Leben auf der Schwelle - Zu Giorgio Agambens homo sacer-Projekt und der Pfingstserenade in Kloster Chorin

Kloster – Zeiteinteilung – Schwelle

 

Leben auf der Schwelle

Zu Giorgio Agambens homo sacer-Projekt und der Pfingstserenade in Kloster Chorin

 

Die Ruine des Zisterzienserklosters Chorin nördlich von Eberswalde ist im Stundentakt mit dem RegionalExpress innerhalb von 47 min. plus knapp 30 min. Fußweg von Berlin Hauptbahnhof zu erreichen. Die Ursprünge der gotischen Abtei nahe dem Dorf Chorin gehen auf das Kloster Civitas Dei aus dem Jahr 1231 zurück. Civitas Dei lässt sich indessen nicht nur mit Stadt, Gemeinde oder Staat Gottes übersetzen. Vielmehr beschrieb bereits Augustinus zwischen 413 und 426 in seiner gleichnamigen Schrift ein geregeltes Leben nach dem Vorbild Christi.

Giorgio Agamben, der am 22. April seinen 70. Geburtstag feierte, hat sich in dem jüngst erschienen Buch Höchste Armut – Ordensregeln und Lebensform (2012) ausführlich mit der Civitas Dei befasst. Er untersucht das Verhältnis der Regeln, die das Leben der Mönche in den Klöstern wie ein „Kleid“ einhüllen, und dem Gesetz bzw. der juristischen Entwicklung der Regeln. Für ihn ist u.a. „das Kloster der Ort, wo zum ersten Mal das Leben selbst … als Kunst praktiziert wurde“. (S. 54) Damit lässt sich ein großer Bogen bis in die Gegenwart schlagen.

Das moderne Leben, das zeitgenössische, wird weniger von einer Civitas Dei als von einer „Civitas Technize“ oder „Civitas Eventi“ strukturiert. Und so fährt der Berliner am Pfingstsonntag hinaus, der Stundentakt des RE macht’s möglich, nach Chorin. Bereits am Bahnhof weist ein Schilderwald den Weg zum Kloster. Nimmt man den kürzesten und eigentlich schönsten, so eröffnet sich nach 1,5 km der Weg vom Wald auf die Abtei. Zu Pfingsten lädt das Brandenburgische Konzertorchester Eberswalde seit Jahren um 17:00 Uhr zur Pfingstserenade. 2013 wird sie am 19. Mai um 17:00 Uhr stattfinden.

Was heißt Leben? - Das Leben ist heute getaktet. Getaktet zwischen Arbeitszeit, Freizeit, Ruhezeit, E-mail-Abfrage, Zeitfenster, Dates, Terminen und Timeline auf Facebook etc. Ist das eine Erscheinung der Moderne oder beginnt die Taktung des Lebens früher? Giorgio Agamben hakt quasi bei dieser Fragestellung ein. Denn nicht zuletzt gilt Agambens langjährige Arbeit in einer Fortschreibung der Studien Michel Foucaults (1926-1984) dem Projekt des homo sacer. Der homo sacer ist der nackte ebenso wie rechtlose Mensch, weshalb sich das „Kleid“ der Mönche quasi als Textur, als Biomacht über das Leben legt.

Agamben verfährt philologisch in seinem homo sacer-Projekt, das er 1995 quasi mit dem ersten Band Homo sacer (deutsch Homo sacer. Die Souveränität der Macht und das nackte Leben. edition suhrkamp. 2002) eröffnete. 2003 folgte Ausnahmezustand, womit er an die Ausrufung des „Ausnahmezustands“ nach 9/11, also dem 11. September 2001 mit einer Lektüre nicht zuletzt von Carl Schmitts umstrittenen und für ’68 folgenreichen Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkungen zum Begriff des Politischen (1963) anknüpfte. 1998 hatte er bereits Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge veröffentlicht, was erst 2003 in Deutsch erschien. Dort geht es prominent um die Schriften von Primo Levi und die Frage nach dem „Muselmann“.

