Im Auftrag der Freunde - Peter Engelmann und die Gründung des Passagen Verlags

Philosophie – Verlag – Politik

 

Im Auftrag der Freunde

Peter Engelmann und die Gründung des Passagen Verlags

 

Der Wiener Passagen Verlag feiert in diesem Jahr sein 25jähriges Bestehen. Deshalb erzählte der Verleger und Philosoph Peter Engelmannim Literaturforum, das wegen Bauarbeiten im Brechthaus in der Chausseestraße in der Saarländischen Galerie des Palais am Festungsgraben seine Veranstaltungen durchführt, im Gespräch mit der Journalistin Jutta Person von der biographischen Verquickung von Philosophie, Politik, Gesellschaft und Verlagsgründung. Denn die Gründung des Verlages folgte dem Auftrag der Pariser Philosophenfreunde.

Während sich im 25. Jahr seines Bestehens der Passagen Verlag den Herausforderungen des Internets und der digitalen Gesellschaft beispielsweise mit einem Facebook-Konto stellt - und natürlich nicht als einziger stellen muss -, sind die vergangenen Jahrzehnte des Verlages aufs Engste mit den kulturellen Funktionen von Verlagen an der Schnittstelle von Wissenschaft – Philosophie - und Öffentlichkeit mit den Medien Buchdruck und Übersetzung verknüpft. Kein anderer Verleger und Verlag haben die Dekonstruktion nach Jacques Derrida seit den 80er Jahren im deutschsprachigen Raum derart konsequent vertreten und publiziert. Das Alleinstellungsmerkmal des Passagen Verlages kann man vor allem als eine höchst einflussreiche deutsch-französische Spracharbeit formulieren.

Philosophie ist immer auch mit der Erzählung von Verlagen und Übersetzungen verquickt, wie unter anderem der Workshop zu Roland Barthes Mythen des Alltags am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung im Januar dieses Jahres zeigen konnte. Die Auswahl der übersetzen Texte aus dem Französischen spielte 1964 bei Roland Barthes unter anderem durch Hans Magnus Enzensberger und Siegfried Unseld für den Suhrkamp Verlag eine wichtige Rolle. Die wissenschaftliche Tragweite war weniger entscheidend als die Verständlichkeit – hätte man damals wohl gesagt -, die Möglichkeit der kulturellen Anknüpfung für deutsche Leser. Entscheidende Kompositionsmerkmale des Textes im Original waren für den deutschen Übersetzer, den Verlagslektor und den Verleger kaum von Interesse.

Demgegenüber praktizierte Peter Engelmann als Philosoph, Herausgeber und Verleger 1985 mit Jacques Derridas Droits de regards (1983), von Michael Wetzel mit Recht auf Einsicht übersetzt, ein in mehrfacher Hinsicht bahnbrechendes Publikationsverfahren. Er veröffentlichte nicht nur einen höchst ungewöhnlichen philosophischen Text, der von Jacques Derrida mit den Photographien von Marie-François Plissart nicht nur an das Genre des Photoromans anknüpfte, sondern vor allem auch das Erzählen von Geschichten und das Philosophieren selbst inszenierte. Das französische Original wurde quasi mikrologisch und auf einer entschieden anderen Übersetzungsebene publiziert.

… Du wirst niemals, Sie auch nicht, all die Geschichten kennen, die ich mir beim Anschauen dieser Bilder noch habe erzählen können.   

Droits de regards spricht oder handelt nicht einfach von Philosophie (und Photographie). Es löst vielmehr eine Wörtlichkeit zugunsten der Schriftlichkeit als philosophischem Projekt auf. Zwar verspricht der deutsche Titel in einem juridischen Modus ein Recht auf Einsicht, im Englischen Right of Inspection, wie in der französischen Formulierung. - Im Deutschen könnte das Recht auf Einsicht auch mit einem Recht auf Erkenntnis korrespondieren. Nicht zuletzt ist der Name des Mediums Photographie als eine Kombination aus (platonischem) Licht und Schrift eine Anspielung auf Erkenntnis durch den Blick. - Doch mit dem französischen regards und seinem Plural-s von regard/Blick wird bereits im Titel eine Pluralität von Blicken angeschrieben, die sich im Deutschen oder Englischen nicht anzeigen lässt.

 

Die Pluralität des Blicks ist in Droits de regards eng mit den sprachlichen Formulierungen verknüpft. Was formuliert werden kann, wird Blick. Die Blicke sind unabschließbar. Was Derrida mit der Photographie vor allem praktiziert, knüpft an das Denken der différance – mit kleinem a - und des Textes an.

… - ich habe deshalb gesagt, auch als scherzhafte Bemerkung, es gäbe kein Außerhalb des Textes -, …[1]     


Im Palais am Festungsgraben neben dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin und hinter der Neuen Wache war die Veranstaltung des Literaturforums, der zufälligen Verspätung der Renovierungsarbeiten an der Chausseestraße geschuldet, durchaus beziehungsreich lokalisiert. Denn die Geschichte des Wiener Passagen Verlages  ist nicht zuletzt verquickt mit den Geschichten der Philosophie in der DDR und ihrer „Hauptstadt Ost-Berlin“ sowie eines jungen Berliners und Philosophie-Studenten, Peter Engelmann. Sie lässt sich in gewisser Weise auch als eine Geschichte des Unheimlichen und des Exils erzählen.


