Queeres Requiem für Derek Jarman - Claudio Monteverdis L'Orfeo von Daniel Cremer mit Peaches

Queer – Silence – Death

 

Queeres Requiem für Derek Jarman

Claudio Monteverdis L’Orfeo von Daniel Cremer inszeniert mit Peaches

 

Der L’Orfeo von Claudio Monteverdi mit dem Libretto von Alessandro Striggio, gewidmet der Akademie der Verliebten in Mantua, ist nicht nur die erste Oper in der Frühphase des Genres. Die Favola in Musica ist auch ein Stück Disziplinierungsgeschichte der Liebenden. Also genau das richtige Stück für eine queere Inszenierung mit der Queen of Queer, Peaches.

Peaches als Orfeo klampft die Harfe und röhrt die Gefühle zunächst in Italienisch zur Originalmusik und schließlich im O-Ton des Elektorclash mit Sick Bitch, was sich mit „kranke Schlampe“ übersetzen ließe. Das junge Solistenensemble Kaleidoskop eröffnet die Vorstellung damit, dass es mehrfach die berühmte Toccata aus Monteverdis L’Orfeo auf Originalinstrumenten anstimmt und abbricht. Auf der Bühne legt derweil Euridice (Ulrike Schwab) einen Kreis mit weißen Steinen.

Erst geht’s im Orfeo unter den Verliebten heiß her. Darauf folgt mit dem Biss der Schlange die Quittung für das Sexleben. Dem will Orfeo sich nicht beugen und schafft es sogar, die Götter der Unterwelt durch Gesang auf seine Seite zu bringen. Doch die Leidenschaft ist größer als die Disziplin. Er dreht sich nach Euridice um, was ihm bei Strafe verboten worden war. Das kommentieren die Unterweltgötter denn auch noch zynisch. Euridice bleibt, wo sie ist, bei den Toten und Orfeo muss zurück und hat ewigen Ruhm verspielt. Lektion gelernt?

Jeder L’Orfeo-Liebhaber oder jedenfalls die, die sich dafür halten, möge einmal 5 Minuten über die Favola des Stückes nachdenken. Nix Romantik. Um Disziplin und Normierung der Liebe, des Herzens, der Gefühle geht es hier. Zumindest bei Alessandro Striggio wird eine Lehrstunde für die Accademia degli Invaghiti, die Akademie der Verliebten draus:

Evoè, liete e ridenti

te lodiam padre Leneo,

or ch'abbiam colmo il core

del tuo divin furore.

„Nur der, der seine Gefühle kontrolliert, ist ewigen Ruhmes würdig“, lautet die Schlussfloskel, bei der vorher noch der Pater Leone für seine Belehrung gelobt wird.

Die Uraufführung von Claudio Monteverdis L’Orfeo fand am 24. Februar 1607 in Mantua im Palast des Herzogs während des Karnevals statt. Damit ist der Favola in Musica vor Beginn der Fastenzeit ein besonderer zeitlicher Raum zugeordnet, der nicht zuletzt durch ein schrankenloses, libidinöses Treiben eben auch als rechtsfreier Raum markiert ist. Ausgerechnet in diesem rechtsfreien Raum der libidinösen Ausschweifung wird nun mit dem Beginn des L’Orfeo angeknüpft - und die Lehre erteilt.

Es gibt Copyright-Probleme.
Foto: Dorothea Tuch

Am Dienstag, den 1. Mai 2012, im HAU 1, also dem Hebbeltheater in der Stresemannstraße 29 existiert zwar kein rechtsfreier Raum, doch die alljährlichen Maikrawalle seit 25 Jahren im angrenzenden Kreuzberg sind zumindest eine Reaktion auf rechtsstaatliche Regulierungen. Während der Aufführung kam es in unmittelbarer Nähe vor dem Jüdischen Museum in der Lindenstraße 9-14 zu Ausschreitungen, weil sich die Demonstranten durch das massive Polizeiaufgebot provoziert fühlten, so zumindest die Version der Veranstalter. Insofern war die Premiere des L’Orfeo durchaus beziehungsreich platziert und knüpfte auch in dieser Hinsicht thematisch an die Oper an.   

