Poesía flamenca beim 11. Poesiefestival 2010 - Mittelmeer: Und auf den heißen Steinen ...

Poesie – Flamenco – Expression

 

Und auf den heißen Steinen …

Poesía flamenca beim 11. Poesiefestival 2010 - Mittelmeer

 

Weiße Flocken treibt der Sommerabendhauch

im Garten der Akademie der Künste vor sich hin.

Fallen, fallen, fallen schwebend

auf die Steine, aufs Wasser.


Flockig liegt der Schnee auf Stein und Wasserspiegel.

Der Pappel zarte Samen stöbern durch die Sommerabendluft.

Und auf den heißen Steinen Flockenschnee.

 

Poesie ist eine Sie, verkündete Ginka Steinwachs auf dem Poesiefestival 2005. Poesía flamenca, Flamencopoesie, hieß es am Dienstagabend im Studiofoyer der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Und vor dem Fenster zum erleuchteten Garten tobte der Pappelschnee.

Das 11. Poesiefestival aus der literaturwerkstatt von Thomas Wohlfahrt zieht karawanengleich durch die Stadt und eröffnet überall in Botschaften und Kulturinstituten Ausstellung. Ein Großereignis der Poeten und ihrer Liebhaber. In diesem Jahr eine Meisterschaft der mediterranen Töne. Mittelmeer. Vielstimmig erklingen die Töne der DichterInnen rund um das Mittelmeer.

 

Einen Trailer wie die Berlinale hat das Poesiefestival auch. Vor Beginn der Veranstaltung wird der Trailer eingespielt. Erkennungszeichen und –sound. Branding. Seit 2005 wird jedes Jahr ein neuer Trailer produziert. Der Trailer läuft in den Kinos der Stadt, um die Leute vom Kino zur Poesie zu verführen. Hanseatenweg statt High End 54 im Tacheles. Schweben und Schwanken der Poesie statt Schwerkraft von Maximilian Erlenwein.

 

Poesie entsteht, wenn die Syntax kippt und Sprache anders kombiniert wird. Poesie beginnt, nach Ginka Steinwachs, mit dem Wörtchen anders. Sie ist eine Montagetechnikerin im weitesten Sinne. Ambitionierte Poeten treten heute in Zimmermannshose, Kassiererinnen-T-Shirt oder Latzhose auf. Dichten ist Arbeit in den Steinbrüchen der Literatur.   

 

Mittelmeer. - Da darf Spanien nicht fehlen. Und schon gar nicht der Flamenco, der den arabischen Sprechgesang mit der kastilischen Sprache vereint, im Gesang die kastilische Welt von der arabischen durchdringen und zu einer eigenen Weltsprachmusik werden lässt. Flamenco darf an diesem Sommerabend in der Stadt den Ton angeben.

Ginka Steinwachs - die Poesie ist eine Sie - führte als Spanien- und Mallorcakennerin durch den Abend. Schwer ist für sie zu entscheiden, ob sie mehr das Kastilisch oder das Katalanisch liebt. Kastilisch ist die Nationalsprache Spaniens. Katalanisch die Regionalsprache, die in einem Dialekt, dem Mallorquinisch, auf der Insel der – einstigen – Stille, Isla de la Calma, gesprochen wird.

 

Wenn ein Land mehr als eine Sprache hat, dann führt das oft zu separatistischen Bewegungen. Spanien hat mindestens 3 Sprachen: Kastilisch, Katalanisch, Baskisch. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert ist die Idee der Nation aufs Engste mit der Sprache verknüpft. Die EU hat es wenigstens tendenziell geschafft, diese Verknüpfung zu lockern. Spanien präsentiert sich beim Poesiefestival auf Kastilisch und Katalanisch mit Mária Eloy-García und Biel Mesquida.

Der Flamencoabend ist mit den beiden Poeten und Curro Piñana sowie Ginesa Ortega als Sängern und Francisco Tornero und Marta Robles als Gitarristen hochkarätig besetzt. Curro Piñana singt neben Gedichten von Miguel Hernández und Jorge Luis Borges ein Gedicht von Mária Eloy-García: Sobre La Espera / Über das Warten.

in der schlange wartet der letzte dass jemand hereinkommt und fragt

wer der letzte ist um es selbst nicht länger zu sein

der erste hat den vorteil zurückblicken zu können

der zweite nimmt die erwartung auf

die der erste bei seinem weggang zurücklässt

die wartekarte hat kein ende

in keinem zusammenhang hörst du auf der letzte zu sein

und nirgends wo du glaubst bis du wirklich der erste

Die Herkunft des Flamencos aus dem arabischen Sprechgesang eignet sich besonders  für eine expressive Darbietung moderner Gedichte. Expression ist im Flamenco wichtig. Curro Piñana und Ginesa Ortega sind Stars der Expression. Zum Ton und der Sprache kommen die gestischen Ausdrücke hinzu. Was in der deutschen Sprache völlig unmöglich ist, wird im Flamenco zum Wesen des Kastilischen.

Auf den Bildschirmen links und rechts der Bühne kann man die Übersetzung der Gedichte, die gesungen werden, mitlesen. Es ist hilfreich und stört doch ein wenig. Den Ausdruck des Sängers kann die Übersetzung nicht leisten. Curro Piñana und Ginesa Ortega sind verschieden wie Mann und Frau in ihrem Ausdruck. So verschieden, wie die Herkunft des Flamencos vielfältig und ursprünglich ist.

