Schwärme und das Waldbühnen-Konzert, das nicht stattfand - Berliner Philharmoniker sagen ihr Waldbühnen-Konzert 2011 in letzter Minute ab

Schwarm – Intelligenz – Individuum

 

Schwärme und das Waldbühnen-Konzert, das nicht stattfand

Berliner Philharmoniker sagen ihr Waldbühnen-Konzert 2011 in letzter Minute ab

 

Meine Familie schaltete am Samstagabend in Altenholz bei Kiel irgendwann nach 20:15 Uhr zufällig den Fernseher an, weil der Grillabend im Freien völlig verregnet wurde. Das digitale Programm-Menu listete: RBB - Berliner Philharmoniker live aus der Waldbühne in Berlin. – „Da ist doch Torsten.“ Sie schalteten ein. Traumhaft schöne Bilder einer Sommernacht. „Der weiße Hut - muss Torsten sein.“

Tatsächlich herrschten unwetterartige Verhältnisse in Berlin und insbesondere in der Waldbühne. Regen und starke Windböen bei ca. 12° C drückten die mehr als 10.000 Besucher unter Schirmen, in Regenjacken und Segleranzügen in die Sitze. Jung und alt. Als um 20:15 Uhr der Intendant der Berliner Philharmoniker, Martin Hoffmann, die Musiker und Riccardo Chailly unter Schirmen und in Mänteln die Bühne betraten, ging ein Raunen durch die Ränge.

Warum waren überhaupt mehr als 10.000 Menschen bei dem Wetter in die Waldbühne gekommen? Ich muss zugeben, dass ich völlig überrascht war, als ich um ca. 18:00 Uhr bereits Tausende von Besuchern in der Waldbühne vorfand. Bis 20:00 Uhr strömten weitere Tausende an den Veranstaltungsort. Wie lässt sich die Frage nach dem Warum beantworten? Für Fragen, die das Verhalten von Menschenmassen betreffen, wird aktuell ein Forscher zu Rate gezogen: Prof. Dr. Jens Krause.

Jens Krause beschäftigt sich mit Fischen. Er ist Professor für Fischökologie an der Landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Er arbeitet forschend in der Biologie und Ökologie der Fische am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Sein Interessen- und Forschungsgebiet sind ausschließlich Fische. Er untersucht das Verhalten von Fischen in Schwärmen. Daraus haben sich sein Forschungsprojekt Soziale Netzwerke und das Projekt Kollektives Verhalten und Selbstorganisation entwickelt.

Schwarmintelligenz heißt das Zauberwort, das Jens Krause mittlerweile zu einem gefragten Berater für Großorganisationen wie Gewerkschaften, parteinahen Stiftungen und Parteien macht. Schwarmverhalten und Schwarmintelligenz lassen sich an Fischschwärmen besonders gut beobachten. - Sind wir Fische? Am 30. März 2011 gab Prof. Jens Krause bei der stiftung neue verantwortung in der Berliner Freiheit seinen Input zur Diskussion über das Thema: Weisheit der Vielen oder Dummheit der Massen?  

Neben den Neurowissenschaftlern sind es derzeitig Verhaltensbiologen wie Jens Krause, die in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit genießen, weil sie Antworten entweder über das Denken des Individuums oder das Verhalten von Massen formulieren. Die Erforschung des Verhaltens von Fischen im Schwarm hat dabei seit ungefähr 2009 den Diskurs über die Schwarmintelligenz verschoben. Noch 2008 stellte Miriam Ommeln vom Institut für Philosophie der Universität Karlsruhe auf dem XXI. Deutschen Kongress für Philosophie die Frage: Wikipedia und Schwarmintelligenz: ein intelligentes Prinzip?

Miriam Ommeln ging von der „riesige(n) Resonanz der Open-Source Bewegung in der Bevölkerung bzw. der User“ als „ein kostengünstiges Instrument zum Wissensmanagement und zur allgemeinen Daten- bzw. Informationssammlung“ aus, das mit dem Schlagwort „User Generated Content“ für die Erstellung von Wikipedia genutzt wird. Ommeln lehnt die Rede von der Schwarmintelligenz als „alte(n) Wein in neuen Schläuchen“ ab. Sie begründet dies philosophisch mit Nietzsches Rede von einer „individuellen Intelligenz“.

