Schaltstellen des Kosmos - Zur Tagung Weltinnenraum im Planetarium und der Sternwarte

Planetarium – Technik – Welt

 

Schaltstellen des Kosmos 

Zur Tagung Weltinnenraum im Planetarium am Insulaner und in der Archenhold Sternwarte

 

Am 25. und 26. April fand die Tagung Weltinnenraum – Das Planetarium als Medium kosmologischer Reflexion veranstaltet vom Fachgebiet Literaturwissenschaft der TU Berlin und dem DFG-Projekt Zeit · Bild · Raum zunächst mit zwei spätabendlichen künstlerischen Projektion im Zeiss-Planetarium am Insulaner statt, um am Freitag im Hörsaal der Archenhold Sternwarte in Alt-Treptow fortgesetzt zu werden. Jeronimo Voss zeigte die Ganzkuppelprojektion „Die Ewigkeit durch die Sterne“ und David McConville die Kosmotrope Fulldome-Performance „Visualizing Transcalar Imaginary“.

 

Hans-Christian von Herrmann und das Forschungsprojekt rücken das moderne Planetarium als Schnittstelle von Photographie, Wissen, Mechanik, Theater und Technik ins Interesse der Literatur. Sie untersuchen insbesondere, wie das Planetarium in den 1920er Jahren im Auftrag des Deutschen Museums in München von der Firma Zeiss in Jena realisiert wurde. In Berlin gibt es mit dem Klein-Planetarium in der Archenhold Sternwarte seit 1959, dem Planetarium am Insulaner seit 1965 und dem Zeiss-Großplanetarium seit 1987 drei Planetarien. Sie sind mittlerweile mit unterschiedlichen Techniken wie der Diaprojektion und ihrer Mechanisierung, seit 2010 auch statt mit „ratternde(n) und klappernde(n) Diaprojektoren“ mit der Fulldome-Projektion aus dem Beamer der Firma Zeiss ausgestattet.


Den Eröffnungsvortrag hielt Thomas W. Kraupe am Freitag im Hörsaal der Archenhold Sternwarte. Thomas W. Kraupe ist Leiter des Planetariums Hamburg, das prominent im Hamburger Stadtpark in einem ursprünglich als Wasserturm gebauten und genutzten Gebäude 1930 eröffnet wurde. Die Umnutzung des Gebäudes hatte geradezu einen programmatischen Charakter. Denn der Stadtpark wurde angrenzend an Arbeiterquartiere des nördlichen Hamburg wie Barmbeck als „sozialer Park“ nach 1910 angelegt. Hygiene – sauberes Wasser -, Gesundheit, Freizeitgestaltung, Erholung, Volksbildung und Unterhaltung überschneiden sich damit im zentralen Bau des Stadtparks, der zudem von Anfang an mit einer panoramatischen Aussichtsterrasse auf 42m Höhe ausgestattet war.

Thomas W. Kraupe ist nach 1997-1998 zum zweiten Mal seit 2012 Präsident der International Planetarium Society, die 2014 in Peking tagen wird. In seinem Vortrag Welt – Bild - Raum: Der Kosmos und das Planetarium gab Kraupe einen einführenden Überblick über die Vorstellungen vom Kosmos. Er eröffnete seinen Vortrag mit der Projektion der Himmelsscheibe von Nebra, die vor 3.700 bis 4.100 Jahren als ein Bild des Himmels angelegt wurde. Kraupe sieht in den Himmelsdarstellungen ein „raumzeitliches Muster“, zu dem Geschichten erzählt werden. Mit anderen Worten: „Der Kosmos ist in unserem Kopf.“ Deshalb funktionieren Projektionsplanetarien als „Konzepte von Realität“ wie im Kopf.    


Kraupe ging insbesondere auf Oskar von Miller ein, der als Gründer und Vorstand des Deutschen Museum beim Museumsneubau in den 20er Jahren den Auftrag für das Planetarium im Modus des ptolemäischen Weltbildes gab. Am 7. Mai 1925 ging mit der Eröffnung des Sammlungsbaues im Deutschen Museum das weltweit erste ptolemäische Planetarium als Projektionsplanetarium in dauerhaften Betrieb. Bei der Konstruktion machte weniger die Optik als vielmehr die „Herstellung der Lichtquelle“ in dem mechanischen Apparat ein grundlegendes Problem, wie aus einem Schreiben des Absolventen der TU Berlin und Konstrukteurs bei der Firma Zeiss, Walther Bauersfeld, vom 21. März 1919 hervorgeht.


