Schwarz machen/Schwarz werden - Thomas Ostermeiers raffinierter Othello an der Schaubühne

Othello – Schwarz – Männer

 

Schwarz machen/Schwarz werden

Thomas Ostermeiers raffinierter Othello an der Schaubühne

 

Die Hauptrolle von Shakespeares Othello spielte schon immer Jago. In der Inszenierung des Othello nach der Textfassung von Marius von Meyenburg wird die Funktion des Jago noch einmal verstärkt. Jago (Stefan Stern) ist der Macher, der Showmaster, der CNN-Live-Reporter, der Populist, der die Bilder und die Storys macht. Ein galaktisches Arschloch.

Jago macht als Karriere-Junkie Othello aus Rache schwarz. He blackmails Othello, könnte man im Englischen sagen. Er ist Erpresser und Auspresser all der schlichten Gefühle, Ängste und Aggressionen, die Othello allererst schwarz und zum Schwarzen machen. Weil Jago in der Beförderung übergangen worden ist, seine Karriere einen Knick bekommen hat, will er Othello vernichten. Dafür wird Othello gleich zu Beginn zum geilen, schwarzen Bock gemacht, der die schöne Venezianerin Desdemona verzaubert haben muss, dass sie ihn überhaupt geheiratet hat.

 

Es beginnt alles mit einem leisen Rauschen, einem Ton, ein Trompetenton wie Atmen. Von irgendwoher auf der Bühne kommt ein Ton, ein Rhythmus kommt hinzu. Zunächst findet alles in der Musik (The Polydelic Souls) statt. Mehr und mehr Schlaginstrumente kommen hinzu. Der Rhythmus wird schneller wie Herzklopfen, dann Rasen, Ekstase.

Othello (Sebastian Nakajew) zieht sich aus, stellt sich nackt nur mit Filmstreifenflimmern bedeckt ans weiße Bett. Desdemona (Eva Meckbach) tritt an ihn heran und beschmiert seinen Körper mit schwarzer Farbe. Sie entkleidet sich, Hochzeitsnacht. Sie verschwinden unter Betttüchern und auf der Hinterbühne.

 

Desdemona ist ganz und gar nicht frei davon, Othello erst einmal schwarz zu machen. Wir alle sind nicht frei davon. Wie kommt es dazu? Später wird Othello erzählen, wie er im Hause Brabantios „the story of my life“ erzählt habe und wie Desdemona ihn als Mensch zu lieben begann.

She wish'd she had not heard it, yet she wish'd
That heaven had made her such a man: she thank'd me,
And bade me, if I had a friend that loved her,
I should but teach him how to tell my story. (Shakespeare)


Foto: Sebastien Dupouey

Othellos Erzählung ist die, durch Leiden ein venezianischer Mensch – man - geworden zu sein. Beziehungen sind immer schon in Erzählungen verstrickt. So auch Desdemonas Liebe. Othello stellt die Frage nach dem Menschen. Was ist der Mensch? Othello ist nicht einfach die Geschichte vom edlen Mohren, der Opfer der Intrigen Jagos wird. Der Kitsch der Lovestory zwischen der Weißen und dem Schwarzen wäre schon Shakespeare zu wenig gewesen. Vielmehr stellt Shakespeare im Othello und mit ihm die Frage danach, was der Mensch ist. 

 

Das Hören der „story of my life“ versetzt Desdemona in ein bemerkenswertes Schwanken. Sie wünscht zunächst diese nicht gehört zu haben, um dann zu wünschen, dass der Himmel sie zu einem solchen Menschen gemacht hätte. Deutlicher kann man kaum formulieren, wie Desdemona sich selbst als Mensch in Othello lieben möchte.


Foto: Sebastien Dupouey

Ist ein Mensch ein Produkt seiner Geschichten? Welche grandiose Verkennung findet statt, wenn wir in einem Menschen (s)eine Erzählung lieben? Aber auch: Was hassen wir im Anderen, wenn wir ihn zum Schwarzen, zum Anderen aus „anderen Kulturkreisen“ (Horst Seehofer) machen? Was lieben wir, wenn wir lieben? Was liebt Desdemona?

 

Vor allem aber muss man die Frage stellen, was Jago hasst, wenn er Othello so sehr hasst, dass er nicht einfach seinen Tod, sondern seine Vernichtung bei lebendigem Leibe wünscht? Was hasst Jago, wenn er ganz zu Anfang zu Roderigo sagt, dass er nicht weiß, wie er sich selbst lieben könne:

O villainous! I have looked upon the world for four
times seven years; and since I could distinguish
betwixt a benefit and an injury, I never found man
that knew how to love himself. Ere I would say, I
would drown myself for the love of a guinea-hen, I
would change my humanity with a baboon.


