Metaphysische Clownerien - Salon Papillon des Circus Willisi in der Seven Star Gallery

Bier – Will McBride – Salon Papillon

 

Metaphysische Clownerien

Salon Papillon des Circus Willisi in der Seven Star Gallery mit Ginka Steinwachs

 

Über dem Circus Willisi, wenn man die Kellerluke hochklappt, zeigt Thorsten Heinze gerade eine kleine Will McBride-Retrospektive in der Seven Star Gallery, Gormannstraße 7. Zum Salon Papillon im Circus Willisi unten im Gewölbe hatte Mademoiselle Papillon alias Annika Krump am 17. Januar 2012 Ginka Steinwachs eingeladen. Der Salon Papillon findet an jedem 17. des Monats ab 7 Uhr statt. Merke: 7 (!): Gormannstraße 7, Seven Star Gallery, 17ter um 7.

1878 ließ der Brauer Johann Christian Thiele das Mietshaus in der Gormannstraße 7  errichten. Es blieb stehen. Die Gormannstraße 8 nicht. Dort wurde an der Ecke Mulackstraße ein städtisches Designerhaus errichtet. In der Nähe gab es mehrere Brauereien, die vor der Jahrhundertwende gegründet wurden. Berlin expandierte. Gründerzeit. Berlin wird gerade zur Industriemetropole. Bier war noch eine leicht verderbliche Ware, so dass das Bier in Kannen und Krügen frisch von der Brauerei, die meist auch einen Ausschank hatte, geholt wurde.

166 Jahre später, heute, zeigt Thorsten Heinze Inkunabeln des Bildjournalismus der Bundesrepublik und Boys in the Lockerroom von Will McBride, der 1931 geboren im vergangenen Jahr in Berlin seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Will McBride das sind Romy und die Knef, Kennedy im Berliner Abgeordnetenhaus West, das Brandenburger Tor, Konrad Adenauer, Andy Warhol mit geschlossenen Augen, Willy Brandt. Insbesondere das Foto von Kennedy, Brandt, Adenauer in der Präsidenten-Limousine vor dem Brandenburger Tor mit Mauer 1963 brannte sich ein in das Bildgedächtnis der Bundesrepublik und West-Berlins. Es wurde in das Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz aufgenommen.

Anlässlich des 50. Jahrestages des Mauerbaus in Berlin konnte man im vergangenen Jahr von Brandts damaligem Pressesprecher Egon Bahr vor allem kritische Kommentare zum Verhalten der Alliierten hören. Knapp 2 Jahre später am 26. Juli 1963 zum 15. Jahrestag der Berliner Luftbrücke vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 inszeniert sich auf dem Foto J.F. Kennedy als lässiger Tourist und Willy Brandt als machtbewusster Staatsmann, während Konrad Adenauer Notizen für eine Rede liest. Willy Brandt mehr noch als Konrad Adenauer drückte in seiner Haltung die Gefühle der Berliner aus. Er nahm trotzig keine Opferposition ein, was er zwischen Kennedy und Adenauer de fakto durch die Entscheidungslosigkeit der West-Mächte geworden war, sondern setzte sich in eine betont staatsmännische Pose.

Wenn es noch keine Gefühlspolitik[1] gegeben hätte, dann müssten Willy Brandt und J. F. Kennedy als ihre Väter bezeichnet werden. Dass Kennedy sich nicht für die Beseitigung der Mauer einsetzen würde, war Eingeweihten wie Bahr beim Fototermin vor dem Brandenburger Tor bereits klar. Wie vielleicht in kaum einer anderen politischen Situation ging es für den amerikanischen Präsidenten darum, durch Gefühle mittels Gesten eine politische Konfrontation zu vermeiden. J. F. Kennedy fand dafür eine ebenso griffige wie einmalige Formulierung: „Ich bin ein Berliner.“ In der sprachlichen Identifikation des Präsidenten mit den Berlinern, konnte sich jeder Berliner als geehrt und wahrgenommen wiederfinden. Kennedy hatte sich mit ihm gleich gemacht. An der Mauer sah er mehr wie ein neugieriger Tourist als ein Berliner auf die Mauer.       