Die Konstruktion des ptolemäischen Weltbildes mit einem Projektor in dessen Mitte war keinesfalls von Anfang an klar. Denn im Verwaltungsbericht 1911/12 von Oskar von Miller ist noch von einer „Riesenkugel von 8m Durchmesser“, die sich dreht, die Rede. Anstatt also eines Projektionsgerätes in der Mitte einer Halbkugel, geht man vor dem Ersten Weltkrieg noch von einer Kugel aus, wie sie mit dem Gottorfer Riesenglobus 1664 mit nur drei Metern Durchmesser realisiert worden war. Die Bewegungen am Sternenhimmel werden zu einer entscheidenden Konstruktionsfrage. Mit einer Kugel lassen sich die Fixsterne beobachten, fallen aber beispielsweise die jahreszeitlichen Bewegungen als Dimension aus.


Das frühzeitig als Wissensträger oder „Bildungsmittel“ (von Miller) konzipierte ptolemäische Planetarium „im mittleren Aufbau des Museums“ lässt sich auch als Frage danach formulieren, welches Wissen technisch er- und verarbeitet wird oder werden kann. Das Wissen der Kugel, die sich sozusagen um den „Besucher“ im „Mittelpunkt“ dreht, generiert andere Grenzen in Zeit und Raum als ein Projektor. Im 17. Jahrhundert spielten diese Grenzen im Gottorfer Riesenglobus so gut wie keine Rolle, zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden sie zum mehrdeutigen Problem der „Lichtquelle“.

Ein Bildungsmittel, wie es bisher wohl noch in keinem Museum gezeigt wurde, dürfte dabei ein Planetarium nach dem ptolemäischen System sein, das im mittleren Aufbau des Museums untergebracht werden soll. Dieses Planetarium besteht aus einer Riesenkugel von 8 m Durchmesser, in deren Mittelpunkt die Besucher sich befinden…
(Verwaltungsbericht 1911/12)


Doch die eigentliche Faszination liegt 1911/12 im „beliebig beschleunigtem Tempo“. Mit dem Tempo wird gegenüber der Bewegung als Problem der Mechanik bei Isaac Newton in Philosophiae Naturalis Principia Mathematica von 1686 und d’Alemberts Traité de dynamique von 1743 zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neuartige Verschaltung von Zeit und Raum angesprochen. Nun geht es um die Beschleunigung der Bewegung als Wissensformat.   

… In der inneren Kugelfläche sind die Fixsterne mit der Sonne, der Mond und die Planeten angebracht, und wenn diese Kugel sich dreht, so steigen über dem Horizont des Beschauers Sonne, Mond und Sterne gerade so hervor, wie wenn der Besucher auf der Kuppel des Museums stehend die Vorgänge am Himmelszelt in beliebig beschleunigtem Tempo beobachten könnte.


Die Beschleunigung, die Oskar von Miller so prominent mit dem Tempo anspricht, als Überwindung einer Strecke in einer regelbaren Zeit wird nicht zuletzt von ihm als Ingenieur und Kraftwerksbauer angesprochen, weil es eine entscheidende Dimension der Industrie und des ausgehenden Zeitalters der Lokomotive ist. Bewegung und Tempo spielen zwar schon beim Gottorfer Riesenglobus im 17. Jahrhundert eine Rolle, doch „die Vorgänge am Himmelszelt in beliebig beschleunigtem Tempo“ vorführen zu wollen, speist die neuartige Reglertechnik der Elektrizität als Wissenskategorie in die „Riesenkugel“ als Planetarium ein.[i] Unklar bleibt allerdings, wie genau „Sonne, Mond und Sterne“ über dem Horizont hervorsteigen sollen.  


Die Verschiebung von der Riesenkugel, „in deren Mittelpunkt die Besucher sich befinden“, zur Projektionskuppel, in deren Mitte ein elektrisch regelbarer, mechanischer Projektionsapparat aufgebaut wird, ist eine entscheidende. Mit ihr werden eine elektrische „Lichtquelle“, analoge Regler, Dia-Projektion, Mechanik, Bautechnik, Film-Theater zu einer „Wissensgeschichte der astrophotographischen Vermessung“ verschaltet. Auf der Website zur Tagung Weltinnenraum heißt es:

… Das Planetarium verband die Huygens’sche Mechanik der Planetenbahnen mit dem Blick von der Erde an den Himmel, also ein objektives Modell und den Blick von Außen mit der geozentrischen Perspektive. Aus dem mechanischen Modell des 17. Jahrhunderts, das seine technische Faktur auch auf die nun selbst als mechanisch verstandene Natur übergehen ließ, ist eine Medieninstallation geworden, die den Sternenhimmel nun als rein optisches Phänomen präsentiert. Es inkorporiert die gesamte Wissensgeschichte der astrophotographischen Vermessung des Sternenhimmels und erdet diesen, macht ihn erfahrbar und steuerbar…

(Tagung Weltinnenraum)


Mechanik und Masse gehören seit dem 17. Jahrhundert zu den entscheidenden Dimensionen des Wissens um den Kosmos. Mit den Entwürfen zum Cénotaph für Newton kompiliert Étienne-Louis Boullée einerseits das von Newton herrührende Wissen und stößt andererseits ständig an die Grenzen des Machbaren. Bildlich ähnelt die Kugelform des Cénotaph auffällig dem ptolemäischen Weltbild, doch die emphatische Erzählung Boullées feiert Newton als „Génie“ und Mittelpunkt des Kosmos. Bautechnisch lässt sich für Boullée der Entwurf nicht umsetzen und von der Mechanik ist noch gar nicht die Rede, sehr wohl aber vom hoch metaphorischen Licht durch die Sterne bei Nacht, über deren genaue Installation voller Emphase hinweggeschrieben wird.

La lumière de ce monument, qui doit être semblable à celle d’une nuit pure, est produite par les astres et les étoiles qui ornent la voûte du ciel. La disposition des astres est conforme à celle de la nature. Ces astres sont figurés et formés par de petites ouvertures percées en entonnoir dans l’extérieur de la voûte, et qui, venant aboutir dans l’intérieur, prennent la figure qui leur est propre. Le jour du dehors, pénétrant à travers ces ouvertures dans ce sombre intérieur, dessine tous les objets exprimés dans la voûte par la lumière la plus vive et la plus étincelante. Cette manière d’éclairer ce monument étant d’une vérité parfaite, elle rendrait l’effet des astres on ne peut plus brillant.

(Manuskript : Essai sur l’art – Monuments funéraires ou cénothaphes – vor 1799, zuerst 1968)


Anders als im Riesenglobus, der insbesondere mit den Sternbildern als Wissensmodus ausgestattet und innen bemalt ist, formuliert Boullée eine Konformität mit den Sternen in der Natur. Doch statt den Himmel durch Bewegung des Globus zu erhellen, wird der Tag durch eine künstliche Sonne, die die Sterne überstrahlt und mittig im Kugelraum hängt, erzeugt. In den Entwürfen wird so die Nacht außerhalb des Globus zum Tag und der Tag zur Nacht. Die Übergänge vom Tag in die Nacht und umgekehrt wie sie in der Natur stattfinden und als Wissen der Moderne die Drehung der Erde bestätigen, bleibt schwierig und wird dennoch als facile/einfach versprochen:

Il est facile de concevoir la justesse d’effet qui résulterait de la possibilité d’augmenter ou diminuer le jour dans l’intérieur du monument selon la quantité d’étoiles. il est facile aussi de concevoir combien le ton sombre qui régnerait dans ce lieu s rait propre à favoriser l’illusion.

(Monuments funéraires ou cénothaphes)

 

 

Das leere Grab, der Cénotaphe, mit dem Newton als „Génie“ gefeiert werden soll, ist keinesfalls leer. Vielmehr ist es angefüllt mit dem Wissen, das er formuliert hat, und verkörpert es zugleich. Darin gleicht Boullées Cénotaph der vielfach zitierten Rousseau-Insel von Ermenonville (1776), nicht aber in der Größe. Boullée macht Newtons Wissen zum Programm seiner Architekturen in einer Kombination von Magie und Malerei. Das ptolemäische Weltbild wird damit revolutionär umgedeutet. Der Ort, in dessen Mitte der Leichnam Newtons (nicht) ist, wird zum Ort des Wissens. Einwände gegen die Machbarkeit eines derartig, revolutionären Projektes entkräftet er mit einem „esprit divin“, einem göttlichen Geist oder auch Wissen, das er bei Newton beobachtet hat.

... Ce n’est pas, en effet, sur le moyen que je contesterais ; ce serait sur le résultat. Et si l’on pouvait présumer que je n’offre rien de nouveau et qui m’appartienne, j’observerais qu’avant Newton l’on avait vu tomber des pommes, et je demanderais qu’en était-il résulté avant que cet esprit divin… ? ...

