Kindeinhalb - Erika Rabau in Lothar Lamberts ERIKA, MEIN SUPERSTAR oder Filmen bis zum Umfallen

Superstar – Familie – Alter 

 

„Kindeinhalb“ 

Erika Rabau in Lothar Lamberts Erika, mein Superstar … 

 

Im hochsommerlichen August am letzten Sonntag feierte Erika Rabau als „Superstar“ in Lothar Lamberts neuestem Film Weltpremiere im Bundesplatz-Kino um 15:30 Uhr. Die Paradoxien dieses ersten Satzes der Besprechung formulieren ein Programm aus Leidenschaft und Widerstand. Immerhin war das kleine Bundesplatz-Kino, das seit 1913 existiert, als der Bundes- noch Kaiserplatz hieß, bei der Weltpremiere derart ausverkauft, ja, durch zusätzliche Stühle überfüllt, dass weder der Bruder und die Schwägerin des Superstars noch der Botschafter Uruguays einen Platz finden konnten, so dass die Premiere kurz nach Ende der ersten Vorstellung wiederholt werden musste. Eine Weltpremiere war der Film Erika, mein Superstar oder filmen bis zum Umfallen auch deshalb, weil sie die ganz andere, queere Welt des Superstars Erika Rabau inszeniert.

 

Mit dem Konzept Superstar knüpft Lothar Lambert in mehrfacher Weise an die Filme von Andy Warhol an, der in seiner Factory als Kunstfabrik und der medialen Serialisierung Menschen sozusagen von der Straße oder aus den New Yorker Clubs zu Superstars machte. Doch Erika Rabau war bereits ein West-Berliner Star hinter der Kamera, als sie 1979 in Tiergarten bei Lothar Lambert auch noch und gerade mit einer Vergewaltigungsszene vor die Filmkamera trat bzw. sich legte. Das war 1979 so ziemlich der größtmögliche Tabubruch, wie überhaupt jeder Lothar-Lambert- oder LoLa-Film die queere Überschreitung zwischen Leben und Kunst, Film und Wirklichkeit, guten Geschmack und Underground sucht. Als kleindarstellender Superstar in Filmen von Ulrike Ottinger, Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders anderen mehr und eben Lothar Lambert wurden ihre Rollen immer auch zu anderen Entwürfen von Geschlecht in den Kategorien Frau, Rasse und Alter.


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)
 

Trash und Tabubruch liegen im Genre des Superstars nah beieinander, was auch für die LoLa-Filme gilt. Konkret heißt das, dass – ganz großes Kino – Erika Rabau sich von der West-Berliner Playboy-Legende Rolf Eden im Rolls Roys durch die Straßen am Bahnhof Zoo kutschieren lässt. Erika in türkisfarbenem, armfreien Glitzer-T-Shirt und dem Anhänger „Erika“ vor der Brust neben Rolf am Steuer mit weiß umrandeter Sonnenbrille, behaarte Brust bis zum Bauchnabel frei, beide gut über die Achtzig sitzen im Rolls Royce vor dem ehemaligen Berlinale-Premierenkino Zoo Palast und er erinnert sie ausgerechnet an den Film Laß jucken, Kumpel (1972) von Franz Marischka, der dort Premiere hatte. Playboy-Image und Filmgeschichte überschneiden sich für einen Moment.

Die frühen Sexfilme der Bundesrepublik Deutschland, die an der Schnittstelle von sozialkritischem Arbeiterfilm und sexualisierter Männer-Biographie zunächst eher mit unbekannten Laiendarstellern wie –darstellerinnen gedreht wurden und somit neben dem Starkino liefen, waren für Franz Marischka kommerziell außerordentlich erfolgreich. Während noch die Aktion Saubere Leinwand den deutschen Film beaufsichtigte und zensierte, etablierte Franz Marischka ein Kino, das die Sozialkritik durch Schaulust ersetzte. Allotria in Zell am See (1963), Ein dreifach Hoch dem Sanitätsgefreiten Neumann (1969), Der Mann mit dem goldenen Pinsel (1969), Abarten der körperlichen Liebe (1970), St. Pauli Nachrichten – Thema Nr. 1 (1970) ebenso wie Laß jucken, Kumpel und Laß jucken, Kumpel 2. Teil – Das Bullenkloster (1972) bis zu Drei Lederhosen in St. Tropez (1981) und Laß laufen, Kumpel (1982) von Franz Marischka lieferten mit ihren eindeutig doppeldeutigen Titeln ebenso die Blaupausen für das sexistische Format des omnipotenten Playboy wie den virilen Bergbauarbeiter.  

