Mediale Interferenzen - Das Wolf-Kahlen-Museum in Bernau bei Berlin

Interferenzen – Medien – Museum

 

Mediale Interferenzen

Das Wolf-Kahlen-Museum in Bernau bei Berlin

 

Wolf Kahlen ist einer der Pioniere der Medienkunst in Deutschland. Seit er 1965 in New York an der Columbia University auf die Medienwissenschaftler Rudolf Arnheim (1904-2007), Film as Art (1957), und Marshall McLuhan (1911-1980), Understanding Media: The Extensions of Man (1964) und The Medium is the Massage: An Inventory of Effects (1967), traf, arbeitet er an der Schnittstelle von Kunst, Medien und Wissenschaft.

In Bernau bei Berlin gibt es seit 2004 das Wolf-Kahlen-Museum, das nicht nur in einem höchst bemerkenswerten „Sonderbau“ der DDR-Führungselite einziehen konnte, sondern in Bauweise und Installation das Museale des Museums selbst zum künstlerischen Objekt macht. Wichtig sind für Wolf Kahlen  nämlich, wie er am Sonntag in einem Gespräch sagte, Interferenzen und das Interferieren. An der Grenze zum Sichtbaren generieren Interferenzen Störungen und Verschiebungen.

In der Endphase der DDR wurde am Pulverturm innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer des brandenburgischen Städtchens Bernau 1984 ein exklusives Café und Restaurant für die Funktionäre des real existierenden Sozialismus erbaut. Idyllisch, modern und mustergültig in der mittelalterlichen Musterstadt Bernau. Die pittoreske Stadtmauer sollte erhalten bleiben, ansonsten wurde die Stadt bis auf wenige Schmuckstücke entkernt und verplattet. Höhepunkt der Errungenschaften war das Café mit Terrasse und Sichtblenden.

Das Café am Pulverturm war nie für den Ost-Berliner Massentourismus ausgelegt. Das sieht man sofort. Wer in Bernau und Umgebung mit der intimen Nähe nach Wandlitz, einer Art real-sozialistischem Versaille, wohnte, wollte unter sich bleiben. Der Berliner Volksmund fand sogleich den passenden Namen für Bernau und Umgebung: Volvograd. Denn die Staatsratsmitglieder und Funktionäre fuhren morgens mit ihren aus Schweden importierten Volvos zum Dienst am Volk in Kolonnen nach Ost-Berlin.

Vielleicht müsste man noch einmal genauer recherchieren, ob es in Bonn oder Bad Godesberg am Rhein architektonische Vorbilder für das Café in Bernau gab. Bei günstigem Wetter hat man nämlich auch heute noch vor dem Museum oder auf der Dachterrasse das Gefühl eines Hauchs von Metropole und Bedeutung. Nach 1989 hatte es das Café natürlich schwer und schwerer. 2004 wurde es zwangsversteigert. Niemand sah eine lukrative Zukunft im „Sonderbau“. So wurde die kapitalistische Leerstelle für Wolf Kahlen zum Projekt Medien-Museum.

Der Modus der Interferenzen durchzieht das Wolf-Kahlen-Museum. Er löst damit das klassische Museumskonzept auf, in dem Einzelstücke als Meisterwerke präsentiert, Chronologien erzeugt und Kausalitäten postuliert wurden und werden, um sie zu bewahren. Interferenzen erzeugen stattdessen unablässig neue Verweise. Ein letzter Grund, eine letzte Gültigkeit lässt sich nicht fassen. Statt des musealen Bewahrens wird  immer wieder auf anderen Ebenen ein prozessuales Interferieren zum Modus des Museums. Dies gilt auch für die aktuelle Ausstellung: 20 VideoSkulpturen 1969-2011.

Der mediale Begriff der Interferenz als Überlagerung von Wellen kommt aus der Physik. Da die analogen Medien im Modus der Wellen als in eine Richtung fließende Übermittlung gedacht wurden, waren Interferenzen Überlagerungen von Wellen aus unterschiedlichen Richtungen. Wenn sie auf einander treffen, verändern sich die gesendeten Wellen und kommen nicht mehr in der vom Sender vorkalkulierten und gewünschten Weise beim Empfänger an. Interferenzen sind also nicht nur Überlagerungen, sondern Störungen eines als rein gedachten Informationsflusses. Sie können die Information sogar ganz zerstören.

