Jetzt als Zeitfrage - The long Now von MaerzMusik im Kraftwerk Mitte

Raum – Jetzt – Aktion 

 

Jetzt als Zeitfrage 

The long Now von MaerzMusik im Kraftwerk Mitte 

 

Das Kraftwerk Mitte in der Köpenicker Straße, Betonmassen hinter einer Metallaußenhaut, blaue Mosaikmusterung am Sockel. Es löste technologisch und architektonisch im August 1964 das Heizkraftwerk Friedrichshain in seiner stalinistischen Revolutionsarchitektur von 1954 am Ostbahnhof, dem heutigen Berghain, ab. Suchte das Heizkraftwerk für die Stalin- bzw. heutige Karl-Marx-Allee in den 50er Jahren noch einen historisierenden Anschluss in der Architektur, um die Erfüllung der Geschichte mit der Technologie zu feiern, so verschwindet der technologische Fortschritt im Heizkraftwerk Mitte zehn Jahre später hinter einer Verblendung, als sei die Technologie zu sich selbst gekommen. Die schiere Größe verkörpert nun die energetische Heizkraft.

Berno Odo Polzer, Laurens von Oswald und Harry Glass bespielen mit The long Now, mit Konzerten, Klanginstallationen, Filmprojektionen, Live-Acts den riesigen Raum des Kraftwerks in seiner Leere zwischen Ebene 0 und 8. Das Veranstaltungsformat dauert 30 Stunden. Viel Zeit für viel Raum. Im März 2012 hatte Katie Mitchell Ebene 8 mit ihrer Multimedia-Produktion von Luigi Nonos Azione scenica Al Gran Sole Carico D’Amore aufwendig gefüllt. Viel Leere braucht viel Holz, ließe sich formulieren, um sie zu füllen. Wie lassen sich der große, leere Raum und die lange, leere Zeit füllen? ─ Eröffnet wurde The long Now mit dem String Quartet No. 2 (1983) von Morton Feldman, das 5 Stunden dauert. Allerdings passiert in dem 5-Stunden-Konzert wenig. Oder doch ganz viel?

Das lange Jetzt wurde mit dem Minimalblog von Twitter auf #MM15NOW begleitet. FTStruwelpeter twittert „Das Minguet Quartett spielt Morton Feldman“, was im Echtzeitmodus von größtem Informationswert ist. Und auf Instagram gibt es fast genauso schnell ein Foto von Annette Reisinger an der Violine. Annette Reisinger spielt mit Ulrich Isfort, Aroa Sorin und Matthias Diener das String Quartet No. 2. Live aus dem Kraftwerk. Das Minguet Quartett sitzt in der Mitte. Stuhlreihen sind um das Quartett herum aufgestellt. Alle Stühle besetzt. Auf einem äußeren Ring sind „Camp beds“ aufgestellt. Die Hörerinnen liegen oder sitzen. Paare liegen umschlungen. Alle Liegen belegt. Weitere Zuhörerinnen stehen oder sitzen auf dem Betonboden. Einige gehen umher. 5 Stunden wird das String Quartet No. 2 dauern. Die Musikerinnen und das Publikum sind alle sehr konzentriert. Konzentration über 5 Stunden.

Es ist durchaus eine Frage, wie das Minguet Quartett ein wenn auch minimalistisches Streichquartett wird pausenlos spielen können. Das wirft weitere Fragen nach dem Format Konzert, nach der Spielbarkeit und nach der Zeit des Hörens auf. In der Staatsoper im Schillertheater an der Bismarckallee läuft seit 16:00 Uhr mit zwei 30minüten Pausen die Premiere von Richard Wagners Parsifal im Opernformat Bühnenweihfestspiel mit einer Spieldauer von „ca. 5:35 h | inklusive 2 Pausen (+/- 10 min.)“. Im 1. Akt singt Gurnemanz „zum Raum wird hier die Zeit“, als gelte es langsam schreitend, eine nicht nur räumliche Distanz zu überwinden. Die Erzählung des Bühnenweihfestspiels  wird von der Überwindung einer Distanz nicht nur im Bühnenraum, sondern vielmehr im Wissen um den Tod handeln, um es einmal so zu formulieren. Dafür braucht es plus, minus viereinhalb Stunden. Und die 5 Stunden Streichquartett?