Foto: Sebastien Dupouey

Jago kann nicht nur sich selbst nicht lieben, vielmehr hat er mit seinen 28 Jahren keinen Menschen getroffen, der ihm hätte sagen können, wie man sich selbst liebt. Es ist ein Geheimnis. Und es ist Jagos schweres Manko, dass er nicht weiß, wie er sich selbst lieben kann. Deshalb würde er seine Menschlichkeit – humanity – selbst mit einem Pavian oder Trottel – baboon - teilen. Diese durchaus freche Entgegnung an Roderigo, den er für einen Trottel hält, schließt Othello als Pavian mit ein.

 

Jagos Karriere, von der er geträumt hat und die ihm Othello durchkreuzt, macht einen vermeintlich bösen Karrieristen nicht nur zum Intriganten, vielmehr durchkreuzt es sein Menschenbild und Bild von sich selbst zutiefst. Man darf das eine schwere narzisstische Kränkung nennen. Während Othello zum bewunderten Bild vom Menschen durch Desdemona aufgebaut wird, hat Jagos durch den Karriereknick einen fundamentalen Bruch erlitten. Das ist der dramatische Konflikt des Othello. Gefesselt und gebunden bleibt das Menschenbild an eine Erzählung.

 

Sebastian Nakajews Othello ist zu Anfang durchaus farblos. Und das ist richtig. Er erscheint eben nicht als „der edle Mohr“. Das wäre bereits falsch, wenn Othello seinen ersten Auftritt als Gutmensch hätte. Zweifellos haben das Generationen von Othellos geleistet. Bei Shakespeare steht das nicht! Es war immer schon ein vertrackter positiver Rassismus, wo es doch Shakespeare um eine tiefere Fragestellung geht, die man im ersten Akt gar nicht genauer formulieren kann. Was heißt es dann, wenn gerade in mehreren Zeitungen die Farblosigkeit bekrittelt wurde?

 

Stefan Stern als Jago ist nicht wirklich böse, sondern ein Kommunikator von höchsten Gnaden. Sein Jago beherrscht nicht nur die Büro-Intrige, vielmehr wechselt er seine Sprachebenen vom Rette-die-Millionen-Showmaster über den Bild-Reporter am peruanischen Bohrloch bis zum Geert-Wilders-Verschnitt. Stern kann das auf brutalstmögliche Weise. Sie alle sind nicht böse, sondern der Common sense in höchster Konzentration. Kein böses Wort, nur die Mischung macht’s. So einer bringt sich am Schluss nicht um. Wozu? Was hat er denn Falsches gesagt? Sein letzter Satz ist anders als bei Shakespeare:

Ich sage nichts mehr.


Foto: Tania Kelley

Bei dem, was und wie Jago alles gesagt hat, was dazu geführt hat, dass Othello schließlich Desdemona auf Grund „falscher“ Erzählungen umgebracht hat, hat man sich schon viel früher gewünscht, dass er doch endlich einmal nichts mehr gesagt hätte. Aber es ist Jagos Beherrschung der Rhetorik, dass er durch Andeutungen und nichts sagen, Othello in Eifersucht und Raserei treibt. Die Rolle des Jago übernehmen heute ganze Medienkonzerne, die davon leben, sogenannte „Debatten“ anzuzetteln.

 

Jagos Aufforderung „Denk doch mal mit“ macht jedem Scientologen Ehre. Denk doch mal mit oder nach, heißt nicht, selbst zu denken. Vielmehr heißt es, dem nach und hinterher zu denken, was Jago vordenkt. Denk doch mal nach den Regeln der Demoskopie. Die Einflüsterer vom Format Jago würden niemals ein Denken vorschreiben oder verbieten. Vielmehr sind sie gegen Denkverbote und locken ihre Roderigos, Cassios und Othellos, zu denken, was sie ihnen sagen.


Foto: Tania Kelley

 Steck dir Geld in die Tasche.

Stern fordert Roderigo (Niels Bormann) mehrfach und wiederholt wie eine Mischung aus Werbefernsehmoderator und Scientologe auf, sich die Taschen voller Geld zu stopfen. Neben der Liebe ist Geld das andere Thema des Othello. Jago weiß vom Geld als Machtmittel. Geld macht Liebe. Geld in der Tasche verschafft dir die Frauen und die Lust.

 

Shakespeares Zypern ist in der Schaubühne immer auch Ballermann oder der Strand von Phuket oder die Ausweichdestination für Sextouristen auf den Philippinen (Bühne: Jan Pappelbaum). Wer will schon nach Thailand fliegen, wenn es dort politisch unsicher sein könnte? Der Sextourist will Sicherheit und kein Risiko - vor allem für sich selbst. Die Las Vegas Leuchtreklamen laufen fast ständig im Hintergrund (Video: Sebastien Dupouey). Sex und Spiele!


