Literatur - Kulturwissenschaft schreiben - Zu Carl Friedrich von Rumohr und der Ausstellung Kunst, Küche und Kalkül

Kochen – Geist – Wissenschaft

 

Literatur — Kulturwissenschaft schreiben

Zu Carl Friedrich von Rumohr und der Ausstellung Kunst, Küche und Kalkül im Kleist-Museum

 

Am Donnerstag war der Mitkurator, Wissenschaftshistoriker und Rumohr-Experte Prof. Achatz von Müller direkt aus Basel angereist, um im Kleist-Museum in Frankfurt/Oder einen Vortrag zu Leben und Werk von Carl Friedrich von Rumohr (1785-1843) zu halten. Spätestens seit 2003 wurde der künstlerisch, landwirtschaftlich, literarisch und publizistisch Tätige mit der Ausgabe seiner Sämtlichen Werke in der „Historia Scientiarum … zur Geschichte der Wissenschaften in Deutschland“ als Begründer der Kunstwissenschaft stärker ins wissenschaftliche Interesse gerückt.

Das literarisch-wissenschaftliche Spektrum der Schriften von Carl Friedrich von Rumohr ist breit gefächert. Es reicht von frühen kunstwissenschaftlichen Veröffentlichungen, in denen er sich bereits ab 1810 gegen die normative Kunstbestimmung der Klassik mit ihrem Rückgriff auf die Antike wendet, über den Geist der Kochkunst (1822) und Novellen, den Roman Deutsche Denkwürdigkeiten (1832) bis zur Reise in die Lombardey (1838) und Maso di Finiguerra als Erfinder des Kupferstichs (1841). Ein Zeitgenosse Heinrich von Kleists lässt sich bei ihm eine breite schriftstellerische Tätigkeit beobachten, die hoch literarisch wiederholt zur Formulierung von Wissenschaften – Kunstwissenschaft, Kulturwissenschaft, Kochkunst als Wissenschaft etc. – führt.

Achatz von Müller, Ordinarius für Geschichte der Universität Basel, eröffnete seinen Vortrag mit skizzenhaften Verweisen auf das Leben Carl Friedrich von Rumohrs, der einem alten Holsteinischen Adelgeschlecht entstammte, doch in Reinhardtsgrimma bei Dresden als Sohn des Landrats Henning von Rumohr geboren wurde. Henning von Rumohr hatte es durch mancherlei geschäftlicher Aktivitäten vom verarmten Adligen zu einigem Reichtum gebracht und mehrere Besitztümer erworben, die seinem Sohn, der auf den holsteinischen Familiengütern bei Lübeck aufwuchs, mit einigem Geschick ein sorgenfreies Leben und ein kurzes Kunststudium in Göttingen erlaubten. Allein aus dieser Konstellation heraus entwickelte sich ein breit gefächertes Interesse von der Landwirtschaft über die Kunst bis zu Kultur und Politik.

Die Ausstellung Kunst, Küche und Kalkül im Kleist-Haus inszeniert nun mehrere Aspekte aus dem Leben Carl Friedrich von Rumohrs. Dazu gehören ebenso die Gemälde der Familie Rumohr aus Privatbesitz wie Zeichnungen von Rumohr selbst wie die Originalausgaben einiger Schriften als auch medialisierte, d.h. vorgelesene Auszüge auf Tablets. Die Räume sind thematisch gegliedert und verschaffen so überhaupt zum ersten Mal einen stark medialisierten Zugang zu Carl Friedrich von Rumohr. Zuvor wurde die Ausstellung 2010/2011 im Museum Behnhaus Drägerhaus in einem größeren Umfang in Lübeck gezeigt. Es ist vor allem den Leihgebern aus Privatbesitz und der Rumohr Gesellschaft zu verdanken, dass die Ausstellung zu glänzen versteht.