Nicht zuletzt durch die frühe Medienkunst der späten 60er bis 80er Jahre sind Interferenzen unablässig thematisiert worden. Wolf Kahlens Arbeiten aus diesen Jahren operieren beispielsweise immer wieder mit Unterbrechern als Interferenzen. In den 70er Jahren stellte er aus Stahl den Schriftzug interferieren her. Er legte diesen Schriftzug auf den Ku’damm in West-Berlin, um sozusagen die Shopping-Ströme der Passanten zu unterbrechen. Die Skulptur erhielt einen performativen Zug. Heute ist der Schriftzug fast wie ein Motto des Museums über der Terrasse am Museum angebracht.

Marshall McLuhan war bereits 1963 vom Präsidenten der University of Toronto benannt worden, um einen neuen „Centre for Culture and Technology to study the psychic and social consequences of technologies and media” aufzubauen. Das war auch ein positivistisches Programm zum Verständnis von „technologies and media“, das Prognosen über die Medien-Zukunft liefern sollte. Dass McLuhan selbst eine Vorliebe für Interferenzen hatte, wird nicht zuletzt mit der Geschichte zum Titel von The Medium is the Massage … überliefert. Denn beim Drucksatz kam es 1967 zu einer Vertauschung der Lettern e und a. McLuhans Slogan The Medium is the Message hatte durch das Medium Druck eine Überlagerung erfahren. McLuhan behielt den Titel bei, weil er meinte, dass die Überlagerung der Botschaft, message, durch eine manipulative Bearbeitung, Massage, durchaus seine Intention traf.  

Der Portraitfotograf Yousuf Karsh (1908-2002) hat Marshall McLuhan, vermutlich Anfang der 70er Jahre, in einer Installation vor zwei Muscheln und acht Telefonen mit einem Bleistift in der Hand an einem Schreibtisch mit dicken, kunsthistorischen Büchern fotografiert. Das Photo befindet sich im Nachlass von Yousuf Karsh. Bücher und Telefone treten dabei in einen Kontrast. Die „Gutenberg Galaxy“ (1962) der Bücher und das „Global Village“ (1968/2000) am Telefon (oder vor dem Fernseher) werden gegeneinander ins Spiel gebracht. In einem weiteren Portraitfoto von 1974, das sich heute im Metropolitan Museum of Art befindet, inszeniert Karsh McLuhan geradezu klassisch auf einem Sessel sitzend mit einem Bleistift und einem Vorlesungsverzeichnis in der Hand. McLuhan blickt prognostisch in eine unsichtbare Ferne.

Bereits in der Eröffnungssequenz von Understanding Media (1964) formuliert McLuhan seinen Medienbegriff unter der Überschrift The medium is the message:

In a culture like ours, long accustomed to splitting and dividing all things as a means of control, it is sometimes a bit of a shock to be reminded that, in operational and practical fact, the medium is the message. This is merely to say that the personal and social consequences of any medium – that is, of any extension of ourselves – result from the new scale that is introduced into our affairs by each extension of ourselves, or by any new technology. …

Das Medium als Erweiterung des Menschen oder „ourselves“, unsererselbst nimmt bei McLuhan bisweilen einen geradezu prophetisch positiven Zug an. Denn, was sich durch Medien erweitert ist, nicht zuletzt der Mensch in einem narzisstischen Zug, worauf Bruce R. Powers 1988 in seinem Vorwort zur posthumen Veröffentlichung von The Global Village (1989) hingewiesen hat. Und er kommt in dem Gespräch mit McLuhan auch auf „The diabolic“ des Narzissmus zu sprechen.   

Der frühen Medienwissenschaft wie der Medienkunst ist eine eher kulturpessimistische Geste zu Eigen. Tendenziell wird das Buch als Modus des Wissens gegen Telefon und Fernsehen privilegiert. Bei Wolf Kahlen, der bereits in dieser Frühphase an Marshall McLuhan anknüpfte, nimmt das Objekt Fernseher, der Bildschirm oder die Bildröhre einen breiten Raum ein. Damals gab es beispielsweise den Ausdruck, „in die Röhre sehen“, der auch ein Synonym für ein begrenztes Blickfeld, also auch ein begrenztesWissen war. Das Programm der Sender hat sich kaum geändert. Doch es ist in nahezu unendlich viele Sender aufgespalten. Statt des Möbels Fernseher hat sich der Bildschirm als raumfüllendes Wandbild oder als Smartphone und iPad tendenziell immaterialisiert. Die Screen  ist zur Prothese seiner User geworden. Die Prothese iPad übrigens in einer erstaunlichen Geschwindigkeit.    

