Medizin und Literatur - Mori Ogai und Kanehara Hitomi

Ich – Trost - Körper

 

Medizin und Literatur

Der japanische Autor Mori Ôgai und das bad Girl Kanehara Hitomi

 

Sex, Drogen und (Auto)aggression in der Literatur japanischer Jungautorinnen kündigte Elena Giannoulis, Japanologin an der Freien Universität Berlin, an, um sie mit der Frage Trostlose Perspektiven? zu versehen. Der Vortrag fand heute Abend in der Mori-Ôgai- Gedenkstätte in der Berliner Luisenstraße statt.

Sex, Drogen und Aggression sind Themen, die durchaus zur Gedenkstätte passen - nur anders. Denn der japanische Militärarzt, Übersetzer und Schriftsteller Mori Ôgai (1862 – 1922) veröffentlichte 1890 seine Erzählung Maihime, was mit Tanzprinzess, Das Ballettmädchen oder Die Tänzerin ins Deutsche übersetzt worden ist. Zum ersten Mal in der japanischen Literatur schilderte eine Erzählung die Liebesbeziehung eines Japaners zu einer jungen Frau aus einer modernen, europäischen Großstadt, nämlich Berlin, im Modus der Ich-Erzählung.

Die fiktive, gleichwohl dem Autor ähnliche Romanfigur, Toyotarō Ōta, erzählt in der Ersten Person Singular von ihren Erlebnissen. Das war eine ungeheuere Modernität für die japanische Literatur. Das Thema wie dessen Formulierung dürfte mehr als exotisch für die japanischen Leser gewesen sein. Die Funktion des Ich in der deutschen Sprache wie der modernen Literatur wurde von Mori Ôgai sozusagen als Chiffre der Moderne ins Japanische übersetzt. Denn in der japanischen Literatur war es unüblich, ein Ich auf diese Weise ausdrücklich zu artikulieren.

Mori Ôgais Erzählung verarbeitet seinen Aufenthalt in Deutschland, das er von 1884 bis 1888 als Student der Medizin mit einem Stipendium der Japanischen Armee besuchte. Überliefert und erforscht ist, dass der hochbegabte Japaner sehr schnell und gut die deutsche Sprache erlernte, sich in aktuelle Diskussionen um Japan bzw. Nippon als asiatische Führungskultur z.B. mit einem Artikel in der Münchner Allgemeinen Zeitung 1885 einmischte, zunächst in der Münchner und später auch in der Berliner Boheme verkehrte.

 

Hatte Mori Ôgai bereits eine Affäre mit einer Kellnerin in München, so wurde ihm die Affäre mit Elise Wegert 1888 in Berlin zum Verhängnis. Am 15. Juli musste er mit Oberst Ishiguro Berlin überstürzt verlassen. Im September 1888 reiste Elise ihm mit dem Schiff nach Yokohama hinterher und wurde von der Familie Mori Ôgais, ohne den Geliebten gesehen zu haben, am 17. Oktober 1888 nach Deutschland zurückgeschickt. Gleichzeitig mit der literarischen Ich-Erzählung bricht somit in die japanische Literatur ein fiktionales, autobiographisches Schreiben ein, das eine „biographistische Interpretationsweise“ (Giannoulis) nach sich zieht und herausfordert.

Nicht ganz zufällig ist die Ich-Erzählung mit der Medizin verschränkt. Die deutsche Medizin war in der japanischen Reformzeit der Meiji-Regierung seit Erwin Bälz’s Berufung zum Professor für Medizin 1876 an die Tokioter Universität die neue, moderne Leitwissenschaft. Durch die Medizin, nicht zuletzt Robert Kochs Modell der Infektionskrankheiten, bei dem Mori Ôgai in Berlin studierte, verändert sich das Körperbild. Der Körper wird als geschlossenes, von Infektionskrankheiten bedrohtes, autonomes System herausgebildet.

 

Robert Kochs bahnbrechende Beschreibung der Tuberkulose als Infektionskrankheit am 24. März 1882 war ein epochaler Paradigmenwechsel. Fort an wird der Körper als ein von Infektionskrankheiten von Außen durch Feinde bedrohter wahrgenommen.

Als Militärarzt im höchsten Amt des Generaloberstarztes des Heeres vertrat Mori Ôgai fatalerweise im Russisch-Japanischen Krieg (1904-1905) die Auffassung, dass die epidemisch auftretende Krankheit Beriberi eine Infektionskrankheit sein müsse. Japan etablierte sich durch den Gewinn des Krieges zwar als Führungsmacht des Fernen Osten, aber eine große Zahl der Soldaten starb an Beriberi. Denn, wie heute erwiesen ist, war Beriberi eine Mangel- und keine Infektionskrankheit.

