Kommunismus ohne Staat - Der gefährlichste Philosoph Mitteleuropas im HAU1 Alain Badiou

Kommunismus – Staat – Liebe

 

Kommunismus ohne Staat

Der „gefährlichste Philosoph Mitteleuropas“, Alain Badiou, im HAU1

 

Alain Badiou, den Dirk Pilz in der Berliner Zeitung am 4. Juni 2013, einen „der gefährlichsten Gegenwartsphilosophen“ nannte, hat sein Labeling weg. Gefährdet ist der Staat. Auch der Moderator des Passagengesprächs mit Peter Engelmann und Alain Badiou, René Aguigah, stellt ihn als einen der „gefährlichsten Philosophen Mitteleuropas“ vor. Was macht Badiou so gefährlich? Badiou setzt bei Platons Staat an, übersetzt und denkt ihn anders, um dazu aufzufordern, den Staatsapparat, wie er unter kapitalistischen Verhältnissen existiert, zu „zerbrechen“. ─ Warum sollte man den Staatsapparat, wenn er funktioniert, zerbrechen? 

 

Widerspruch gegen Alain Badious Revitalisierung der Idee des Kommunismus regt sich nicht nur bei dem Philosophen, Gesprächspartner und Badiou-Verleger Peter Engelmann, sondern auch im Publikum. Irgendwann, sehr gegen Ende des streitfreudigen Gesprächs, der Nachfragen und Erläuterungen steht ein junger Mann im 1. Rang des HAU1 in der Stresemannstraße quasi gegenüber der SPD-Parteizentrale und damit dem deutschen Hauptquartier der Sozialdemokratie, was nicht ganz unwichtig ist, auf und sagt in etwa, dass er es nicht verstehe, warum man den Staatsapparat zerbrechen solle, weil er ursprünglich aus der Ukraine komme und erfahren habe, wie wertvoll ein funktionierender Staatsapparat sei.

Der Blümchen-Kommunismus soll nach Alain Badiou nicht zurückkehren. Ganz im Gegenteil. Badiou setzt seine „Idee des Kommunismus“ scharf gegen den Kommunismus in den einst realexistierenden sozialistischen Staaten wie der DDR, die zum Weltfrauentag am 8. März nachweislich nie genug Blumen produzierte, doch stets ihre Staatsfunktionäre mit Blumen in Szene setzte, ab. Vermeintliches Staatseigentum als Gegenentwurf zum Privateigentum ist und war für den politischen Philosophen nicht die Umsetzung der Idee des Kommunismus gewesen, weil es eben gerade nicht den Staatsapparat überflüssig machte. Übrigens wäre es tatsächlich einmal bedenkenswert, welche Rolle die Staatsblumen z.B. in Nord-Korea spielen und was das mit dem Kommunismus und seiner Repräsentation beispielsweise durch die Begonie Kimjonglia in realexistenten-sozialistischen Staaten zu tun hat.

Es sind Anfang des zu Ende gehenden Jahres 2 Bücher von Alain Badiou auf Deutsch erschienen. Sie betreffen nicht zuletzt die Frage nach dem Text. Erstens „seine mutige Neuübersetzung von Platons >Politeia<“, Platons >Staat< im Züricher Diaphanes Verlag und zweitens Philosophie und die Idee des Kommunismus als „Passagen Gespräche 1“ im Wiener Passagen Verlag von Peter Engelmann. La République de Platon, wie das erste Buch im französischen Original bei Fayard von 2012 heißt, wurde von France Culture ebenso wie von Le Monde besprochen, vor allem weil man wissen wollte, was Badiou mit dem „texte chaotique“ gemacht hat. In der Tat spielt auch für Badious Idee des Kommunismus der Text eine nicht zu unterschätzende Rolle. Denn was landläufig als Text zur Idee des Kommunismus zitiert wird, deckt sich nicht mit Badious Denken des Kommunismus.

Wenn Badiou vom Kommunismus spricht, dann tut er dies vor dem Hintergrund der globalen Besitzverhältnisse. Das ist unbequem. Er führt zu Beginn des Gesprächs im Bühnenbild von Hans-Werner Kroesingers FRONTex SECURITY Statistikzahlen an. 50% der Weltbevölkerung besitzen gar nichts. 1% besitzt 48%. Und was macht Europa, „dieses winzige nordwestliche Kap des riesigen Eurasischen Kontinents“, wie Gayatri Spivak in ihrer Mosse-Lecture am 5. Dezember sagte?

