Pimp up your crematory - Das ehemalige Krematorium Wedding

Krematorium – Liegenschaftsfonds – Stadtentwicklung

 

Pimp up your crematory

Eröffnung des Interessenbekundungsverfahrens zum Krematorium Wedding

 

Das Krematorium Wedding ist ein kulturhistorisches Schmuckstück. Der Berliner Liegenschaftsfonds hat eine in seiner Form vermutlich einzigartige Kultur zur Veräußerung von Grundstücken und Gebäuden des Landes Berlin entwickelt. Nun trifft das Eine wie das Andere aufeinander. Ungewöhnliche Voraussetzungen erfordern kreative Herangehensweisen.

Nie sah das Krematorium verlockender aus als am Abend des 4. Dezember 2009. Das Portal war farbig in Szene gesetzt. Der lange Weg vom Eingang zum Krematorium, auf dem so manche Träne geflossen war, wurde malerisch von Petroleumfackeln illuminiert. Scheinwerfer in Blau und Rot hoben die architektonische Kostbarkeit hervor. Es war ein wenig, als besuche man ein kleines Schlösschen auf dem Lande. Und manch ein Gast des Abends fühlte sich wohl an seine Villa im Grunewald erinnert.

Zunächst hatte ich gedacht, dass womöglich am Abend eine Gothic-Party im Krematorium stattfinden sollte und wollte schon zum Mobile greifen, um einen bekannten Gothic-Fan zu informieren, als mir eine junge Frau vom Eventteam sagte, ich solle mich mit dem Liegenschaftsfonds in Verbindung setzen. Das tat ich. Die freundliche Pressereferentin fand mein Ansinnen, in meinem Blog über die Veranstaltung berichten zu wollen, ungewöhnlich, hatte aber nichts dagegen.

 

In der Tat bin ich davon überzeugt, dass die Eröffnung eines Interessenbekundungsverfahrens für Investoren und Projektentwickler in der Weddinger Gerichtstraße für dieses Krematorium eine stadtkulturelle Relevanz hat. Erstens ist ein Krematorium nicht irgendeine Liegenschaft und zweitens dieses schon gar nicht. Aus New York sah ich kürzlich einen Beitrag, dass auf dessen größten und ältesten Friedhof, Green Wood im Sommer ein Tanzfestival stattgefunden hatte. Berlin, könnte man sagen, zieht gleich, wenn nicht an New York vorbei.

Kulturhistorisch ist das Krematorium von 1912 nicht nur das erste Krematorium in Preußen, sondern eines der ersten in Deutschland überhaupt. Es wurde von William Müller 1909-1910 erbaut und am 24.11.1912 eröffnet. William Müller (1871 – 1913) ist als Architekt zwar nicht sehr bekannt, zumal er relativ jung verstarb, aber er war Schüler des gerade als „Visionär der Großstadt“ wiederentdeckten Alfred Messel (1853 – 1909). Das Krematorium in Baden Baden war schon früher, nämlich 1909 eröffnet worden. Vorher gab es nur sehr vereinzelte Krematorien in Deutschland.

Zwei Veränderungen führten zur Einrichtung von Krematorien in Europa am Ende des 19. Jahrhunderts. Erstens galt das Verbrennen der Leiche als hygienischer, das war ein ganz neuer, moderner Gedanke. Zweitens gewannen außereuropäische Religionen an Zulauf. Weitere Gründe mögen gewesen sein, dass gerade die reichen Toten aus Baden Baden oft posthum in ihre Heimatländer reisen mussten und dass die Großstädte so schnell wuchsen, dass es auf den Friedhöfen eng wurde.

 

Ein gutes Beispiel für die Veränderungen ist der Bakteriologe, Hygieniker und Epidemologe Robert Koch (1843 – 1910). Er hatte Glück, dass er am 27. Mai 1910 in Baden Baden verstarb. Zur Kur war er von Berlin mit seiner Frau Hedwig und seinem japanischen Hausmädchen Hana ins mondäne Baden Baden gereist.

Hana hatten die Kochs 1908 von Japan mit nach Deutschland genommen. Der Medizinnobelpreisträger von 1905, nach dem das Robert-Koch-Institut benannt ist, hatte 1908 auf einer als Weltreise geplanten Reise von Amerika kommend Japan und seine japanischen Schüler Mori Ogai und Kitazato Shibasaburo, beides führende Ärzte und Bakteriologen ihres Landes, besucht. Dadurch hatte er japanische Bestattungsformen kennengelernt. Die japanische Kultur- und Geisteswelt hatte ihn bereits früher interessiert, nun aber begeisterte sie ihn.

 

Wäre Robert Koch in Berlin verstorben, hätte Hedwig ihn nicht verbrennen lassen können. Briefen zufolge wohnte sie der Verbrennung nach japanischer Tradition in Baden Baden sogar bei. Die Urne mit Robert Kochs Asche wurde in der Bahn nach Berlin überführt und in seinem Arbeitszimmer im Institut für Infektionskrankheiten am Weddinger Nordufer aufgestellt. Da stand seine Asche nun sozusagen auf dem Schreibtisch, bis sinnigerweise das Fotolabor zum Mausoleum mittels einer Sammlung unter seinen Kollegen und Freunden durch den Berliner Architekten Paul Mebes (1872 – 1938) und den Bildhauer Walther Schmarje (1872 – 1921) eingerichtet war. Die Bestattung Kochs in seinem Institut war schon deshalb folgerichtig, weil es noch keinen Begräbnisplatz für Urnen gab.  

