Schreiben, was sich nicht erzählen lässt - Primo Levis Ist das ein Mensch? in der Jüdischen Gemeinde

Überlebender – Zeugenschaft – Schreiben

 

Schreiben, was sich nicht erzählen lässt

Primo Levis Ist das ein Mensch? in der Jüdischen Gemeinde Berlin

 

Am Abend vor dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, an dem sich zum 67. Mal der Tag der Befreiung von Auschwitz jährte, dem 26. Januar, hatten die Kulturabteilung der Italienischen Botschaft und die Jüdische Gemeinde eingeladen, um die Neuausgabe von Primo Levis epochalem Text Ist das ein Mensch?, den er unmittelbar nach seiner Rückkehr in Turin 1946-1947 geschrieben hatte, vorzustellen. Die Neuausgabe im Hanser Verlag von 2011 war nicht zuletzt rechtzeitig zur 50. Wiederkehr der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe 1961 erschienen.

Die Neuausgabe vereinigt mit Die Atempause zudem Band I und II der von Marco Belpoliti im italienischen Verlag Einaudi besorgten Werkausgabe von Primo Levi (1919-1987). Marco Belpoliti und Anna Leube, die seit 1988 das Werk Primo Levis im Hanser Verlag betreut, stellten zusammen mit dem Schauspieler Friedhelm Ptok das Buch im Gespräch und mit Lesung vor. Im Gespräch teilte der Literaturkritiker, Lektor und Schriftsteller Marco Belpoliti, der an der Universität Bergamo lehrt, einige Information zu den Umständen der Erstausgabe im Verlag De Silva 1947 mit.

Was trug 1947 dazu bei, dass der Verlag Einaudi, in dem Natalie Ginzburg (1916-1991) arbeitete und ihr Roman È stato così herauskam, Premo Levis Buch nicht publizierte? In ihrem Roman, der im gleichen Jahr mit dem Literaturpreis „Tempo“ ausgezeichnet wurde, hatte Natalie Ginzburg das Thema der Wahrheit mit einem Zitat aus Dante Aligheris Göttlicher Komödie  zur Sprache gebracht:

Verità va cercando, ch’è si cara,
Come sa chi per lei vita rifiuta.

Dante: La divina commedia, Purgatorio, C. I, 71/72

„Die Wahrheit sucht er, die so teuer, wie der weiß, der für sie sein Leben opfert.“ Im Roman, der in der deutschen Übersetzung 1992 den Titel So ist es gewesen (Wagenbach) erhielt, geht es um den Mord einer Frau an ihrem Ehemann.  

Se questo è un uomo kam schließlich im „Kleinstverlag“ (Anna Leube) „De Silva als dritter Teil in der Reihe Biblioteca Leone Ginzburg, einer »dem Andenken des Märtyrers Leone Ginzburg gewidmete Reihe mit moralischen und kritischen Dokumenten zur Zeitgeschichte«“[1] heraus. Das Interesse des Einaudi Verlages lag nach Belpoliti darin, dass er „eine neue Art der Literatur“, wie sie Natalie Ginzburg mit ihrem Roman entwickelt hatte, zum Verlagsprogramm machen wollte. Die Editionsgeschichte des Buches ist mit anderen Worten von Anfang an mit einer Frage der Literatur, der Literarizität, der Frage des Schreibens, der Wahrheit und der Politik verknüpft.

 

Erst 1958 mit der überarbeiteten Neuveröffentlichung des Buches, das im Titel keine Zuordnung zu einem literarischen Genre erfährt, das im Verlag De Silva aber in einer Reihe von „Dokumenten zur Zeitgeschichte“ veröffentlicht wurde, bei Einaudi erreichte das Buch eine Bekanntheit, die 1961 zur Veröffentlichung in Deutsch bei Fischer führte und heute zu den wichtigsten Texten der Literatur über den Holocaust zählt. In Italien gehört das Buch zur Schullektüre. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte Robert Harvey sein Buch Witnessness - Beckett, Dante, Levi (New York/London 2010) im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung als ein Beitrag zur Frage der Zeugenschaft vorgestellt. Was heißt es Zeuge zu sein?

Der Erzählung von Auschwitz in 17 Abschnitten  von Die Fahrt über In die Tiefe und Unsere Nächte bis Geschichte von zehn Tagen ist eine in Versen geschriebene Vorrede vorangestellt. Sie beginnt mit der Adressierung des Buches an die Lebenden:

Ihr, die ihr gesichert lebet

In behaglicher Wohnung;

Ihr, die ihr abends beim Heimkehren
Warme Speise findet und vertraute Gesichter:

         Denket, ob dies ein Mann sei,

         Der schuftet im Schlamm,

         Der Frieden nicht kennt,

         Der kämpft um ein halbes Brot,

         Der stirbt auf ein Ja oder Nein.

        

 

An der Adressierung des so schwer, weil schmerzhaft Zu-Berichtenden in der Eröffnungssequenz ist nicht zuletzt auffällig, dass die Adressaten als solche formuliert werden, die „gesichert lebe(n)“, ebenso haben sie „behagliche Wohnung“, in die sie abends „(h)eimkehren“, wo sie eine „warme Speise finde(n)“ und „vertraute Gesichter“. Aufgerufen wird damit eine bürgerliche Existenz, die mit ihren Koordinaten von Sicherheit, Wohnung, Heim und Gesicht als Konzept vom Menschen weit zurück reicht. Das entspricht sicher einer Vorstellung von Lesern im Italien der 50er Jahre. Doch genau dies erweist sich als schwierig, denn diesen Lesern wird die Frage gestellt Se questo è un uomo: Ist dies ein Mensch/Mann?  