Die Reihung der Bände im homo sacer-Projekt ist schwierig. Doch es lässt sich ein Schreibverfahren für das Projekt formulieren. Einerseits hat Agamben den Ansatz Michel Foucaults vertieft und erweitert. Während Foucault beispielsweise zeigen konnte, dass „die chronometrische Gliederung menschlicher Zeit“ nicht erst in Verbindung „mit der Moderne und der Arbeitsteilung in den Fabriken zu bringen“ ist, sondern „bereits an der Schwelle zur industriellen Revolution gegen Ende des 17. Jahrhunderts die disziplinarischen Dispositive (Schulen, Kasernen, Internate, erste königliche Manufakturen) damit begonnen hatten“ (S. 35/36), geht Agamben mit Höchste Armut noch einen Schritt weiter, indem er die „Zeiteinteilung“ für das Leben des Mönchs durcharbeitet.

Andererseits hat er immer wieder an aktuelle Debatten und Diskursverschiebungen angedockt. Es lässt sich daher zweierlei beobachten. Der Begriff der Moderne wird als Epochenbegriff selbst instabil. Gerade am Paradigma der Zeiteinteilung, die das Leben einteilt, ohne Gesetz zu sein und sich in einem juristischen Schwellenbereich der „Regel“, die sich diskret als Biomacht erweist, geraten sowohl das Paradigma als auch die Frage des Gesetzes ins Wanken. Der juristische Diskurs wirkt und wirkt nicht in der Frage einer „Zeiteinteilung“, wenn der Benediktinermönch Petrus Damiani (1006-1072) von den Mönchen fordert, „sich in lebende Uhren zu verwandeln“ (37/38).

Mit Was von Auschwitz bleibt hat Agamben gleich an mehrere Fragestellungen angedockt. Ihn beschäftigt sowohl die Frage des Archivs wie die des Zeugen. Die Frage des Zeugen ist eng verknüpft mit der des Erzählens. Denn was der Zeuge im Modus des Berichtens erzählt, soll Zeugnis von einem Geschehen ablegen.

Das Zeugnis enthält jedoch eine Lücke. Darüber sind sich die Überlebenden einig … Über diese Lücke, die den Sinn des Zeugnisses selbst in Frage stellt und damit Identität und Glaubwürdigkeit des Zeugen, müssen wir nachdenken. (Was von Auschwitz bleibt, S. 29)

Was hat es mit der Lücke im Zeugnis auf sich, die den Zeugen selbst betrifft? Mit einer Lektüre unterschiedlicher Texte von Levi und Paul Celan bis hin zu Fernando Pessoa kommt Agamben auf ein Problem der Sprache zu sprechen:

… Vielleicht entsteht jedes Wort, jede Schrift in diesem Sinne als Zeugnis. Deswegen kann das, von dem sie Zeugnis ablegt, noch nicht Sprache, noch nicht Schrift sein: es kann nur ein Unbezeugtes sein. Das ist der Laut, der aus der Lücke hervorgeht. Die Nicht-Sprache, die man mit sich selbst spricht, auf die die Sprache antwortet, in der die Sprache entsteht. Nach der Natur dieses Unbezeugten, nach seiner Nicht-Sprache ist zu fragen. (ebenda S. 34)

Das Vorantreiben der Fragen ist im Projekt des homo sacer, der hervorstechende Modus des wissenschaftlichen Schreibens. Weil es immer um das Aufsuchen einer „Schwelle“ geht, eines Zwischenbereichs auch von Leben und Tod, gibt Giorgio Agamben keine Antworten, Geschichten, Regeln oder Strukturen, sondern untersucht sie im Modus der Frage. Für Wissenschaftler, beispielsweise Historiker für das Mittelalter, die selbst Antworten produzieren, muss dies eine Herausforderung sein. Sie werden immer das „wahre Leben“ an den Antworten messen, wie beispielsweise Valentin Groebner in seiner Rezension für DIE ZEIT (Druckausgabe) vom 19.04.2012:

Autorität mit Wachsnase.
Der raunende Philosoph Giorgio Agamben wird 70. Jetzt inszeniert er mittelalterliche Mönche als Väter der Moderne
... Da ist er wieder, der Agamben-Sound: Ur-Begriffe als aktuell drängende Ur-Sachen. Agamben stilisiert das mittelalterliche Mönchtum zu einem homogenen Kosmos... Mit den Wirklichkeiten vor acht oder zehn Jahrhunderten hat das nur wenig zu tun. (DIE ZEIT, S. 54)

Fast gleichzeitig gibt Groebner im Spiegel gute Ratschläge für Studenten gegen „Sprachstyropor“, und fordert:

Leser wollen Ergebnisse.     

Die Ratschläge für gutes, wissenschaftliches Schreiben - immerhin im UNIspiegel - stehen offenbar weder zeitlich noch didaktisch oder kritisch im Widerspruch mit der Rezension Groebners. Beispielhaft steht das wissenschaftliche Verfahren der Frage dem der „Ergebnisse“ gegenüber. Wenn es um die Produktion von Ergebnissen in der Wissenschaft geht, dann vergisst sie ihre sprachliche Verfasstheit selbst. Doch dieser Verfasstheit gilt Giorgio Agambens besondere Aufmerksamkeit. Sie spielt für die Frage des Zeugen insbesondere im Lager von Auschwitz eine entscheidende und durchaus verstörende Rolle. Wissenschaft darf niemals eine Wendung zum Ergebnisterrorismus nehmen.

Am verstörenden Beispiel des Hurbinek, von dem Primo Levi schreibt, und der Frage des Zeugnisses eröffnet Agamben das Problem der Sprache, in der Zeugnis abgelegt werden soll:

Hurbinek kann nicht Zeugnis ablegen, weil er keine Sprache hat … Doch nicht einmal der Überlebende kann vollständig Zeugnis ablegen und seine eigene Lücke sagen. … Die Unmöglichkeit, Zeugnis abzulegen, die »Lücke«, die die menschliche Sprache konstituiert, muß also in sich zusammenbrechen, damit eine andere Unmöglichkeit der Bezeugung an ihre Stelle treten kann – die desjenigen, das keine Sprache hat. (Was von Auschwitz bleibt, S. 34/35)

Robert Harvey hat in Witnessness (2010) in einer Fußnote darauf hingewiesen, dass eine handvoll der sogenannten „Muselmänner“, das Lager überlebten und „even regained the capacity to speak of their experience“, und dass es „one of the fundamental contradictions of Agamben’s“ Auschwitz-Buch ist, dass er sogar einen im Anhang zitiere. (p. 29) Der Verlust von Sprache und die Frage des Zeugnisses beschäftigen mit anderen Worten nicht nur Agamben. Vielmehr hat Robert Harvey sie auf andere Weise durchgearbeitet. Obwohl Agamben „fundamentale Widersprüche“ produziert, müssen seine Forschungen nicht falsch sein. Stattdessen ließe sich daran beobachten, dass er keine generalisierbaren Ergebnisse formuliert, sondern im Labyrinth des Fragens überhaupt der Frage von Sprache und Zeugnis nahekommt.

