Musik in Strömen Qobuz flutet den deutschen Online-Musikservice-Markt

Streaming – Musik – Materie 

 

Musik in Strömen 

Qobuz flutet den deutschen Online-Musikservice-Markt 

 

Am 19. März brach gleich neben einem rostigen Ofenrohr im legendären Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus in der Auguststraße 24/25 Berlin-Mitte eine neue Streaming-Epoche für Deutschland an. Der französische Online-Musikservice Qobuz präsentierte seine deutschsprachige Version vor einer auserwählten Schar deutscher Musikjournalistinnen. Der CEO und Mitbegründer von Qobuz, Yves Riesel, war extra von Paris eingeflogen, um dem digitalen Umbruch für die „Wiederkehr der Musik“ im surrealen Setting Gewicht zu verleihen.

 

Der Kontrast zwischen digitalem Zeitalter des Streaming und dem Ort der Pressepräsentation hätte sich kaum stärker inszenieren lassen können. Zwischen dem Ofenrohr, den zerschlissenen Spiegeln und antiquierten Musikszenen im Stuck aus der Zeit um 1900 am einen Ende und den High-Resolution Audiogeräten von Sony, dem High-Resolution-Kopfhörern und den Datenströmen von Qobuz am anderen Ende spielten sich erstaunliche Szenen des Materiellen, des kulturellen Erbes und der Musik ab.  

Die Musik wird für Qobuz ─ „La Musique est de retour“ ─ Bild mit einem Foto von Jean Baptiste Millot. Millot fotografierte 2012 den italienischen Jazztrompeter Paolo Fresu so, dass hinter der Glocke einer Neusilber-Trompete alles unscharf wird. Aus dem glockenförmigen Schallbecher der Trompete kommt der Ton. Es ist eine geradezu puristische Inszenierung von Musik als Ton. Zumal sich hinter der Glocke eine ganze Maschine aus Ventilen und Pedalen befindet, wie sie seit dem 19. Jahrhundert üblich ist, worauf mit dem Horn als Thema des Musikfestes 2014 eingegangen worden war. Qobuz kann im Kontext von NIGHT OUT @ BERLIN als die aktuell führende Verschaltung von Text und Bild, digitaler Technologie und Hardware, Serviceangebot und Kommerzialisierung, Musik und Medien formuliert werden. 

Bisher gab es Spotify ─ „Musik für alle“ ─ und ─ SoundCloud ─ „Hear the world’s sounds“ ─, von YouTube ganz zu schweigen. Jetzt gibt es die Rückkehr der Musik als Service an der Schnittstelle von höchster Musikqualität und High-Resolution als ein Versprechen auf das größte Klangvolumen mit 24-Bit-Dateien als Samplingtiefe. Da können die anderen Streamingangebote mit bis zu 16 Bit nicht mithalten. 24-Bit sind die Zukunft. Und damit geht es um große Daten und schnelle Datenströme, die dann im Hi-Res Walkman via Kopfhörer oder Boxen zum Sound-Blast umgewandelt werden. Auf diese Weise wird Musikqualität von der Klassik über Jazz bis zum Alternativ und Indie von Sufjan Stevens Album Carrie & Lowell eine Frage der Bits und der Preise.  

Spotify aus der Münzstraße in Berlin finanziert sich über Werbung. Entweder die Abonnentinnen hören auf dem Smartphone im Streaming, was Spotify wie ein kommerzialisierter Sender verkaufen will. Oder sie müssen ein Abo bezahlen. Spotify läuft supergünstig und immer aktuell auf allen Berliner Homewarming-Parties bei Unter-vierzig-jährigen, ließe sich sagen. Es ist sozusagen der angesagte Privatsender des Streamings. Qobuz ist dabei, sich nach Frankreich in Deutschland und Europa als Bezahlsender für Kulturjunkies zu etablieren. Streaming ist der neue Weg des Sendens mit maximaler Wahlmöglichkeit.