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Im Vergleich zu den kreisenden Hubschauern, den polizeilichen Einsatzwagen und mehreren Hundertschaften Polizei am Halleschen Tor blieb dann die Inszenierung von Daniel Cremer weit hinter dem Furor auf der Straße zurück. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Cremer zwar mit queeren Zitaten wie Screw in the streets arbeitet, aber irgendwie alles nur Zitat bleibt. Wenn man schon Screw in the streets plakativ zitiert, dann sollte das auch in seiner Mehrdeutigkeit von „Fickt auf der Straße“/“Leck mich am Arsch“/“Holt euch die Straße zurück“ in der Inszenierung rüber kommen.

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Foto: Dorothea Tuch

Leider bleiben allerdings die Zitate aus dem bereits 21 Jahre alten anonymen Flugblatt QUEER POWER NOW!, das Derek Jarman (1942-1994) seinerseits zitierte, zu sehr weiße Lettern auf Plastikfolie. Wie soll das meist sehr junge Publikum des HAU bei einem geschätzten Durchschnittsalter von ca. 30 noch etwas mit Derek Jarman und seinem späten Aktivismus, bevor er an AIDS starb, noch einen Zugang dazu finden? Selbst die Sänger im Ensemble, die durchweg stimmlich und darstellerisch Beachtliches zu bieten haben, sind jünger, als dass sie sich erinnern könnten, was um 1990 bezüglich Sex und AIDS ablief.

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Foto: Dorothea Tuch

Daniel Cremer knüpft mit seiner Inszenierung höchst ambitioniert an queere Strategien an, zitiert Gilles Deleuze’ und Félix Guattaris Tausend Plateaus, deutsche Ausgabe 1992, und verfehlt doch eine Dramaturgie des Furors. Das ist schade, weil der Ansatz nicht blöd ist. Aber ein guter Ansatz macht noch kein aufregendes Theater. Vieles funktioniert, flackert auf, zielt und - trifft dann doch nicht. Den L’Orfeo als Requiem für das AIDS-Opfer Derek Jarman zu inszenieren, ja die frühen 90er Jahre und ihren AIDS-Horror zur Folie für die Favola in Musica zu machen, ist verdienstvoll. Aber es muss auch treffen.

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Foto: Dorothea Tuch

Für wen ist das Puppenhaus, in das Euridice eingeschlossen, interniert und desinfiziert wird, das Hantieren mit Plastikhandschuhen und das Umherlaufen mit Sauerstoffflasche denn noch ein Bild, das ihm oder ihr nahegeht? Das AIDS-Trauma der 90er Jahre hat stärkere Bilder verdient, die das Publikum wirklich in die Stühle drückt. Queere Strategien, wie sie nicht zuletzt mit dem Slogan Silence = Death und einem umgekehrten Rosa Winkel von Künstlern propagiert wurden, haben im Zeitalter der Behandelbarkeit von AIDS, obschon lebenslänglich, an Brisanz verloren.

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Foto: Dorothea Tuch

Anders gesagt: Orfeo singt in Monteverdis Favola in Musica nicht so sehr, weil er Euridice liebt, sondern weil es falsch wäre, über ihren Tod zu schweigen. Dabei lässt sich allerdings beobachten, dass über das Trauma der 1990er heute intensiv geschwiegen wird, während die zuständigen Behörden flächendeckende Kampagnen zu Präventionsmaßnahmen fahren. Silence findet nicht mehr zu AIDS statt. Doch beschwiegen werden die AIDS-Toten, die in den 90er Jahren starben und einem Arsenal von Ausgrenzungsstrategien, Markierungstechniken und sogenannten Vorsichtsmaßnahmen ausgesetzt waren. Es handelte sich dabei nicht zuletzt um ein katastrophales Versagen von Öffentlichkeit und gipfelte in dem vom CSU-Politiker Peter Gauweiler ausgesprochenen Wunsch nach Internierungslagern für Infizierte.