Bildschirme und Bildröhren werden von Wolf Kahlen immer wieder anders bearbeitet. Beispielsweise, als wollte er sagen, ein Fernseher ist ein Fernseher und kein Stein, klebt er einen Stein auf den Fernsehschirm. Der Stein, der den Bildschirm verdeckt, wird so zu einem Stein des Anstoßes, sein Gesichtsfeld zu erweitern. In einer anderen Arbeit verspiegelt er einen Bildschirm, so dass noch Reste einer populären Fernsehsendung zu sehen sind, sich der Betrachter aber auf dem größtenteils verspiegelten Fernsehschirm mit seinem eigenen Spiegelbild konfrontiert sieht.

Beim Besuch am Sonntag erzählte Wolf Kahlen auch von seiner ersten Ausstellung in der Großgörschenstraße 35 in Berlin-Schöneberg vom 2. bis 30. Juni 1967. Es war seine erste Einzelausstellung unter dem Titel Hommage a McLuhan, Raumsegmente und Umbilder. Es war eine wilde Zeit. In der Großgörschen 35 fanden 1966-68 nicht nur Lesungen mit H. C. Artmann, Ernst Jandl und Friedericke Mayröcker statt, sondern auf Kahlens Hommage folgte eine wahrscheinlich irgendwie anders gemeinte Hommage à Axel Springer. Denn bei der Vernissage am 2. Juni 1967 füllte sich, wie Kahlen erzählt, irgendwann der Innenhof mit sehr vielen Menschen und unter ihnen ging die Nachricht um, dass ein Student bei der Demo erschossen worden war. Es war Benno Ohnesorg.

Am 2. Juni 1967 überschneiden sich so mehrere Medienereignisse. Wolf Kahlen kehrt aus New York zurück nach Berlin und zeigt „Umbilder“, die wohl auf irgendeine mediale Weise mit dem Slogan McLuhans - The medium is the message - umgebildet worden sind. Benno Ohnesorg wird erschossen von einem West-Berliner Polizeibeamten, der in Diensten der Ost-Berliner Staatssicherheit steht. Die heiße Phase von ’68 beginnt. Und im Januar 1972 findet sich die militante „Bewegung 2. Juni“ zusammen, die mehrere terroristische Anschläge u. a. gegen Springer verüben wird.

Eine weitere Ebene der Medienarbeit von Wolf Kahlen macht die asiatische bzw. chinesische, tibetische und japanische Kultur zum Thema. Es kommt zu Interferenzen zwischen traditionell chinesischen Medien wie dem Rollbild und dem Medium Rollfilm in der Photographie. Irgendwann in den 70er Jahren bereist Wolf Kahlen die Galapagos-Inseln, kentert mit einem Boot samt Fotoapparat und macht den vom Wasser beschädigten Rollfilm durch einen sehr großen Kontaktabzug zu einem Rollbild mit chinesischen Elementen. „Das Kunstwerk habe ich gar nicht gemacht. Das war das Wasser“, sagt Wolf Kahlen.

Das Werk von Wolf Kahlen wird von vielen Ebenen durchdrungen, die auch mit dem häufigen Reisen zu tun haben. Es ist, als habe sich Kahlen auf seinen Reisen immer wieder anders belichten lassen. Die Fotoarbeiten von der Madison Avenue in New York fotografieren nicht etwa die Madison Avenue, sondern der Apparat nimmt nach einem ausgeklügelten Modus das Licht direkt auf. Sichtbar wird das Licht wie es zu einer bestimmten Zeit aus allen vier Himmelsrichtungen unterschiedlich einfällt. In dem Maße wie Kahlen wiederholt subjektiv regulierende Arbeitsschritte aus seinen Werken herausgenommen hat, entfernt er sich auch von einem zentralisierenden Werkbegriff.

Kahlen verzichtet entweder ganz auf eine Beschilderung und Titulierung seiner Arbeit oder gibt eher Hinweise darauf, dass beispielsweise die chinesische Truhe mit dem Titel Kalter Reis, 1996 nach seiner Einzelausstellung in Peking 1997 zum ersten Mal in Europa, Deutschland, Bernau zu sehen ist. Kahlen wünscht sich, dass die Besucher durch Interferenzen quasi ein eigenes an- und abwesendes Museum herstellen. Schilder können Wege weisen. Doch für die performative Erschließung des Wolf-Kahlen-Museums wären Schilder eher eine antikreative Einengung.  