Wie Peter Engelmann im Gespräch mitteilte, ging er im Prenzlauer Berg auf die Kollwitzschule, der heutigen Käthe-Kollwitz-Oberschule, wo ihn sein Klassenlehrer für die Philosophie und ihre 2000jährige Geschichte faszinierte. Wegen eines besonders guten Schulabschlusses wurde er zum Philosophiestudium in der DDR zugelassen und erhielt einen Studienplatz an der Humboldt-Universität. Engelmann sprach von einem Systemfehler, der ihm wegen des guten Abiturs das Philosophiestudium erlaubt habe. Weil die Philosophie als Kaderstudium galt, um der ideologischen Rechtfertigung des Gesellschaftssystems zu dienen, fühlte sich Peter Engelmann fehl am Platze. Er mochte oder konnte der ideologischen Ausrichtung der Philosophie nicht folgen.

Mit anderen Worten: der Fehler im System ermöglichte Engelmann einerseits das Philosophiestudium und lässt gleichzeitig die ideologische Funktion der Philosophie für das Gesellschaftssystem fragwürdig werden. Die „Philosophie in der DDR“ ist in den letzten Jahren mehrfach zum Thema größerer Publikationen geworden. Denn nach 1989 wurde sie, um es einmal so zu formulieren, abgewickelt und zumindest instutionell ausgelöscht. Abgesehen davon, ob dies zu Recht geschah oder als Arroganz und Intoleranz der west-deutschen Philosophie gegenüber der stark institutionalisierten und ideologisierten „Philosophie der DDR“ gewertet wird, lässt sich daran beobachten, dass die Vertreter und/oder Funktionäre der Philosophie der Bundesrepublik Deutschland überhaupt an einem Prozess der Löschung interessiert waren.

 

Die Verschränkung von Philosophie, Rechtfertigungsstrategien, Ideologie, Staatssystem und Wissenschaftspolitik lässt sich an der „Abwicklung“ der Philosophie in bzw. aus der DDR deutlich beobachten. Peter Engelmann war allerdings schon lange vorher zum Opfer des Systems und damit nicht zuletzt der vorherrschenden Philosophie geworden. Fasziniert vom Prager Frühling 1968 und entsetzt von der Niederschlagung der Liberalisierungs- und Demokratisierungsbewegung durch Ungarn und die Staaten des Ostblocks geriet Engelmann 1972 in Rumänien an die jugoslawische Grenze. Er nennt das eine „Jungensgeschichte“, die allerdings eine lebensbedrohliche Wende nahm.

Engelmann wurde von den rumänischen Grenzsoldaten beschossen, verhaftet und durch die Hilfe von Freunden zumindest an die DDR ausgeliefert, wo er im Stasigefängnis landete. Er erzählt von den Vorkommnissen, die sich eben auch nicht erzählen lassen, höchst bewegt im Literaturforum. Die totale Entrechtung des Philosophiestudenten Engelmann durch einen Staat, der sich über die marxistisch-leninistische Philosophie legitimiert, hinterlässt Spuren. Das geschlossene und sich gegenseitig legitimierende System von Staat und Philosophie greift direkt in das Leben ein. Der lebensbedrohliche Beschuss der Grenzsoldaten markiert nicht nur die ideologische Macht des (Ostblock-)Staates, sondern der Philosophie. Sie lässt die Philosophie als Kaderdisziplin auch in ihrer Grenzen bildenden Macht spürbar werden.

 

Die Philosophie in ihrer 2000jährigen Geschichte, die sich zu einem Gutteil zumindest seit der Moderne als Geschichte des Fortschritts erzählt, führt für Engelmann zu einer einschneidenden Grenzerfahrung. Er wird 1972 in der DDR zu 2 Jahren Haft verurteilt, erlebt psychische Folter, wird von Gregor Gysi als Anwalt vertreten, der soviel Macht hat, dass die Stasimitarbeiter Haltung annehmen, wenn er den Raum betritt. Nach Verbüßung von einem Jahr als politischer Gefangener wird Engelmann von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Er promoviert 1979 über Hegel und geht nach Paris.


Was die Erzählung Engelmanns mit etlichen Stockungen, Unterbrechungen und Abbrüchen im Palais am Festungsgraben artikuliert, lässt sich als eine existenzielle Verquickung von Philosophie als wissenschaftlicher und systemtragender Disziplin und Bio-Graphie formulieren. Wird die Philosophie bisweilen in Deutschland als eine Wortverdreherin qualifiziert und ihr insofern Lebens- und/oder Realitätsferne gern bescheinigt, so wurde sie für Engelmann zur existenziellen Erfahrung. Für diese Art der Lebensnähe gibt es Ende der 70er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland und im deutschsprachigen Raum allerdings keine Philosophie. Es sei denn man bezieht eine philosophische Position – es ging wirklich um Positionen -, die mehr oder weniger in der Negation der DDR-Philosophie bestand.