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Foto: Dorothea Tuch

AIDS ist heute keine tödliche Krankheit mehr. Allerdings funktioniert weiterhin eine Selektionsstrategie, nach der immer nur die Anderen gefährdet sind. Um diese Strategie der markierten Anderen ging es mit der Queer Power:

There are straight queers-bi-queers, tranny queers, lez queers, fag queers, SM queers, fisting queers in every single street in this apathetic country of ours. We are everywhere. It’s time to take it out into the streets. Get out there! Take them out! Be yourself! And if you don’t like this, get out and make some NOISE yourself. Write books. Be safe. Burn buildings. Shoot closets. Screw into the streets. (Zitiert nach Programmzettel HAU)

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Foto: Dorothea Tuch

Es lässt sich an den aktuellen Kritiken beobachten, dass eben die queere message bei den Rezensenten der großen Zeitungen gar nicht angekommen ist. Stattdessen wissen die Zeitungen ja alles und erwähnen prominent das Alter von Peaches, um deutlich zu machen, dass es sich nicht mehr um eine ganz junge Rocksängerin handelt. Zeitungen und ihr Universum erklären die Welt immer in dem jeweils aktuellen Gerede. Das gehört zum redaktionellen Konzept von Zeitung heute. Wenn Madonna ständig an ihrem Alter gemessen wird, dann ist dies auch eine Maßeinheit für Peaches.     


L’Orfeo im HAU1 sollte man/frau auf jeden Fall sehen und hören, auch wenn es nur wenige Vorstellungen gibt. Die jungen Solisten, Ulrike Schwab als La Musica/Euridice, Thomas Volle als Pastore I/Un Spirito del cor, Martin Gerke als Pastore II/Un altro Spirito del cor, Sabine Neumann als Ninfa/Proserpina, Frederik Beyer und vor allem der Countertenor Armin Gramer im Schlauchkleid und auf Fetisch-Stiefeln bieten ein wirklich erstaunlich gutes Ensemble um Peaches herum. Der Kontrast der ausgebildeten Opernstimmen zur Rock- und Punkröhre ist höchst reizvoll, hätte allerdings noch stärker ausgearbeitet werden können. Peaches muss nicht Oper singen, um im Ensemble rüber zu kommen.

Olof Boman bietet mit seinem Solistenensemble Kaleidoskop ein geradezu kaleidoskopisches Musikerlebnis. Aus der Monteverdi-Komposition schälen sich fast selbstverständlich moderne Passagen mit ausgeweiteten Spieltechniken auf den historischen Instrumenten wie den pfeifenartigen Zinken heraus. Bei Sick Bitch wird dann richtig losgerockt und kommt der Benzinkanister als Schlaginstrument zum Einsatz. Das ist eine Bandbreite, die man natürlich sonst nicht hört.

Die Anknüpfung allerdings an das Ritornell nach Deleuze und Guattari ist schwierig. Denn eine Toccata ist kein Lied. Eine Toccata ist bei Monteverdi eine Eröffnungsfanfare, die sagt: alle mal herschauen und hinhören. Aber das Ritornell entsteht in Tausend Plateaus vor allem, weil ein Kind beginnt, aus Angst ein Lied zu singen. Das Lied des Kindes, das singt, kommt von woanders her als die Toccata.

 

Torsten Flüh

 

L’Orfeo

von Claudio Monteverdi

Italienisch mit dt. und engl. Übertiteln

HAU1

Weitere Vorstellungen am 04., 05. und 07. Mai 2012 um 19:30 Uhr


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Categories: Oper

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