Reisen mit Wissen und Gefühl - John Brewers Vortrag The eighteenth century Grand Tour: from Aristocratic Erudition to Bourgeois Sentiment im WZB

Grand Tour – Bildung – Tourismus

 

Reisen mit Wissen und Gefühl

John Brewers Vortrag The eighteenth century Grand Tour: from aristocratic erudition to bourgeois sentiment im Wissenschaftszentrum Berlin

 

Ferienzeit: Berlin ist auf Reisen. Ob auf den Teutonengrill oder in die Täler der Toscana, Berlin ist verreist. Berlin ist andererseits ein Reiseziel mit Bildungspotential, wenn man sich nicht nur auf der Fanmeile oder auf einer  Pub-Tour abfüllen lassen will. Im Gebäude-Ensemble des Wissenschaftszentrums Berlin – kurz WZB - am Reichpietschufer hielt heute Prof. John Brewer vom California Institute of Technology in Pasadena einen Vortrag zu den Ursprüngen des Tourismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Kürzlich schrieb mein Freund Mike von der Washington Coast im äußersten Nordwesten der USA: Take a trip, travel is good for the mind and soul! Ich hatte über die Hitze in Berlin gestöhnt. Der Gedanke, dass Reisen für Kopf und Seele gut sein könnte, wie er in Mikes Formulierung wiederkehrt, hat seine Ursprünge nicht zuletzt im 18. Jahrhundert. John Brewer erläuterte diesen Kontext in seinem Vortrag genauer. Dabei war der Ort architektonisch passend.

Das WZB befindet sich seit 1988 im ehemaligen Gebäude des Reichsversicherungsamtes, das 1891-94 von August Busse im sogenannten wilhelminischen „Reichsstil“ erbaut wurde. Busse bezog sich mit der Sandsteinfassade ganz auf die Architektur des Reichstagsgebäudes von Paul Wallot. Mit diesem Stil kehrt in den Bauformen die oberitalienische Hochrenaissance als Staatsarchitektur wieder. Sichtbar wird sie u.a. im abgewandelten Palladio-Motiv der Rundbogenfenster des Mittelrisalits.

In der Architektur Busses werden die italienischen Palazzi des 16. Jahrhunderts als Sehnsuchts-Ort von Größe, Macht und Reichtum beschworen, um an einen Bildungskanon anzuschließen, der seit dem späten 18. Jahrhundert zur Herausbildung des Bürgertums beigetragen hatte.

 

In den postmodernen Anbauten von James Stirling und Michael Wilford von 1984-87 mit einem Campanile und einem Anstrich aus rosa und blauen Streifen, kehrt im Gewand der Moderne die italienische Renaissance im Ensemble mit einer griechischen „Stoa“ und einem „Theater“ ein weiteres Mal zurück.  

Brewer machte in seinem Vortrag vor allem auf die Verschiebung von der Grand Tour als Bildungsprogramm für junge, adlige Männer aus England zur Frühform des Tourismus für bürgerliche Paare aufmerksam. Vorgestellt wurde John Brewer, der z.Z. Visiting Fellow am Munich Center of Advanced Studies ist, von Prof. Michael Hutter, der den Forschungsbereich "Kulturelle Quellen von Neuheit" im WZB leitet.

Obwohl Brewer Historiker ist, ging es mehr um eine sozialwissenschaftliche Fragestellung der Aneignung von Bildung. Einerseits unternehmen die jungen Adligen eine oft mehrjährige Grand Tour nach Italien und vor allem Rom. Sie betätigen sich als Sammler antiker Fundstücke, die ihnen als Beispiele für historisches und soziales Wissen gelten. Bisweilen dauert die Grand Tour 3 Jahre. Sie schließt meistens an eine private Ausbildung an. Andererseits wird nach 1763 der Genuss der Reise selbst zum Reiseprogramm des bürgerlichen, englischen Touristen, der meist in kleinen Gruppen mit einem Führer für eine kürzere Zeit reist.

 

Brewer sieht in der Verschiebung von der „aristokratischen Belesenheit“ zum „bürgerlichen Sentiment“ einen Bruch statt eine Weiterentwicklung. Während die Adligen auf der Grand Tour alleine oder mit einem Tutor reisen, sich Sehenswürdigkeiten ansehen und Antiken sammeln, um das Wissen der klassischen Texte des Altertums – und ihre Lehren – zu teilen, verlagert sich das Interesse der Bürger ins Empfindsame. Wenn dieser schon das Kolosseum besuchen oder den Vesuv bei einem Ausbruch betrachten will, dann wird beides im sentimentalen Mondschein noch einmal so schön.

