von Navid Kermani nicht im Dienste einer Authentizität, sondern in Fragen an die Möglichkeiten des Romanschreibens formuliert. Die geradezu obsessive Angabe von divergierenden Uhrzeiten auf Armbanduhr, Handy und Taskleiste des Computers führt auch vor, dass der Moment nicht festgelegt, das Ereignis gerade nicht festgehalten werden kann. Aber er wird als nachprüfbar versprochen, was sich als literarischer Zug machen lässt: 

Um 10:05 Uhr wird Navid Kermani wegen einer – wirklich wahr, Sie, großgeschrieben, können es später beim Deutschen Wetterdienst nachprüfen – wegen einer Unwetterwarnung aufgefordert, die Tochter um elf Uhr aus der Schule abzuholen. (S. 197)     

Welcher Leser will es denn „nachprüfen“? Werden jetzt Generationen von Studenten und Studentinnen der Literaturwissenschaft die Zeitangabe überprüfen? Oder wird nicht vielmehr ein Schreiben in Echtzeit deutlich ironisiert? 

 

Indem Navid Kermani mit Dein Name den Roman als Genre radikal in Frage stellt, die Form beispielsweise im Drucksatz beibehält und doch ad absurdum führt, ihn als sehr dickes Buch unablässigen Erzählens praktiziert und irgendwie auch gleich Rainald Goetz in loslabern (2009/2010) loslabert, erreicht er genau den Punkt einer Erzählung von Unübersichtlichkeit und völliger Vernetzung, den die aktuelle Wirklichkeit generiert. Es ist ein Abgesang und eine Feier des Romans zugleich. Und zwar in der Weise, dass man sich fragen kann, ob ein Blog nicht ebenfalls ein Roman sein könnte.  

 

Torsten Flüh 

Navid Kermani
Dein Name
Roman
Carl Hanser Verlag
34,90 Euro

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[1] Strowick, Elisabeth: Das Ding mit der Ironie. In: Gottlob, Susanne; Jost, Claudia; Strowick, Elisabeth (Hrsg.): »Was ist Kritik?«: Fragen an Literatur, Philosophie und digitales Schreiben. Hamburg 2000. S. 67f