Das Tempo des String Quartet No. 2 dehnt Zeit. Insofern unterscheidet es sich darin von Wagners Zeitmodus, mit dem auf die Gralshandlung langsam, aber entschlossen, zielorientiert zugeschritten wird. Schließlich wird die zweite Gralsmesse auch im Modus des Wissens um die Schließung einer Wunde in Raum und Zeit ausgeführt werden. Nichts dergleichen findet bei Morton Feldman im String Quartet No. 2 statt. Gibt es ein Ziel in Feldmans Komposition für die Dauer von 5 Stunden? Was passiert mit und in dem Streichquartett?

Im Streichquartett beispielsweise bei Mozart, wie kürzlich bei Sayako Kusaka in der Residenz des japanischen Botschafters zu hören war, geht es auch um eine Abstimmung des Tempos unter den Musikern während des Spielens. Eine Übereinstimmung über das Tempo in der Musik gehört gerade im Streichquartett zu den schwierigsten Prozessen. Ob es schwieriger ist, ein schnelles oder langsames Tempo in einem Quartett zu spielen, wäre durchaus eine Frage. Bei Morton Feldmans Streichquartett geht es um ein extrem langsames Tempo, das Klangcluster über einen langen Zeitraum verteilt erzeugt. Durch die Dehnung der Zeit, in der mit sehr langsamen Strichen im Obertonbereich, aber auch kurzen, punktuellen Anschlägen ein schwierig zu lokalisierender Klang erzeugt wird, bricht unter anderem die Frage der Virtuosität auf.

Das String Quartet No. 2 von Morton Feldman wird nicht nur zu einer Herausforderung der Modalität eines Streichquartetts. Vielmehr wird damit auch die Frage danach gestellt, ob Musik etwas bedeuten soll oder die Zeitlichkeit des Klangs beispielsweise die Geschlossenheit einer Komposition unterläuft. Lassen sich 5 Stunden gedehnten Klangs zu einem Höreindruck zusammenfassen? Oder verhindert die Dehnung der Zeit gerade ein zusammenfassendes Hören? Hört man das Quartett über eine längere Zeit, stellt sich irgendwann Zweifel ein, ob es Sinn macht, weiter mit gleicher Konzentration zuzuhören. Und vielleicht war es dann um 23:00 Uhr am Samstag im Kraftwerk Mitte doch so, dass einige wenige Hörerinnen die Zeit auf ihren Stühlen ausgeharrt hatten und begeistert dem Minguet Quartett applaudierten. Dazu wurde das Publikum indessen nicht gezwungen. Und der Berichterstatter fühlte sich in andere Zeitabläufe eingebunden, so dass er den Schluss nicht erlebte.

Das Ereignis des String Quartet No. 2 fand nicht nur in der Musik mit dem Klang statt, wenn denn Ereignishaftes in der Komposition passiert. Es passiert fast nichts, ließe sich sagen. Das Jetzt in einer Ereignislosigkeit als pures Jetzt. Man kann das als Meditation praktizieren. Im Kraftwerk Mitte kamen allerdings weit nach Beginn des Konzerts immer mehr Menschen. Einige verließen ihre Plätze und gingen auf der Ebene 8 umher. Andere nahmen ihre Plätze für einige Zeit ein. Wieder andere wussten nicht so recht, wie sie mit dem andauernden Konzert umgehen sollten, zeigten sich verunsichert. Musikkenner wechselten die Positionen und beobachteten das famose Minguet Quartett bei der, soll man sagen, Klangproduktion. Paare auf den Liegen schienen mehr miteinander, an einander Schutz suchend, als mit dem Hören der Musik befasst zu sein. Allenthalben wurde das Konzert zu einer Herausforderung, wie sich mit Zeit umgehen lässt. Und gerade deshalb passierte viel mehr, als sonst in Konzerten passiert. Der riesige leere Raum tat seines dazu, was passierte.

Die Konfrontation mit oder auch Erfahrung der Leere im Zusammenspiel von Raum und Zeit war das entscheidende Setting für die Eröffnung von The long Now. Denn dafür gibt es sonst keine Zeit. Oder man nimmt sich keine Zeit dafür. Oder, auch das kann passieren, die Leere von Morton Feldmans Streichquartett in dem riesigen Raum macht einfach Angst. Ab 23:30 Uhr fand dann in der Schaltzentrale des Kraftwerks Leif Inges „24 Hour Electro-Acoustic Concert“ 9 Beet Stretch von 2002 statt. Anderes Setting, andere Herausforderung.