Die Ungleichheit der Besitzverhältnisse generiert sogenannte Flüchtlingsströme, die auf das „winzige nordwestliche Kap“ des Wohlstands und seiner Versprechen zu rollen. „Kurz nach der Flüchtlingstragödie vor Lampedusa verabschiedet das Europäische Parlament in Brüssel am 10.10.2013 das seit langem geplante Programm EUROSUR (European Border Surveillance System)“, heißt es zu Kroesingers Stück im HAU, das ausverkauft ist. Die Grenzen hoch, damit der Besitz nicht abfließt. Es fehlt nicht viel zum „Schießbefehl“ (sic). Und das sind vermutlich keine zufälligen Analogien.

 

Badiou will quasi EUROSUR etwas entgegensetzen mit seiner Idee des Kommunismus. Peter Engelmann, der in der DDR aufgewachsen ist und für ihn selbst mehr oder weniger zufällig an die Grenze Rumäniens geriet, weiß, was es heißt, unter „Schießbefehl“ zu leben. Der Passagen Verlag wäre gar nicht gegründet worden, wenn Peter Engelmann nicht in den Kreis von Alain Badiou, Jacques Derrida, Jacques Ranciere, Michel Foucault geraten wäre. Deshalb bleibt er hartnäckig in der Zurückweisung des Kommunismus.

Doch Schießbefehl heißt nicht nur das, was Peter Engelmann unter dem Label Kommunismus in der DDR erlebte. Die Umsetzung des Kommunismus hat für ihn nicht zuletzt mit dem Schießbefehl auf die eigenen Bürger zu tun. Doch das liege nicht an der Idee des Kommunismus, sondern am Staat, entgegnet Badiou. Schießbefehl, ob nach Innen oder Außen gerichtet, heißt immer eine absolute Grenze zu ziehen. Und genau diese Grenze des Kapitalismus wird südlich und östlich von Europa errichtet. Doch der Moderator René Aguigha fragt beharrlich nach den „Toten des Kommunismus“.

Und die Toten des Kapitalismus und des Konsumismus? Gibt es sie nicht? Oder wollen wir sie nur nicht wahrhaben? „Die Idee des Profit stimmt nicht ausschließlich“, insistiert Alain Badiou. Es gibt eine Idee des Kommunismus. Und wir müssten „nach Möglichkeiten der Umsetzung weitersuchen“. „Wir müssen die Globalisierung, wie sie ist, nicht akzeptieren“, sagt Badiou. Wenn er von Kommunismus als die andere Möglichkeit spricht, dann geht es ihm insbesondere um die Alternative zum Profitdenken, das als globaler Konsens akzeptiert wird. Der Profit als ein Leben auf Kosten anderer treibt Badious Denken an. Und genau damit kehrt die brennende Frage nach den Grenzen Europas wieder. Die Bewohner Europas profitieren bei Penny, H&M, Adidas etc. von den billigen Arbeitskräften in den Fabriken Bangladeschs, von den Ananasfarmen in Kenia und staatenlosen Chinesen in italienischen Nähereien.

Peter Engelmann befürchtet, dass Badiou „zur Idee des Kommunismus zurückkehren“ will. Doch Badiou geht es nicht um eine historische Rückkehr zum Marxismus, wie er beispielsweise in der DDR mit dem Projekt der MEGA, der Marx-Engels-Gesamtausgabe, geplant wurde und durch Verschiebungen wissenschaftlicher Paradigmen schließlich nicht bestätigt werden konnte. Ganz im Gegenteil: das Wissen des Marxismus erwies sich als zersplittert, widersprüchlich, chaotisch, literarisch, wie im Februar diesen Jahres mit der Konferenz zum Abschluss der Ökonomischen Manuskripte diskutiert wurde.

 

Die vom Marxismus behauptete Geschlossenheit des Kommunismus war ein ideologisches Produkt, das den Text bzw. die Texte von Karl Marx säuberte, zensierte und abflachte. Und genau an diesem Punkt ist Badiou rechtzugeben. Das, was Peter Engelmann als Kommunismus nach marxistischer Lesart und Lehre erlebte, ist nicht mit der Idee des Kommunismus als Gegenentwurf zur Herrschaft des Profitdenkens gleichzusetzen. Diesen Unterschied muss man machen. Badiou macht ihn. Verwechselt wird die Idee des Kommunismus mit der Lehre des Marxismus.