Bildung wird von den Adligen anders als von den bürgerlichen Touristen formuliert. Für die englischen Adligen ist die Geschichte des Altertums ein Beispiel. Sie sehen in die Vergangenheit, um daraus Lehren und Wissen für ihre Gegenwart und Zukunft zu generieren.

 

Für Johann Wolfgang Goethe wird seine Italienische Reise von 1786 bis 1788 im Unterschied zu einer visuellen Erfahrung nach John Brewer. Wobei der Aufbruch nach Rom durch emotionale Verstrickungen am Weimarer Hof angestoßen wird und erst 25 Jahre später, 1813 bis 1817, eine literarische Form findet. Für Goethe wird die Italienische Reise zu einer neuen Schule des Sehens. Goethe erprobt zumindest retrospektiv sein (Vor-)Wissen auf der Reise.

Die von Brewer hervorgehobene Verschiebung nach 1763 bringt eine ganze Reihe von Neuerungen mit sich, die Goethe als solche schon nicht mehr wahrnimmt. Es entstehen Museen und das Reisen wird betriebswirtschaftlich kalkuliert. Gleichzeitig bringen die reichen Bürger ihre englischen Sportarten mit und wollen Cricket in Rom spielen. Fundstücke, Kopien und Andenken wie das Kork-Modell des Tempels der Sibylle im Tivoli werden nun in Antiquitätengeschäften verkauft. Das Sammeln wird für die jungen Adligen, die sich auf der Grand Tour befinden, zunehmend schwieriger.

 

Ebenso ändern sich die Gründe nach Italien zu reisen. In Rom und Italien zu leben, ist laut Brewer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nur halb so teuer wie in London. Katholische Engländer ziehen nach Italien ins Exil. Doch auch vor Ehe- und sonstigen gesellschaftlichen Problemen flieht man von England nach Italien. Schließlich verheißt Italien sexuelle Freiheit, die in England noch undenkbar ist. Schwule Paare reisen seit dieser Zeit nach Italien. Es entsteht eine neue touristische Struktur.

Für die neuen Touristen steht das Genießen an erster Stelle. Nicht mehr die gebildete Betrachtung des Altertums steht im Vordergrund, sondern der Anblick und das Anblicken werden zum Genießen. Die innere Bewegung wird Versicherung, dass man sich fühlt, dass man ist. Unter den Touristen sind nun auch viele Frauen, die mit Ehemann oder Partner oder allein reisen. Diplomaten wie William Hamilton sind meistens zugleich Händler. Die Ausbrüche des Vesuvs beispielsweise 1737 und 1774 werden zu einer Touristenattraktion des Erhabenen und Schönen, die emotionale Sensationen garantieren.

Mit dem von John Brewer eröffneten Ansatz, der nach seinem Vortrag diskutiert wurde, lässt sich die Grand Tour des zwanzigjährigen Caspar Voght aus Hamburg analysieren. Voght reiste früher als Goethe nach Italien, Spanien, England, Frankreich und in die Schweiz. Vom Alter her entspricht er eher den jungen, englischen Adligen, was nahelegt, dass der Hamburger das klassische Modell der Grand Tour praktizierte. Allerdings schreibt Voght über seine Grand Tour erst in seinen Lebenserinnerungen, die er 86jährig 1838 verfasst. Welche Funktionen erfüllt für ihn das Reisen?

 

Der Hamburger Kaufmannssohn Caspar Voght (1752-1839), ein Zeitgenosse Goethes, den er in Karlsbad auf Kur traf, ist viel gereist. Als Bürgerssohn aus der Freien und Hansestadt Hamburg verfügte Caspar Voght über die gesellschaftlichen Kontakte und die finanziellen Mittel, um 1772 mit 20 Jahren seine Grand Tour zu unternehmen.

 

Die erste Station seiner Reise ist Hannover. Anders als Hamburg ist Hannover durch die höfische Kultur des Welfenhauses, der Kurfürsten von Hannover, geprägt. Damit beginnt die Reise programmatisch.

Der Kurfürst Georg Ludwig von Hannover (1660-1727) war 1714 zum König von Großbritannien und Irland und Titularkönig von Frankreich gekrönt worden. Seit 1727 war ihm sein 1683 in Herrenhausen geborener Sohn Georg II. August auf den Thron gefolgt. Obwohl seit 1714 London und nicht mehr Hannover die Residenz der Kurfürsten von Hannover war, behielt Hannover mit dem Barock-Schloss Herrenhausen und dem Adel ein wichtiges kulturelles und höfisches Leben.  

 

Voght, der junge Bürger von Stand, orientiert fortan seine Reisen durch Europa als Bildungs- und Lebensprogramm, an deren Ende 1802 quasi die Erhebung in den Reichsadelsstand steht. Voght steigt nach Bildungserwerb und Wissensanwendung als Reformer zum Baron Caspar von Voght auf.