 

Mori Ôgai wurde für die Todesopfer Beriberis verantwortlich gemacht. Noch 1908 beim ersten und einzigen Besuch Robert Kochs in Japan suchte er den Rat seines Lehrers. Die Ursachen der Krankheit wurden zwar diskutiert, aber Mori Ôgai war weiterhin der Überzeugung, dass es eine Infektionskrankheit sein müsse. Robert Koch empfahl eine Expedition nach Batavia (Malaysia), die vom japanischen Kriegsminister Vincomte Terauchi noch während Kochs Anwesenheit in Japan bewilligt wurde, wie aus einer kleinen Notiz der Yokohama Nachrichten vom 15. August 1908 hervorgeht.

Ich-Erzählung, biographistische Interpretationsweise und Körperbild wären demzufolge als moderne Invention in der japanischen Literatur verschränkt. Elena Giannoulis stellte in ihrem Vortrag einen der jüngsten Paradigmenwechsel in der japanischen Literatur vor. Eine entscheidende Rolle für die, wie sie sagte, blutjungen Autorinnen, die seit wenigen Jahren den japanischen Literaturmarkt beherrschen und die höchstdotierten Literaturpreise erhalten, spielt die Body Modification.


Unter Body Modification oder Body Alteration versteht man eine vielfältige Veränderung des Körpers durch Piercing, Branding, Tätowierung etc. zum – meist stark sexualisierten wie fetischisierten - Kunstkörper. Body Modification könnte damit durchaus als Kehrseite und Pervertierung der Schönheitschirurgie oder Plastic surgery gelten. In Japan und anderen asiatischen Ländern ist Schönheitschirurgie eine wahrscheinlich noch häufigere Praxis als in Deutschland. Augen werden chirurgisch vergrößert und mit Implantaten lassen sich junge und ältere Frauen regelmäßig die Brüste  ausbauen. Während die Schönheitschirurgie gesellschaftlich sanktioniert ist, gilt die Body Modification als Untergrund- und Gegenbewegung.

„Du weißt, was eine split-tongue ist?“

„Äh? … Ach so, du meinst eine gespaltene Zunge?“

„Genau. So wie bei Eidechsen oder Schlangen.“

Lässig nahm er die Zigarette aus dem Mund und streckte seine Zunge heraus. Sie war vorne geschlitzt, wie bei einer Schlange. Fasziniert schaute ich zu, wie er nur die rechte Spitze hoch und sich geschickt die Zigarette in den Spalt schob.

„Irre!!!“ […]

Zuerst wird die Zunge gepierct. Das Loch wird dann immer mehr geweitet, bis es ganz ausgeleiert ist. Schließlich wird die verbliebene Spitze mit Zahnseide oder einer Angelschnur umwickelt und mit einem Skalpell oder einer Rasierklinge durchtrennt. Dann ist die Schlangenzunge perfekt. Die meisten würden so verfahren, aber es gäbe auch welche, die aufs Piercen ganz verzichteten und gleich zum Skalpell griffen.

„Auweia, ist das nicht riskant? Es heißt doch, man verblutet, wenn man sich die Zunge abbeißt, oder?“ fragte ich.

Der Schlangenmann winkte cool ab: Nee! Das Blut werde mit einem Brenneisen gestillt. Der Griff zum Skalpell ginge zwar fixer, aber er bevorzugte die Piercingmethode. Die dauere zwar länger, aber dafür würde der Schlitz sauberer werden. (5 f)

Soweit eine der Passagen, die Giannouli in ihrem Vortrag von der blutjungen Kanehara Hitomi (1983) aus ihrem preisgekrönten Bestseller tokyo love vorstellte, das 2006 in der Übersetzung von Sabine Mangold in Deutsch erschienen ist.

 

Die Passage spricht komprimiert gleich eine ganze Reihe von Methoden der Body Modification an: Piercing, Branding, Splitting. Body Modification ist nach Giannouli im Roman auch ein Ausdruck extremer Frustration und Traurigkeit der jungen Frauen.

Die jungen Autorinnen schreiben in ihren Romanen in der Ich-Form und formulieren für ihre Protagonistinnen, die meistens auch Autorinnen sind, die Verwischung von Realität und Roman. Sie wissen manchmal selbst nicht mehr, ob sie etwas nur im Roman geschrieben  oder in der Realität erlebt haben.

Einerseits kann man die fiktionale Verschränkung von Realität und Roman, schreiben und erleben, wie Giannouli nahelegt, als clevere Medienstrategie der Autorinnen auffassen. Die durch die Massenmedien praktizierte, voyeuristische Gleichsetzung von Autor und Ich-Erzähler wird von den Autorinnen bedient. Andererseits wehren sich die Autorinnen in Interviews gegen die Verwechslung mit dem Roman-Ich.