Will McBrides Bücher machten Furore: Berlin und die Berliner von Amerikanern gesehen, 1958 mit Lynn Millar zusammen,  Lexikon der Sexualität – 400mal Auskunft, Antwort und Beschreibung (1970), Zeig mal (1974) und immer wieder Jungs und Männer. Insbesondere mit den beiden Büchern über Sexualität gehörte Will McBride wiederum zu den prominenten Bildermachern einer ganzen Ära. Zeig mal! wurde zusammen mit Helga Fleischhauer-Hardt im Jugenddienst-Verlag Wuppertal zuerst herausgebracht. Der Verlag stand der Evangelischen Kirche nah. Die Fotos zur Aufklärungsliteratur der 70er Jahre gerieten durch einen veränderten gesellschaftlichen Diskurs über Sexualität und Kinder in den 90er Jahren in den Fokus von Kinderschützern. Sichtbarkeiten oszillieren.     

Die Aufbruchsstimmung der Bundesrepublik in S/W und die Raw-Ästhetik der Gallery passen gut zusammen. Die Seven Star Gallery ist in sich eine Art Museum mit vom Putz frei geschlagenen Wänden, blanken Dielen, eisernem Zaun, Kellerluke, Kohleofen, Liefertür. Heinze schreibt die Titel der Bilder mit Kohle auf den nackten Backstein. Er hat die Räume selbst frei gelegt. Fast archäologisch.

Im Kellergewölbe, Sitz des Circus Willisi, gibt es einen vom Schutt der Zeiten befreiten Brunnen. Er könnte älter als das Haus sein. 1877 wurde Berlins erster Wasserturm errichtet. Wasser aus dem Hahn! Wenn es eine Brauerei im Haus gegeben haben sollte, dann wäre eigenes, sauberes Brunnenwasser natürlich unerlässlich gewesen.

Thorsten Heinze - Fotograf, Pantomime, Gallerist - und Annika Krump - Mademoiselle Papillon, Palma Kunkel, Clown und Musik – haben für den Circus Willisi mit Bar, Brunnen und Kerzenbeleuchtung ein Programm der besonderen Art entwickelt. Jeden 7. des Monats laden sie zur »L’Heure d’or« und am 17. gibt es den Salon Papillon. Im Salon Papillon ist Mademoiselle Papillon Gastgeberin, Conférencieuse, Chansonnière und Goldstrumpffalter. Sie liest Gedichte, stellt ihre Gäste vor und singt betörend zum Accordeon. Demnächst soll sich das Musikinstrument in ein AcCOEURdeon verwandeln.

Am Dienstag war Ginka Steinwachs mit einer Lesung aus ihrem Gedichtband www.herzschriFtmacher.net (2010) zu Gast. Der Gedichtband ist, wie sich unschwer am Titel lesen lässt, eine Herzensangelegenheit, mit anderen Worten eine Liebesgeschichte. Steinwachs macht die Götter in Weiß, die sprichwörtlich für Herzoperationen zuständig sind, zu Göttern in Bits. Die Herzensangelegenheiten finden als sprachliche Operationen statt. Kultur- und Medienkritik paart sich mit Beziehungskiste. In Steinwachs’ Schreibweisen bleibt in der Schwebe, wie viel reale Liebesgeschichte in jedem Gedicht hervorschimmert.

Insbesondere im Gedichtband www.herzschriFtmacher.net rückt Steinwachs den Liebesgeschichten ihrer Leser mit „cyberpoetry“ immer ganz nah und hält sie gleichzeitig auf Distanz. Glaubt man, man hätte die Geschichte, entgleitet sie auch sogleich mit der nächsten Wendung. Die von Steinwachs entwickelte cyberpoetry spielt sich nicht nur im cyberspace ab und hat Bill Gates und Steve Jobs – sie konnte ja nicht wissen, dass er sobald das Zeitliche segnen würde – als wichtige Protagonisten für Beziehungskisten qua Laptop und iPad. Sie ist vor allem sprachlich.

Die Liebesgeschichte zwischen „Mrs. Windows“ und „Mr. Macintosh“ ist, wie frau/man sich denken kann, eine unmögliche. Zwei unterschiedliche Systeme treffen aufeinander. Und es funkt doch. Das lässt sich dann bei Steinwachs hören wie im Salon Papillon oder vor allem auch lesen:

Mrs. Windows,

alias camgirl gsts.

kosEmonautin

la petite fleur

fleur du male

dieses frühlingsgefühl

wehen & werden

der engel des wortes

ganz himmel über berlin

hat sich unsterblich

in DICH verliebt & wird

seines geistwesens leid

mann leib knusperbrot.

oder will er bloß an

die bottel bordeaux

rouge heran, die ich soeben

mit meinem leser teile?