Allein schon an den narrativen Titeln der Marischka-Sexfilme lässt sich die sprachlich programmatische Strategie zwischen Subversion eines Sauberkeits- wie Reinheitsfanatismus qua Doppeldeutigkeit und Folklore beobachten. Die Filme knüpften einerseits auf diese Weise an die politischen Aufklärungs- und Hygienefilme an, beispielsweise von Richard Oswald seit 1919 in der Weimarer Republik, in die Magnus Hirschfeld als Sexualwissenschaftler involviert war. Nach 1933 waren Hirschfelds Schriften verbrannt worden und die nackten Volkskörper traten standardisiert und diszipliniert in den Dienst der Propagandafilme von Leni Riefenstahl. Andererseits versprachen sie eine gesellschaftlich akzeptierte Formulierung von Sexualität in der witzigen Zote. In der Form von Übertragungen sprichwörtlicher Redewendungen aus dem rheinischen Arbeitermilieu auf sexuelle Praktiken wird sagbar, was nicht gesagt werden soll. Schlägt man einen Bogen zu Franz Marischkas Exil in London, weil er durch die Kategorie Rasse im Nationalsozialismus ausgegrenzt wurde, erhält das subversive Potential seiner Sexfilme abgesehen vom kommerziellen Erfolg eine entschieden politische Funktion, die nicht überschätzt werden kann.  


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)

Genau vor diesem Hintergrund schimmert in der Szene von Rolf Eden mit Erika Rabau im Rolls Royce und der Erinnerung an einen Sexfilm etwas anderes im Format Playboy auf. Der Playboy, wie ihn Rolf Eden in Berlin verkörpert hat und es in Geburtstagsadressen zum 85ten Geburtstag immer noch tut, hat die geschlechtliche Exilierung zum Format für seine Lebenspraxis gemacht. Denn der Playboy ist eben jene Kombination aus Arbeitsverweigerung, Geschäftstüchtigkeit, Stil, Konsum und Potenz, die Vorbildfunktionen erfüllt und gleichzeitig außerhalb beispielsweise der West-Berliner Gesellschaft steht. Insofern war und ist Rolf Eden ein Proto-Playboy mit einem ebenso stabilisierenden wie destabilisierenden Faktor für die Gesellschaft. Rolf Eden hat mit 85 Jahren volle blonde Haare und trägt rote Schuhe zum weißen Anzug mit Hut. In gewisser Weise hat er sich in genau das verwandelt, was die Kategorie Rasse ihm absprach.     


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)

2012 feierte die Teddy Award Gala während der Berlinale die Warhol Superstars wie Ultra Violet, Joe Delessandro oder Candy Darling. Der erste Superstar von 1964 Mario Montez zeigte seinen Kurzfilm A Lazy Summer Afternoon und John Waters wurde für die Gala zugeschaltet. Die Warhol Superstars waren insofern immer auch eine Kritik am Starkonzept der Filmindustrie und der us-amerikanischen Medien. Denn während den Stars nicht zuletzt durch Separierung besondere Fähigkeiten oder Qualitäten zugesprochen werden, beispielsweise dass sie eine Rolle besonders gut, um nicht zu sagen, authentisch — „Uschi Glas, eine ganz Süße” (Erika Rabau) − verkörpern, glänzen die Superstars dadurch, dass sie häufig durch keine besonderen Fähigkeiten auffallen und ihre Rollen immer nur von kurzer Dauer sind. Genau in diesem Sinne ist Erika Rabau, die natürlich ganz anders heißt, es indessen liebt darauf hinzuweisen, dass Rabau fast wie Radau klingt, ein Superstar. Sie hat nie eine abendfüllende Rolle in den Filmen, auch nicht von Lothar Lambert, gespielt. Aber sie ist in fast jedem seiner Filme aufgetreten, so dass die Ehrung mit einem Film als Superstar nur gerecht ist.


