Kult der Gefühle - Die Berliner Philharmoniker in der Waldbühne

Musik – Film – Waldbühne

 

Kult der Gefühle

Die Berliner Philharmoniker in der Waldbühne

 

Die Berliner Philharmoniker in der Waldbühne sind Kult. Inspiriert durch die alljährlichen Proms in London, insbesondere dem telegenen Abschlusskonzert in der Royal Albert Hall verabschiedet sich das Berliner Orchester alljährlich in die Sommerferien.

Der Berliner Sommer fiel in diesem Jahr so gut wie aus.  Und beim ersten Anlauf erwischte zum ersten Mal in 30 Jahren am 2. Juli das Abschlusskonzert ein atlantisches Tief. Nun wurde es kurz vor Saisonstart am Dienstag, den 23. August, nachgeholt, traditionsgemäß auf 3SAT und RBB Live übertragen und aufgezeichnet. Wenn nämlich alles passt, dann übertrifft die Stimmung in der Waldbühne die großen Gefühle in Bild und Ton aus London bei weitem.

Auf dem Programm des Waldbühnenkonzerts stehen in jedem Jahr eher populäre Kompositionen. Populär heißt, dass diese und jene Melodie oder Motiv weit verbreitet im Ohr klingt. Sie ist bekannt. Das hat oft zur Folge, dass die populären Werke der Orchestermusik bereits in vielfachen Aufnahmen eingespielt worden sind. Meistens sind sie auch mit anderen Medien wie dem Film verknüpft worden, so dass sie kaum noch als singuläre Komposition wahrgenommen werden.

Bekanntheit kann oft uninspiriert und ermüdend sein. In der Kombination der Berliner Philharmoniker mit Riccardo Chailly als Dirigent durfte man allerdings auf neue, inspirierende Hörerlebnisse gefasst sein. Was bei geringeren, wenngleich guten Orchestern auf „Erkennen Sie die Melodie“ angelegt ist, führt hier die Melodie in ihrem Kontext vor und eröffnet dadurch Überraschendes. So wurde das Konzert mit Dmitri Schostakowitschs (1906-1975) Suite für Jazz-Orchester Nr. 2 aus dem Jahr 1938 eröffnet.

Die Suite für Jazz-Orchester Nr. 2 ist in der Forschung der letzten Jahre umstritten, weil dieser Titel wahrscheinlich falsch ist. Indessen ist der Titel dem Wiedererkennen geschuldet. Denn auch Stanley Kubrick (1928-1999) und seine Filmkomponistin Jocelyn Pook nutzten für die Vertonung seines letzten Films, Eyes Wide Shut (1999), mehrere Passagen aus der Suite, um eine ganz bestimmte Stimmung zu erzeugen. Insbesondere der Lyrische Walzer bereitet einen akustischen Bogen zwischen dem Wien um 1900 von Stefan Zweigs Schachnovelle (1938/1941) und dem New York des Films.

Die Suite für Jazz-Orchester Nr. 2, die Schostakowitsch sozusagen im Auftrag Stalins als Beitrag zur Diskussion um die Rolle der Musik in der sowjetischen Moderne geschrieben haben soll und die zur ersten Aufführung des staatlichen, sowjetischen Jazzorchesters uraufgeführt wurde, soll als Partitur nach der Uraufführung verloren gegangen sein und nur 3 Nummern umfassen, während die Suite für Varieté-Orchester (1938) mit 8 Nummern, davon 3 Walzer, als Suite für Jazz-Orchester Nr. 2 bekannt und beliebt wurde.

Jedenfalls ist die weiterhin sogenannte Suite für Jazz-Orchester Nr. 2 große Musik, selbst wenn sie für ein Varieté-Orchester geschrieben sein sollte. Varieté und Zirkus wie in Frederico Fellinis Film-Melodram La Strada (1954) sind nicht zuletzt Gefühlskünste der Spannung, der Überwältigung und der Tragik. Nino Rota arbeitete 12 Jahre nach dem Erfolg seine Filmmusik zu einer Orchestersuite aus dem Ballett nach Frederico Fellinis Film um. Diese große Gefühlsmusik kam als zweites Stück des Waldbühnenkonzerts zur Aufführung.

Konnte man einerseits bei Schostakowitschs Suite überrascht sein über das Spektrum der Klangfarben und Tempi, so überraschten bei Nino Rota Passagen, die an Mussorgskis Bilder einer Ausstellung erinnerten. Schostakowitsch stellt höchste Ansprüche an das Orchester, um ein breites Spektrum der Gefühle vom Marsch über den Lyrischen Walzer und der Polka bis zum Finale zu erzeugen.

Nino Rota stellt den Schmerz einer Amour fou und die Gewalt dieser Liebe ins thematische Zentrum von La strada. Das kommt dann nicht zuletzt in der Steigerung eines „Molto mosso, violento”, eines „Molto lento” und eines „Molto tranquillo“ für das Intermezzo zum Ausdruck, um im letzten Teil in ein „Molto sostenuto“ und „Lento, ampio“ zu münden. Im Molto, dem Sehr, drückt sich auch der Nachdruck, die Steigerungen des Gefühls aus. Das Mosso - bewegt - reicht Rota nicht. Es muss schon ein Sehr bewegt sein, womit das Gefühl ins Melodramatische kippt.

