Money speaks - Die Sprache des Geldes

Geld – Kommunikation - Wert

 

Money speaks

Die Sprache des Geldes im Museum für Kommunikation Berlin

 

Es gibt nicht nur eine Sprache des Geldes, vielmehr spricht im Englischen Geld selbst: money speaks. Zwar vermittelt das ursprüngliche, russische Sprichwort eine negative Wendung: Wo das Geld spricht, schweigt die Wahrheit. Aber das Sprechen des Geldes erinnert eingängig daran, dass Geld ebenso Kommunikationsmittel ist, wie es von Sprache abhängt. Kein Geld ohne Sprache, keine Sprache ohne Geld. Auf geradezu vertrackte Weise gibt es das Eine ohne das Andere nicht.

 

Geld, Sprache und Bild nehmen ständig Bezug auf einander. Die Kopfseite des Faltblatts zur Ausstellung Die Sprache des Geldes im Museum für Kommunikation Berlin – noch bis 14. Februar 2010 - zeigt einen grünen Anker aus 100-Euro-Scheinen. Grob gerechnet ist der Anker 1.800,- € wert. Er soll aber mehr und einen anderen Wert als die 1.800,- € zeigen, sonst hätte man einfach den Wert unter den Anker schreiben können.

 

Das Erscheinungsbild des Geldes, die Verwandlung des Euroscheines in einen grünen Anker auf goldenem Grund, knüpft an einen ganzen Assoziationsstrom an. Der goldene Grund erinnert an die Goldbindung des Geldes. Grün ist sprichwörtlich die Farbe der Hoffnung. Ohne Hoffnung kein Geld. Der Anker gilt als Symbol der Zuversicht. Paradoxerweise kommt das Anker-Symbol aus dem theologischen Bereich, obwohl man denken könnte, dass Banker eher was von Ökonomie als von Theologie verstehen sollten. Ein Herz in Flammen, Kreuz und Anker zieren beispielsweise das Portalgitter der Begräbnisstätte der Dorotheenstädtischen und Friedrichwerderschen Gemeinde in der Berliner Chausseestraße.  

 

Daniel Weidner vom Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) sprach im Rahmen des Vortragsprogramms zur Ausstellung am 20. Oktober über „Geld und Gesellschaftstheorien der Neuzeit“ aus der Sicht eines Literaturwissenschaftlers. „Wir sind für ein höheres Geld bestimmt“, hatte er mit einem Zitat seinen Vortrag genannt. Weidners Vortrag berücksichtigte 3 wichtige Geldtheoretiker aus drei ganz unterschiedlichen Epochen der Neuzeit. Den aus Bristol stammenden englischen Aufklärer John Locke (1623-1704), der 1689 seinen Essay concerning Human Understanding geschrieben hat, den Berliner Adam Müller (1779-1829), der 1816 einen Versuch einer neuen Theorie des Geldes veröffentlichte, und den Berliner Georg Simmel (1858-1918), der sich 1900 an einen Beitrag Zur Philosophie des Geldes wagte.

 

Allen drei Großdenkern passiert sprachlich ähnliches: glaubten sie, Geld ließe sich fassen, ist es ihnen schon wieder entglitten. Geld lässt sich sprachlich schwer fassen, obwohl oder gerade weil es allererst in Metaphern, Symbolen und Bildern zur Sprache kommt. Worte für Geld und Worte, die mit Geld verknüpft werden von A wie Asche bis Z wie Zaster, sind überaus reichhaltig in der deutschen Sprache. Geld ist immer auch Fiktion, insofern es die hässlichen Kröten sein können, die sich durch den vernichtenden Wurf an die Wand in einen Prinzen verwandeln könnten. Erst in seiner Vernichtung zeigt sich der Wert des Geldes. Und der kann durchaus ambivalent sein: nicht jede Kröte wird ein Prinz.

 

Locke, Müller und Simmel haben es auf unterschiedliche Weise unternommen den Wert des Geldes zu erklären. Wie kommt Geld zu seinem Wert und wie kann der Wert des Geldes wachsen oder abnehmen? John Locke bestimmt den Wert des Geldes vor allem durch eine Bindung des Wertes an Gold und Silber, weil sie im internationalen Verkehr den gleichen Wert für alle Menschen hätten. Warum wird aber Gold und Silber ein Wert beigemessen? Letztlich begründet Locke den Wert im Spiel von Angebot und Nachfrage, womit der Wert von Gold und Silber keinesfalls gleich bleiben muss.

