Sehen, was Juri Gagarin sah - Christopher Rileys Film The first Orbit auf YouTube

Juri Gagarin – Orbit – real time

 

Sehen, was Juri Gagarin sah

Christopher Rileys Film The first Orbit auf YouTube

 

Dem britischen Regisseur Christopher Riley ist mit The first Orbit ein Meisterwerk gelungen, das man sich auf den größten Leinwänden zu sehen wünscht. Vorerst kann man es auf YouTube sehen, wo bereits fast 3 Millionen User seit dem 12. April 2011 das 139 Minuten und 15 Sekunden lange Video abgerufen haben.

Am 12. April 1961 umrundete Juri Alexejewitsch Gagarin (1934-1968) im Alter von 27 Jahren in 108 Minuten einmal die Erde. Bei der Umrundung flog er durch Tag und - im Schatten der Erde - Nacht. Christopher Rileys Wunsch war es, zu sehen, was Gagarin auf seinem Flug sah. Der italienische Astronaut Paolo Nespoli, seit dem 15. Dezember noch bis zum 16. Mai im All, filmte von der Internationalen Raumstation (ISS) den Flug.

In den ersten 12 Sekunden des Films bleibt der Bildschirm schwarz wie die Nacht oder das All ohne Sterne. Man hört das Schnarren des Funkverkehrs und schließlich eine Männer-Stimme, die Russisch spricht. Dann erscheint aus dem Schwarz die Schriftzeile APRIL, 12TH 1961.

Rileys Wunsch, zu sehen und sehen zu lassen, was der erste Mensch im All sah, ist jener Wissenschaft begründender Wunsch nach Sichtbarkeit, der als Paradigma die moderne Wissenschaft durchzieht. Mithin wird der Film in sozusagen Kinoüberlänge vom Sehen und der Erfüllung des sprachlich formulierten Wunsches handeln. Wie in einem Experiment wird eine These als Wunsch formuliert, die mit Bildern eingelöst werden soll.

Michel Foucault (1926-1984) hat nach Michael Ruoff (Foucault-Lexikon 2007 S. 99) wiederholend auch 1967 in einem Artikel im Nouvel Observateur das Verhältnis von Sichtbarem zum Sagbaren in Bezug auf die Geburt der Klinik - Eine Archäologie des ärztlichen Blicks (1963) also die Medizin analysiert. Doch das Verhältnis vom Sichtbaren zum Sagbaren betrifft nicht nur die Medizin. Es betrifft die moderne Wissenschaft als solche.

Das Sichtbarkeitsparadigma gilt und formiert die moderne Wissenschaft spätestens seit Isaak Newtons (1643-1727) Versuchen in der Experimental-Physik, die das christliche Weltbild zutiefst ins Wanken bringen. Am 5. Juli 1687 veröffentlichte Newton seine Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, die Mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie. Sie enthalten und verschärfen einerseits das Postulat der Berechenbarkeit und führen andererseits mit der Sichtbarkeit des Berechneten im Experiment dies als entscheidendes Paradigma ein.

Vom ersten Flug im All gibt es keine Bilder. Mit dem Start der Wostok 1 und ihrem spektakulären Entschwinden im All brachen auch die Bilder ab. Es gab Bilder vor dem Start und nach der Landung. Was dazwischen geschah, blieb unsichtbar. Es war allein über Funksprüche zu hören. Heute kann man das Leben im All auf der ISS Live verfolgen und ständig Bilder von der Erde sehen. Doch die Astronauten sind mit ganz anderen Experimenten im All ausgelastet. Wie Paolo Nespoli im Trailer zur Produktion des Films via Live-Schaltung sagt, haben die Astronauten gar keine Zeit, aus dem Fenster zu sehen.

Welche Rolle die Sichtbarkeit der Aktionen als Experimente im All Live spielen sollte, zeigten am 21. Juli 1969 die Mondlandung von Apollo 11 und der medial durchinszenierte erste Schritt auf den Mond von Neil Armstrong. 600 Millionen Menschen fieberten diesem Schritt entgegen. Sie sahen die Live-Übertragung weltweit. Und der erste Schritt auf dem Mond war mit den Worten Neil Armstrongs nicht nur einer von ihm selbst, sondern einer für die ganze Menschheit:

That's one small step for [a] man, one giant leap for mankind.