 

Allein die drei Portraitgemälde aus Privatbesitz von Anton Graff (1736-1813) und Friedrich Carl Gröger (1766-1838) lohnen in mehrfacher Hinsicht einen Besuch in Frankfurt/Oder. Denn einerseits sind sie sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglich und andererseits lässt sich zwischen dem Portraitisten der Goethe-Zeit Anton Graff beim Portraitgemälde der Mutter, Wilhelmine von Rumohr, geb. Baronesse von Fersen, von 1784 gegenüber den Gemälden von Friedrich Carl Gröger aus dem Jahr 1802 eine deutliche Verschiebung in der Auffassung des Portraits beobachten. Während Wilhelmine von Rumohr 1784 in lässiger Haltung im Übergang zum Bürgertum portraitiert wird, sind Henning von Rumohr und sein Sohn Carl Friedrich jeder höfisch-herrschaftlichen Haltung frei und im Bürgertum als vergeistigter Patriarch mit geschlossenen Augen, Henning, und in geradezu englischem Bürger-Format der Sohn mit Zeichenstift und Skizzenheft angekommen.

Ein entscheidender Faktor für Rumohrs Lebenspraxis wurde seine Homosexualität, die er in mehreren Beziehungen auslebte, was nicht zuletzt durch sein Vermögen und seine häufigen Reisen wie wechselnden Wohnsitze in Holstein, bei Dresden, am Nemisee bei Rom etc. begünstigt wurde. Anders als bei Heinrich von Kleist sind die Lebensumstände nicht zuletzt durch Zeichnungen und Aquarelle seiner jungen Künstlerfreunde eindeutiger dokumentiert. Eine Formulierung seiner sexuellen Präferenzen blieb indessen auch Rumohr verwehrt. Doch Achatz von Müller sparte nicht an Deutlichkeit im Vortrag, dass Rumohr nicht nur „keine Neigung zu den Töchter des Landes“[i] gehabt habe, sondern „schwul“ war.  

 

Die sechs ausgedehnten Reisen nach Italien, aber auch Reisen innerhalb Deutschlands und hinauf bis nach Kopenhagen, wo er für König Christian VIII. bei der „Neuordnung der dänischen Kupferstichsammlung“[ii] eine wichtige Rolle spielt und 1835 den Danebrog-Orden erhält, lassen eine Lebenspraxis erkennen, die es erschwert, Rumohr zu verorten. Die Reisen werden zu einem wichtigen, wenn nicht entscheidenden Motiv im Leben und seinem literarischen Werk. Ohne die Reisen hätte sich schwer das breit gefächerte Wissen akkumulieren lassen. Er betreibt auf den Reisen als einer der Ersten Quellenstudien. Dabei bleibt er zwar auf den europäischen Raum mit Schwerpunkt Italien und Lombardei beschränkt. Doch gibt er sich zumindest im Geist der Kochkunst auch als Leser der zeitgenössischen Reiseliteratur zu erkennen:

 Achtes Kapitel.

 Vom Braten durch eine langsame, verschlossene Hitze.

 In den Entdeckungsreisen der Engländer und anderer Nationen ist häufig von dem auf den Südseeinseln üblichen Braten auf erhitzten Steinen, oder in erhitzten Gruben die Rede, worüber man Cook, Bougainville und neuere nachlesen kann.[iii]    

 

Achatz von Müller verwies in seinem Vortrag darauf, dass die erste Italienreise 1805 mit dem Bildhauer Friedrich Tieck, Ludwig Tieck und den Brüdern Riepenhausen eine politische Flucht vor Napoleon und seinem Heer gewesen sei. Die Beweggründe für Reisen wanken und sind vielschichtig. Denn sicherlich werden auch das Kunststudium in Göttingen und das Kunstinteresse eine Rolle gespielt haben. Von Müller schlug als Historiker gar einen Bogen zu Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) als homosexuellem, lebenspraktischem Vorbild für die Italienreise. Hinzukommt, dass 1804 der Vater verstorben war, so dass er sicher nun relativ frei über finanzielle Mittel verfügen konnte. Nicht zuletzt war er im gleichen Jahr als holsteinischer Protestant zum Katholizismus übergetreten, was Achatz von Müller damit erklärte, dass im Katholizismus im Unterschied zum Protestantismus Sünden bzw. Schuld durch abweichendes Verhalten mittels der Beichte vergeben werden könne.