Foto: Tania Kelley

Was ist das Taschentuch? Desdemona verliert ihr Taschentuch. Emilia findet ein Taschentuch. Jago nimmt das Taschentusch. Cassio bekommt es. Bianca will das Taschentuch nicht. Othelllo vermisst es und sieht das Taschentuch bei Cassio. Das Taschentuch ist immer als das gleiche ein ganz anderes. Es ist ein shifter. Ein shifter ist nicht abhängig von einer Aussage, sondern vom Prozess des Aussagens. Dem Taschentuch werden die unterschiedlichsten Aussagen zugeschrieben.

 

Das Taschentuch erhält allererst vom Aussagen her seine Bedeutung. Shakespeare hat das Taschentuch auf geradezu paradigmatische Weise in die dramatische Handlung des Othello eingebaut, um mit ihm die Frage nach dem Menschen zu wiederholen.


Foto: Sebastien Dupouey

Othellos Wissen über das Taschentuch als Faktum für die Untreue Desdemonas, wenn er es bei Cassio sieht, als Bianca es Cassio demonstrativ zurückgeben will, leitet die Katastrophe und den Mord an Desdemona ein. Mit anderen Worten: das Wissen vom Taschentuch macht Desdemona zur "Nutte", so wie es Jago gesagt hat. Ob sie es jemals war, ist völlig unerheblich. Allein der Prozess des Aussagens macht sie dazu und endet im Mord.

 

Das Taschentuch wandert von Hand zu Hand und jede/r sieht in ihm etwas Anderes. Man kann nicht wissen, ob dieses magische Taschentuch, dem eine Ägypterin nach Othellos Worten einen Zauber eingewebt haben soll, wirklich Zauberkräfte besitzt. Man kann auch nicht wissen, ob Othello diese Geschichte über die Textur des Taschentuchs nur erfunden hat, nachdem es verloren gegangen war und ihm nun ein Wert beigemessen worden war. Man kann all das nicht vom Taschentuch wissen. Aber es führt zum Mord. Deshalb ist es nicht das Taschentuch selbst, sondern die Lügen und Irrtümer die dem wandernden Taschentuch beigegeben werden. Erst in der Bewegung von Hand zu Hand nimmt es eine jeweilige Erzählung an.

Das Taschentuch wird in der Inszenierung wunderbar ausgespielt. Es geht um das Verhältnis von Sehen und Wissen. Sehr schön die Szene, in der Bianca, das Taschentuch Cassio zurückgeben will, weil sie, die Prostituierte, in ihm den Beweis für Cassios Untreue sieht. Jago bringt Cassio demonstrativ zu Lachausbrüchen. Und Othello sieht alles. Er sieht, wie Jago ihm versprochen hat, alles. Doch gleichzeitig sieht er nichts, weil er alles nur mit dem Wissen sieht, das Jago ihm eingeredet hat.

 

Das Verhältnis von Erzählung und Wissen zum Sehen ist in der Inszenierung höchst genau und richtig herausgearbeitet. Gesehen wird nur, was durch eine Erzählung identifikatorisch zu Wissen geworden ist. Wunderbar auch die simultan projizierte Sequenz, als Jago Othello in den Zweifel über Desdemonas Treue stürzt. Othello wird in der Simultan-Projektion schwarz. Er sieht sich selbst durch Jagos verlogene Erzählung als Schwarzen. Das ist höchst prägnant und macht alltägliche Vorgänge der Bilderzeugung in den Medien sichtbar.

 

Genau darum geht es jetzt! Es ist erstaunlich, wie gesellschaftlich sensibel und geradezu vorausschauend Thomas Ostermeier mit seinem Ensemble den Othello bereits im Sommer in Epidauros erarbeitet hat. Er konnte doch gar nichts von einer Sarrazin-Debatte und Zuwanderungsstopps und „der Islam gehört auch zu Deutschland“ wissen? Oder ist es das Entwicklerbad der Aktualität, das diesen Othello jetzt so gegenwärtig analytisch macht?

 

Was wissen wir von „den“ Türken? Was wissen wir von „den“ Menschen, die den Islam praktizieren? Wir wissen nichts von ihnen, wenn wir sie nicht erst zu den und denen machen. In einer gesellschaftlichen Situation, in der allerdings ganze Bevölkerungsgruppen bzw. ein sogenannter Mittelstand – Steck dir Geld in die Tasche – wie Jago eine tiefe narzisstische Kränkung erfährt, müssen die Anderen her. Sie müssen gemacht werden, so wie Othello zum Schwarzen gemacht wird.

 

Nein, Jago ist gar nicht böse. Ist er wirklich nicht. Aber es gibt mehr als einen Jago. Es gibt ein Jago-Modell. Dieses Jago-Modell hat im Moment gerade Konjunktur. Und wenn dann mal wie bei Desdemona was daneben gegangen ist, dann sagen alle Jagos: Ich sage nichts mehr.   

 

Torsten Flüh


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Categories: Theater

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