 

Obwohl Voght Protestant ist, gehört für ihn ein Besuch bei Papst Pius VI. zum Programm der Grand Tour. Der junge Mann erhält 1774 ein Empfehlungsschreiben von seinem Vater, des Hamburger Senators Caspar Voght, an den Papst. Es ist der Besuch beim Papst, der die Grand Tour als Bildungsprogramm in Rom abschließt. Danach tritt Voght die Rückreise über die Schweiz, wo er mehrere Philosophen besucht, an.

Als schon reifer Mann und gebildeter Bürger unternimmt Voght 1793-1794 erneut eine längere und folgenreiche Reise. Er reist nach Edinburgh, das den Ruf genießt, das „Athen des Nordens“ oder das „Moderne Athen“ zu sein. Edinburgh ist ein wissenschaftliches und gesellschaftliches Zentrum in jenen Jahren. Der „Ton der Gesellschaft in Edinburgh“ und das „Management of the Poor in Hamburgh“ stellen sozusagen Voghts gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Austausch dar.

 

Voghts Reise nach England, Schottland und Irland steht ganz im Zeichen eines neuen, modernen Wissens und kann damit als eine Transformation der Grand Tour formuliert werden. Das moderne Wissen betrifft das Gefühl und Gefühlserlebnisse im Anblick der Natur ebenso wie neue Erklärungsmodelle zu Naturphänomenen wie Giant’s Causeway, den Voght besucht. Hiermit praktiziert Voght deutlich die frühe Form des Tourismus. Denn Giant’s Causeway ist für englische Touristen ein komplementäres Erlebnis des Sublimen und Schönen zum Vesuv.

https://www.youtube.com/watch?v=kUlDrYryxPM

 

Der Besuch von Giant’s Causewayauf der Reise nach Irland 1794 findet in Voghts „Tagebuch eines Reisenden“ eine fast beiläufige Erwähnung. Dennoch korrespondiert gerade diese mit den neuen wissenschaftlichen, geo- und mineralogischen Diskussionen über den Ursprung der Erde und die Entstehung der Landmassen.

 

Neben Edinburgh sind es das Queen’s College in Belfastund das Trinity College in Dublin, die den modernen Wissenschaften wichtige Anstöße geben. Noch bevor „Irlands Riesendamm“ 1824 von Voght ästhetisch verfasst wird, hatte die Reise dorthin gewirkt. Das durch William Douglas Hamilton 1786 in Briefform entwickelte Wissen hatte sich durch den „eigenen“ Anblick des frühen Touristen Voght wiedergefunden. Voght liest also Hamiltons 1786 in Belfast zum ersten Mal veröffentlichten Brief, reist nach Irland und findet

die Darstellung des Damms in Hamilton’s Beschreibung äusserst richtig und die Lage und den Zustand der Mineralien ganz wie er es beschrieben.

Voghts Reisen quer durch Europa führen zu Korrespondenzen mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Berichtet er einerseits an die Freundinnen und Freunde in Hamburg von seinen Reisen, so wechseln andererseits Empfehlungsschreiben und Gedankenaustausch im Brief die Adressaten von Mme. de Staël über Johann Wolfgang Goethe und Alexander von Humboldt bis zur John Sinclair of Ulbster. Voght führt weit verzweigte, wahrhaft europäische Korrespondenzen, die ohne seine Reisen kaum denkbar wären. Sie wurden bereits 2001 mit einer Ausstellung in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky vorgestellt.


Konstatiert John Brewer einerseits einen Bruch in der Praxis der Grand Tour zum Tourismus um 1763, so lässt sich an Voghts Bildungs- und Wissenschaftsreisen aus den Lebenserinnerungen eine Vermischung der Reisepraxis formulieren. Voghts spätere Reisen durch Europa – Paris, Marseille, Wien, Berlin – finden unter dem Aspekt der Wissensvermittlung statt. Er reformiert das Gefängnis- und Armenwesen in Paris, Marseille, Wien und Berlin. Insofern sind Caspar Voghts Reisen aufs Engste mit Wissensaneignung - soziales Wissen, kulturelles Wissen, historisches Wissen, Naturwissenschaft - und Wissensdistribution verknüpft.

 

Torsten Flüh

 


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Categories: Medien Wissenschaft

1 Kommentare
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Kommentare

Juli 21. 2010 14:05

Martina

Hallo,

Interessante Artikel schreibst du hier, so eine Tour und Reise würde mich ja auch mal reizen Wink

Wenn man das so liest bekommt man richtig Lust mal wieder in die Ferne zu schweifen und in der Fremde das Abenteuer zu finden. Es freut mich immer wieder solche umfangreichen Reiseinformationen zu lesen, weiter so.

Gruß
Martina

Martina