 

Auf Nachfrage erzählte Elena Giannouli, dass das aus dem Deutschen übersetzte ihhi/Ich von Kanehara Hitomi in ihren Büchern in Nihongo graphisch inszeniert wird, indem sie das „moderne“ Ich nicht nur geradezu inflationär benutzt, vielmehr wird spalten- bzw. zeilen- oder gar seitenweise das Ich/ihhi mit Punkten und ähnlichen Zeichen in Szene gesetzt. In seinem inflationären Ausdruck wird das Ich im narrativen Kontext höchst fragwürdig.

In AMEBIC von 2005 heißt es bei Kanehara Hitomi:

„Wer ist es, die hier im Schlafzimmer ist? Wer ist es, die angerufen hat? Wer ist es, die hier ist? Waren das alle ‚ich’? Nein, alle sind wohl alle. Selbst ich bin nicht ich. So ist es wohl. Selbst mein Körper ist nicht mein Körper. So ist es wohl. Selbst mein Geschlechtsteil ist nicht mein Geschlechtsteil. So ist es wohl. Außerdem ist alles in sich jeweils noch einmal gespalten, das Geschlechtsteil in das Geschlechtsteil, der Anus in den Anus, der Bauchnabel in den Bauchnabel, der Daumen in den Daumen, die Brustwarze in die Brustwarze, der Augapfel in den Augapfel, das Trommelfell in das Trommelfell und das Gehirn in das Gehirn …“ (170)  

 

Dem Gebrauch des Ich steht seine Gespaltenheit gegenüber. Wo am Beginn der Moderne durch den männlichen Autor, Mori Ôgai, der Körper des Ichs phantasmatisch als ganzer und von Feinden bedrohter imaginiert wird, bleibt im Medienzeitalter ein durch und durch gespaltener übrig, dessen sich das Ich nicht mehr bzw. nur durch eine auch masochistische Praxis der Body Modification versichern kann.

Von den meist jungen männlichen und weiblichen Lesern wird die extreme Gespaltenheit, der Protagonisten häufig als Trost im Modus eines identifikatorischen Lesens empfunden, wie Giannouli sagte. Die überwiegend jungen LeserInnen - wahrscheinlich nicht nur der japanischen Gesellschaft - empfinden es als Trost, dass es anderen genauso schlecht oder schlechter als ihnen selbst geht. Insofern wäre es eine Frage, ob diese literarische Strömung nicht gerade pubertäre oder spätpubertäre Problematiken bedient. Die Verlage gewinnen dadurch einen Absatzmarkt, der ihnen nahezu abhanden gekommen war.

 

Trostlosigkeit als Trost ist mit anderen Worten eine romantische Dimension der Literatur. Das ist nicht neu. Neu sind allerdings die extremen Ausdrucksformen. Man kann fast sagen - natürlich kommen Bulimie und Anorexie in den Romanen vor -, dass von der Gesellschaft inkriminierte Krankheitsbilder auf eine geradezu produktive Weise gewendet werden. Das Motiv des Schreibens als Selbst-Heilung taucht auf. Allerdings sind dann in der Kritik und der Öffentlichkeit auch sehr schnell Strategien der Hospitalisierung der Autorinnen Gegenstand des Geredes.

tokyo love ist mittlerweile in 25 Sprachen übersetzt. Und ganz kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte der Ullstein Verlag mit Helene Hegemann (1992) eine kleine, deutsche Schwester für Kanehara Hitomi gesucht und gefunden. Im Schreibprozess löst sich letztlich auch bei den japanischen Jungautorinnen die Autorschaft auf, wenn sie berichten wie intensiv und fordernd die Verleger in die Texte eingegriffen haben. Wer ist denn letztlich in der modernen, globalisierten Verlagswelt Autor oder Autorin, wenn sie sich von den Verlagen wochenlang mit den Forderungen der Verleger am Text abarbeiten müssen?


Elena Giannoulis kenntnisreicher und theoretisch hoch differenzierter Vortrag wurde von vielen, älteren BesucherInnen der Veranstaltung mit einigem Schrecken aufgenommen. Der extreme Umgang mit den Extremitäten als Literatur sorgte auch für Unverständnis. Aber vielleicht liegt gerade darin das Erfolgsrezept dieses aktuellen Paradigmenwechsels nicht nur in der japanischen Literatur.

 

Torsten Flüh  

 


Mori-Ôgai-Gedenkstätte

Luisenstraße 39

10117 Berlin

Montag bis Freitag 10:00 - 14:00 Uhr

S- und U-Bahnhof Friedrichstraße


Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,
Categories: Kultur

0 Kommentare
Actions: E-mail | Permalink | Comment RSSRSS comment feed