Resonant Quarks und Koto aus dem Dance Stak - Shintaro Imei in der Sonic Arts Lounge im Berghain

Koto – Quarks – Berghain

 

Resonant Quarks und Koto aus dem Dance Stak

Shintaro Imeis grandiose Audio-Video-Performance Figures in Motion in der Sonic Arts Lounge

 

Das Berghain ist einer der Schau- und Hörplätze der Sonic Arts Lounge im Rahmen des 10. Festivals für aktuelle Musik Berlin mit dem Titel MaerzMusik. MaerzMusik 2011 steht unter dem Motto „Klang Bild Bewegung“ und läuft noch bis zum 27. März 2011. Die Uraufführung von Shintaro Imeis neuer Audio-Video-Performance am späten Donnerstagabend war einer der diesjährigen Höhepunkte.

Shintaro Imei ist einer der jungen Weltstars der hoch technologisierten Klangkunstszene. 1974 in Nagano in Japan geboren arbeitet er heute vor allem in Deutschland und Japan. Genauer in Tokio an der Tamagawa Universität im Sonologie Institut und Berlin auf Einladung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Doch seine Karriere führte ihn ebenso über das von Pierre Boulez gegründete Institute de recherche et coordination acoustic/musique, kurz ircam, im Centre Pompidou in Paris.


Foto: Masagiro Hayashi (Bearbeitung T.F.)

Shintaro arbeitet an der Schnittstelle von Bild und Klang. Seine Aufführungen sind technische Verschaltungen von Audio und Video. Die vier Dance Staks – Lautsprecher-Türme - vor der Panorama-Bar des Berghain sind elementare Bestandteile der audiovisuellen Installation – Quadrophonie als Hochleistung. Im Stück Resonant Quark, das Bestandteil der neuen Performance ist, entsteht der audiovisuelle Eindruck, als würde die Leinwand aus allen vier Türmen mit Knarz- und Zischgeräuschen beschossen, die dort zu Punkt-Strich-Kombinationen werden.

Überhaupt ist das Berghain im ehemaligen, heute entkernten Heizkraftwerk im Bezirk Friedrichshain am Ostbahnhof nicht nur einer der weltweit besten Techno-Clubs, sondern einer der großartigsten Veranstaltungsorte überhaupt. Die Fassade im Sozialistischen Neoklassizismus beispielsweise der nahen Karl-Marx-Allee wirkt pompös und feiert die Technik zur Beheizung der Kader-Appartements auf der ehemaligen Stalinallee. Es ist, als wäre im Ost-Berliner Heizkraftwerk von 1954 des Schinkel-Freundes Friedrich Gillys kühner Entwurf eines Hochofens von 1798 für Berlin Wirklichkeit geworden.


Foto: Masagiro Hayashi (Bearbeitung TF)

Was einst als eine späte Kathedrale der Technik diente, ist heute der konDOM des Techno mit weltweitem Führungsanspruch inmitten einer Industriebrache. Wo früher Tag und Nacht die Wärme für das Wohnzimmer des Sozialismus erzeugt wurde, wütet heute meist die schwüle Hitze der langen Nächte mit Openend bis Sonntagmittag. Helene Hegemann feierte als Ullstein-Autorin von Axolotl Roadkill am 19. Februar 2010 hier ihren 18. Geburtstag sozusagen als Realkulisse für ihren „Fickundkotz-Jargon“ (DIE ZEIT).

Für Figures in Motion wehte nur ein leichter Zug von kaltem Zigarettenrauch langer Nächte über die Tanzfläche im Panorama-Geschoss des Techno-Tempels. Authentisch. Hegemann dated im Club der Plagiatoren neuerdings einen älteren Adligen, doch sonst bleibt alles in Bewegung. Figures in Motion ist Originalkunst – Copyright Shintaro Imei. Figures in Motion ist Live und technische Verschaltung. Das Mischpult, an dem Shintaro sitzt, ist neben der 21-saitigen Koto, die Kimura Maya spielt, und Laptop das Hauptinstrument des Abends.