In Ausnahmezustand lässt sich 2003 beobachten, wie Agamben eine radikale Formulierung für die „Anordnungen“ nach 9/11 findet und gleichzeitig den Begriff auf seine Tiefe durcharbeitet. Denn der „Ausnahmezustand“ fällt mit dem des „nackten Lebens“ zusammen:

… Das Neue an der »Anordnung« von Präsident Bush ist, dass sie den rechtlichen Status dieser Individuen radikal auslöscht und damit gleichzeitig Wesen hervorbringt, die juristisch weder eingeordnet noch benannt werden können. … Wie Judith Butler überzeugend dargestellt hat, erreicht mit dem detainee von Guantanamo das nackte Leben seine höchste Unbestimmtheit. (Ausnahmezustand, S. 10)        

… Der Ausnahmezustand ist kein Sonderrecht (wie das Kriegsrecht), sondern er bestimmt, indem er die Rechtsordnung suspendiert, deren Schwelle und Grenzbegriff. (Ausnahmezustand, S. 11)

Mit anderen Worten: der „Ausnahmezustand“ findet für Agamben genau dort statt, wo das Recht noch nicht begonnen hat einzusetzen. Er stellt die Rechtsordnung damit auch immer in Frage. In Korrespondenz mit der „Anordnung“ des Präsidenten ist der „Ausnahmezustand“ eben gerade keine Ordnung und setzt aus einem souveränen Akt heraus, der natürlich jeglicher Souveränität entbehrt, diese außer Kraft. Deshalb wird Agambens Buch durchaus widersprüchlich den „Ausnahmezustand“ durcharbeiten. Eine Anordnung, die einen rechtsfreien Raum schafft, ist ein Widerspruch in sich.

Einigen Lesern und Kommentatoren macht die Unklarheit der Schwelle ein Problem. Denn die Schwelle ist jener Durchgangsbereich zwischen Innen und Außen. Sie ist immer Übergang und Trennung zugleich. Doch als Übergang kann sie von erstaunlicher Dauer sein, wie sich am Beispiel Guantanamo zeigen lässt. Man kann die Schwierigkeiten, die Barack Obama bei der Auflösung von Guantanamo hatte und offenbar weiterhin hat, als ein Problem der Schwelle begreifen. Wahrscheinlich muss man das sogar mit einigem Nachdruck tun. Guantanamo kommt im aktuellen Wahlprogramm des Präsidenten nicht vor, sofern ich das einschätzen kann. Stattdessen wird die Ehe für „same sex couples“ zum Wahlversprechen.

Wenn ein „Ausnahmezustand“ als Schwelle in die Rechtsordnung getreten ist, dann könnte es sein, dass er sich eben nicht mehr rückgängig machen lässt. Es sei denn, man stellt die Ordnung in Frage oder man holt ihn mit einer verschobenen Ordnung zurück in den Raum des Rechts. Beide Optionen dürften für einen US-Präsidenten außerordentlich problematisch sein. Weder kann er die Menschenrechte, die an das Individuum gekoppelt sind, gänzlich auslöschen, undenkbar (!), noch kann er die Auslöschung der Individuen in Guantanamo für Recht erklären.

Ebenso unmöglich erscheint die gänzliche Auflösung des Lagers mit einer „Resozialisierung“ der Gefangenen. Obwohl oder gerade weil der Status der Schwelle so unbestimmt ist, lässt er sich nicht einfach der einen oder anderen Seite, dem Innen oder Außen zuschlagen. Das „nackte Leben (in) seine(r) höchsten Unbestimmtheit“ bringt Gefangene hervor, deren Resozialisierung und Rückführung in ein mit Rechten ausgestattetes Leben zu erheblichen Rechtsproblemen führt.

Die Schwelle ist hartnäckig. Und auf dieser Schwelle spielt sich in den Schriften von Agamben die Frage des Menschen ab, der zunächst, und auch das wäre für Historiker doch einigermaßen erschreckend, nicht der Mensch der Renaissance ist, sondern der Mönch des Zönobiums:

… Welche Instrumente auch immer der Zeitmessung dienten, sicher ist, dass das gesamte Leben des Mönchs von einer ebenso lückenlosen wie unerbittlichen Zeiteinteilung bestimmt war. … Das Zönobium ist also zunächst ein lückenloser Stundenplan des Daseins: Jedem Augenblick entspricht ein Offizium, sei es das des Gebets, der Lesung oder der Handarbeit. (Höchste Armut, S. 39)