Die Biographie als Format wissenschaftlicher, historischer Klärung und Erklärung darf mit Sicherheit als ebenso Komplex wie schwierig angesehen werden. Was lässt sich formulieren und was nicht?[iv] Wie lässt sich das Leben verdaten? Und was wird dann lesbar? Diese Fragen lassen sich insbesondere mit Carl Friedrich von Rumohr aufwerfen, weil sie nicht nur die Verdatung des Lebens auf vielfältigen Reisen betreffen und unmittelbar mit Konzeptionen von Wissenschaft verknüpft sind, sondern nach der Einleitung der Sämtlichen Werke von Enrica Yvonne Dilk die „Fülle von Erkenntnissen“ selbst betreffen:

… Die Fülle von Erkenntnissen bereichert und differenziert das bisherige Bild des Mitbegründers der modernen Kunstforschung. Im Falle Rumohrs erweist es sich als wenig sinnvoll, allzu scharfe Grenzlinien zwischen dem Kunstforscher, dem Kunsthistoriker und dem Erzähler abzustecken. Die bleibende Bedeutung seiner schriftstellerischen Tätigkeit liegt in der kunsthistorischen Produktion. Doch sind die intellektuellen Anstöße in ihrem ständigen Ineinandergreifen von Kunst- und Lehrgesprächen auch in den Ansätzen sozioökonomischen Charakters sowie im fiktionalen Werk greifbar.[v]    

Das Ineinandergreifen von Fiktion und Wissenschaft, Erzählung und Quellen, Detail und Bild macht allererst in der Schreibweise der Veröffentlichungen Rumohrs selbst Grenzziehungen schwierig. Er nimmt wiederholt unterschiedliche Rahmungen seiner Texte vor, um dann doch die unterschiedlichsten Diskurse ineinandergreifen zu lassen. Wie lässt er sich dann verorten? Als „Mitbegründer der modernen Kunstforschung“ (Dilk) und/oder als Entdecker der „Kulturgeschichte“ und „Kulturwissenschaft“ (von Müller) bleibt Rumohr tendenziell vor allem Vorläufer, bevor die entsprechenden Lehrstühle besetzt werden.

Der Blick zurück auf die Anfänge der Kulturwissenschaft, auf die Radikalität ihres Beginns als Kulturgeschichte vermag zumindest die paradigmatische Verschränktheit von Geschichte, Kunst, Bild, Wirtschaft, Herrschaft und den Ansprüchen des menschlichen Körpers vorzustellen, die ihren Ursprung begründete.[vi]

Die Rahmung und das Ineinandergreifen lassen sich recht deutlich und geradezu paradigmatisch an dem besonders erfolgreichen Geist der Kochkunst beobachten. Denn das Buch erlebte im Abstand von zehn Jahren 1832 eine „Zweite vermehrte und verbesserte Auflage“ in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. Geist der Kochkunst ist und ist zugleich (k)ein Kochbuch! Wird die erste Ausgabe 1822 vor allem wissenschaftlich gerahmt, so überwiegt in der zweiten eine wirtschaftspolitische.

Im Kontext nicht zuletzt einer Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft durch Caspar von Voght auf seinem Mustergut bei Altona bzw. Hamburg mit seiner Schrift Flottbek und dessen diesjährige Bestellung mit Hinsicht auf die durch dieselbe beabsichtigten Erfahrungen. Ein Wegweiser für die landwirtschaftlichen Besucher desselben[vii] von 1823 spielt Rumohr in der „Vorrede des Herausgebers“ auf Wissenschaft, Chemie und „Ackerbau“ an. 