(Monuments funéraires ou cénothaphes)

 

Boullées Cénotaphe funktioniert als eine Art modernes Proto-Planetarium, das auf beeindruckende Weise das Wissen vom Wissen im Modus des „Génie“ und des Großen Mannes inszeniert. Was fehlt, sind Techniken und Rechenschritte, die das Projekt realisieren könnten. Unterschlagen wird die Ausformulierung einer Mechanik, die das Ganze in Bewegung setzt, obwohl oder gerade weil die Mechanik als mathematische Operation das Wissen hervorgebracht hatte. Vielleicht müsste man den Cénotaphes-Abschnitt im höchst literarischen Essais sur l’art noch einmal genauer daraufhin lesen, welches Wissen wie verarbeitet wird. Das Gebäude jedenfalls gilt dem Wissen, das in Newton verkörpert wird.


Jeronimo Voss und David McConville setzen sich auf unterschiedliche Weise an der Schnittstelle von Wissenschaft und Videokunst mit dem Planetarium auseinander. Voss hat auf der dOCUMENTA (13) seine Installation „Die Ewigkeit durch die Sterne zuerst gezeigt. Der Titel zitiert den Revolutionär Louis Auguste Blanqui mit dem Text L’Eternité sur les astres, den er nach der Niederschlagung der Pariser Kommune 1871 im Gefängnis schrieb. Die Revolutionen des kosmologischen Weltbildes überschneiden sich auf literarische Weise mit der Erzählung von der sozialen Revolution.

David McConville vom Buckminster Fuller Institute hielt ergänzend zu seiner Projektion am Donnerstagabend am Freitag den Vortrag „Domesticating the Universe“, indem er der Frage nachging, wie die Kuppel/the dome den Kosmos geordnet bzw. angeordnet hat. Dabei kommt es im Englischen zur sprachlichen Überschneidung von Zähmung und Domestizierung mit der Kuppel als Wissensmodell:

The dome form has long embodied literal and metaphorical interpretations of the cosmic order. In cultures throughout the world, its symbolic significance has been intimately related to processes of observing, mapping and visualising patterns on the celestial screen. Though the notion of a solid celestial sphere was shattered in the Western imagination over the course of the Scientific Revolution, the dome continued to be associated with interpretations of the heavens. As dome theaters incorporated projection technologies in the twentieth century, they were used to simulate the apparent motions of the stars across the night sky as well as visualise cosmic journeys through artistic representations of the cosmos…

(Abstract, Domesticating the Universe, 2012)

Eine Begehung des Riesenfernrohrs und eine Vorführung im Klein-Planetarium der Archenhold Sternwarte rundeten die Tagung ab. Das Planetarium lässt sich als Weltinnen- und –außenraum bzw. Überschneidung eines Außen im Kuppelraum bedenken und auf vielfache Weise entfalten. Denn auf geradezu paradoxe Weise wird die Kuppel oder Kugel wie beim Hayden Planetarium des Museum of Natural History in New York mit einem Zeiss Star Projector seit 2000 immer gebaut, um im Innen ein Außen in mittlerweile unendlichen Dimensionen herzustellen und technologisch geregelt vorzuführen.

 

Torsten Flüh

 

 

 

Stiftung Deutsche Technikmuseum Berlin

Archenhold Sternwarte

Alt-Treptow 1

12435 Berlin

und

Zeiss-Großplanetarium

Prenzlauer Allee 80
10405 Berlin

 

 

 

Wilhelm-Foerster-Sternwarte e.V. mit

Planetarium am Insulaner

Munsterdamm 90
12169 Berlin

 

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[i] Anm.: Bereits das Riesenfernrohr, um das herum sozusagen die Archenhold Sternwarte in Treptow nach und nach gebaut wurde und mit dem Hörsaal zu einem prominenten Ort des Wissens als Volksbildung bis hin zum An- und Einbau des Klein-Planetariums 1959 als Ort der Einlösung des im Schulfach Astronomie in der DDR angeeigneten Wissens ausgebildet wird, ist eng mit der zunächst analogen Reglertechnik der Elektrizität verschaltet. Es war auf der Gewerbeausstellung 1896 das erste vollelektrisch angetriebene Ausstellungsstück, d.h. Maschine. Seit 1886/87 arbeitete die Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität, aus der die AEG hervorging, in der Schlegelstraße in Berlin-Mitte an Anwendungen der neuartigen Energie!

 


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Categories: Medien Wissenschaft

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