Das Telefunken-Fernsehen, vor dem ich als Siebenjähriger stand, war aus Holz und hatte eine Bildröhre. Es war noch in Schwarzweiß. Das Fernsehen war ein Kasten aus Holz. Ein Möbelstück wie eine Kombination aus Schrank und Theater- oder Kinobühne. Nur, wenn man fernsehen wollte, schob man eine Holzverkleidung zur Seite, die den schmutzig grauen, gewölbten Bildschirm und die Dreh- und Druckknöpfe für Frequenzen, Klang, Lautstärke und Helligkeit freigab. Aus diesem „Flimmerkasten“ kamen Bilder Live vom Mond.  

Der „Flimmerkasten“ verdiente seinen Spottnamen zu Recht. Die Live-Bilder flimmerten in Schwarzweiß und waren nur schwer zu erkennen. Man musste sich beim Fern-Sehen anstrengen. Was ich am 21. Juli 1969 flimmernd und in Zeitlupe sah, bedurfte der Sprache in Form der Worte Neil Armstrongs, sonst hätte man den ersten Schritt, der so viel für die Menschheit bedeuten sollte, glatt übersehen. Der Zeitlupeneffekt wurde durch die geringere Schwerkraft auf dem Mond erklärt. Doch für einen Siebenjährigen war es nur schwer vorstellbar, weshalb dann die ganze Raumsonde nicht vom Mond fiel. Andererseits weckten die Bilder den Wunsch, selbst auch einmal so schwerelos herumzuhüpfen.

Das Verhältnis von Wissenschaft und Propaganda um den ersten bemannten Flug ins All ist oft zugunsten der Propaganda entschieden worden. Während das wissenschaftliche Unterfangen der Raumfahrt als fraglos galt und weithin gilt, wurde Gagarins Flug als Propaganda der UdSSR stets kritisiert und selbst zum Gegenstand von Forschung oder zumindest Nachforschung. Mit Rileys Film rückt nun allerdings stärker der Flug selbst als wissenschaftliches Experiment in den Fokus von Wissenschaftsgeschichte(n).

Insofern Riley als ausgewiesener Wissenschaftsjournalist und –regisseur mit seinem Konzept dem Paradigma der Sichtbarkeit folgt, verrät es selbst die Konzeption von Wissenschaft. Für den medialen Wissenschaftsjournalismus ist heute die Forderung nach Bildern vorherrschend. Wo die Bilder, angeblich eine wissenschaftliche Erkenntnis oder einen wissenschaftlichen Beweis, für die Fernsehzuschauer und Medienkonsumenten so viel besser als Worte erklären, fehlen, werden sie heute in der Regel digital in 3D erzeugt. Beherrscht wird das Wissen von Wissenschaft heute von Übersetzungsprozessen von Sprache zur Animation. 

Die nachträgliche Sichtbarkeit dessen, was Juri Gagarin am 12. April 1961 gesehen haben mag, ist also, zieht man einmal den Kampf um die Bilder wie bei der Mondlandung 1969 und die gestochen scharfen Live-Übertragungen aus der Internationalen Raumstation sowie die Animation für den Wissenschaftsjournalismus in Betracht, die Erfüllung eines Wissenschaftsparadigmas, das zutiefst im Denken der Moderne begründet ist. Doch ein wirklich interessanter Effekt entsteht diesmal nicht aus der Animation, sondern erst aus der Kombination der originalen Funksprüche Juri Gagarins mit den Bildern aus der ISS von heute. Dass nämlich Gagarin gesehen hat, was wir sehen, ist längst nicht ausgemacht.

Der erste erstaunliche Eindruck, den der Film erzeugt, ist ein akustischer. Beim Start der Wostock 1 jubelt Juri Gagarin auf Russisch:

Let’s go!

Eingedenk dessen, dass es sich bei und mit diesem Start um den Beginn eines durchaus ernstzunehmenden Menschenexperiments handelt, dessen Ausgang keinesfalls sicher war, ist dieser Jubel durchaus bedenkenswert. Juri Gagarin ist mit diesem Jubel zum Start als Aufbruch der erste Mensch, der sich den Berechnungen der Raumfahrtexperten anvertraut. Und dessen Jubel und Dank sich nicht zuletzt an die Ingenieure als „dear friends“ richtet.