Denn die Kochkunst ist in den letzteren Zeiten nur selten in ihrer ganzen Bedeutung und nach ihrem vollen Einfluß auf das körperliche und geistige Wohlseyn des Menschengeschlechtes aufgefaßt worden. Zwar hatte man schon vorlängst versucht, dem Ackerbau und der Viehzucht eine wissenschaftliche Gestalt zu geben; …[viii]

Caspar von Voght, dessen Mustergut in Holstein große Bekanntheit genoss, adressierte seinen „Wegweiser“ am 11. Juni 1823 mit einem Brief an den Wissenschaftsakteur Johann Wolfgang von Goethe[ix]. Es ist eine Auswertung seiner fast 3.000 landwirtschaftlichen, chemischen und physikalischen Versuche von der Gründüngung bis zur Zeilensaat. Schon das „Ansehn“ genüge, um die „neue Wissenschaft“ als solche zu erkennen, schreibt er an den befreundeten Dichter. Rumohr kannte Voght wenigstens über den gemeinsamen Verleger Friedrich Perthes. Über die landwirtschaftlichen, chemischen und physikalischen Versuche, die beispielsweise zur um 1800 modernen „Zeilensaat“ und zur „Gründüngung“ führten, war Rumohr gewiss informiert. So macht er denn auch für (seine) Wissenschaft eine geringfügige Einschränkung:

… Freylich ist es ebenfalls nicht streng wissenschaftlich; sowohl seiner Form nach, als vorzüglich, weil es aus den Naturkenntnissen, aus der Chemie und Mechanik nicht alle Vortheile zieht, welche diese Wissenschaften der Kochkunst gewähren könnten. Indessen enthält sein Buch doch endlich einmal einige richtige Grundsätze; es sind darin treffende Bemerkungen und anwendbare Vorschläge verbreitet; kurz, die Kunst ist hier wenigstens auf dem Wege, sich selbst zu erkennen und ihre Theorie im Entstehen.[x] 

Anders als der Reisende Caspar von Voght formuliert Carl Friedrich von Rumohr die Wissenschaft der Kochkunst nicht naturwissenschaftlich. Die modernen Naturwissenschaften, insbesondere Chemie und Physik mit Hinblick auf die Landwirtschaft hatte Voght während eines längeren Aufenthaltes seit November 1794 im „Athen des Nordens“, Edinburgh, studiert. Während in den Naturwissenschaften das Rechnen, die Berechnungen und Berechenbarkeit eine entscheidende Rolle spielen, übernehmen bei Rumohr „einige richtige Grundsätze“ die Funktion des Wissens. Schließlich tragen diese „Grundsätze“ zum Erkenntnisprozess der Kunst von „sich selbst“ bei. Daraus generiert sich der wissenschaftliche Titel als Geist der Kochkunst. Mit anderen Worten: Wissenschaftlich wird die „Kunst“, hier Kochkunst, weil sie sich selbst methodisch zu reflektieren vermag. Dennoch bleibt eine formelhafte Theorie aufgeschoben oder „im Entstehen“.

Mit der Kochkunst als Wissenschaft kündigen sich die Geisteswissenschaften des 19. Jahrhunderts an. In der Schreibweise wie in der konkreten Formulierung Carl Friedrich von Rumohrs wird für den „Geist“ eine besondere Elastizität im Unterschied zur Naturwissenschaft eine Rolle spielen. Denn sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie „auf dem Wege“ und „im Entstehen“ ist. Als der Geist der Kochkunst zehn Jahre später eine neuerliche Wendung nimmt, ist keinesfalls das Ziel einer Theorie erreicht. Vielmehr kommt Rumohr in der „Vorrede zur zweiten Auflage“ auf „literarische Uniform“ und „Verbrämung“ von Büchern zu sprechen:

   Günstiger Leser! Obwohl durch Erfahrung mit der Thatsache bekannt, daß Vorreden niemals gelesen werden, weiß ich doch ebenfalls, daß sie zur literarischen Uniform gehören und als Verbrämung den Büchern ganz unerläßlich sind. … Die Vorrede zur ersten, entschuldigt die Dreistigkeit des Autors, seine Paradorie, seine Anmaßung, irgend etwas besser einsehn zu wollen, als seine Vorgänger. Hingegen verräth die Vorrede zur andern und zu den folgenden bereits eine gewisse Zuversicht.[xi]