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)
 

Kurz, und das muss nun endlich geschrieben werden, der Film ist wunderbar, weil Erika Rabau mit ihren blonden, verfrisierten Haaren zum Hinknien wunderbar ist. Haare, sind immer und für Frauen besonders ein Thema. Haare sind geradezu – und fälschlich – identitätsstiftend. Erika Rabau hat bis auf das Foto von einer jungen, schlafenden Frau zeitlebens blonde Haare. Im Film kommt wohl die Sprache auf ihre vermeintlich unfrisierbaren Haare nicht aber auf die Farbe vor. Undenkbar, dass sich ihre Haare in eine Dauerwelle hätten legen und fügen wollen. Über die Haare wurde bereits viel spekuliert. Wollen sie sich oder sollen sie sich nicht frisieren lassen? Ein kalkuliertes Desinteresse an nicht nur einem, sondern dem Frauenthema schlechthin oder ein Manko sozusagen von Natur aus? In den Lambert-Filmen jedenfalls reüssiert sie mit dem Unfrisierbaren der Frisierten. 


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)

Das Thema der Haare wird landläufig unterschätzt oder der Mode unterstellt. Erika Rabau hat daraus quasi eine Hauptrolle gemacht. In Erika, mein Superstar oder filmen bis zum Umfallen, was auch eine geradezu widerspenstige Formulierung als Titel ist und andeutet, dass das Filmen und das Leben sich auch auf rätselhafte Weise überschneiden, hat sie nun die Hauptrolle ihres Lebens und lacht über ihr Spiegelbild mit Perücke. Eine Schlüsselszene fast, weil es doch im Star- und umso mehr Superstar-Genre darum geht, das wahre Bild hinter jenem Star-Image zu sehen. Lothar Lambert nutzt die gerade extrem verfremdete Spiegelszene im Dokumentarfilm dazu, eben nicht das Geheimnis des Superstars Erika Rabau zu entlarven. Vielmehr schimmert unter der Larve oder Maske das Bild einer alten Frau hervor, die über sich selbst lacht. 


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)

Nun könnte man die Haardiskussionen, Perückenspiele und Hauptsache für nebensächlich deklarieren. Doch es ist die Dichterin Ginka Steinwachs, die in ihrem Stücketext stein, wachs! (2005)[1] über gertrude stein und alice b. toklas mit don pablo picasso sowie den Hunden basket und pépé in den männlichen Nebenrollen zur ebenso literarischen wie dramatischen Angelegenheit gemacht hat. An den Haaren werden die Fragen des Geschlechts, der literarischen Produktion und des Wissens von sich selbst sprachlich brillant herbei gezogen. Mit einem anderen Wort: große Literatur, großes Theater: 
alice b. toklas:

… einen ganzen tag lang 

schneide ich, hauptrolle, ihr, hauptrolle, 

das haupthaar ab, haar für haar,  

strähne für strähne, büschel für büschel. 

locken gibt es keine. erst den knoten, 

die überschulterlänge. dann die schul- 

terlänge. dann die charleston-länge, 

dann den bubikopf. dann die untere, 

die obere ohrenlänge. tongue twisternd 

sehr schnell: erst strähne. dann sträh- 

nen. erst büschel, dann büschel. erst 

locken, keine locken. es ist dichtes 

volles haar. der fußboden sieht aus wie 

von einer hauptdarstellerin, die haare 

läßt, verlassen. ich weine. mich 

schüttelt es beim schneiden. sie lacht. 

mehr sagt sie, mehr ruft sie süchtig aus. 

mehr frage ich? mehr mehr mehr, noch 

mehr? mehr sagt sie, schreit sie, ruft sie 

süchtig. ich meine: weniger. kurz die 

frisur. die tonsur. wie ein mönch. four 

saints in three acts. wie ein mönch die 

tonsure, die frisur, wie ein mönch die  

hauptrolle. alles so, wie es alles ist. es 

ist alles so, wie es alles ist…[2]    


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)
 

Ginka Steinwachs führt in dieser Sequenz über das Haareschneiden nicht nur die Dramatik der Frage über die Länge von Haaren vor, vielmehr geht es mit der Anknüpfung an Gertrude Stein als Schriftstellerin ebenso um Literatur als Kombinatorik und grammatische Operation sowie die Frage des Geschlechts. Einerseits arbeitet Steinwachs die Polysemantik von haupt als Körperteil Kopf wie als führendes Mitglied einer Gruppierung ebenso wie als führende Rolle in einem literarischen Text oder als Maß- oder Richtungsbestimmung durch und heraus. In der Überschneidung der Polysemantik mit der Syntax und der durchgehaltenen Kleinschreibung als graphischem Unterscheidungsmerkmal könnte die Hauptdarstellerin eben nicht nur die führende Rolle in der Literatur spielen, sondern gleichfalls zur Darstellerin des Hauptes oder Kopfes als Organ des Denkens wie in der Redewendung von einem klugen Kopf werden.  