Die Diskussion um Wikipedia hat vermutlich bereits ihren Höhepunkt überschritten. Mittlerweile rückt das Schwarmverhalten in Sozialen Netzwerken stärker ins Interesse der Forschung. Die philosophische Argumentation von Ommeln zur Schwarmintelligenz erscheint hilflos, weil sie Friedrich Nietzsche als Wissen zitiert.

Das Kräftige schlägt sich durch, das ist das allgemeine Gesetz: wenn es nur nicht so oft gerade das Dumme und das Böse wäre!
(Ommeln, Miriam: Wikipedia und Schwarmintelligenz: ein intelligentes Prinzip? Deutsche Gesellschaft für Philosophie e.V., Lebenswelt und Wissenschaft, XXI. Deutscher Kongress für Philosophie. PDF S. 14)

Lässt sich Nietzsche als Wissen zitieren, muss man fragen. Oder ging es Nietzsche um eine Befragung von Wissensformationen, wenn er beispielsweise 1839 in der Eröffnungsformulierung in Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne von Menschen als „kluge(n) Tieren“ schreibt?

In Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne geht es nicht zuletzt um eine epochale Verschiebung des Bildes vom Menschen als Tier. Nietzsche bejaht sie indessen nicht einfach, sondern wendet sie in eher poetischen als streng philosophischen Formulierungen zur Fragestellung an die Philosophie. Denn es geht um den Intellekt des Menschen. Die sprachliche Verschiebung, die mit der Eröffnungsformulierung des 2. Teils stattfindet, rückt insbesondere die Sprache und die Wissenschaft in die Aufmerksamkeit. Wissen - philosophisches wie naturwissenschaftliches – wird durchaus fragwürdig:

An dem Bau der Begriffe arbeitet ursprünglich, wie wir sahen, die Sprache, in späteren Zeiten die Wissenschaft. Wie die Biene zugleich an den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die Wissenschaft unaufhaltsam an jenem großen Kolumbarium der Begriffe, der Begräbnisstätte der Anschauungen, baut immer neue und höhere Stockwerke, stützt, reinigt, erneut die alten Zellen und ist vor allem bemüht, jenes ins Ungeheure aufgetürmte Fachwerk zu füllen und die ganze empirische Welt, das heißt die anthropomorphische Welt, hineinzuordnen.

Miriam Ommeln trägt dem fragenden Zug an der Schnittstelle von Wissenschaft und Literatur keine Rechnung, wenn sie Größe mit Nietzsche-Zitaten zu einem Wahrheits- und Wissensträger macht: 

Zudem sind diese Gesetze wenig wert, weil sie aus den Massen und deren Bedürfnissen abgeleitet sind, [...]. Der starke und grosse Mensch hat sich immer, wider diese Gesetze, durchgeschlagen: von ihm sollte eigentlich allein die Rede sein. Die Massen sind nur zu betrachten als einmal 1) als verschwimmende Copien der grossen Männer, auf schlechtem Papier und abgenutzten Platten 2) als Widerstand gegen die Grossen [...].
(Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe (KSA) in 15 Bänden, (Hg.) G. Colli, M. Montinari, Berlin, München. 1967. Bd.7, S. 642)

Ommeln übernimmt Nietzsches auch schwierige und polemische Rede von der Größe, vom „starke(n) und grosse(n) Mensch(en)“ und dem „Widerstand gegen die Grossen“, der zu bedenken wäre, fraglos. Denn für sie bedarf es der „Ausnahmeerscheinungen“, um „Kultur und Kultursicherheit“ zu erlangen. Um der Schwarmintelligenz philosophisch entgegen halten zu können, braucht es nach Ommeln eine widerständige Größe gegen die Grossen wie Wikipedia. Die Größe des Einzelnen wird von ihr der Kleinheit der Masse entgegen gehalten.

