Revolutionäre Zeiten - Les Adieux A La Reine und Oktjabr auf der Berlinale 2012

Revolution – Individuum – Macht

 

Revolutionäre Zeiten

Les Adieux À La Reine und Oktjabr auf der Berlinale 2012

 

Es könnte sein, dass Revolution zum Berlinale-Thema 2012 wird. Die Revolution oder die Revolutionen aus verschiedenen Blickwinkeln. Zumindest ist der Eröffnungs- und Wettbewerbsfilm Les Adieux À La Reine nicht zuletzt ein Film über die Französische Revolution und dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789. Und dieser Film setzt zwar auch die Königin Marie Antoinette (Diane Kruger) auf bisher wohl ungekannte Weise in Szene – eine Nominierung für den schwul-lesbischen Filmpreis, Teddy Award, wäre durchaus drin -, aber mehr noch wird ihre Vorleserin Sidone Laborde (Lèa Seydoux) zur Erzählerin der revolutionären Umbrüche.

Oktjabr von Sergei M. Eisenstein wiederum zeigt die Oktoberrevolution auf eine derart revolutionäre Weise, dass der Film nach der Premiere im Januar 1928 in Moskaus sofort zensiert wurde. Eisenstein geriet mit dem Film zwischen alle politischen Fronten. Der Film wurde zensiert, verstümmelt, normiert. Im Web ist er mit falscher Musik zu finden. Nun präsentierte der Direktor des Moskauer Filmmuseums eine wissenschaftlich restaurierte Fassung mit der Original-Musik in einer Live-Aufführung mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Frank Strobel. Eine Sensation.

Gestern Abend war also ein von Revolution gesättigter Abend. Zuerst Haus der Berliner Festspiele und dann Friedrichstadt-Palast. Am Haus der Berliner Festspiele hängen für die Berlinale rote und weiße Lampions in den Bäumen. Der ganz große Wurf ist Benoît Jacquot mit Les Adieux À La Reine nicht gelungen. Aber es ist auch keinesfalls nur ein Kostümfilm. Der Film ist sogar so revolutionär, dass er im Umfeld von 68 sicher keine Chance auf der Berlinale gehabt hätte. Das liegt daran, von was, von welcher Seite der Revolution er erzählt. Diane Kruger als Marie Antoinette, Frankreichs Königin ist schön und emotional, aber der Sprung zur wirklich großen Schauspielerin war das noch nicht.

Wovon handelt der Film? Was erzählt er? Dramaturgisch korrekt, wenn auch nicht wirklich überraschend entschlüsselt sich der Film von den letzten im Off gesprochenen Sätzen der Sidone Laborde. Sidone hatte sich als Vorleserin der Königin nämlich gar nicht ohne die Königin denken können. Die Intensität der Identifikation mit der Königin ist höchst interessant und verrät sehr viel über die Voraussetzungen und Umbrüche von der Dienerin der Königin zum modernen Subjekt. Das ist die spannende, wenn auch nicht ganz unproblematische Perspektive, die Benoît Jacquot für seinen Film wählt.

Sidone ist als Vorleserin Vertraute und Freundin der Königin. Niemand weiß eigentlich so recht, wer diese Sidone ist und woher sie kommt. Das zählt auch nicht. Sie soll der Königin die schöne Literatur vorlesen. Dabei wird bereits in der Eröffnungssequenz deutlich, dass der Raum des Vorlesens an einer Grenze von Hofetikette und Intimität stattfindet. An dieser Grenze ist es gleich zu Beginn die Königin, die ihre junge Vorleserin in ihrem Boudoir eine Sorge zuteil werden lässt, die bereits eine Überschreitung markiert. Die Königin lässt nämlich Rosenwasser für die Mückenstiche ihrer jungen Dienerin holen und verarztet diese. In den Augen der älteren Hofdamen ist das ein Skandal.

Marie Antoinette hat in der Geschichte nicht gerade den besten Leumund. Im Spiel mit ihrer Vorleserin wird nun gerade etwas vorgeführt, was die wirklich tiefe Revolution von 1798 anbetrifft. Das ist mehr Michel Foucault als Historikererzählung. Es verändert sich nämlich alles. Das Leben der Bediensteten in Versailles kreist um den König und die Königin. Das zeichnete das höfische Leben seit dem Mittelalter aus. Wer was ist oder woher er kommt, zählt wenig. Der Hof ist abhängig von den Politiken seiner Majestät. Eine Majestät hat nicht einmal Launen. Umso erstaunlicher ist es, wenn die Majestät durch das Vorlesen ihre zentrale Position verlässt und bestätigt.  