 

Geld funktioniert für Locke nicht zuletzt als Versprechen. Das Englische „pledge“, das Locke gebraucht, hat neben der Funktion als „counter“ die Bedeutungsvielfalt von Bürgschaft, Gelöbnis, Pfand, Zusicherung und Versprechen. Nur insofern dem Versprechen des Geldes Glauben geschenkt wird, zirkuliert es auch. Fehlt der Glaube - wie zuletzt im Herbst 2008 - brechen ganze Finanzsysteme zusammen. Demnach besteht der Wert nicht zuletzt im Versprechen selbst. Für einen zweifellos gottesgläubigen Mann wie Locke gab es vor 300 Jahren so gut wie keinen Zweifel, dass das Versprechen auf Wahrheit (truth) basierte. Nämlich der göttlichen und ihrer Ausformulierung in der Bibel. Das Versprechen des Geldes ist für Locke daher weit mehr ein theologisches als ein ökonomisches.

 

Adam Müller, der mit Heinrich von Kleist die Berliner Abendblätter veranstaltete, drehte später sozusagen den Spieß mit seiner Theorie um. Er sah die Bestimmung des Geldes nicht allein in seiner Wahrheit, sondern nach seinem Übertritt zur römisch-katholischen Kirche 1806 in einem metonymischen Geld. Die romantische Wertbestimmung des Geldes besteht vor allem, indem was es nicht ist, nämlich ein „Höheres“. Das „höhere Geld“, für das wir bestimmt sind, ist nur Geld, indem es kein Geld mehr ist. Die literarische Figur der Metonymie vom höheren Geld tauscht Geld gegen ein anderes ein, das weder der Logik der Wahrheit noch der des Werts durch Angebot und Nachfrage entspricht. Das höhere Geld ist gleichsam für alle da, auch für die, die keines haben.

 

Eingeschoben sei an dieser Stelle ein dilettantischer Wechsel zur Aktie um 1838. Insofern die Aktie literarisch ein Versprechen auf Wertzuwachs gegen bares Geld beinhaltet, geht es um eine metonymische Figur. Gegen Geld im Nennwert erhalte ich eine Aktie, um mit ihr möglichst einen höheren Kurswert beim Umtausch in Geld zu erzielen. Die Geschichte der modernen Aktie ist entscheidend mit der Industrialisierung, insbesondere dem Eisenbahnstreckenbau in Deutschland verknüpft. Eisenbahnen, z. B. die erste zwischen den Preußischen Residenzstädten Potsdam und Berlin 1838 benötigten sehr viel Kapital. Zeitnah zur allerneusten Vermehrung des Geldes durch Spekulation veröffentlichte Gustav Bernhard im gleichen Jahr sein „Lustspiel“ für „Familientheater, deutsche Privatbühnen und Dilettanten-Vereine“ Die Eisenbahn-Actien-Speculanten.

 

Das Lustspiel handelt, wie man sich denken kann, von der Liebe. Und weil es keine Tragödie oder Trauerspiel ist, endet das Stück glücklich. Ein reicher Bankier namens Reichmann will seine Tochter Fanny verheiraten. Natürlich soll sie einen reichen Mann heiraten. Der reiche Mann ist aber ein alter, den Fanny um Nichts in der Welt heiraten will. Da tritt Dr. Frohwald auf. Dr. Alexander Frohwald ist jung und froh und so ganz nach Fannys Geschmack, aber Philosoph und Privatdozent, also arm. Glücklicherweise soll gerade eine Eisenbahn in der „deutschen Residenzstadt“ gebaut werden. Nach einigen komischen Verwicklungen kauft und verkauft Frohwald mit viel Glück und eigentlich ohne Verstand seine Aktien.         
Dr. Frohwald: „Gleich nachdem ich die Actien gekauft, hatte ich das Glück, sie sämmtlich wieder für acht und zehn Procent anzubringen, und habe sonach außer den 2000 Thalern, welche Deinem Vater oder vielmehr meinem Oheim gehören, eine bare Summe von ziemlich 10.000 Thaler gewonnen, und ich versichere Dich: dies ist eine Erscheinung in meiner Tasche, welche im Gebiete derselben noch nicht vorgekommen ist.“