Curro Piñanas Ausdruck hat eine stärker arabisch-nordafrikanische Färbung. Ginesa Ortegas Expression ist durch die Herkunft aus der Roma-Kultur geprägt. Der Nuancenreichtum in Stimme, Mimik und Gestik ist bei dem Sänger wie der Sängerin enorm. Stimme, Gesicht und Hände werden Akteure des Ausdrucks. Ruhen ihre Hände meist zu Beginn des Liedes, so werden sie in der Performance zu wichtigen Akteuren. Einlagen rhythmischen Klatschens haben die Funktion einer Zäsur im Erzählfluss des Gedichtes.

 

Es war gerade nicht das folkloristische Klatschen des grellbunten andalusischen Flamencos, das von Kastagnetten dem Pauschalreisenden geboten wird. Vielmehr erzeugt das sparsame, rhythmische Klatschen von Curro Piñana wie von Ginesa Ortega einen Moment des Nachlauschens der Worte. Sie sind Erzähler und Sänger in einem. Narration und Poesie überschneiden einander. Ausgedrückt wird nicht das Gedicht, (s)eine Poesie, oder gar ein Sinn. Vielmehr lässt der Sängererzähler im Flamenco einen Ausdruck entstehen.

Der Ausdruck, die Expression in der Flamenco-Performance ist ursprünglich. Ausgedrückt wird nichts, was der Performance vorausgehen könnte. Eher wird die Expression im Flamenco vorläufig. Sie geht dem narrativen Moment voraus, bleibt vorläufig und erzeugt allererst Poesie im Gesang. Piñana wie Ortega sind keine Interpreten eines vorhandenen Sinns im Gedicht, vielmehr sind sie große Künstler des Vorläufigen.

 

Im Flamenco gibt es immer ein tänzerisches Moment, das nicht der Tanz selbst ist. Es sind auch nicht die Gesten, die den Tanz erzeugen, stattdessen ist es im Flamenco die Gitarre, die den Tanz im Rhythmus macht. Das Tänzerische liegt in der Ausführung des Flamencos als acompasado – in den Takt gebracht – und im libre – frei. Anders gesagt, die Ordnung des Taktes und das Freie der Ausführung bringen das Tänzerische hervor.

Die Gedichte von Mária Eloy-García sind wie in ihrer Vineta Autobiográfica (Autobiographische Vignette) auf eine andere Weise als im Flamenco expressiv. An die Stelle der Aussage tritt der Ausdruck des Comics.

ich lernte sie kennen und blablabla

darauf sie „plumps“ sie sagte ja

und eh schon wissen „zack“ in einer sekunde

waren wir „uff“ in der luft

„flasch, flasch, flasch“ flogen wir durch die luft

Und ich „agg“ für immer

Die Ausdrucks-Sprache des Comics trifft bei Eloy-García auf die Narration des Autobiographischen und wird selbst wieder mehr Graphie als Erzählung.


Die Performance von Eloy-García hat ein stark expressives Moment, fast wie im Flamenco. Gerade eine kurze Folge von Ausdrücken zur Vineta Autobiográfica, lassen ihre große Lust am Performen erkennen. Ihre Gedichte und die Performance lassen hier das Poetische aufscheinen.

Eduard Escoffet las Gedichte des Erkrankten Dichters Biel Mesquida auf Katalanisch bzw. Mallorquinisch. Das hört sich schon einmal anders an als Kastilisch. Mesquida lebt seit seiner Kindheit auf Mallorca und ist gegenwärtig Professor an der Universität der Balearen in Palma de Mallorca. Seine Dichtung ist stark vom Dekonstruktivismus beeinflusst.

 

Eduard Escoffet las mehrere Gedichte u.a. el bell pais on els homes desitgen els homes. - das schöne land, wo männer männer lieben. von 1985. Es ist ein schwules Statement über das nicht nur mentale, sondern vor allem sehr körperliche Begehren zwischen zwei jungen Männern in der Tradition eines Walt Whitman (1819-1892) - und ein wenig direkter.

Walt Whitman hatte in seinem Gedichtband Leaves of Grasses (1855) unter anderem Calamus besungen. Als der Geliebte des Calamus, der Jüngling Carpos, bei einem Wettschwimmen ertrinkt, stürzt sich Calamus in Trauer um seinen Geliebten in den Fluss und wird nach der griechischen Mythologie zum Grashalm oder Schilfrohr. Seither wird ein Schreibgerät aus Schilfrohr Calamus genannt.

 

Die mythologische Herkunft des libidonösen Schreibgerätes, Calamus, verweist seinerseits auf das Ursprüngliche der Poesie. Das Begehren des Verlorenen, das allererst in seinem Begehren präsent wird, lässt Poesie entstehen. Für die spanische Poesie gilt dies vielleicht sogar in einem besonderen Maße, wenn beispielsweise Ginesa Ortega in einem Gedicht von Miguel Hérnandez vom „läufigen“ Mond singt. Eingedenk dessen, dass luna im Spanischen weiblich ist.

Nicht Enden wollte der Beifall für die Dichter, Sänger und Gitarristen an diesem Abend, der erst um 22:00 Uhr begonnen hatte. Die ganze Sommernacht hätte man der Poésia Flamenca folgen wollen. Doch irgendwann nach Mitternacht mussten Beifall und Flamenco enden.

 

Ein überaus gelungener Abend des Poesiefestivals. Mehr davon.

 

Torsten Flüh   

 

Poesiefestival 2010

Mittelmeer

noch bis 12. Juni 2010

in der

Akademie der Künste

und anderswo

 

Die Gedichte von María Eloy-García

sind mit Übersetzung in dem wundervollen Bändchen des

hochroth verlags perleberg

erschienen.

Die kleinen Auflagen der Poesiefestival-Bändchen

machen sie zu begehrten Sammlerstücken.