Im zweiten Teil des Abends wurden zwei Sinfonische Dichtungen von Ottorino Respighi (1879-1936) aufgeführt. Anders als in der ersten Hälfte stehen die Sinfonischen Dichtungen nicht im Dienst einer anderen Kunst wie dem Varieté, dem Zirkus oder dem Film. Doch auch die Fontane di Roma (1915/16) und die Pini di Roma (1923/24) führen eine neuartige und merkwürdige Medialität in der Musik vor. Hörbar wird in der Musik ein fast schon filmisches Erzählen und „Dichten“ visueller Eindrücke der Brunnen – Fontane - bzw. Pinien von Rom.

Auf neuartige Weise wird in den Sinfonischen Dichtungen Respighis Musik zu einem filmischen Medium. Denn Erzählungen und Empfindungen beim Besuch der 4 Brunnen zu 4 verschiedenen Tageszeiten werden in 4 Sätzen musikalisch, orchestral inszeniert und übersetzt. Die 4 Brunnen oder Wasserspiele sind jedem visuell bekannt. Der Brunnen im Tal Giulia, der Tritonenbrunnen, der Trevibrunnen, der Brunnen der Villa Medici sind vor allem visuelle Inszenierungen. Sie werden bei Sonnenaufgang – all’alba -, in der Vormittagssonne – all mattino -, in der Mittagssonne – al meriggio – und in der Abenddämmerung – al tramonto – besucht.

Die Belichtung der Brunnen zu verschiedenen Tageszeiten ist bei Respighi sinfonisch mit dem eröffnenden Tempo verknüpft: Andante mosso, Vivo, Allegro moderato und Andante. Belichtung - nicht zuletzt durch das Tempo - wird zum Gefühlsereignis, so wie man sich dem Lichtspiel des abendlichen Sommerhimmels über der Waldbühne kaum entziehen kann. Wenn im 4. Satz Vogelgezwitscher, Glockenklang und Blätterrauschen die Dämmerung aufrufen, entsteht in der Waldbühne der verwirrende Effekt, dass man nicht das Orchester, sondern Vögel in den Bäumen zu hören glaubt und sie mit dem Auge sucht.

Es ist eine künstlerische Obszönität, wenn Musik zu Film und Film zu Musik wird. Indem die medialen und sinnlichen Abgrenzungen überschritten werden, ereignet sich eine Verschiebung auf die Szene des anderen Sinns. Behauptet die Bildregie eines Konzertmitschnitts, man könne und müsse Musik sehen, um sie zu verstehen, was eine gängige Praxis ist, so behauptet Resphighi mit seinen Sinfonischen Dichtungen auf neuartige Weise, dass man Bilder und Stimmungen hören könnte. Dafür setzt er eine kaum zu überbietende Instrumentalisierung ein. Unterdessen kommt er damit genau in jenem medialen Abbildverhältnis an, das die visuellen Medien wie Fotografie, Film und Fernsehen im Medienzeitalter behaupten.

Auf überwältigende Weise wird in der Roma Trilogie von Ottorino Respighi zu Beginn des 20. Jahrhunderts alles durch die Musik sagbar. Insbesondere seine Fontane und seine Pini sind - noch ein wenig längere - Videoclips im Medium der Musik. Diese neuartigeMedialität von Musik führt indessen statt zur Fülle zur Leere. Brunnen und Pinien werden nicht zuletzt wie im Urlaubsclip von Touristen im Modus des Wiedererkennens eines Bereits-vorher-gesehenen behandelt. Respighis Sinfonische Dichtungen sind auf ein multimediales Wiedererkennen angelegt. Die Waldbühne wird gerade zum Verstärker dieses Effektes.

Vom stärksten Fortissimo, in dem bei Schostakowitsch gleich zwei Konzertflügel völlig im Orchesterklang als reinem Effekt aufgehen, bis zum zartesten Pianissimo behandeln die Berliner Philharmoniker Rota, Respighi und Schostakowisch mit der ganzen Kunst und Kultur ihres Könnens. Das machte dieses Konzert zu weit mehr als einem Popereignis. Denn es war populär doch auf höchstem Niveau und mit größter Neugier, was sich aus den Kompositionen herausarbeiten lässt.

Unvermeidlich endet das Waldbühnenkonzert mit Paul Linkes Berliner Luft. Wahrscheinlich ist dieser Schluss, bei dem Wunderkerzen abgebrannt werden und die Arena mitsingt, während das Orchester zum Stimmungskracher wird, alternativlos für einen Konzertschluss in der Waldbühne. Doch zuvor ging es eben darum, sehr genau hinzuhören. Und auch dem hatten sich in der fast ausverkauften Waldbühne ca. 13.000 Besucher hingegeben.

 

Torsten Flüh

 


Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Categories: Kultur

0 Kommentare
Actions: E-mail | Permalink | Comment RSSRSS comment feed