 

Die stillgelegte Schaltzentrale mit ihrer proportional niedrigen Decke, den Schaltpulten und Schalttafeln im Dämmerlicht erzeugt eine bedenkenswerte Schwebe zwischen Kontrollwunsch und Kontrollverlust. Kontrollräume beispielsweise in James-Bond-Filmen erzählen immer auch von Ängsten, die Kontrolle über Zeit und Raum zu verlieren. Die Ansammlung von unter einander verknüpften Messeinheiten, die die Kontrolle gewährleisten sollen, die Zeiger, Blinklichter und Skalen stellen in gewisser Weise auch Zeit her. In diesem Setting führt ein 24stündiges Konzert, rund um die Uhr, wie man sagt, durchaus zum Kontrollverlust über das Hören. Morten Feldman in seinen Langzeitkompositionen quasi gesteigert und verschärft.

Auf den Rettungsliegen in der Schaltzentrale sind Emergency Rescue Blankets bereitgelegt. Das ganze Setting spielt, zufällig oder nicht, im Electro-Acoustic Concert mit der Kontrolle von Energien, für die die Schaltzentrale konstruiert ist. In der Schaltzentrale ist es ungleich kühler als im ehemaligen, nun leeren Turbinen- und Kesselraum. Die Rettungsdecken, 160x210cm, für den einmaligen Gebrauch sollen der Körperwärmeregulierung oder Energiekontrolle dienen: „Reduce shock, keep patient warm, dry and clean. Helps against hypothermia, simply wrap around total body leaving face uncovered.”

Es hilft für die Konzerterfahrung von 9 Beet Stretch nur wenig, zu wissen, dass der skandinavische Klangkünstler Leif Inge die Aufnahme der 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven durch die Nicolaus Esterházy Sinfonia unter der Leitung von Béla Drahos digital auf 24 Stunden gedehnt und die Tonhöhenänderung gelöscht hat. Wenn die Tonhöhenänderungen gelöscht werden, entsteht eine Klangdecke. Bei 24 Stunden Spieldauer im digitalen Time-Stretching geht gerade das, was die Hörerfahrung in ihren Veränderungen ausmacht oder in ihr als Glissando, als gleitende Veränderung der Tonhöhe, gezielt eingesetzt wird, verloren. Anders gesagt durch das Time-Stretching und die Löschung der Tonhöhenänderungen wird die 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven als Versprechen auf eine friedliche Vereinigung der Menschen insbesondere mit Friedrich Schillers Ode an die Freude im 4. Satz entleert. Denn gerade der 4. Satz mit seinen vielfachen, strukturierenden Tempo-Wechseln zwischen Presto, Allegro assai, Andante maestoso etc. und schließlich Prestissimo generiert das euphorische Vereinigungsversprechen.  

Am Sonntag ab 15:30 Uhr brachten Thomas Köner, Live-Electronics, und Ivana Neimarec, Piano, das dreistündige Tiento de las Nieves zur Live-Uraufführung auf Ebene 8. Entschleunigung pur. Der Klang wird zum langausgesteuerten Nachhall einzeln angeschlagener Pianotöne. Der Saitenton wird lang hinausgezogen. Damit werden die hyperschnellen Beats des Techno in ihr Gegenteil verkehrt. Köner, der mit visuellen und akustischen Medien an der Dehnung von Zeit arbeitet, formuliert auf seiner Website hypnotische Effekte seiner Medienkunst. Tiento de las Nieves veröffentlichte er am 31.Oktober 2014 als Venyl-Album mit einer Spieldauer von 68min. und stellte es ebenso als Promo-Streaming von 8min. bereit.    

Die Veröffentlichung von Tiento de las Nieves wurde international förmlich gefeiert. Im Kraftwerk breitet sich der Hall quasi endlos aus. Geht es in der Akustik i.d.R. darum, den Nachhall einzudämmen, so wird er von Köner zur elektroakustischen Herausforderung und Verlängerung. Die Umkehrung des Tons in seinen Nachhall oder auch Echo und dessen Modulierung lassen die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen in kaum zu begrenzenden Wellen schwinden. Hört man dem Hall, der keiner Repräsentationslogik entspricht, hinterher, entstehen hypnotische Effekte nicht so sehr durch die Wiederholungen als vielmehr durch die Dauer im Raum, der sich nicht lokalisieren lässt.