Das Verhalten von Massen, und als solches darf man die über 10.000 Menschen bezeichnen, die trotz schlechtestem Wetter zur Waldbühne kamen, stellt immer auch die Frage nach dem Wissen und der Intelligenz dieser Masse. Insofern war das Verhalten der Zehntausend am Samstagabend ein Ereignis, das mich an die Fragestellung von Schwarmintelligenz und Schwarmverhalten erinnerte. Die geradezu hilflose Argumentation in der Philosophie gegen die Schwarmintelligenz mit dem Parameter der Größe betrifft aktuelle Wissensverschiebungen im Internet und der wissenschaftlichen Diskussion.

Wie sieht also die Forschung von Jens Krause aus? Was sind die Parameter? Und welche sprachlichen Prozesse spielen eine Rolle? Zunächst einmal muss man auf die Sprache, insbesondere die Titel der Forschungsprojekte zurückkommen: Soziale Netzwerke und Kollektives Verhalten und Selbstorganisation. Zumindest verspricht der Titel Soziale Netzwerke eine Übereinstimmung mit sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Xing, Gayromeo, StayFriends oder LinkedIn. Diese Netzwerke sind in der Lage, durch Algorithmen Massen zu informieren und zu bewegen.

Wie sehen also die Sozialen Netzwerke aus, die Jens Krause untersucht? Könnte es sein, dass eine sprachliche Verschiebung von den Netzwerken des Internets zur Verhaltensforschung von Fischen stattgefunden hat? Das Projekt wird folgendermaßen formuliert:

Anhand einer Netzwerkanalyse untersuchen wir die Sozialstruktur von Tierpopulationen. Dieser Forschungsansatz geht weit über die konventionelle Analyse dyadischer Interaktionen in der Verhaltensforschung hinaus, da er quantitative Voraussagen zu relevanten Fragestellungen wie reziproker Altruismus sowie zur Informations- und Krankheitsübertragung ermöglicht. Als Forschungsobjekt nutzen wir hier vor allem den Trinidadischen Guppy, Poecilia reticulata, der eine komplexe und hochstrukturierte soziale Organisation aufweist, die die Voraussetzungen für die Evolution von reziprokem Altruismus erfüllt.

Darüber hinaus untersuchen wir die Netzwerksysteme des Killerwals und des Zitronenhais.

(Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Forschung, Projektehttp://www.igb-berlin.de/soziale-netzwerke.html)

Der „Trinidadische Guppy, Poecilia reticulata“ bietet demnach das Paradigma für das Verhalten von Menschen. Die Frage nach einem Bewusstsein in der Philosophie oder der Größe als Widerstand ist dem Schwarmverhalten der Guppys gewichen. Das naturwissenschaftliche Experiment mit einem Schwarm von Fischen, der visuell höchst eindrucksvoll beispielsweise mit einem Mal seine Richtung wechselt, wird durch eine mediale Verschaltung in Analogie zum Menschen gesehen.

Man sollte den Trinidadischen Guppy nicht kleiner machen, als er ist. Killerwale und Zitronenhaie sind indessen allein von ihrer Größer her schon beeindruckender. Was an der Rede vom Schwarmverhalten indessen auffällt, ist, dass mit der sprachlichen Verschaltung von „Fischen“, „Netzwerkanalyse“, „Evolution“, „Interaktion“ und „Altruismus“ in der Schwebe bleibt, ob es um eine deterministische Verhaltensbiologie oder eine systematische Untersuchung von dynamischen Verhaltensmustern geht. Der rein bio-logische Determinismus macht den Menschen ausschließlich zum Tier unter anderen. Die Untersuchung dynamischer Verhaltensweisen, die sich nicht ohne weiteres steuern lassen, rückt den Guppy näher an den Menschen heran.

Schwarmintelligenz generiert Wissen aus einem offenen, nicht hierarchischen System. Dies trifft insbesondere für das Internet zu und macht es im Handumdrehen zum Paradigma für die Schwarmintelligenz selbst. Was also gerade mit der Schwarmintelligenz bezüglich Wikipedia auf dem Spiel steht, ist weniger die Intelligenz als vielmehr die Hierarchie des Wissens.