Das Streaming von Konzerten beispielsweise der Berliner Philharmoniker über die Digital Concert Hall, für die auch noch eine 360° Kamera für die Raumillusion in Berlin entwickelt und erforscht wird, ist die Zukunft der Musik in digitalen Medien. Dabei geht es wesentlich um eine Verschaltung des Öffentlichen eines Konzertsaals mit dem Privaten des Wohnzimmers beispielsweise eines Bungalows oder einer Villa in Preetz am Kirchsee oder sonstwo in Deutschland oder in Taoyuan in Taiwan. Denn das Internet funktioniert global. Für den Berichterstatter, der den Konzertsaal in Berlin dem Wohnzimmer vorzieht, ist das nicht wirklich eine Option. Und auch für manch ein Wohnzimmer bzw. deren Bewohnerinnen ist die Verwandlung in einen von Daten durchströmten Konzertsaal mit optimalem Klangvolumen nicht ganz so einfach, wie es die Werbung verspricht. Man muss sich im Flow des Alltags nämlich Zeit nehmen und die Verwandlung gezielt einleiten. Daran hapert es oft.

Doch Qobuz liegt im Trend, weil es die optimale Verschaltung all jener Medien bietet, die die Musik produzieren und aufbereiten. Qobuz-Deutschland hat weiterhin seinen Hauptsitz in Paris. Doch es produziert bereits ein eigenes deutschsprachiges Musikmagazin mit Qobuz Minute, bei dem innerhalb von 5 Minuten 5 Alben vorgestellt werden. Damit erfüllt der Service von Qobuz, was bislang Musiksender oder Magazine als „Holzmedien“ bewerkstelligen. Parallel zur technologischen Entwicklung verlaufen sprachliche Prozesse, die fortwährend neuartige Begriffe entwickeln oder verschieben.

Neuerdings wird in Medienkreise wie selbstverständlich von Holzmedien gesprochen. Der Berichterstatter hörte und las den Begriff zum ersten Mal am 10. März 2015 im medienpolitischen Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung unter dem Titel „Europa in den Medien – Medien in Europa“ mit den Journalistinnen Alexandra Föderl-Schmid, Standard, Pascal Thibaut, Radio France, Moritz Müller-Wirth, Die Zeit, Philip Oltermann, Guardian. Vor nicht allzu langer Zeit sprach man noch von „Printmedien“, um eine Unterscheidung zu digitalen Medien zu benennen. Der Begriff Printmedien erwies sich allerdings als schwierig für die, wenn man so will, phänomenologische Unterscheidung von Medien. Denn digitale Medien lassen sich meistens mit einem Click in Ausdrucke, also Druckerzeugnisse verwandeln.

Die sprachliche Verortung der Holzmedien im Unterschied zum Blog oder den Online-Medienstrategien des Guardian, die Philip Oltermann genauer erläuterte, schneidet nicht nur die Frage der Materialität von Medien an. Sie gibt auch einen Wink auf die sprachlichen Prozesse selbst, die mit dem digitalen Umbruch mit erheblicher Verzögerung einhergehen. Im Unterschied zum Begriff der Printmedien, die mit dem Druck oder Ausdruck noch eine gewisse Unschärfe zwischen Produktion und Materialität zuließen, streicht der Begriff Holzmedien die Materialität stärker heraus. Da Holzmedien allerdings ein extrem junger Begriff ist, verweist er gerade auf die Prozesshaftigkeit und Schwierigkeit bei der verortenden Benennung.

Das semantische Feld der Holzes lässt in der Bestimmung des Mediums allerdings den Raum der Ökologie ebenso wie der Natur, der Nachhaltigkeit und der Philosophie anklingen. Mediengeschichtlich wurde der Begriff Holzmedien indessen seit einigen Jahren eher abschätzig im Internet durch die wie auch immer zu fassende und deshalb gerade heteromorphe Netzgemeinde in Umlauf gebracht, wie es 2009 Oliver Jensen auf Dr. Web formulierte. Der Gebrauch des Begriffes im Kontext der Medienpolitik praktiziert nun allerdings eine Umwertung des Begriffes über das Holz. Holzmedien erfahren im Handel eine entgeltliche Wertschätzung, nicht zuletzt weil sie das Holz als organische Materialität zu einem haptisch, sinnlich erfahrbaren Medium der Literatur machen.

Ströme und Daten lassen sich schwer fassen, selbst oder gerade weil sie aus Rechenprozessen hervorgehen. Das Holz der Holzmedien kehrt somit aktuell in einem Moment wieder, in dem das Holz in die digitalen Arbeitswelten zurückkehrt, wie sich auf der Internetpräsenz der Holzmedia GmbH aus dem württembergischen Burgstetten beobachten lässt. Holz und digitale Technologie sollen sich nicht ausschließen. Vielmehr soll das Holz die unfassbaren Ströme rahmen und dämmen. In der Diskussionsveranstaltung des medienpolitischen Forums lässt sich denn auch eine diskursive Einbindung der Holzmedien in Verwertungsstrategien der Medienunternehmen verfolgen.