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)

Mit dem Haarschnitt und dem Abschneiden des Knotens aus langem Haar geht es um die geschlechtliche Zuordnung in den Kategorien von Frau und Alter. Nicht nur zufälliger Weise führt der Kurzhaarschnitt des sogenannten Bubikopfes zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer geschlechtlichen Verschiebung im Namen von der Frau oder Mädchen zum Jungen, Bubi oder Mann, was zugleich mit einer emanzipatorische Praxis in neuen Frauenberufen wie die Konstruktionszeichnerin, Direktionsassistentin und Fliegerin Olga Lassen in Sprengbagger 1010 (1929) verknüpft wird. Der extreme Kurzhaarschnitt von Gertrude Stein als historische Person wird mit dem Übersprung von der Frisur zur Tonsur des Mönches formuliert, wobei diese durchaus den geistigen Rang des Mönches markiert. Gertrude Stein beansprucht mit dem Haarschnitt nicht zuletzt eine geschlechtlich anders verortete Rolle im Geistesleben, ließe sich mit Steinwachs formulieren.


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)
 

Zum Konzept des Superstars gehört es, dass die biographischen Erzählformate von Herkunft, Alter und sexueller Aktivität bedient werden sollen. Auch darin gleicht der Superstar dem Playboy, von dem eine besonders hohe sexuelle Aktivität erwartet wird. Erika Rabau indessen hat es nicht erst seit ihren Auftritten in den Filmen von Lothar Lambert verstanden, ihre genaue Herkunft ebenso wie ihr Alter und ihre sexuellen Aktivitäten nicht öffentlich werden zu lassen. Weder ist ihr Geburtsjahr bekannt noch gibt sie Auskunft über ihre Familie und in Lothar Lamberts Dokumentarfilm gibt sie derart abstruse Begründungen dafür keine Verhältnisse mit Frauen gehabt zu haben, dass man fast schon ihre Anekdote glauben möchte, dass der Fußballstar Pelé es auf sie abgesehen hatte. Was dann tatsächlich passiert ist, sagt sie aber auch nicht. Ihre Wohnung wird ebenfalls von einem Geheimnis umgeben. Als Fotografin der Berlinale hat sie indessen all jene Bilder der Stars von Uschi Glas über Klaus Kinski bis zu Hildegard Knef und Rainer Werner Fassbinder geschossen und produziert, die die Stars zu Stars machten und machen.


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa) 

Das Einmalige am Superstar Erika Rabau ist eben jene Doppelrolle hinter und vor der Kamera. Insofern als sie als Fotografin der Berlinale seit 1972 offiziell zu den Bildproduzentinnen der Stars gehört und im Fotolabor mit Sicherheit auch das Star-Image überwacht hat, weiß sie visuell mehr von den Stars, als sie erzählen könnte. Man darf deshalb schon formulieren, dass sie recht gut weiß, wie das Bild von einem Star gemacht wird. Und genau an dem Punkt findet sich die Schnittstelle mit der Erika Rabau vor der Kamera, die die Rollen eher so spielte, wie ein Star sie nicht gespielt hätte, womit wir wieder bei den Haaren wären. Im Schnitt von Erika, mein Superstar … werden denn auch die Sequenzen mit der Fotografin eher gegen die in den LoLa-Filmen geschnitten. Sie erklären nicht. 


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)

Natürlich ist der Superstarfilm eine unmögliche oder besser queere Biographie, weil die Geheimnisse, die die Biographie zu enthüllen verspricht, gerade nicht enthüllt werden. Es werden stattdessen Erzählungen der Freunde wie Dieter Rita bzw. Dita Scholl reingeschnitten. In seiner Rolle als Dalida singt sie/er in einer Bar, in der die Fotos von Uschi Glas und all den anderen Stars hängen, die Erika Rabau gemacht hat. Auf dem Spielplatz schaukelt er mit Erika Rabau auf dem Schoß und kreischt vor Freude. Arnfried Bienhold erzählt davon, wie sie als seine Mutter in dem Film Im tiefen Tal der Therapierten (2008) reagierte. Evelyn Sommerhoff spricht über ihren Erstkontakt mit Erika Rabau als ihre Film-Schwiegermutter und Filmkollegin. Die Lothar-Lambert-Filmfamllie erzählt von Erika Rabau und macht sie noch geheimnisvoller, als sie schon ist.