Mark Zuckerberg hat für Facebook nun das Modul Timeline mit einer ganzen Reihe von Apps angekündigt. Timeline ist die ultimative Chrono-Logisierung des Lebens durch Applikationen mittels Prothesen. Nina Pauer hat in der ZEIT dazu einen Artikel mit dem Titel Die Utopie ist da veröffentlicht. Bemerkenswerter Weise sieht Nina Pauer nicht so sehr die Chronologisierung als Problem, sondern sie formuliert eine Verschmelzung: „Das Leben und das Leben im Netz verschmelzen.“ Dabei gerät nahezu gänzlich aus dem Blickfeld, ob denn „das Leben“ nur in einer chronologischen Aneinanderreihung von Ereignissen oder Tätigkeiten besteht. Wolf Kahlen fiel dazu nur ein, dass es das Modell „Familienalbum“ ist. Verschmelzungs-Phantasie indessen tragen immer auch einen totalitären Zug. Lebens-Zeit ist nicht einfach eine Chronologie, die man in Fotos festhalten könnte.

Irgendwann entdeckt man – oder vielleicht auch nicht – in dem Terrazzoboden des „Sonderbaus“ ein Fensterchen, das so etwas wie einen Grundstein simulieren könnte. Doch anstatt eines Grundsteins ist, in Staub geschrieben, dort zu lesen (über zeit) 28 Nov 2004/1984 und die Signaturen Seeger und Wolf Kahlen. In den Daten 2004 und 1984 kehren vor allem die Eröffnung als Café und als Museum wider. Arbeiten mit Staub beschäftigen Kahlen wenigstens seit seiner Ausstellung im Oktober 1996 im Beijing Art Museum mit dem Titel Video-, Photo-, Staub-Installationen Nichts als Staub. Staub ist mehr als Nichts. Staub ist die Vergänglichkeit und Zerfall. Wichtiger als die Schriftspuren im Staub ist der Staub.

Eine reinliche Wohnung ist ohne Staub. Doch wo Staub ist, wird gelebt. Es sind Rückstände. Auf rätselhafte Weise korrespondieren Kahlens Staubarbeiten mit seinen Exkursionen nach Tibet und Bhutan. 1985 wurde er auf Anregung des damaligen Innenministers als Cosultant in Art and Architecture nach Bhutan eingeladen. 1988 leitete er eine internationale Exkursion zur Erforschung des von Kahlen als Leonardo von Tibet benannten Künstlers und Ingenieurs Thang-tong Gyal-po (1385-1464). Doch seine sinologischen Studien und Exkursionen nach Tibet und Bhutan waren für ihn nicht zuletzt spirituell wichtig. Seither hat er durch Videos über religiöse Riten in Bhutan und Tibet sowie Sammlungen ein Tibet-Archiv angelegt.

Am Sonntag kamen auch die Teilnehmer des Internationalen Bildhauersymposiums Steine ohne Grenzen zu Besuch und zum Künstlerkaffee ins Wolf-Kahlen-Museum. Vom 1. bis 30. Oktober findet direkt vor der Stadtmauer im Stadtpark Bernau die Werkstatt unter freiem Himmel statt. Valentina Dusavitskaya (Russland), Bob Budd (Großbritannien), Emerita Pansowova (Deutschland/Slowakei), Silvia Fohrer (Deutschland), Rudolf Kaltenbach (Deutschland), Erhart Kassian (Österreich) und Dominika Griesgraber (Polen) werden an ihren Skulpturen unter freiem Himmel bis zum 30. Oktober arbeiten. Dann wird die Skulpturenlinie im Stadtpark in Anwesenheit von Ministerpräsident Matthias Platzeck um 12:00 Uhr eröffnet werden.

Die Teilnehmer des Symposiums besuchten das Museum, weil sich der Medienkünstler Wolf Kahlen immer auch als Bildhauer verstanden hat. Damit hat er sich außerhalb der konventionellen Grenzen positioniert. Denn die medialen Installationen, die Spiegelungen und der Staub haben, die bearbeiteten Bilder immer an den Grenzen zur Skulptur entstehen lassen. Gerade weil sich Wolf Kahlen immer mit den Medien, mit den Produktionsbedingungen von Bildern und Kunst befasst hat, lässt er sich schwer als Bildhauer fassen und ist doch einer.


Wolf Kahlen hat sich nie in seinen Arbeiten festlegen lassen. Ergänzend zum nicht nur informativen, sondern hoch performativen Wolf-Kahlen-Museum gibt es ein reichhaltiges Internetangebot und die Ruine der Künste in Berlin Dahlem. Den „ganzen“ Kahlen, chronologisch geordnet und auf Timline getrimmt, wird man sicher nie zu sehen bekommen. Eher Staub.

Torsten Flüh

 

Wolf-Kahlen-Museum

Bernau

Am Pulverturm

Dienstag bis Sonntag 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr

 

Internationales Bildhauersymposium

Steine ohne Grenzen

Bernau Stadtpark

bis 30. Oktober 2011


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Categories: Medien Wissenschaft

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