DIE ZEIT ist als Holzmedium so erfolgreich, weil sie am Wochenende als Möbel des Privaten funktioniert. Den ZEIT-Abonnentinnen wurde dennoch im April 2015 per Begleitbrief für einen geringen Aufpreis das Digital-Paket mit E-Paper-Version und App fürs Smartphone oder Tablet ans Herz gelegt. Anders formuliert – und das betrifft durchaus auch die Strategien von Qobuz: Während das Digitale und das Internet mit superflachen und superleichten Smartphones und Tablets quasi zu einer Entmaterialisierung geführt hat, wird nun durch Holzmedien und durchaus gewichtige High Resolution-Walkmans und -Kopfhörer insbesondere im Bereich des Privaten eine (Re-)Materialisierung eingeschlagen. Das Private wird zum Ort des Fassbaren.

Qubuz hat das 24-Bit Hi-Res Audio-Logo mit Sony abgestimmt. Die überdurchschnittlich hohe Samplingtiefe braucht die Hardware aus Chrome und Messing. Die technologische Samplingtiefe, deren Verbreitung durch hohe Datenströme kein entscheidendes Problem mehr ist, muss in der Hardware aus Chrome und Messing visuell und haptisch erfahrbar werden. In und mit ihr findet eine Wiederkehr des Privaten statt, während im Internet Daten und Ströme längst öffentlich geworden sind. Dabei geht es nicht nur um Werbe- und Vermarktungsstrategien, sondern generell um Fragen der Werte und Wertschätzung wie sie im Qobuz-Slogan eine Rückkehr der Musik versprechen. Die entwertete Musik kehrt als Wert zurück.    

Qobuz und Sony reagieren mit dem Hi-Res nicht nur auf einen technologischen Fortschritt, der einen immer besseren Klang verspricht, vielmehr geben sie den Kundinnen etwas von Gewicht gegen Ängste vor dem Unfassbaren des Digitalen in die Hand. Das Logo für die hohe Auflösung ebenso wie Lösung und Standfestigkeit der High Resolution funktioniert vor allem als eine Strategie gegen Ängste des Verlustes im Digitalen.

Durch das Digitale und seinem Modus des Strömens könnte einerseits verloren gehen, was vermeintlich besessen wurde. Andererseits wird das Digitale als Verlust von Materie formuliert. Die Gewinn- und Verlustrechnung als Formulierung des Digitalen fordert quasi eine Materialisierung der Ströme zum Ergebnis. Das Sinnliche am Materiellen soll nicht verlorengehen. Durch das Digitale können nie zuvor geahnte Daten- und Informationsmengen produziert und in Umlauf gebracht werden, die sich dann allerdings im Holzmedium der nächsten Zeit-Ausgabe materialisieren sollen. Auf ähnliche Weise materialisiert sich nicht zuletzt für einen guten Geldwert die Hi-Res-Datei in den High-Resolution Audio-Geräten von Sony.

Dass die Ängste vor dem Digitalen, das beispielsweise menschliche Körper verschwinden lässt, um sie als Digital Human wiedergängerisch im Netz als Wissen zirkulieren zu lassen, große Ähnlichkeiten mit denen der Literatur und Literaturen oder einer Literarisierung der Lebensverhältnisse aufweisen, kommt vielleicht nicht von ungefähr. Obwohl die Materialität seit der Aufklärung, genauer seit 1765 und D’Alemberts Artikel über die Matiere in der Encyclopédie des Arts et des Metiers eine, wenn nicht die entscheidende Funktion in der Organisation und Wahrnehmung von Welt einnimmt, ist sie keinesfalls gesichert.

Die Materie ─ im Unterschied zum Digitalen ─ wird bereits bei Adelung um 1800 auf auch uneindeutige, schwer zu fassende Weise im Deutschen formuliert. 