Im Zuge der zweiten Vorrede kommt Rumohr nicht nur auf die „Veranlassungen“ zu seinem Buch, sondern auf „eine verderbliche Ueberfüllung des Marktes“, die zu einer schweren Krise der Landwirtschaft geführt hatte, zu sprechen, die von Rumohr quasi historisch formuliert wird. Achatz von Müller erwähnte in seinem Vortrag, dass diese zweite Vorrede Geist der Kochkunst wissenschaftshistorisch besonders wirkungsmächtig gemacht, weil sich Friedrich List (1789-1846) als einer der bedeutendsten Wirtschaftstheoretiker des 19. Jahrhunderts auf Rumohr bezogen habe. Tatsächlich gelingen Rumohr anders als für die Kochkunst hinsichtlich der Staatsökonomie bzw. Volkswirtschaft formelhafte Grundsätze, die denn auch gesperrt gedruckt werden:

… Es lag also gar nahe, den anerkannten, unumstößlichen Grundsatz auf jene Comestibilien anzuwenden, deren Ueberfluß so ernstliche Verlegenheiten hervorrief. Denn es ist ganz so gewiß, als das Vorige: daß ein verbesserter Feldbau, nachdem die künstliche Steigerung der Preise aufgehört, welche dessen Fortschritte begünstigt hatte, zurückschreiten muß, wenn ihm nicht durch eine allgemeine Verbesserung der Volksnährung ein fester, unveränderter Markt gesichert wird.[xii]

Es mag hier genügen zu erwähnen, dass Rumohrs protektionistisches Marktgesetz weiterhin für die Wirtschafts- wie die Agrarpolitik und die theoretischen Diskussionen darum eine zumindest gewisse Rolle spielt. Dass es auf Rumohr zurückgehen könnte, dürfte indessen den aller wenigsten Wirtschaftswissenschaftlern wie –politikern bekannt sein. Natürlich werfen sich bei einer derartigen Formulierung mit aufgeschobenem Verfallsdatum oder Nachhaltigkeit Fragen auf: erstens wie sie in einem „Kochbuch“ landen konnte und zweitens ob es sich nun bei Rumohr um ein wirtschaftstheoretisches Genie handelte. Vielleicht lässt sich die erste leichter als die zweite beantworten. Denn es ist doch zumindest auffällig, dass, wenn man die Vorreden zum Geist der Kochkunst liest, „literarische Uniform“ und „Verbrämung“ als Modi von Literatur angesprochen werden. Im Prozess des Schreibens und Erzählens kommt es bei Rumohr zu einer glücklichen, nachhaltigen Formulierung, ohne dass er einen Wirtschaftsklassiker hätte schreiben wollen.

1823 erschien in der Sammlung für Kunst und Historie als „Zweytes Heft“ Italienische Novellen von historischem Interesse, übersetzt und erläutert von C. F. von Rumohr bei (Friedrich) Perthes & Besser in Hamburg.[i] Der „Vorbericht“ dieser Schrift über die Novelle ist ein wissenschaftshistorisches Scharnierstück. Achatz von Müller führte in seinem Vortrag besonders aus, dass „die Novelle als Medium der Geschichte“ von Rumohr aufgefasst wird und er sie „als historisches Darstellungs- und Reflexionsinstrument“ konzipiert habe. Mit anderen Worten: das literarische Genre der Novelle wird für den „Novellisten“ Carl Friedrich von Rumohr insbesondere als „Medium der Geschichte“ formuliert, weil es von „Ereignissen“ berichtet.

