Mehr Zeit für Licht - Anthony McCalls Five Minutes of Pure Sculpture im Hamburger Bahnhof

Licht – Skulptur – Zeit

 

Mehr Zeit für Licht

Anthony McCalls Five Minutes of Pure Sculpture im Hamburger Bahnhof

 

Man muss sich mehr als 5 Minuten Zeit nehmen, um die Tiefe und Faszination von Anthony McCalls Licht-Installation Five Minutes of Pure Sculture in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs auf sich wirken zu lassen. Und mit ein wenig Glück ereignet sich etwas, was nur selten nach einem Ausstellungsbesuch passiert: Man sieht anders. Mit einem Mal sieht man, dass selbst die Welt vor dem Ausstellungsraum Licht-Effekte zu bieten hat, die nicht treffender sein könnten.

Zu oft wird Licht übersehen, obwohl ohne es der Augensinn ausfällt. Der Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, betont nachdrücklich, dass es in der Ausstellung auch darum geht, wie viel Zeit wir der Kunst widmen. In der Kunst und im Ausstellungsbesuch geht es eben nicht allein darum, durch die Räume der Meisterwerke zu hasten und dann ein Best-of nach dem anderen abzuhaken.

Schon gesehen? Sehen. Gesehen. Weiter. Next. Kenn ich.

In gewisser Weise muss man bei Anthony McCall lange sehen, um überhaupt etwas zu sehen. Und offen bleibt auch, wo die Arbeit oder das Werk ist.

Where is the work? Is the work on the wall (or the floor)? Is the work in the space? Am I the work?[i]

So hat es Anthony McCall einmal in einem Interview formuliert. Wo findet sehen statt?   

In der völlig abgedunkelten Bahnhofshalle gibt es Licht zu sehen. Wow. Die Augen müssen sich daran gewöhnen, die Lichtkegel zu sehen. Schon marschieren die ersten Besucher drauflos und stellen sich in die transparenten Lichtwände. Toll.

Wenn man schon kein Bild zu sehen bekommt, dann will man doch wenigstens sich im Licht sehen. Im Nebenlichtkegel steht jemand Anderes. Es fehlt nur noch, dass man sich im Licht zuwinkt. Das ist vertrackt. Vertrackt ist das Verhältnis von Licht, sehen und Subjekt. Vom Blick ist noch gar nicht die Rede.

Dürfen darf man das alles. Wir wollen ja alle etwas sehen. Und wenn der Raum sonst leer ist, dann muss da eben was von uns zu sehen sein. - Where is the work? … Am I the work? – Und wo ist das Licht? Wo das Licht ist, bleibt zunächst ganz offen. Natürlich könnte man frech antworten, dass das Licht im Nebel ist. Dann wäre es nicht viel mehr als eine Reflexion. Allein die extreme Inszenierung von Licht und Schatten führt den Besucher, wenn er sich auf sie einlässt, an existentielle Fragen.

Dieses vertrackte Verhältnis von konzentriertem, fast scharfkantigem Licht im Dunkel und (k)einem Bild irritiert. Es verlangt, dass man sich mit dem Licht auseinandersetzt. Da gibt es eine technische Ebene der Skulpturen, die fasziniert und rätselhaft ist. Es sind „reine Skulpturen“, dreidimensionale Lichtkörper. Anthony McCall betont die Körperlichkeit des Lichts im Raum mit dem Titel der Installation durch Pure Sculpture.

Die Luft in den Ausstellungsräumen wird mit Theaternebel beströmt. Licht braucht einen Reflektor. Die Lichtskulptur kommt durch den feinen Theaternebel, der das Licht reflektiert, zustande. Doch die Skulpturen, die zunächst statisch wirken, soweit Licht im Nebel überhaupt statisch sein kann, bewegen sich. Auf dem Boden in der großen Halle zeichnen sich Lichtlinien ab. In Horizontalen bewegen sich Linien in den beiden kleineren Räumen.

Die Linien sind minimalistisch. Linien sind zweidimensional. Sie sind Zeichnung. Und mit den Linien als Zeichnung beginnt ein Zeichen aufzukommen. Doch die Linien bleiben immer vor dem Zeichen. Je länger man sich die Linien und ihre Choreographie ansieht, desto deutlicher wird, dass Anthony McCalls Linien auf dem Boden oder auf den Wänden sich dem Zeichen entziehen. Alles erinnert an Zeichen und bleibt zugleich vor dem Zeichen. Das Bezeichnete fällt aus. Nicht zuletzt deshalb gilt die Frage: Where is the work?

Dass die Linien nie Zeichen werden beziehungsweise sich immer in der Schwebe zum Zeichen halten, hat etwas damit zu tun, dass die Linien in einer unablässigen Bewegung bleiben. Die Kombination aus Bewegung und Licht wird auch mit dem Begriff Kinematographie formuliert. McCall nimmt die Kinematographie - von kinema Bewegung und graphie Schrift - wörtlich. Es ist eine andere Kinematographie.

Die Linie wird nie zum Zeichen, weil sie in Bewegung bleibt. In welchem Medium bewegen wir uns hier eigentlich? Die Skulptur wird von McCall im Titel betont. Doch sie wird mit der Formulierung des Titels gleichzeitig aufgelöst, weil diese Skulptur(en) in der Zeit auf „Five Minutes“ beschränkt bleiben. Skulpturen bewegen sich erstens nicht und sie sind für eine längere Dauer als 5 Minuten angelegt.