Auch im gemeinen Leben pflegt man dasjenige, woraus ein Körper bestehet, wenn man es nicht mit seinem eigentlichen Nahmen belegen kann, oder es auf die allgemeinste Art benennen will, dessen Materie zu nennen. Aus allerley köstlicher Materie hat man sie gezeuget, und ist doch kein Leben darinnen, Bar. 6, 24. In der höhern Schreibart der Stoff, welches Wort sich doch für die schärfste philosophische Bedeutung nicht schickt. 2) In engerer Bedeutung, dasjenige, woraus etwas werden kann, woraus ein Werk verfertiget werden kann; doch nur im gemeinen Leben, wo auch das Wort Zeug oder Gezeug, schon bey dem Kero Keziuc, üblich ist. In der anständigern Schreibart ist auch hier Stoff üblich. Ingleichen figürlich. Materie zum Lachen, zum Schreiben, zum Reden haben. In der anständigern Sprechart gleichfalls Stoff. In der Logik werden die Sätze woraus ein Schluß besteht, dessen Materie genannt; im Gegensatze der Form, d. i. der Art und Weise ihrer Verbindung. 3) In der engsten Bedeutung ist im gemeinen Leben der Eiter unter dem Nahmen der Materie bekannt, Engl. Matter; wo man auch wohl das Zeitwort materien für eitern gebraucht.     

Das Schwierige an der Materie und einem Materialismus wird bei Adelung in der engeren Polysemantik von Bestandteil eines Körpers, „dasjenige, woraus etwas werden kann“ und Eiter als medizinische Absonderung des Körpers als ein Problem des „gemeinen Leben(s)“ und damit der Verortung von Leben formuliert. Was zur Materie des Körpers gehört oder nicht, gar von ihm als oder durch Eiter abgestoßen wird, bereitet Adelung in der Nachfolge von D’Alembert durchaus Schwierigkeiten in der Bestimmung. Denn es geht mit Adelung vor allem um einen Vorgang der Benennung, mit dem Wissen über den Bestandteil des Körpers hergestellt wird. Wenn aber allgemein von Materie gesprochen wird, dann kommt damit beiläufig ein Nicht-Wissen zur Sprache. Dennoch oder gerade deshalb macht der Materialismus bis heute eine Karriere als Lebenspraxis bis zur Ernährung, in der es um die Lebensmittel und einem Du-bist-was-du-isst geht, wie mit Ludwig Feuerbach und Jacob Moleschott kürzlich entfaltet wurde.

Qobuz selbst stößt nach den Wünschen seines Marketings sprachliche Prozesse an, insofern auf der Pressepräsentation im Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus darauf hingewiesen wird, dass „qobuzmäßig“ als eine eigene Qualitätsbestimmung in Verkopplung mit dem Logo von Hi-Res Audio gebraucht werden soll. Einerseits heißt das, dass die materiell mit Ofenrohr statt Glasfaserkabel oder WLAN hoch aufgeladene Inszenierung von Qobuz am Hotspot eine Materialität betont, die substituierend eine ganz andere Bild werden lassen soll. Andererseits schafft Qobuz über eine Verkopplung von Logo, Neologismus „qobuzmäßig“ und Sony-Hardware eine zirkuläre Qualität als Versprechen auf seine Materialität. Gleichzeitig geht der Begriffswandel von Qobuz mit einem Vergessen insbesondere durch den Google-Algorithmus bzw. das Suchmaschinen-Ranking einher, dass Qobuz ein traditionelles türkisches, byzantinischen oder orientalisches Saiteninstrument war/ist. Beiläufig erwähnte Yves Riesel in seiner kurzen Rede, dass der Name des Portals vom gleichnamigen Instrument komme. 

In Frankreich ist Qobuz bereits kommerziell erfolgreich. Die Europa- und Deutschlandstrategie von Qobuz, bei der es vor allem um den Abschluss von Jahresabonnements zu einem Preis von 199,99 € geht, verzeichnet das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits erfreulichen Zuwachs. Er wird nicht zuletzt durch die Verkopplung der Hardware mit der Software erreicht. Beim Kauf eines Hi-Res-Gerätes wird ein Probeabo verschenkt. Und natürlich bietet Qobuz gegenwärtig sicher den höchsten Grad an medientechnologischer Verschaltung und Online-Service. Doch dies allein wäre wenig erfolgversprechend, wenn sich die Strategie paradoxerweise nicht als anschlussfähig für Ängste vor dem Digitalen erwiese. 

 

Torsten Flüh 

 

Qobuz (Deutschland) 

 

Clärchens Ballhaus 

Auguststraße 24/25 

10117 Berlin