Sidone wird nicht nur begünstigt von der Königin, sondern sie wird zu ihrem Spiegelbild, über das sie sich über sich selbst verständigt. Die erotische Beziehung Marie Antoinettes zu Gabrielle de Polignac, die im Film nicht nur als Favoritin, sondern Geliebte inszeniert wird, findet als erotisches Spiel am Hof statt. Für den Hof ist dies lediglich Anlass für Gerüchte. Der Abschied der Königin von Gabrielle de Polignac als Geliebte und Favoritin findet in der Öffentlichkeit von Versailles im Spiegelsaal statt. Im Gespräch mit Sidone allerdings beichtet die katholische Königin ihr Begehren. Sie beichtet nicht im Modus der Schuld, sondern im Modus einer Bestätigung ihrer selbst durch das Begehren zu Gabrielle de Polignac, indem sie es Sidone erzählt.

Früher hätte man vielleicht formulieren können, dass Marie Antoinette menschlich wird. Doch darum geht es in diesem Film ganz und gar nicht. Die lesbische Liebe wird nicht als ein menschlicher Zug der Königin inszeniert. Vielmehr geht es entschieden darum, welche Position Sidone, die die erotische Literatur kennt und der Königin vorliest, einnimmt. Ohne die Königin ist Sidone nichts. Sie formuliert es so zumindest am Schluss des Films. Die Königin und die Ausführung ihrer Befehle und Vertrautheit mitten im revolutionären Umbruch sind für Sidone alles.

Es geht weniger um ein „dramatisches Geschichtsbild mit ironischen Zwischentönen“ als vielmehr darum, dass der Hof von Versailles während der revolutionären Ereignisse wahrscheinlich wirklich nicht in der Lage war, sich ohne den König und die Königin zu denken. Das mag man - und es ist oft auf diese Weise gesehen worden – lächerlich finden. Es könnte aber eben auch den großen Umbruch, die Revolution auf einer ganz anderen Ebene inszenieren. Und es würde die Frage nach den Akteuren in einer Revolution auf andere Weise stellen.

Léa Seydoux gelingt es durch ihr intensives Spiel zum Schauplatz der großen Veränderungen von sich selbst zu werden. Sie spielt sehr zurückhaltend, doch vor allem überzeugend in welche Umbrüche sie die Grenzüberschreitungen der Königin stürzen. Das lässt sich schwer verbalisieren. Insofern ist es die Kamera von Romain Winding, die von den Vorgängen der Sidone erzählt. Dass die Königin mit den Fingern über die von Mücken zerstochenen Unterarme streicht, wird sehr früh als Grenzüberschreitung ins Bild gesetzt.  

Sich auf die Seite sozusagen der Looser einer Revolution zu stellen oder zumindest keine Partei für die Französische Revolution, die heute als verbindliche Errungenschaft gilt, ist zumindest ein äußerst intellektueller Akt. Er hält sich nicht an die Verbindlichkeit der Wertung. Jacquot hat allerdings auch kein rührselig, royales Bio-Pic gedreht. Dafür ist die Konzeption zu gut durchdacht. Ob allerdings das intellektuelle Gedankenspiel in einem ansonsten sehr auf Kostüme setzendem Kino aufgehoben ist, das muss man dann doch bezweifeln. Der Historienschinken ist wenigstens nicht wieder geboren worden.

Die noch viel größere Überraschung im Kontext der Revolution war dann gestern Abend Sergei M. Eisenstein im Friedrichstadt-Palast. Meine Freundin C.R. wird sich freuen, wenn sie die neue Fassung mit der Originalmusik von Edmund Meisel in der deutsch-französischen Erstausstrahlung auf Arte am 15. Februar sehen kann. Leider hat sie gestern den Lifestream verpasst. Doch es gibt immerhin schon einige Zusatzinformationen auf der Arte-Website. Heidi und Dietrich, Kiki und Ernst waren jedenfalls gestern von der Aufführung völlig überwältigt. Ich auch.