Über den Gesprächsband hinaus, muss man bei Badiou auf seine Übersetzung von Platons >Politeia<, den Akademimus, die Textedition und Badiou als Romancier zurückkommen. Die Idee des Kommunismus wird dann eine andere, wenn die Idee des Staates bei Platon, auf die sich die europäische Moderne wie die Begründung eines modernen Europa berufen, als ein Text des theatralischen Chaos übersetzt werden. Bereits der Untertitel lässt stolpern: „Dialog in einem Prolog, sechzehn Kapiteln  und einem Epilog“. Wie viele Autoren sprechen dann? Zwei? Mehr?

Es sind Viele. Und Badiou nimmt eine strategische Geschlechtsoperation im Text vor. Aus Adeimantos wird Amantha. Die geschlechtliche Zuordnung der „Gesprächspartner des Sokrates“ wird dadurch auch aufgebrochen. Badiou nennt das Buch im Vorwort zur deutschen Übersetzung ein „große(s) spekulative(s) Theater, das Platon glaubt, dem tragischen Theater entgegenstellen zu können“.[1] Und bereits im französischen Vorwort geht er unter dem einschränkenden Titel Wie ich dieses ungewisse Buch geschrieben habe auf die Übersetzung und den Text ein.  

Übersetzung, Text und die Prozeduren des Lesens und Schreibens werden von Badiou in seinem Vorwort ausführlich offengelegt. Denn die Übersetzung ist von den Verfahrensweisen abhängig. Der Sinn ist nicht einfach im Text angelegt, sondern hängt auch von einer hartnäckigen Arbeit ab, damit „jeder Satz (…) für mich Sinn annimmt“.

Ich knie mich in die Arbeit, lasse nichts durchgehen und will, dass jeder Satz (und Platon schreibt manchmal Sätze von denkwürdiger Länge und Kompliziertheit) für mich Sinn annimmt. Diese erste Etappe ist eine Konfrontation mit dem Text. Ich schreibe nichts, ich will nur, dass der Text zu mir spricht und mir keinen Winkel mehr vorenthält, in dem noch irgendein ironisches Geheimnis versteckt sein könnte. (S. 14)  

 

Badious Übersetzung von Platons Text denkt auch den Kommunismus, indem sie im 13. und 14. Kapitel „die vier präkommunistischen Politiken“ kritisiert. Dazu gehört auch, dass die Politik der Demokratie in die Kritik gerät. Mit der „Kritik der vier präkommunistischen Politiken 1. Timokratie und Oligarchie“ und „2. Demokratie und Tyrannis“ setzt Badiou den Begriff der Demokratie der Kritik unter der Idee des Kommunismus aus. Im Gesprächsband antwortet Badiou auf Engelmanns Frage nach der Kritik der Demokratie:

Ich denke, das, was man Demokratie nennt, ist einfach die herrschende Organisation hegemonialer Macht, es ist das Protokoll, das Legitimation schafft, das die Vorherrschaft ausmacht. Man sollte sich nicht weiter dafür interessieren, es ist die Politik der etablierten Ordnung. Die Politik, die da unter dem Namen Demokratie existiert, ist keine Spur demokratisch. Hat das Volk irgendwelche Macht?[2]      

 

Die Kritik der Demokratie ist bei Badiou unauflöslich mit der Kritik am Kapitalismus verknüpft. Daraus ergibt sich auch, dass die Idee des Kommunismus als Wahrheit gedacht wird. Und das gibt dann einen Wink darauf, wie er die Idee des Kommunismus als Möglichkeit des Denkens nicht zuletzt aus dem deutschen Idealismus entwickelt. Die Kritik wird letztlich als idealistische ohne Gott und ohne „Subjektwerdung dieses Absoluten“ formuliert. Aber es wird mit Platons Text das Absolute gedacht, das seine idealistischen Schichten nicht verheimlicht. Die Kritik kann formuliert werden, weil das Absolute mit Platon gedacht werden kann.