… Denn obwohl einige italienische Schriftsteller die Novelle mehr dichterisch, als historisch behandelt haben, so blieb sie doch der früheren Bestimmung des Wortes (als Neuigkeit, T.F.) eingedenk und trugen dem Namen gewissermaßen ihre Schuld ab, indem sie jederzeit wirkliche unter die erdichteten Ereignisse mengten und sich enthielten, die einzelnen Erzählungen zu kleinen Romanen auszudehnen, wie Cervantes und andere Fremde, welche ihre Dichtungen irrig Novellen benannt haben.[ii]

 

Die Unterscheidung zwischen poetischen und historischen Novellen nimmt um 1820 eine breite Diskussion ein. Das Ereignis wird zum Unterscheidungsmerkmal, ob die Novelle eher dem Poetischen oder dem Historischen zuzuschlagen ist. Rumohr kritisiert, dass die Novellen in Deutschland vor allem poetisch aufgefasst werden. Und es kommt durch die Historizität zu einem Übersetzungsproblem „in Bezug auf die angeborne Zucht der deutschen Sprache“:  

… Erst nach meiner Rückkehr, da ich wahrnahm, daß man im Ganzen nur wenig Werth auf diese Art der Geschichtsquellen lege, faßte ich den Entschluß, eine kleine Auswahl von Novellen, welche allein auf die Sittengeschichte Bezug haben, ins Deutsche zu übersetzen… Eben daher werden die Novellen, in so fern sie Darstellungen des Wirklichen sind, in der neueren Zeit in eben dem Maaße niedriger und gemeiner als das Daseyn selbst, welches sie darstellen; letzteres erschwerte mir, vornehmlich in Bezug auf die angeborne Zucht der deutschen Sprache, die Auswahl der wenigen Proben, welche ich aus den späteren Jahrhunderten mittheile… (S. X)

 

In einer Konstellation von „Geschichtsquelle“, „Sittengeschichte“, „Wirkliche(m)“ und „Zucht“ tritt das Übersetzungsproblem nicht nur zufällig auf. Es ist nämlich einer Übersetzung von einer in eine andere Sprache geschuldet, die zumindest in ihrer Schriftlichkeit bestimmte Darstellungsmodi nicht zulässt. Dies betrifft nicht zuletzt die sprachliche Darstellung des Sexuellen und seiner Praktiken, wie sie auf derbe Weise formuliert werden und sich doch gerade durch Vieldeutigkeit dem Verstehen entziehen, wie es Rumohr in einer Anmerkung zur Scherzhaften Leichenrede aus den „Novellen des Franco Sacchetti“ schreibt:

Dieser unübersetzliche Unsinn wird für italienische Zuhörer durch die Assonanz verfänglicher. Die Andeutung des Geistes der Finsternis nebst einem nicht immer passenden Gebrauche lateinischer Wörter und Floskeln gehört in Italien noch immer zu den Schönheiten ländlicher Predigten. In dem Wort barbagiano, oder barbagianni, welches Eule aber auch Dummkopf bedeutet, liegt ein sehr vieldeutiger Muthwille. (S. 16)

 

Nicht viel weniger wirkungsmächtig in den Wissenschaften war Rumohrs Reise durch die östlichen Bundesstaaten in die Lombardey, und zurück über die Schweiz und den oberen Rhein, in besonderer Beziehung auf Völkerkunde, Landbau und Staatswirthschaft, die 1838 in Lübeck erschien. Wie bereits in dem ausführlichen Titel anklingt, kommen im Format der Reiseliteratur drei Wissensfelder besonders zum Zuge: Völkerkunde, Landbau und Staatswirthschaft. Auch bei diesem Buch mag das Vorwort diesmal als „Vorbericht“ einen Wink auf die hochgradige Verknüpfung der Wissensfelder und teilweise sprachliche Überschneidungen zu geben.

… In verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes zeigen sich vereinzelte Bewässerungssysteme von meist geringer Ausdehnung, deren Andenken häufig bis in das zwölfte und folgende Jahrhundert hinausreicht. Diese konnten indeß über die Grenzen eines Kloster oder Stadtgebietes hin nicht sich ausbreiten, weil dazumal, bey jener vielartigsten Zersplitterung des Grundeigenthums, welche das Colonat in seinen, theils altgemanischen, theils modern mittelalterlichen Formen herbeygeführt hatte, umfassendere Cultursysteme durchhin erschwert, oft ganz unausführbar waren. Auch standen die zusammenhängenden Beackerungsweisen der Stadt und Dorfgemeinden denselben entgegen.[xiii]