Cyberpoetry stellt Welträume auf mikrologischem Raum her. In den Leseräumen sind ganze Bibliotheken vorhanden. Als „camgirl“ ruft gsts. ebenso internetbasierte Kontaktpraktiken auf wie Welträume und Kosewörter. Baudelaires Blumen des Bösen flackern auf der Screen ebenso auf wie das weibliche Geschlecht. Jeder Zeilenumbruch signalisiert auch einen Umbruch im Sinn. Kein Wort bleibt auf dem andern und gibt trotzdem von Umbruch zu Umbruch über die Zeilen hinweg das Gefühl, dass sich da eine Frau verliebt hat. Steinwachs’ Welträume sind Sprachverdichtung und Zerlegung der Geschichte im Handumdrehen.

Die mikrologische Verdichtung in „herzschriFtmacher“ oder „kosEmonautin“ führt metaphysische Clownerien auf. Das ist Slapstick wie in Georg Büchners Danton’s Tod, wenn eine Pfütze einen Mann befürchten lässt, dass er in ein Loch fallen könnte, weil die „Erdkruste“ so dünn ist. Metaphysische Clownerien finden auf kleinstem Raum statt. Das medizintechnische Gerät, das die Pumpe am Laufen hält, also Stromstöße aussendet, damit das Herz weiter schlägt, verwandelt sich mit der Ersetzung eines kleinen Ts in ein großes F in einen Liebesgenerator mittels der Sprache.

Mit der Ersetzung des Ts durch ein F verwandelt sich nicht nur der technische Apparat. Vielmehr verändert sich auch das Herz. War das Herz zunächst physisch das zentrale Lebensorgan, so wird es nun metonymisch zum Sitz der Liebe. Die Verschiebung vom Physischen ins Metonymische wird zur metaphysischen Clownerie. Denn es lässt sich nun nicht mehr entscheiden, was wichtiger ist. Ist das Physische wichtiger oder das Metaphysische? Die Materialität des Buchstaben beginnt Kapriolen zu schlagen.  

Erinnert man sich an die Programmatik beispielsweise eines Lexikon der Sexualität – 400mal Auskunft, Antwort und Beschreibung, das in der Verschaltung von Text und Fotografie einen quasi finalen Aufklärungsgestus vollzog, dann wird mit Ginka Steinwachs, die bei Roland Barthes studierte, deutlich wie sehr Sexualität mit Sprache verkoppelt ist. Die Aufklärungsliteratur der 70er Jahre vollzog die Aufklärung mit dem Gestus der Enthüllung einer letzten, enzyklopädischen - „400mal“ - Wahrheit in den sprachlichen Modi von „Auskunft, Antwort und Beschreibung“. Beim „camgirl gsts.“ dagegen wird die Sichtbarkeit von Sexualität aufgerufen, um sogleich zwischen Worten und Zeilenumbrüchen in der Schwebe zu bleiben.

Am Schluss des Abends gab es von Ginka Steinwachs Umschläge mit der Aufschrift perlez moi d'amour. Was wohl in den Umschlägen ist? Mademoiselle Papillon wird sicher noch häufiger KünstlerInnen zu ihrem Salon einladen, die zwischen französischem Chanson und Morgensternliedern ihre Welten vorstellen werden. Berlin hat einen neuen Circus zwischen Kleinkunst und Kosmologie, den Circus Willisi in der Gormannstraße 7.

 

Torsten Flüh

 

Seven Star Gallery

Will McBride

noch bis zum …

Gormannstraße 7

10119 Berlin-Mitte

 

Circus Willisi

(unter der Gallery)

»L’Heure d’or«

Thorsten Heinze (Compagnie Marcell Marceau)
& Annika Krump
Jeden 7. des Monat um 7

 

Salon Papillon

Mademoiselle Papillon und Gäste
Jeden 17. des Monats um 7

 

Ginka Steinwachs

www.herzschriFtmacher.net

cyberpoetry

Passagen Verlag

18,- €

 


[1] Vgl. dazu Ute Frevert zu Willy Brandts späterem Kniefall in Warschau als Bundeskanzler. Während beim Kniefall offenbleiben muss, ob Willy Brandt ihn aus politischem Kalkül gemacht hat oder nicht, ist die präsidiale Pose Brandts am Brandenburger Tor neben Kennedy sehr deutlich kalkuliert. Der Ursprung allerdings des berühmten Kennedy-Satzes ist wiederum ungewiss. Doch genau deshalb funktionierte er besser als gedacht. Die Berliner knüpften größte Hoffnungen daran, die heute noch teilweise bei älteren Berlinern als Verrat formuliert werden, weil man den Satz geglaubt hatte. Frevert, Ute: Gefühlspolitik – Friedrich II. als Herr über die Herzen? Göttingen 2012, S. 14f  


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Categories: Kultur

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