 

Peter Engelmann geht nach Paris und trifft auf das Denken von Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Sarah Kofman und Michel Foucault. Die Geschlossenheit der Philosophie, die Peter Engelmann in ihrer mächtigsten Form erlebt hat, wird mit der Dekonstruktion und dem postmodernen Denken, allererst zum Thema der Philosophie. Mit dem Denken der Spur wird einerseits die Geschlossenheit aufgebrochen und andererseits findet mit ihr all jenes Eingang ins Philosophieren, was ausgeschlossen worden war.


An der Schnittstelle von Aufbruch und Zulassen der Spur wird Droits des regards zu einem Schlüsseltext, der in der Konstellation mit der Photographie gleichzeitig mit einer anderen Schrift geschrieben wird: der Photo-Graphie. Die mediale Verschränkung funktioniert als eine Öffnung von Philosophie und dem Denken der Schrift. Der Übersetzer Michael Wetzel wird diese mediale Verschränkung nicht zuletzt in eine Medienwissenschaft und „Inframedialität“ überführen.


Peter Engelmann schnitt im Gespräch wiederholt das „Verunsicherungspotential“ von Derridas Philosophie bzw. der Dekonstruktion an. Das ist trefflich formuliert und hat auch etwas damit zu tun, dass Jacques Derridas Denken und Schreiben von der kritischen Theorie in der Bundesrepublik Deutschland bisweilen höchst polemisch bekämpft, unterdrückt, ja, zensiert worden ist. Nachdem der Suhrkamp Verlag noch 1974 Grammatologie (Original 1967)  und 1979 Die Schrift und die Differenz (Original ebenfalls 1967) im Progamm suhrkamp taschenbuch wissenschaft veröffentlicht hatte, weigerte sich der Verlag quasi, weitere Schriften von Derrida zu publizieren, woran Jürgen Habermas als führender Kopf der Philosophie in der Bundesrepublik Deutschland laut Engelmann seinen Anteil hatte.

Man kann es einmal recht scharf formulieren, worin das Verdienst des Passagen Verlags in Wien und seines Verlegers – des Berliners in Wien - für die deutschsprachige Philosophie, Literatur- und Medienwissenschaft besteht: er rettete sie vor Provinzialisierung und dem Verpassen einer Internationalisierung der Philosophie. Die Internationalisierung der Philosophie hatte längst damit begonnen, dass Jacques Derrida u. a. an den wichtigsten Universitäten in den USA lehrten. Selbst in Oxford tat ein junger Literatur- und Kulturwissenschaftler einen weiteren Schritt: Homi K. Bhabha. Noch Ende der 90er Jahre durfte man gelegentlich von deutschen Literaturwissenschaftlern hören, dass es Homi K. Bhabha Derrida nun aber gezeigt habe. - Sie hatten The Location of Culture (1994) entweder nicht gelesen oder nicht verstanden.       

Es gibt Fortschritt in der Philosophie, der mit Veröffentlichungen und Übersetzungen zu tun hat. In dem Maße wie Jacques Derrida, Michel Foucault, Jean-Françoise Lyotard etc. die Philosophie dafür geöffnet haben, über sich selbst, ihre Grenzen, Schlüsse und Ausschließungen unter dem auch witzigen Namen einer Postmoderne nachzudenken, hat die Philosophie mehr von sich selbst erfahren. Was zuvor als Wahrheit galt, wurde als ein Effekt der Ideologie transparent.

Vielleicht kann man sogar sagen, dass sich fest verortete ideologische Lager – seit Derrida und der Dekonstruktion klingt Lager vieldeutiger - in der Philosophie auch ein wenig aufgelöst haben. Die ideologische Konfrontation im ausgehenden 20. Jahrhundert hat sich jedenfalls zu einem Gutteil verflüchtigt. Wenn es heute einen philosophischen Auftrag gibt, so lässt er sich durchaus mit der Dekonstruktion dahin formulieren, dass es um die Aufdeckung aktuell vorherrschender Ideologien gehen muss. Doch dies wäre ohne die Dekonstruktion nicht möglich.

Peter Engelmann setzt mit seinem Passagen Verlag und dessen umfangreichen Programm weiterhin auf eine Kritik der Ideologie beispielsweise mit Alain Badiou und/oder Slavoj Žižek. Doch das wäre dann schon wieder eine andere Geschichte. - Ein Auftrag unter Freunden kann nicht einfach erfüllt werden, er muss ständig erneuert werden. Peter Engelmann arbeitet mit seinem Verlag daran, sprachliche Grenzen in Europa durchlässiger zu machen.

 

Torsten Flüh   

 

Passagen Verlag Wien

 

Passagen Verlag auf Facebook

    

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[1] Zitiert nach: Engelmann, Peter: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart 1990. S. 21

 


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Categories: Kultur

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