Doch wiederum und ganz ähnlich wie beim „Ausnahmezustand“ ist es der Modus der Regel, der das Leben überzieht, ohne Gesetz zu sein. Im Abschnitt Regel und Gesetz (S. 48-73) arbeitet Agamben eindrücklich „die Frage nach der rechtlichen Natur der Ordensregeln“ durch. Denn die Ordensregeln sind „ein der römischen Rechtstradition und dem Recht tout court wesentlich fremdes Phänomen“. (S. 49) Dafür erweist sich die Methode der „Textanalyse“ als fruchtbar:

Eine Textanalyse der Regeln zeigt, dass ihr Verhältnis zur Sphäre des Rechts zumindest widersprüchlich ist. (ebenda)

Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Ablegung eines Gelübdes, für das sich Agamben auf den Linguisten Èmile Benveniste bezieht, um diesen zu präzisieren.

Genauer gesagt wird derjenige, der ein Gelübde ausspricht, nicht so sehr zu dessen Ausführung verpflichtet oder verurteilt, sondern er wird – zumindest im Extremfall der devotio des Konsuls – ein homo sacer, dessen Leben da es den Göttern der Unterwelt gehört, eigentlich keines mehr ist, sondern auf der Schwelle zwischen Leben und Tod steht, und deshalb von jedermann ungestraft ausgelöscht werden darf. (S. 61)

Das Aussprechen des Gelübdes wird bei Agamben zum entscheidenden Moment, das den Gelobenden zum homo sacer macht. Denn was ein Gelübde sei, darüber herrsche „größte Verwirrung“, „sowohl aufgrund der Mannigfaltigkeit der verwendeten Wörter (professio, votum, propositum, sacramentum, homologia, synthēkē) als auch aufgrund der Unbeständigkeit ihrer Bedeutungen, deren Bandbreite von »Führung« bis »feierliche Erklärung«, von »Gebet« und »Schwur« bis »Begehren«“ reiche. (S. 62) Mit anderen Worten Agamben argumentiert auf der Ebene einer Uneinholbarkeit der Sprache. Was das Gelübde bedeutet, lässt sich bis auf das Aussprechen nicht sagen.

Auf Seite 70 kommt Agamben schließlich darauf zu sprechen, „weshalb es so gut wie unmöglich ist, die Frage nach der rechtlichen oder nicht-rechtlichen Natur der Ordensregeln zu stellen, ohne in Anachronismen zu verfallen“. Denn theologisch definiert sich das Verhältnis „von evangelium und lex (also vor allem dem jüdischen Gesetz)“ dadurch, „dass das Leben des Christen nicht mehr »unter dem Gesetz« steht und mit rechtlichen Begriffen nicht erfasst werden kann.“ (S. 71) Agamben arbeitet die Verhältnisse auf mehreren Ebenen durch, um so die Widersprüchlichkeit von Regel und Gesetz aufzudecken.

Regole monastiche e forma de vita (2011) fragt nach der Ausformung des Lebens unter den Bedingungen der Ordensregeln. Wie schon 1995 in Homo sacer. Il potere sovrano e la nuda vita baut Agamben in die drei Teile seines Buches am Schluss eines jeden eine „Schwelle“ ein. Mit den Schwellen wird im Modus der Frage eine neue „Beziehung“ (Hubert Thüring) oder „Verhältnis“ (Andreas Hiepko) eröffnet und untersucht:

… Bislang haben wir uns mit dem Aufzeigen der logischen und topologischen Struktur der Souveränität beschäftigt; was aber wird von ihr ausgenommen und zugleich in sie hineingenommen, wer ist der Träger des souveränen Banns? Benjamin wie Schmitt weisen das Leben (das »bloße Leben« bei Benjamin, bei Schmitt das »wirkliche Leben«, das »die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik« »durchbricht«) als Element aus, das in der Ausnahme mit dem Souverän in engster Beziehung steht. Und diese Beziehung gilt es nun zu klären. (S. 77/78)