Gerade wegen der Infragestellung von Hierarchien ist es für Ommeln unvermeidbar von Größe zu sprechen. Die Enzyklopädie funktioniert als hierarchische Akkumulation von Wissen, das sich in einer Person wie noch bei Pierre Bayle am Ende des 17. Jahrhunderts oder mehreren, den Artikelautoren seit dem 18. Jahrhundert, bündelt. Der Experte steht in der pyramidalen Hierarchie an der Spitze mit dem Anspruch auf ein universales Wissen zumindest in seinem Fach oder Fachbereich. Expertenwissen, auch in der Philosophie, steht der Generierung von Wissen aus der Masse gegenüber.

Die Verschaltung von Medien spielt für die mediale Karriere des Schwarmverhaltens als Verhalten eines sozialen Netzwerks keine geringe Rolle. Denn Jens Krause konnte 2007 nur mit Hilfe des WDRs für die hochpopuläre Wissenschafts-Sendung Quarks & Co sein Fischexperiment unter dem Titel „Der schlaue Schwarm“ versuchshalber auf Menschen übertragen. Die mediale Verschaltung fand für ihn durchaus überraschend statt, wie eine Pressemitteilung des Forschungsverbundes Berlin e.V. am 3. September 2009 unter dem Titel Wenn Menschen schwärmen mitteilte:

… Jens Krause erinnert sich: „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal über das Verhalten von Menschen forschen würde. Schließlich ist dieses sehr komplex. Es zeigte sich jedoch, dass zur Erforschung des Massenverhaltens keine individuellen Daten nötig sind.“

Am 6. Dezember 2010 war Prof. Jens Krause zu Gast beim Projekt Zukunft von Deutsche Welle TV, wo er als Verhaltensbiologe über die Beeinflussung von Menschen in Gefahrensituationen und neuen Applikationen für Smartphones sprach. Die Forschung zum Schwarmverhalten ist damit bereits in eine Phase der Prognostik eingetreten. Das Verhalten von Fischschwärmen wie Menschenmassen lässt sich durch empirische Forschung und Aussagen darüber, wie viele Menschen es bedarf, um eine Gruppe zu beeinflussen, vorhersagen und steuern. Entscheidend ist ein Vereinfachungseffekt, den Krause damit formuliert, dass „zur Erforschung des Massenverhaltens keine individuellen Daten nötig sind“.

Welche Rolle spielen Medien und Fernsehsender beim Verhalten von Menschenmassen? Das Waldbühnen-Konzert der Berliner Philharmoniker ist ein hochvernetztes Medienereignis. Das beste Orchester der Welt zu sein, reicht nicht, wenn es nicht kommuniziert wird. Mit der Digital Concert Hall haben die Berliner Philharmoniker seit Januar 2009 eine Internetplattform, auf der nicht nur alle Konzerte live gegen Bezahlung mitzuerleben sind, sondern es enthält auch ein bewunderungswürdiges Archiv, in dem beispielsweise bis 24. August wöchentlich ein bis zwei  Aufnahmen von Konzerten der Berliner Philharmoniker mit Claudio Abbado seit 1991 veröffentlicht werden sollen.

Wie groß der Einfluss der Digital Concert Hall zukünftig für die Berliner Philharmoniker sein wird, lässt sich noch nicht sagen. Für das Waldbühnen-Konzert wird indessen eine große Rolle spielen, dass es seit 1982 durch den Konzertveranstalter Peter Schwenkow stattfindet und an zahlreiche Fernsehsender in Japan, China und Europa verkauft wird. Von RBB über 3SAT und ARTE bis zur einzigen öffentlichen Rundfunkanstalt in Japan, NHK, sind die Berliner Philharmoniker und das Waldbühnen-Konzert medial präsent. Das Waldbühnen-Konzert wird i.d.R. Live übertragen. Deshalb hat es in den letzten Jahren besseres und schlechteres Wetter gegeben. Niemals aber wurde das Konzert abgesagt.