 

Berücksichtigt man diese kulturhistorischen Umstände, die in den Kontext des Krematoriums Wedding gehören, dann ist ein Interessenbekundungsverfahren zur Umnutzung des Weddinger Krematoriums durchaus ein Ereignis von schon historischer Bedeutung. Der Denkmalschutz muss gewahrt bleiben. Dennoch geht der Liegenschaftsfonds mit einer Mischung aus Seriosität, Gebot der Stunde, politischer Umsicht und Humor an das Unterfangen.

 

Zunächst hatte ich durchaus gezögert, meinem Artikel den Titel „Pimp up your crematory“ zu geben. Es ist eine jener denglischen Wortschöpfungen, die weder in der einen noch der anderen Sprache rechten Sinn machen und doch benutzt werden. „Pimp up your Handy“ oder „Pimp up your scoot“ sind vor allem unter Jugendlichen neuerdings gebräuchlich. Das bedeutet dann soviel wie: Motz Deinen Motorroller auf. Klingt nur cooler. Und auf die eine oder andere Weise muss das Krematorium einfach abgekühlt und aufpoliert werden, um es wirtschaftlich nutzen zu können. Es ist ohnehin seit 2001 nicht mehr in Betrieb.

 

Nachdem ich der Eröffnung des Verfahrens beiwohnen durfte, bin ich überzeugt, dass ich gar keine falsche Formulierung gebrauchen kann. „Gibt es ein Leben danach? Reanimation einer ungewöhnlichen Immobilie.“ Denn erst trat ein Vorstandsmitglied des Liegenschaftsfonds auf, dann der Direktor des Weddinger Heimatmuseums und drittens ein Architekt mit einem Kommunikationswirt. Alle hochprofessionell. Und es wurde auch so ziemlich alles gesagt, was ich mich nicht einmal zu schreiben getraut hätte.


Als der Heimatmuseumsdirektor auf den Denkmalschutz und die kulturhistorische sowie stadtplanerische Bedeutung aufmerksam gemacht hatte, vergaß er nicht, darauf hinzuweisen, dass sich der künftige Eigentümer mit den Nachfahren darüber einigen müsse, ob die Urnen aus den Kolumbarien in eine neue Urnenhalle umgestellt werden dürften. Der Architekt und der Kommunikationswissenschaftler waren dann sowieso der Hit. Sehr unterhaltsam. Schwarzer Humor war unvermeidlich. Die anwesenden Investoren wurden gut unterhalten mit Vorschlägen wie Asher2Ashes für die Nutzung des Krematoriums als Raucherlounge oder wie einem High End Chill Out für die Nutzung als luxuriöse Wellnesslocation. Die guten Ideen des Teams waren kaum zu überbieten und der Sprachwitz tat sein übriges: Ashes2Ashes und High End Chill Out!

 

Gleichviel, was aus dem Krematorium nun werden wird, das Land Berlin will vor allem die Unterhaltungskosten für das Objekt loswerden. Das ist verständlich. Letzten Endes wird das Krematorium wohl zu einem mehr oder weniger komischen Ort werden. Denn wie immer man den Widerspruch zwischen dem Ort des Todes und der neuen, belebenden Nutzung lösen wird, es wird nicht ohne Komik gehen können.

Die Suche nach „neuen Ideen für einen besonderen Ort“ (Liegenschaftsfonds) kann man letztlich nur unterstützen. Was dann wirklich daraus wird, ist immer noch eine zweite Frage. Der Bezirk und die Anwohner werden auf die eine oder andere Art mitreden wollen und müssen.

 

Torsten Flüh

 

Interessenbekundungsverfahren bis zum 21. Dezember 2009

 


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Categories: Kultur

4 Kommentare
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Kommentare

Dezember 6. 2009 18:35

Claudia Reiche

der stadtführer "ganz berlin- spaziergänge durch  
die hauptstadt", hinnerk dreppenstedt, klaus esche, hgs., berlin 2007 weiss über dies krematorium noch ganz anderes zu berichten: als anonyme entsorgung von leichen aus verbrechen/hinrichtungen im nationalsozialismus:
"schon 1933 meldete die krematoriumsleitung mit der 'entfernung aller  
marxistischer und jüdischer elemente' die gewünschte gleichschaltung  
und war dem neuen regime ein jahr ausgesprochen hilfreich, als es  
galt, die mordopferr des röhm-putsches dezent zu beseitigen. über 30  
zum teil blutüberströmte leichen wurden bei nacht und nebel  
angeliefert und anonym verbrannt. den arbeitern an den öfen wurde  
unter androhung der sofortigen erschießung absolute verschwiegenheit  
auferlegt, und auch in den folgenden jahren wurden hier regimegegner  
nach ihrer hinrichtung in plötzensee (...) beseitigt." (128-129)

diese geschichtlichen hintergründe gingen doch wohl bei gebäudebezogenem denkmalschutz mit umnutzung eher in vergessenheit?
so: pimp up with some historical research...

Claudia Reiche

Oktober 16. 2010 07:47

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