Burkhard von Harders Video mit Live Sound Narbe Berlin (2009) hat visuell als Flug über das schneebedeckte Berlin an einem grauen Wintertag im Januar 2009 einen gegenteiligen Effekt. Der Film fliegt in einer einzigen Einstellung die 156 Kilometer der Berliner Mauer ab. Der Soundtrack kombiniert Texte aus den Akten der Stasi-Unterlagenbehörde, Telefongespräche und Erich Honeckers Formulierung von Ende Januar 1989, dass die Mauer noch „in fünfzig auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben“ werde, mit experimentellem Sound von FM Einheit und Klaus Wiese. Für die Aufführung am Sonntag wurde der Sound ergänzt durch eine Live Performance von FM Einheit, bei der u. a. ein Baustein auf einer Metallplatte mit einem Hammer geräuschvoll zertrümmert wurde.

FM Einheit gehört seit Anfang der 80er Jahre und seiner Zusammenarbeit mit der Band Einstürzende Neubauten zu den Pionieren experimenteller Musik zwischen Punk und Klangforschung. Legendär wurde die Produktion des Rock-Musicals Andi von Peter Zadek 1987 mit dem jungen Uwe Bohm in der Titelrolle und Susanne Lothar am Hamburger Schauspielhaus. Einstürzende Neubauten hämmerten ihre Rockmusik aus Einkaufswagen und kratzten auf dem Metallgeflecht. Der Spiegel lobte die „Donnerschläge und berstenden Klangwogen, ihre Schreie und Schmerz-Grenzwert-Erfahrungen“, die die Einstürzenden Neubauten mit FM Einheit und Blixa Bargeld bereiteten und lästerte über Zadeks Musical-Format. Das Rock-Musical war viel zu brav für die Ausbrüche von FM Einheit und seine Bandkollegen. FM Einheit schiebt den Steinschutt geräuschvoll über das Blech, hämmert auf den Schutt. Die Narbe bleibt auch im Jahr 25 schmerzhaft. Die Mauer steht nicht mehr oder nur noch musealisiert, doch die Narbe schmerzt und bleibt. 

 

Narbe Berlin ist der erste Teil von Burkhard von Harders audiovisuellem Zeit-Projekt Die Narbe, das mit Narbe Deutschland 2014 seine Fortsetzung fand. Narbe Deutschland wurde auf Ebene 4 mit einer Dauer von 16 Stunden und einem weniger obsessiven Soundtrack von  Anna Clementi, Stimme, Ulrike Brand, Cello, Elena Kakaliagou, Horn, Hilay Jeffery, Posaune, gezeigt. Während die 90minütige Version von Narbe Berlin quasi noch im Spielfilmformat mit dem Live-Sound zwischen unterschiedlichen Zeitebenen springt ─ Januar 2009, Dauer des Single Shot, Tonzitate 1989, Aktionssound von FM Einheit – wird Narbe Deutschland zu einem Langzeitfilm mit Klangteppich, der sich nicht mehr in seiner gesamten Dauer wahrnehmen lässt. Indem im Film narrativ nichts passiert, erinnert Burkhard von Harders Narbe Deutschland entfernt an Andy Warhols Langzeiteinstellung vom Empire State Building

 

Der Kontrast von Narbe Berlin zu Tiento de las Nieves und die damit stattfindende Zeitwahrnehmung durch den Sound hätte kaum größer sein können. Der Berichterstatter empfand ihn als geradewegs schmerzhaft, was sich wiederum von Narbe Deutschland nicht sagen lässt. Beim Anschauen und Anhören von Narbe Deutschland kann man sich in der Zeit verlieren. Anna Clementi stellte sich performativ um 16:49:34 hinter die Leinwand, um sich so in den Single Shot zu setzen ohne zu singen, womit es ebenfalls zu einer Überschneidung von Zeitebenen kam. - Dann musste der Berichterstatter wieder abbrechen, obwohl er noch gern mit 0:00 Uhr zur Party geblieben wäre. Doch so viel lässt sich sagen: The long Now hat eine ganze Häufung unterschiedlicher Zeitwahrnehmungen akustisch und individuell erzeugt, die unterschiedlichste Effekte auf das Subjekt in seiner Wahrnehmung gezeitigt haben. 

 

Torsten Flüh 

PS: MaerzMusik 2016 – Festival für Zeitfragen wird vom 11. bis 20. März stattfinden.