Die Flugbahn wie alle übrigen Voraussagen des Fluges basieren auf mathematischen Berechnungen, die hörbar und sichtbar mit dem Flug bestätigt werden sollen. Deshalb wird und ist jedes heute möglicherweise als lapidar geltende Wort der Funksprüche für das Experiment von größter Wichtigkeit. Gagarin spricht und sieht für die Wissenschaftler im Kontrollzentrum, die selbst nicht sehen können. Sie können nur den Start und die Landung eines hoffentlich gesunden „Kosmonauten“ mit dem Paradigma der Sichtbarkeit überprüfen. 

Zum Verhältnis von Wissenschaft und Propaganda wäre die Frage wichtig, wieweit die Unsichtbarkeit des Experiments nicht gerade den weltweiten Wunsch der Menschen, Juri Gagarin zu sehen, später befördert hat. In der durchaus nicht unproblematischen Sichtbarkeit Juri Gagarins in den Medien und einer Tournee um die Welt wird auch die Stellvertreterfunktion für ein tendenziell unsichtbares Ereignis gefeiert. Einem unsichtbaren Ereignis, in dem sich nicht nur die sozialistischen Menschen verkörpert sehen. Gagarins Brust, in der ein lebend Herz schlägt, als Beweis für die Fähigkeiten der Wissenschaft in der Moderne und den Mensch gewordenen Beweis für den modernen Menschen der Zukunft wird mit weit über hundert Orden geradezu zugenagelt.  

Walter Womaka (1925-2010) gehörte bereits 1962 mit einem Glasfenster für den Ostflügel der Humboldt-Universität zu Berlin zu jenen Künstlern und Bildschöpfern, die das Unsichtbare des Experiments der Moderne ins Bild rückten. Auf dem bogenförmigen, „dreiflügeligen“  Bleiglasfenster mit dem Titel „Mensch und Kosmos“ erscheint Juri Gagarin in der Mitte. Links wird er von Albert Einstein und rechts von Newton (!) und Leibniz in einem Fensterquadrat begleitet. Bis ins Details übersetzt Womaka die christliche Ikonologie des Triptychons in das keinesfalls nur propagandistische Bleiglasfenster mit Juri Gagarin in der ersten modernen Universität überhaupt. Gagarin wird zu Christus.

Legion sind die Geschichten, Bilder und Zeichen, die sich vor allem nach seinem ersten und einzigen Flug ins All Juri Gagarins bemächtigten. Doch niemals sah man die 108 Minuten im Leben des Juri Gagarin, die ihn zum Heiland der Moderne machten. Der frühe Tod Gagarins durch einen Flugzeugabsturz nimmt in dieser Hinsicht die Funktion der Erfüllung des ikonologischen Programms ein. Man muss angesichts der unspektakulär spektakulären Bilder von The first Orbit fragen, ob das ikonologische Programm ebenso funktioniert hätte, wenn man all die Bilder hätte zeigen können.

Die bildliche Überhöhung Juri Gagarins, die in jenen unsichtbaren 108 Minuten begründet ist und die einzig und allein durch den Glauben an die Narration neue Bilder generiert, kannte und kennt bisweilen noch heute keine Grenzen. Das quasi experimental-physikalische Ereignis des Fluges im All geht in einer ganz und gar christlich meta-physischen Ikonologie auf. So zeigt ein Foto Juri Gagarin mit einer weißen Taube im Arm. Das ikonologische Potential dieser weißen Taube reicht vom Frieden bis zum „Heiligen Geist“ der Wissenschaft. Keinem Menschen der Moderne wurde für die Leere von 108 Minuten, für die es keine Bilder und keine Worte gab, je diese ikonologische Fülle zuteil.

Was ist also in The first Orbit von dem Flug zu sehen? Nicht mehr und nicht weniger als vorher. Doch man sieht und hört und liest in dem Auseinanderklaffen der Funksprüche und der Bilder aus dem All eben auch jenes große Programm der Wissenschaft, dessen Kind Juri Gagarins Flug war. Was Juri Gagarin sieht, ist nicht zuletzt, wie er sich selbst sehen sieht:

My condition is excellent. I feel alert.

In the “Vzor” (window) I am watching the Earth.