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa) 
 

Lothar Lambert hat in seinen Filmen der letzten Jahre das Alter und Altwerden stärker zum Thema gemacht. Das gilt für Im tiefen Tal der Therapierten wie für Zurück im tiefen Tal der Therapierten (2011). Erika, mein Superstar oder Filmen bis zum Umfallen ist besonders ein Film über das Alter, das sich nicht beziffern lassen will, weil jeder Mensch anders alt wird. Denn zu Erika Rabaus Antworten über ihr Alter gehört ihre Formulierung, sie sei ja gerade erst „kindeinhalb“. Das Alter, das üblicher Weise dazu genutzt wird, bestimmte Ansprüche zu erheben oder Rechte der Selbstbestimmung einzuschränken, wird von Erika Rabau kaum mehr aus Eitelkeit, eher schon aus Kalkül eingesetzt um einem Altersbild nicht entsprechen zu müssen.


Foto: Screenshot aus Lothar Lambert: ERIKA, MEIN SUPERSTAR ... (Mit freundlicher Genehmigung von LoLa)

 

Die Rolle der Komischen Alten, wie Jan Gympel es im Film sagt, ist nicht nur die einer lustigen, sondern auch die einer widerspenstigen und daher unheimlichen, die sich nicht in ihre Rolle fügen will. Als Mutter und Schwiegermutter lässt sie sich in Zurück im tiefen Tal der Therapierten vom Sohn an einem Tau im Urlaub auf Rügen führen. Es ist ja nur eine Rolle. In einer anderen Szene wird sie eingesperrt in einer Gartenlaube und ruft: Ich will hier raus. Zwischen Demenz und subversivem Underground wird der gesellschaftliche Umgang mit alten Menschen bloßgestellt. Und wenn sie im Superstarfilm die Rolle Rolf Eden spielen soll, verteilt sie Handküsse ganz natürlich.

Erika Rabau als Erika Rabau im Dokumentarfilm entspricht mehr dem Modus, immer nur die Rollen und insbesondere die unpassenden im Film gespielt zu haben, die weitere Möglichkeiten einer Erika Rabau gewesen wären. Es ist nicht allein die kindlich, mädchenhaft hohe Stimme, mit der sie spricht, durch die sie nicht ins Bild vom Alter passen will. Vielmehr ist es eine kindliche Unbekümmertheit, mit der sie in der B-Weltpremiere darauf besteht, neben ihrem Bruder sitzen zu wollen. Zwischen dem honorigen Bruder und der eleganten Schwägerin platziert Erika Rabau den Affront gegen die Zuschreibungen des Geschlechts. Und der Bruder weiß sicher längst, dass sie eine wahre Superstar ist. Sie ist als solche noch bis 12. August jeweils um 18:00 Uhr im Brotfabrik-Kino zu sehen. 

 

Torsten Flüh 

 

Berlin, blond bis bunt 

Lothar Lambert-Komödien mit Best-of Erika Rabau 

IN HASSLIEBE LOLA (1995) 

Sonntag, 9. August 2015, 15:30 Uhr 

BLOND BIS AUFS BLUT (1997)

Sonntag, 16. August 2015, 15:30 Uhr 

UND GOTT SCHUF DAS MAKE-UP (1998) 

Sonntag, 23. August 2015, 15:30 Uhr 

VERDAMMT IN ALLE EITELKEIT (2000) 

Sonntag, 30. August 2015, 15:30 Uhr 

Bundesplatz-Kino 

Bundesplatz 14 

10715 Berlin

 

Erstaufführgen: 

ERIKA, MEIN SUPERSTAR 

oder Filmen bis zum Umfallen (2015) 

Freitag, 8. August, bis Mittwoch, 12. August, jeweils 18:00 Uhr 

Brotfabrik Kino 

Caligariplatz 1  

13086 Berlin 

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[1] Ginka Steinwachs: stein, wachs! ein starkes stück. Wien: Passagen Literatur, 2005

[2] Ebd. S. 83-84 


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Categories: Film | Kultur

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