Die Schwellen die Agamben einbaut, formulieren die bereits durchgearbeiteten Fragen oder Schwellen um. Nachdem die Mönchsregeln allererst in ihrer Tiefenwirkung herausgearbeitet worden sind, geht es am Schluss des ersten Teils von Höchste Armut darum, die Schwelle selbst zu untersuchen:  

… Diese Verlagerung der Ethik und der Politik aus der Sphäre der Handlung in die der Lebensform bildet das anspruchsvollste Vermächtnis des Mönchtums, das die Moderne nicht anzunehmen imstande war. Denn wie ist diese Figur eines Lebens zu verstehen, die sich als »Lebens-form« behauptend, weder auf das Recht noch auf die Moral, weder auf ein Gebot noch auf eine Empfehlung, weder auf eine Tugend noch auf eine Wissenschaft, weder auf die Arbeit noch auf die Kontemplation zurückgeführt werden kann und dennoch ausdrücklich zur Richtschnur einer vollkommenen Gemeinschaft verstanden werden möchte? … Wenn es, wie wir gesehen haben, als eine Schwelle tendenzieller Unbestimmtheit zwischen Regel und Leben bestimmt werden kann, müssen wir diese Schwelle untersuchen, wenn wir dessen Natur verstehen wollen. (S. 90/91)

Die „Schwelle tendenzieller Unbestimmtheit zwischen Regel und Leben“ und ihre Untersuchung wird (keine) Ergebnisse hervorbringen, es sei denn das man die „Verlagerung“ oder Verschiebung als ein solches betrachtet. Im Denken der Schwelle geht es nicht darum, Ergebnisse zu postulieren. Es geht letztlich um eine Arbeit an der Sprache, die die Verlagerungen über Schwellen herausarbeitet. Insofern irrt Groebner, wenn er meint, dass „das mittelalterliche Mönchtum zu einem homogenen Kosmos“ stilisiert würde. Agamben homogenisiert das Mönchtum gerade nicht.

Die Frage nach den Mönchsregeln wird in viele Richtungen aufgefächert. Und die Zeiteinteilung im Kloster ist eine andere als die Taktung des Lebens durch Fahrpläne, rudimentär-christliche Feiertage wie Pfingsten und Events. Doch eröffnet die Lektüre von Höchste Armut auch ein Nachdenken über die Taktung des „eigenen“ Lebens.

Der Takt fällt bei der Pfingstserenade des Brandenburgischen Konzertorchesters Eberswalde mitunter ein wenig schnell aus. Die „Meisterwerke der Klassik“ werden unter der Leitung von Holger Schella von T. Albinoni über Dvorak, Fakas, Brahms, de Sarasate bis Beethoven, Rubinstein und Johannes Brahms ein wenig locker hinter einander weg gespielt. Doch als eine Serenade in der Klosterruine bei Mitte 20° C, Sonnenschein, Dämmerung und im Beisein von Mauerseglern ist natürlich einfach unschlagbar und empfehlenswert. - Der letzte RegionalExpress von Chorin nach Berlin fährt um 23:40 Uhr.

 

Torsten Flüh  

Choriner Opernsommer

Brandenburgisches Konzertorchester Eberswalde

ab 1. Juni 2012

Giorgio Agamben

Höchste Armut

Ordensregeln und Lebensform

S. Fischer Wissenschaft 2012

 

Giorgio Agamben

Ausnahmezustand

edition suhrkamp 2004

 

Giorgio Agamben

Homo sacer

Die Souveränität der Macht

und das nackte Leben

edition suhrkamp 2002

 

Giorgio Agamben

Was von Auschwitz bleibt

Das Archiv und der Zeuge

edition suhrkamp 2003


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Categories: Medien Wissenschaft

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