Man könnte eine historisch-biographische Erzählung aufrufen, was natürlich im Katalog auch getan wird, und formulieren, dass Anthony McCall in den 70er Jahren mit dem Film experimentierte und deshalb seine Arbeiten vor allem Film,also Kinematographie sind. Doch einerseits bricht McCalls Experimentalfilm dann Ende der 70er Jahren ab, weil die technischen Möglichkeiten erschöpft waren. Und andererseits wird es ihm dann erst wieder ab 2002 möglich mit Computertechnik – hard- und software – Arbeiten zu entwickeln, wie sie im Hamburger Bahnhof gezeigt werden.    

Das ist ja ein wichtiger Punkt. Ohne den technischen Bruch der Computertechnik gebe es die aktuellen Arbeiten nicht. Die große und heftige Diskussion um analoge und digitale Medien, die vor allem in den 80er und 90er Jahren ausgetragen wurde, trennt und ermöglicht gerade die Arbeiten von McCall. Der Film ist ein anderer geworden. Arbeitete McCall (geb. 1946) anfangs noch mit Zelluloid an seinen frühen Filmen, so programmiert er 20 bzw. 30 Jahre später. Und es geht eben gerade nicht um die Bilder, die durch Bewegung mittels Serialität laufen lernten.

Was bedeuten Anthony McCalls Arbeiten für die Medienwissenschaft? Was sind Medien? Wo findet der Film statt? Bevor man beginnt zu erzählen, lässt sich wenigstens beobachten, dass es nicht nur eine Frage des Wo ist, die die Arbeiten durchdringt, sondern auch Grenzfrage der Medien. Zeichnung? Skulptur? Film? Computerkunst? Analog oder digital? Und was macht es mit dem Besucher der Ausstellung, wenn sich das Medium nicht festlegen lässt? Musste McCall seine Arbeit in den 70er Jahren auch deshalb abbrechen, weil er nicht mehr in ein Medium hineinpasste?

McCalls Arbeiten situieren sich in extremer Weise in einem Schnittbereich unterschiedlicher Medien. Sie lassen sich nicht einer bestimmten Medienkategorie zuschlagen. Es gibt zwar auch andere Künstler, die sich an den Rändern von Medien situieren. Aber bei McCall passiert mit dem Licht eine Überschneidung von Medien, wie sie zumindest sehr selten sein dürfte. Zu einer bestimmten Zeit war die Rede in solchen Fällen von einer Doppelbegabung äußerst verbreitet. Doch diese narrativen Modelle scheitern an den Arbeiten im Hamburger Bahnhof.

Die „Filme“ haben durchaus narrative Titel wie Meeting You Halfway (2009), Coupling (2009) oder Beetween You and I (2006). In welchem Verhältnis steht der narrative Titel zur Bewegung der Linien? Diese Frage ist keinesfalls einfach zu beantworten. Denn die Filme erzählen nicht im Modus von Bildern oder einer Semantik. Wollte McCall in der Kinematographie der Linien, die sich mühelos als eine Choreographie im Raum sehen ließe, eine Geschichte der Paarbildung, um Coupling einmal derart gewagt zu übersetzen, erzählen?

Es geht mit den Arbeiten von Anthony McCall, die einen äußerst unsicheren Status und Ort haben – Where is the work ? … Am I the work? … - darum, derartige Fragen aufzuwerfen. Damit hat er einen Weg gebahnt. Ebenso schwierig wie die Lokalisierung ist die Kategorisierung der Arbeiten. Alles scheint sich in einem Zwischenbereich abzuspielen. Das macht den großen Reiz aus. Fassen lässt sich nichts.  

Das wird nicht zuletzt zu einem Problem der Photographie. Bei der Schrift des Lichts geht es doch immer auch darum, etwas zu fassen zu bekommen. Der Autofocus, das computergesteuerte Fassen in einer Berechnung aus Belichtungsdauer und Ortung des Objektes digitaler Kameras, schmiert ständig ab, wenn man McCalls Arbeiten photographieren will. Der Autofocus hat auch Probleme bei der Schärfeneinstellung damit, ob beispielsweise die Personen innerhalb oder außerhalb eines Lichtkegels stehen. Was technisch geradezu ständig funktioniert mit dem Autofocus der Digi- und Smart-Phone-Kameras, kommt hier an seine Grenzen. 

Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof ist ein glücklicher Zufall für Berlin. Der Verein der Freunde der Nationalgalerie hatte die Ausstellung bereits geplant und auf den Weg gebracht, bevor Anthony McCall neuerlich ins Interesse einer breiten Öffentlichkeit gerückt werden wird.  Denn der über 20 Jahre lang vergessene Künstler erlangt allein dadurch eine aktuelle Prominenz, dass er für die Arts Olympiad des British Arts Council in diesem Jahr, auf dem Liverpool gegenüber liegenden Ufer des Flusses Mersey, die Installation Column realisieren soll. Zur gleichen Zeit wird man dann in Berlin noch die Gelegenheit haben einen Querschnitt durch sein Werk zu erleben.

 

Torsten Flüh

Anthony McCall

Five Minutes of Pure Sculpture

Nationalgalerie

Hamburger Bahnhof

bis 12. August 2012

 

Anthony McCall

Five Minutes of Pure Sculpture

Softcover, 31 x 23,5 cm

96 Seiten, 70 Abbildungen farbig/schwarz-weiß

Sprache: deutsch/englisch

erscheint im Verlag Walther König.

Preis: 32 Euro


Alle Fotos: Torsten Flüh

 


[i] Huldisch, Henriette; Kittelmann, Udo (Hg): Anthony McCall: Five Minutes of Pure Sculpture. Nationalgalerie Staatliche Museen Berlin. Berlin 2012. S. 6


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Categories: Medien Wissenschaft

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