Dass er die Erde im „Vzor“ betrachten kann, ist durchaus eine Bestätigung der Menschheit, für die er sie stellvertretend betrachtet oder beobachtet. Zwar kann ich kein Russisch, aber durch die wahlweise Übersetzung von „Vzor“ mit „window“ und „mirror“ in der englischen Übersetzung, kommt mir der Verdacht, dass sich Fenster und Spiegel in dem russischen Wort „Vzor“ nicht genau unterscheiden lassen! Üblicherweise wird „Vzor“ mit Blick, also „glance“ oder „look“ übersetzt. Doch die semiologische Verschränkung von Blick, Fenster und Spiegel im russischen „Vzor“ ist bedenkenswert. Juri Gagarin gebraucht dieses Wort oft und in wechselnden Bedeutungen. Deshalb bleibt ausgerechnet dieses für die Wissenschaft so wichtige Wort vieldeutig. - Das Bild in Realzeit vom Flug indessen, lässt kaum etwas sehen. Wolken vielleicht.

Das russische „Vzor“ besitzt anscheinend eine semiologische Ähnlichkeit mit dem tschechischen „Vzor“, das mit Vorbild und Muster übersetzt wird. Dass das Fenster auch ein Spiegel oder ein Blick sein kann, wäre für das, was Juri Gagarin sah, nicht ganz unwichtig. Es sind geradezu elementare Seherfahrungen, die Gagarin per Funkt mitteilt. Die Sichtbarkeit des Bodens, der Erde, die Unterscheidbarkeit von Flüssen und Wäldern. Eine Verunsicherung bricht über ihn herein, als er direkt in die gleißende Sonne sieht:

Now through the Vzor the Sun is passing.

The light from it is a little too bright.

Und im nächsten Moment erschreckt die Schwärze des Himmels ohne Sterne. „Vzor“ ist auch eine Verstellung des Sichtbaren. Die Sonne kann man nicht sehen. Sie macht blind. Allein eine Verstellung des Sonne lässt sie sichtbar werden. Mit anderen Worten: Das Sichtbarkeitsparadigma, das für das Experiment in der Moderne so wichtig geworden war, wird mit dem Flug Juri Gagarins, der als dessen Sieg gefeiert wird, eingelöst und gebrochen.

Bevor die Nacht über Juri Gagarin herein- und der Funkkontakt abbricht, sieht Gagarin noch einen Regenbogen beim Untergang der Sonne. Die Spektralisierung des Lichts wird von Gagarin zum Regenbogen gemacht. Daraufhin folgen lange sprachlose und nahezu unsichtbare Minuten. Dank ISS wird die Ödnis der Nacht als wesentlicher Bestandteil des Fluges mit dramatischen Gewittern in der erstaunlichen Sichtbarkeit von Blitzen durchbrochen.

Der Eintritt in die Atmosphäre ist ein akustisches und visuelles Rauschen. Davon wie Juri Gagarin sich schließlich doch noch 700 Meter vor dem Aufprall der Kapsel mit dem Fallschirm rettete und wie er später gefeiert wurde, gibt es außer dem Foto mit der Taube keine Bilder. Gerade darin, was Riley in seinem Film zeigt, teilweise akustisch erzeugt und eben was auch nicht gezeigt wird, macht den Film zu einem bemerkenswerten Dokument.

Vor einer allzu nachhaltigen und beängstigenden Stille hatte indessen wohl auch Riley Bedenken. Er beauftragte Philip Sheppard mit einer minimalistischen Musik. In der Tradition eines Phil Glass hat Sheppard seine durch Streicher dominierte minimal music unter die Bilder gelegt. Sie emotionalisiert die Bilder und hält sich doch vor jeder Ausdrücklichkeit zurück. Es lässt sich eben schwer in Worte fassen, was Juri Gagarin sah, nachdem er sich sozusagen auf der Rückseite der Erde befand. Für die aktuellen Sehgewohnheiten sieht man lange fast nichts.

Es ist nicht zuletzt Christopher Rileys durchaus große Leistung, dass er das lang anhaltende Nichts oder fast Nichts für den Film beibehalten und zugelassen hat. Zwar kann man auf jedem Langstreckenflug heute fast eine ähnliche Erfahrung machen. Doch erstens wird auf jedem Langstreckenflug eine Nacht simuliert und zweitens fliegt man nicht zum ersten Mal, allein, menschen- und gottverlassen in einer winzigen Kapsel in Dunkelheit um die halbe Erde.

 

Torsten Flüh

 

The first Orbit       


Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Categories: Film | Medien Wissenschaft

0 Kommentare
Actions: E-mail | Permalink | Comment RSSRSS comment feed