Die Frage des Menschen wird mit anderen Worten sehr früh an ein humanistisches Konzept vom Menschen geknüpft. Paradoxer Weise war es das humanistische Programm, das es Primo Levi erlaubte, über Auschwitz zu schreiben, wie er es selbst einmal formuliert hat:

»… Als dann die Zeit kam und ich dieses Buch schreiben musste, und ich hatte wirklich ein psychologisches Bedürfnis, es zu schreiben, fand ich in mir eine Art >Programm< [im Sinne der Informatik, E.F.] vor. Und dabei handelte es sich um dieselbe Literatur, die ich einst mehr oder weniger widerwillig studiert hatte, um jenen Dante, den ich auf dem Gymnasium gezwungen war zu lesen, um die italienischen Klassiker und so weiter.“[2]

Das Unbeschreibliche, das Levi in Auschwitz widerfahren war, die technifizierte, moderne Vernichtung von Menschen indem Maße, wie ihnen die Teilhabe an einer kategorisierenden Erfassung des Menschen verweigert wurde, wird nur mit einem „>Programm<“ schreibbar. Darin liegt ein unermesslicher Schrecken über das „>Programm<“ wie über die Möglichkeit des erzählenden Schreibens. Als sollte das Programm sogleich zurückgenommen werden, wird es von „E. F.“, Ernesto Ferrero, der die „Zeittafel“ der Italienischen Ausgabe einrichtete, mit dem vermeintlich entschärfenden Kommentar „im Sinne der Informatik“ versehen. Das „>Programm<“ wird damit allerdings geradezu neutralisiert oder auch naturalisiert.

Für Primo Levi gab es womöglich gar keine andere Möglichkeit, als in diesem „>Programm<“ zu schreiben. Er, der nicht aufhören konnte, zu erzählen, zu reden, brauchte händeringend ein Programm, um das Unbeschreibliche aufzuschreiben. Das Schreiben wird für Levi existentiell, das dennoch nicht das Trauma zu heilen vermag.

»Beim Schreiben fand ich für kurze Zeit Frieden und fühlte mich wieder Mensch werden, ein Mensch wie alle, weder Märtyrer noch Verdammter, noch Heiliger, sondern ein Mensch, der eine Familie gründet und in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit blickt«.[3]    

 

Wie sehr hängen das Schreiben und das Menschsein von einander ab? Ist, wer nicht schreibt, kein Mensch? Das humanistische Programm, das mit Dantes Aligheris Göttlicher Komödie in der Renaissance einsetzt, erzeugt ein Ensemble von Heim, Sicherheit und nicht zuletzt Gesichtern, das für die Frage nach dem Menschen konstitutiv wird. Die „vertraute(n) Gesichter“ entstanden ihrerseits in einem komplexen Prozess der Herausbildung von Gesichter(n) der Renaissance. Vertraute Gesichter um sich zu haben, ist keinesfalls eine Naturgesetzlichkeit.

Das Verdienst der Neuausgabe ist es insbesondere durch den Anhang und die „Zeittafel“ Primo Levis Zeugnis von Auschwitz jenseits der weiterhin erschütternden Erzählung lesbar zu machen. Im Erzählen von der Ereignislosigkeit der hoch durchorganisierten Vernichtung liegt immer auch der Schrecken. Am Schrecklichsten ist das Verrinnen der Zeit, in der nichts passiert. Wie lässt sich von diesem Nichts erzählen? Es ist so erbarmungslos, dass mit Dantes Fegefeuer erzählt werden muss:

Dies ist die Hölle. Heute, in unserer Zeit, muß die Hölle so beschaffen sein, ein großer, leerer Raum, und müde stehen wir darin, und ein tropfender Wasserhahn ist da, und man kann das Wasser nicht trinken, und uns erwartet etwas sicher Schreckliches, und es geschieht nichts, und noch immer geschieht nichts. Wie soll man da Gedanken fassen? Man kann keine Gedanken mehr fassen; es ist, als seien wir bereits gestorben. Einige setzen sich auf den Fußboden. Tropfen um Tropfen verrinnt die Zeit. (S. 25)     

Ist das ein Mensch? hat wie kaum ein anderer Text Zeugnis abgelegt vom Holocaust. Und der Verdienst der Neuausgabe ist es, den Text auch in seiner Literarizität und der erschütternden Tragik Primo Levis als Überlebender lesbar zu machen. Die Tragik des Überlebenden, der dazu verdammt ist, Zeugnis vom Unerzählbaren abzulegen, liegt in der Scham, überlebt zu haben. Marco Belpoliti, der Primo Levi für mehrere Jahre gekannt hatte, bevor er sich 1987, 40 Jahre nachdem er das Buch geschrieben hatte, selbst tötete, sieht in der Scham des Überlebenden den Anlass für diesen Entschluss.

 

Torsten Flüh

 

Primo Levi

Ist das ein Mensch?

Die Atempause
Carl Hanser Verlag

27,90 €


[1] Levi, Primo: Ist das ein Mensch? München 2011 S. 593 (Anhang Zeittafel)

[2] Ebenda S. 594

[3] Ebenda S. 592


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Categories: Kultur

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