Was das Schwarmverhalten der Zehntausend anbetrifft, geht es mithin um ein weit verzweigtes und sich höchst individuell verknüpfendes Wissensnetz. Ein Konzert in der Waldbühne selbst unter widrigen Witterungsbedingungen kann nicht nicht stattfinden. Es genießt den Status der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit. Das gilt für das erste und einzige Deutschland-Konzert von Barbra Streisand 2007 wie für das bilderbuchschöne Konzert der Berliner Philharmoniker 2010 mit Renée Fleming. – Meine Familie sah auf RBB das Konzert von 2010, was sie zunächst nicht wusste.

Insbesondere Open-Air-Veranstaltungen sind große Wissensakkumulatoren, die sich in Erzählungen und Verhalten artikulieren. Beispielsweise sind die Eutiner Festspiel mit ihren Aufführungen auf der Seebühne im Park des Eutiner Schlosses oft vom Wetter heimgesucht worden. Doch der passionierte Eutin-Besucher ist mit Decken, Regenhosen und Plastiksäcken für die Füße gerüstet. Das Open-Air-Konzert ist das höchst individualisierte Gegenkonzept zum Puschenkino. Statt Wellness und Wärme waren Zehntausend auf Regen und Rum eingestellt, weil das Konzert aller Wahrscheinlichkeit hätte stattfinden müssen.

Das Waldbühnen-Konzert der Berliner Philharmoniker ist Monate im Voraus ausverkauft. Reisegruppen aus Deutschland, Europa und Japan reisen wegen dieses Ereignisses nach Berlin. Möglich sind gleichzeitig soziale Wissensverknüpfungen, wenn das Orchester bei diesem Wetter spielt und spielen muss, dann will „ich“ so solidarisch sein, dass sie nicht vor einer leeren Waldbühne spielen müssen. Auch finanzielle Überlegungen mögen eine Rolle gespielt haben, denn die Karten sind nicht billig. Wenn „ich“ schon bezahlt habe, dann will „ich“ jetzt auch etwas dafür haben.

Das wirklich Rätselhafte an dem Verhalten der Konzert-Besucher, liegt nicht darin, dass einige Wenige die Gruppe beeinflussten, sondern darin, dass äußerst heterogene Wissensverknüpfungen dazu führten, dass Zehntausend um 20:15 Uhr in der Waldbühne saßen. Sie kamen, um die Berliner Philharmoniker unter Riccardo Chailly mit Werken von Dmitri Schostakowitsch, Nino Rota und Ottorino Resphighi zu hören, was sie doch unbedingt von Fischen unterscheidet.

 

Als der Intendant auf der Bühne bekannt gab, dass es für die Musiker auf der Bühne völlig unmöglich sei zu spielen, weil der Regen mit den Böen auf die Bühne gepeitscht werde und die Instrumente beschädigt würden, gab es ein kurzes Murren. Doch die Instrumente und vor allem die Streichinstrumente des Orchesters sind eine Voraussetzung für die Spitzenqualität der Berliner Philharmoniker. Manch eine Violine, manch ein Cello oder eine Bratsche darf als ererbt und unersetzlich gelten.

 

Der Mensch kann sich widrigsten Witterungsverhältnissen anpassen. Für ein Streichinstrument bedeutet Wasser den Tod. – Die gut 10.000 Menschen verließen, wie sie gekommen waren, die Waldbühne nicht zuletzt mit dem Vertrauen, dass der Veranstalter, der Dirigent und das Orchester Regelungen finden würden.

Das Konzert wird nun am 23. August 2011 nachgeholt, was keinesfalls eine Selbstverständlichkeit ist. Denn es handelt sich auch um den Ersatz von Unersetzlichem. Beispielsweise wartet Riccardo Chailly, Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, nicht in seinem Wohnzimmer darauf, dass die Berliner Philharmoniker für ein ausgefallenes Konzert anrufen. Das letztlich tatsächlich ein Ersatztermin gefunden werden konnte, gleicht einem kleinen Wunder.

Das schier nicht voraussehbare Zusammenspiel widrigster Witterungsverhältnisse, hochkomplexer Wissensakkumulationen, eines einzigartigen Ortes und der richtigen Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt haben das Rätsel vom Wissen der Massen für einmal hervorgebracht. Ob man es Schwarmintelligenz nennen kann, lässt sich nicht mit Gewissheit entscheiden.

 

Torsten Flüh


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