Gewiss der Film ist bekannt. Eisenstein ist bekannt. Doch die Komposition des Films, der Bilder und Schnitte, wird erst recht deutlich, wenn man sie zusammen mit der Musik von Edmund Meisel (1894-1930) erlebt. Es ist ungeheuerlich. Eisenstein und Meisel schaffen eine Komposition, die anscheinend alles so klar aussagen sollte. Doch sie gerieten zwischen alle Fronten. Auf der Website von Arte gibt es umfangreiches Zusatzmaterial, das noch nicht ausgewertet werden konnte.

Eisenstein inszeniert ein großes historisches Projekt. Eine Mythologie der Oktoberrevolution. Doch er erzählt keine Geschichte mehr. Das ist, um es einmal so zu formulieren, der große Widerspruch. Anstatt Erzählung gibt es die Montage. Durch Montage entsteht eine Komposition von Bildern, die eine dogmatische Erzählung unterläuft. Eisenstein verwendet 1928 alle ihm dafür zur Verfügung stehenden Mittel. Überblendungen im Bild, extrem kontrastive Schnitte, extreme Kameraperspektiven und nicht zuletzt assoziative Bildfindungen.

Wenn etwa in einer entscheidenden Sequenz, die immer wieder zwischen geschnitten wird, die reichen Viertel von St. Petersburg von den armen dadurch getrennt werden, dass die Brücken hochgefahren werden, dann hängt da schließlich ein totes Pferd wie in einem surrealistischen Bild an der Brückenkante. Zu den Maschinenbildern gibt es von Meisel eine Maschinenmusik. Der Wechsel der Bildeinstellungen wird hart geschnitten. Wiederholungen tauchen wie in einer symphonischen Komposition mehrfach auf. Es geht um Macht, Mächtige und Mächte.

Maschinen sind bei Eisenstein Mächte. Die politische Frage, wer die Macht erhalten soll und wer sie halten kann, kristallisiert sich auch und vor allem um die Maschinen herum. Das sind nicht nur Gewehre, englische Panzer, Schlachtschiffe, Kanonen und Maschinengewehre, sondern auch Brücken und Schornsteine. Die revolutionären Massen der Arbeiter und Bauern können nur bedingt von den Maschinen aufgehalten werden.

Die Macht und wer die Macht ausüben soll, ist die entscheidende politische Frage, die geradezu gestisch als Zwischentitel oder –kommentar wiederholt eingesetzt wird. Doch genau diese Machtfrage verselbständigt sich in einem Maße, dass sie die Machthaber in Partei und Staat bei der Uraufführung 1928 zutiefst verunsicherte. Wenn Macht eine Frage der Mehrheit ist, dann haben sich die Bolschewiki von Anfang an als die Mächtigen benannt. Denn Bolschewiki heißt nichts anderes als Mehrheitler. Doch die Bolschewiki sind bei Eisenstein höchst zerstritten.

Und wie endet überhaupt dieses filmische Meisterwerk, das zurechtgestutzt werden musste, damit es in der Sowjet Union gezeigt werden konnte? Am Schluss springt und strampelt ein Bauernjunge auf dem Thron und lacht sich halb tot. Ist das ein Kommentar auf die revolutionären Prozesse? Gerade die Komposition in ihrer Schnelligkeit anstelle einer Erzählung, inszeniert eine Macht des Revolutionären, die sich nicht einfach in einzelne Mächtige, gar Ersatzzaren bündeln lässt.

Das ist eben Berlinale, wenn man gerade gar nicht darauf gefasst ist, dass man mit einem wirklichen Ereignis konfrontiert werden könnte, es genau dann passiert. Vielleicht ist es mir oder dem einen oder anderen Zuschauer im Friedrichstadt-Palast ergangen wie den Premierengästen 1928. Man weiß nicht so genau, was man gesehen und gehört hat. Wie soll man es einordnen? Jedenfalls ist es aufgezeichnet worden. Aber es wird etwas komplett Anderes sein als das Staunen vor der riesigen Leinwand mit großem, exzellentem Orchester. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielte unter Leitung von Frank Strobel.

 

Torsten Flüh