 

Schließlich umarmt Frohwald seine Fanny mit den Worten:       
Komm an mein Herz, Du theure Actie meines Lebens! – Heil dem Jahrhundert der Eisenbahnen und seinen glücklichen Söhnen. 
Man kann Frohwald nur wünschen, dass der Kurs der Actie Fanny nicht verfällt. Doch, was 1838 noch als Lustspiel komisch formuliert wird, arbeitet Georg Simmel am Ende des Jahrhunderts nicht zuletzt mit Hilfe der neuen Psychologie zu einer
Philosophie des Geldes aus.

 

Simmel begründet im „Analytischen Teil“ des 585 Seiten starken Buches seinen Beitrag zu „Wert und Geld“ nicht zuletzt psychologisch. „So kann man sagen, dass der Wert eines Objektes zwar auf seinem Begehrtwerden beruht, aber auf einer Begehrung, die ihre absolute Triebhaftigkeit verloren hat.“ (S. 20) Zwar geht auch Simmel 1900 noch von einer „Geldsubstanz“ durch „Edelmetalle“ aus, die „Wertbildung“ (S. 29) stellt sich für ihn aber vor allem im Prozess her. Geld symbolisiert diesen Prozess. Geld wird symbolisch und zum Symbol. Während für Locke die symbolische Ordnung noch durch Gott symbolisiert wird, dreht sich dieses Verhältnis am Ende des 19. Jahrhunderts um. „Geld wird Gott“ nach einer Formulierung Simmels.     

 

Die Ausstellung der Postbank, Die Sprache des Geldes, geht im Museum für Kommunikation Berlin vorsichtiger mit solchen Versprechen um. Hier zählt mehr das Faktische, möchte man meinen. In 12 Stationen vom Marktplatz bis zum Gefängnis wird das Wesentliche gezeigt, das man heute braucht, um Geld und seine Folgen zu verstehen. Wie unterscheidet man einen echten von einem falschen 50-Euro-Schein? Kein Problem. Es wird mit Schwarzlicht und per Fühltest vermittelt. Vom Zahngeld erloschener Völker bis zur Gehirnreaktion bei Gewinn und Verlust kann so ziemlich alles gesehen werden. Dank bildgebender Verfahren in der neuronalen Forschung weiß man heute, wie Gewinn und Verlust im Gehirn der Wallstreet-Banker aussehen. Das ist beruhigend oder auch nicht.

 

Bernard L. Madoff, der letztes Jahr einfach 65 Milliarden Dollar verschwinden ließ, indem er eine Aussage darüber machte, dass sein ganzes Finanzsystem als Schnellballsystem funktioniere, darf da nicht fehlen. Ein Abbild seiner Gehirnfunktion während der Aussage wurde allerdings vergessen aufzunehmen.   

 

Torsten Flüh

 

 

Museum für Kommunikation Belin

 

Die Sprache des Geldes

Ausstellung noch bis 14. Februar 2010

 

Öffnungszeiten

 

Dienstag 9-20 Uhr

Mittwoch bis Freitag 9-17 Uhr

Samstag, Sonntag, Feiertag 10-18 Uhr

An allen Feiertagen geöffnet außer

24., 25. und 31.12.2009

 

Weitere Vorträge zur Ausstellung

 

Dämonischer Mammon.

Geld im modernen Fetischismus und Antisemitismus

Dr. Christine Blättler / Dr. Falko Schmieder (ZfL)

1.12., 18.30 Uhr, Eintritt frei

 

Spekulieren und ruinieren.

Die Börse als Siedepunkt von Geld und Literatur

Dr. Ulrike Vedder (ZfL)

5.1., 18.30 Uhr, Eintritt frei

 

Die Schweiz und das Geld. Literarische und künstlerische

Reflexionen eines nationalen Wertesystems

Dr. Esther Kilchmann (ZfL)

2. 2., 18.30 Uhr, Eintritt frei

 


Tags: , , , , , , , , , , , , ,
Categories: Medien Wissenschaft

0 Kommentare
Actions: E-mail | Permalink | Comment RSSRSS comment feed