… Auf ihn geht die Überzeugung zurück, dass, uns in der Welt zu regieren, einen gewissen Zugang zum Absoluten voraussetzt. Nicht weil es über uns einen wahren Gott gäbe (Descartes) oder wir selber die historischen Figuren der Subjektwerdung dieses Absoluten wären (Hegel ebenso wie Heidegger), sondern weil das Sinnliche, aus dem wir gewebt sind, jenseits der individuellen Körperlichkeit und der kollektiven Rhetorik an der Konstruktion der ewigen Wahrheiten teilhat.[3]

 

Kann es eine idealistische Dekonstruktion geben? Schlägt Badiou mit seiner Idee des Kommunismus sozusagen ein Drittes gegenüber der Dichotomie von Kapitalismus und Marxismus vor? Badiou wendet sich und seine Arbeit gegen eine akademische Philosophie, in der man „Handbücher“ schreibt und die Lehre „ihr schöpferisches Vermögen“ verliert. Dabei wird dann auch die Mehrdeutigkeit von „état“ im Französischen als Zustand und Staat wie es Badiou verwendet deutlich. Den Staat zu zerbrechen, heißt deshalb einen Zustand, der durch Mächte verteidigt wird, zu zerbrechen.

Ich habe gezeigt, dass es in den Wissenschaften Leute gibt, die einen Zustand (état) der Wissenschaft festschreiben wollen und nicht sehen, dass sie im Begriff ist, sich zu verändern. In den Künsten ist es der Akademismus, in der Politik ist es die Repräsentation, der Staat (l’État). In der Liebe ist es in Wirklichkeit die Zerstörung der Liebe durch familiären Zwang. (Gespräch, S. 87)

 

Die Liebe gehört für Badiou zu den „vier großen Wahrheitsverfahren“. Und wiederum spricht er von der Liebe ebenso idealistisch wie dekonstruktiv. Liebe ist für Badiou gerade kein wagner-schopenhauerscher Verschmelzungswunsch wie im Tristan, in dem ein Subjekt im anderen aufgeht. Badiou denkt eine zweckfreie Liebe. Denn wenn man „die Liebe auf die Familie reduzier(t)“, „verfällt man in eine utilitaristische Vision“.

Die Liebe schließlich, wie ich sie sehe, ist die Frage des Unterschieds, die existenzielle Frage des Unterschieds als immanente Ausnahme. (Gespräch, S. 88)

Besonders in der Schlussphase des Gesprächs mit Fragen aus dem Publikum, gibt es mal Applaus für Badious radikale Positionen, die er von einer Idee des Kommunismus beispielsweise gegen die Parteien, „die niemals Hypothesen zu einer Veränderung der Gesellschaft aufstellen“. Und Achtung: das würde wohl Badiou auch auf die Grünen und die Linke gelten lassen wollen. Mal gibt es Applaus für Peter Engelmann, der die Demokratie als „effizientestes System zur Vermeidung von Bürgerkriegen“ sieht und „nicht nachvollziehen“ kann, „weshalb man die Demokratie so bekämpft“. Nun, die Frage der Demokratie wird sich sehr wahrscheinlich an den Grenzen Europas mit EUROSUR entscheiden. Da tobt bereits ein Welt-Bürgerkrieg.

 

Torsten Flüh

 

Alain Badiou 

Philosophie  

und die Idee des Kommunismus 

im Gespräch mit Peter Engelmann 

Wien 2013 

€ 14,90

 

Alain Badiou 

Platons ›Staat‹ 

Zürich-Berlin 2013. 

€ 34,95

____________________________________________________________

 


[1] Badiou, Alain: Platons ›Staat‹. Dialog in einem Prolog, sechzehn Kapiteln  und einem Epilog. Aus dem Französischen von  Heinz Jatho.  Zürich-Berlin 2013. S. 9

[2] Badiou, Alain: Philosophie und die Idee des Kommunismus. Im Gespräch mit Peter Engelmann. Aus dem Französischen von Erwin Steinbach. Wien 2013. S. 54

Anm.: Erwin Steinbach? Man will dem Namen des Übersetzers gerne glauben schenken. Doch wie lässt sich der Text mit seiner Erinnerung an Goethes „Ervini a Steinbach“ zurückhalten?

[3] a.a.O. S. 13


Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Categories: Medien Wissenschaft

0 Kommentare
Actions: E-mail | Permalink | Comment RSSRSS comment feed