Foto: Masagiro Hayashi (Bearbeitung TF)

Koto und Computer erzeugen die audiovisuellen Figures in Motion. Der Titel der Performance spielt mit der Polisemie von figure für Zahl, Bild, Figur, Zeichen im Englischen. Die computergenerierten Bilder sind wie der Sound - und alles Digitale - Zahlenkombinationen aus 0 und 1 oder Null und Eins. Für die Bilder und Töne verschaltet Shintaro Imei die Makro-Linse der digitalen Vollbildkamera mit den Dance Stakes. Aus Verschnitt und Verzerrung entstehen neue, einmalige Sinneseindrücke live. Unwiederholbar.

Im IV. und letzten Teil von Figures in Motion bleibt der Sound des Koto-Spiels pur. Verschaltet wird es nur mit der Kamera, die das Spiel live auf eine riesige Leinwand projiziert. Während die Licht-Adaptionen auf der Leinwand ganz neue Bilder generieren, lässt sich Kimura Mayas Zupfen, Schlagen, Streicheln, Kratzen der Kotosaiten direkt beobachten. Sie ist eine Klangkünstlerin auf dem traditionellen japanischen Saiteninstrument. Ihre Finger und Hände werden durch die Markolinse zu surrealen Balletttänzern.


Foto: Shintaro Imei

Koto als japanisches Saiteninstrument mit chinesischem Ursprung hat die asiatische Klangwelt geprägt, die erst in der Meiji-Zeit des 19. Jahrhunderts europäische Einflüsse aufnimmt. Neuerdings wird die Koto als von 13 auf 21 bis 25 Saiten hochgetunetes Instrument auch für die Pop- und Experimentalmusik eingesetzt. Das Koto-Spiel von Kimura Maya ist deshalb so anregend, weil sie das Instrument mit ihrem ganzen Körper fast akrobatisch bespielt. Hatte das Spiel an dem Instrument früher etwas damenhaft Adliges, so greift Kimura Maya nun auf dem ca. 180cm langen Instrument extrem weit aus, um erstaunliche Töne und Klangschattierungen zu erzeugen.

Die Audio-Video-Performance Figures in Motion von Shintaro Imei ist besonders reizvoll und gelungen, weil sie auf mehreren Ebenen mit der Technik und Techniken stattfindet. Durch das experimentelle Spiel der Koto wird nicht zuletzt deutlich, wie selbst äußerst traditionsverhaftete Instrumente immer schon an Technik gebunden waren. Man könnte das eine Ebene der Moderne in der Musik nennen, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht zuletzt mit Arnold Schönberg die Technik in der Musik zum Thema macht. Insofern bearbeitet Shintaro mit seinen Performances nicht einfach nur Computerprogramme über das Mischpult.

Foto: Kai Bienert

Wo die Verschiebungen im Klang stattfinden, das wird nicht zuletzt performativ von Kimura Maya auf der Koto zum Klang. Die Stimmung der Koto wird über die Ji oder Stege vorgenommen. Durch die Verschiebung der Ji kann die Koto auf einen Klang gestimmt werden. Kimura verschiebt einzelne Jis während des Spiels aber nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar. Es entsteht eine zufällige, sinnliche Verschaltung von Ji mit dem Reglerknopf auf dem Mischpult. In dieser komplexen Art der Verschaltungen aus unterschiedlichen Medien wird Shintaro Imeis Kunst deutlich.

Im Erdgeschoss des Berghain waren am Donnerstag ebenso Phill Niblocks audiovisuelle Installationen N + M, NOMIS zu sehen und zu hören. Niblock (*1933) baute seine minimalistische Klanginstallation ganz auf zwei kugelförmige Glasgefäße auf. Der voluminöse Klang beim Schlag gegen die Gefäße erfüllt den Raum und wiederholt sich in der makroskopischen Videoaufzeichnung. Das Bild wird gleichsam sinnlich durch den Klang vergrößert.


Foto: Kai Bienert

Man sollte unbedingt noch die Gelegenheit nutzen, eine Aufführung der aktuellen Musik zu besuchen. Bis zum 10. April findet im Kino Die Kurbel noch ein Musik-Film-Marathon statt, auf dem 30 künstlerisch bedeutende Musikfilme mit einem Rahmen Programm gezeigt werden. 

 

Torsten Flüh

 

10 Jahre

Festival für aktuelle Musik Berlin

MaerzMusik

KLANG BILD BEWEGUNG

noch bis 27. März 2011

Berghain
Am Wriezener Bahnhof

Musik-Film-Marathon
Die Kurbel
Giesebrechtstraße 4
Berlin-Charlottenburg


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Categories: Medien Wissenschaft | Party

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