Der kurze Ausschnitt aus dem „Vorbericht“ trägt geradezu systemtheoretische Züge. Vor allem kommt es zu einer sprachlichen Überschneidung von „Bewässerungssysteme“ und „Cultursysteme“. Sind „Bewässerungssysteme“ bereits „Cultursysteme“? Mit dem Bewässerungssystem werden zugleich Fragen der „Grenzen“ und „des Grundeigenthums“ angesprochen, die in unterschiedlichen Rechtssystemen „theils altgermanischen, theils modern mittelalterlichen Formen“ begründet sind. Achatz von Müller nennt das Prinzip der sprachlichen Überschneidungen, „transitorische Kategorien“.

… Rumohr neigt zu transitorischen Kategorien. Bilder, Dinge, Menschen, Ordnungen und Speisen werden nach denselben Merkmalen beurteilt. Charakter, Regel, Kraft, Ordnung, Glück kennzeichnen Natur, Kultur, Geschichte und Kunst gleichermaßen mit positiver Wertung. Abweichung, Rauheit, Einförmigkeit, und eine ganze Reihe ohnehin ursprünglicher pejorativer Kategorien übernehmen diese Aufgabe für negative Wertungen…[xiv]    

Carl Friedrich von Rumohr lässt sich schwer in Kategorien einordnen. Denn die Kategorisierung als Ordnungsprinzip wird gerade durch das literarische Verfahren der sprachlichen Überschneidung und einem ständigen Schreib- und Erzählfluss wie einem Bewässerungssystem erschwert. Könnte man einerseits dazu geneigt sein, die negative „Zersplitterung des Grundeigenthums“ gegen einen positiv flächigen Grund ausgespielt zu sehen, so ist doch gerade der ständig fließende Entzug der Literatur, der das Schreiben als Prozess ingang hält. Eher schon nimmt die Leere oder Ödnis eine bedenkenswerte Funktion in Rumohrs Schreiben ein.

Der Reisebericht lebt als Erzählung auch davon, dass Signifikantes mitgeteilt wird. Auf der Reise durch … kommt Rumohr mit seiner Reisegesellschaft auch nach Berlin und erwähnt en passant eine bedenkenswerte Ödnis bzw. einen „vormals unerträglich öden Raum“.

… Die prachtvolle Säulenhalle, welche die Vorseite des Museum zum schönsten Bauwerke der neueren Zeit erhebt; vor demselben Gartenparterre mit seinen Springbrunnen und der colossalen Tazza von Granit; weiter hinaus die ansehnlichen Mauthgebäude und, schon am Strome, die neuentstehenden Waarenhäuser, welche, bey guten Verhältnissen, senkrecht auf dem Wasserspiegel aufsteigen; alle diese Gebäude und Anlagen machen nicht allein im einzelnen sich bemerklich, vielmehr auch gruppiren sie sich günstig und erfüllen einen weitläufigen vormals unerträglich öden Raum mit Gestalt und Wesenheit. Die eigenthümlichste Schöpfung indeß, welche Schinkels Genius in Berlin hervorgerufen hat, scheint mir die neue Bauakademie zu seyn, ein Werk, das man verstehen soll, um es zu bewundern. …[xv]

Der „vormals unerträglich öde() Raum“ als Formulierung einer Leere an „Gestalt und Wesenheit“ ist der eigentliche Schrecken des Reisenden. Von der Leere lässt sich nur in ihrer Abwesenheit erzählen. Denn die Fülle des Wissens versagt vor der Leere und macht stumm. Insofern die Reiseliteratur, die in vielfältigster und hoch literarischer Weise bei Carl Friedrich von Rumohr eine Rolle spielt, immer auch eine Erzählung vom Reisenden als einem schwer zu fassenden Ich ist, das sich ständig seines Wissens versichert und zugleich nicht binden lässt, formuliert sie mit dem „unerträglich öden Raum“ vielleicht mehr ein Bio-Graphem als eine Biographie.

Im Kleist-Museum in Frankfurt/Oder lässt sich nun auf jeden Fall mit Carl Friedrich von Rumohr eine wundervoll, weitverzweigte Reise noch bis zum 10. März 2013 unternehmen. Ergänzend kann man dann noch einmal in die Gemäldegalerie Berlin gehen und sich dort die Thronende Maria mit dem Kind und den beiden Johannes von Sandro Boticelli im sogenannten Botticelli-Saal besuchen. Denn es war Rumohr, der dieses Gemälde für den König von Preußen und Berlin am 28. Juli 1828 in Florenz erwarb.

 

Torsten Flüh

 

Kunst, Küche und Kalkül
Carl Friedrich von Rumohr (1785-1843)
und die Entdeckung der Kulturgeschichte.
Kleist-Museum
noch bis 10. März 2013

 

Rumohr Gesellschaft
Verein zu Förderung der Forschung und des
 Andenkens an
Carl Friedrich von Rumohr e.V.

 

Der Katalog ist im Museum zu erwerben.      

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[i] Bastek, Alexander; von Müller, Achatz: Vorwort. In: Bastek, Alexander; von Müller, Achatz: Kunst, Küche und Kalkül – Carl Friedrich von Rumohr (1785-1843) und die Entdeckung der Kulturgeschichte. Petersberg 2010. S. 10

[ii] Biographie In: Bastek, Alexander; von Müller, Achatz: Kunst, Küche und Kalkül – Carl Friedrich von Rumohr (1785-1843) und die Entdeckung der Kulturgeschichte. Petersberg 2010. S. 25

[iii] Rumohr, Carl Friedrich von: Geist der Kochkunst. Erste und zweite Auflage. In: ders.: Sämtliche Werke. Bd. 8 (Herausgegeben von Enrica Yvonne Dilk) Hildesheim et al. 2005. S. 46

[iv] Anm.: Dazu lässt sich nur noch einmal dringlich auf die Diskussionen und Biographien zu Heinrich von Kleist 2011 wie zu Friedrich II. von Preußen 2012 hinweisen.

[v] Dilk, Enrica Yvonne: Einleitung. In: Rumohr, Carl Friedrich: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Enrica Yvonne Dilk. Hildesheim – Zürich – New York 2009. S. VIII

[vi] von Müller, Achatz: Carl Friedrich von Rumohr entdeckt die Kulturgeschichte und antizipiert ihre Klassiker. In: Bastek, Alexander; von Müller, Achatz: Kunst, Küche und Kalkül – Carl Friedrich von Rumohr (1785-1843) und die Entdeckung der Kulturgeschichte. Petersberg 2010. S. 215

[vii] Voght, Caspar von: Flottbek und dessen diesjährige Bestellung mit Hinsicht auf die durch dieselbe beabsichtigten Erfahrungen. Ein Wegweiser für die landwirtschaftlichen

Besucher desselben. 1823 (Sammlung landwirtschaftlicher Schriften von Freyherrn (Caspar) von Voght bei Friedrich Perthes, Hamburg 1825)

[viii] s.o. Rumohr, Carl Friedrich von: Geist der Kochkunst. … S. III

[ix] Voght an Goethe (Flottbek 11. Juni 1823) Hamburgisches Staatsarchiv , Voght, 622-1, VIII 13, Blatt 5a/b und 6/b

[x] s.o. S. VII

[xi] s.o. S. V

[xii] ebenda S. IX

[i] Rumohr, Carl Friedrich von: Italienische Novellen von historischem Interesse. Hamburg 1823. (Digitalisierte Originalausgabe in der SLUB Dresden)

[ii] Ebenda III/IV

[xiii] Rumohr, Carl Friedrich von: Reise durch die östlichen Bundesstaaten in die Lombardey, und zurück über die Schweiz und den oberen Rhein, in besonderer Beziehung auf Völkerkunde, Landbau und Staatswirthschaft. Lübeck 1838. (Staatsbibliothek Berlin) S. VIII/IX

[xiv] Von Müller, Achatz a.a.O. S. 218

[xv] Rumohr, Carl Friedrich von: Reise durch … a.a.O. S. 19/20


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