Senden und überwachen - Über eine vergangene Ära des Fernsehens und Andy Warhols Film Empire

CCTV – Zäsur - Sendung

 

Senden und überwachen

Über eine vergangene Ära des Fernsehens und Andy Warhols Film Empire

 

Nie wurden wir schneller, lückenloser, globaler informiert. Wir können zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt auf die aktuellsten Informationen zurückgreifen. Dauersendungen rund um die Uhr sind aktuelle Medienpraxis.  

 

Wir wachen morgens auf, schalten das Morgenmagazin ein und hören die Kernsätze von Barack Obamas Rede, nachdem das US-Repräsentantenhaus den Gesetzesentwurf für die historische Gesundheitsreform gebilligt hat. Um 6:16 Uhr erhielt ich die Mail mit dem Betreff: Thank you, Torsten. Torsten – For the first time in our nation’s history, Congress has passed comprehensive health care reform.Ich bekomme derartige E-mails ständig von President Barack Obama, wie er jetzt unterzeichnet. Vor der Amtseinführung stand da einfach Barack.

 

Muss ein Blog ständig auf Sendung sein? Nach der Besprechung von Gerburg Rohde-Dahls Film Ein weites Feld war es mir wichtig, eine Zäsur zu setzen. Peter Eisenmans Denkmal für die Ermordeten Juden Europas und die Diskussion darum sollten nicht einfach in der Sendung neuer Blog-Artikel untergehen. Das habe ich als Gebot angenommen.

 

Nicht, dass in Berlin keine ordentlichen und außerordentlichen Ereignisse stattgefunden hätten. Berlin ist immer gleich mehrfach auf Sendung. Nicht, dass ich nichts zu schreiben gewusst hätte. Aber eine Zäsur entsteht eher aus einem Zuviel als aus einem Zuwenig. Hinzu kamen die Formulierungen zum Blog, die einen Unterschied machen. Wissenschaft heißt Fragen formulieren. Was ich am 13. März formuliert habe, soll nicht zuletzt Reflexionen über das Blog-Schreiben erlauben.

 

Was unterscheidet einen Blog von einem Fernsehsender beispielsweise? - Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass es in den ARD-Programmen und dem ZDF keinen Sendeschluss mehr gibt? Bei ARTE gibt es noch einen um 4:56 Uhr morgens. Sonst hat sich die Sendepause aus vielen Medien verabschiedet. Sender müssen heute rund um die Uhr auf Sendung sein. Der chinesische Staatssender CCTV – China Central Television - sendet jetzt auch in Englisch rund um die Uhr weltweit via Internet.

 

CCTV ist nicht nur deshalb zum Synonym für das Modell Dauersendung - lückenlos, bruchlos, pausenlos - geworden, vielmehr steht das Kürzel CCTV ebenso für das Closed Circuit Television. Im Vereinigten Königreich ist Closed Circuit Television weitaus dichter verbreitet als in Deutschland. In Deutschland regeln eine Vielzahl von Gesetzen und höchstrichterlichen Entscheidungen den Gebrauch und die Auswertung von CCTV-Material. Persönlichkeitsrechte werden im Zweifelsfall höher veranschlagt, während das Ausspionieren der meisten Stadtzentren im Königreich von den Untertanen ihrer Majestät akzeptiert, gar befürwortet wird. Trotzdem gibt es natürlich CCTV in Deutschland als ganz offizielle und halboffizielle Überwachungskameras im Dienste des Begriffs Sicherheit.

 

Die Dauersendung als Überwachung ist, was landläufig übersehen wird. In der Regel bleibt die Dauersendung ereignislos. Das wusste bereits Andy Warhol, der ein sehr genaues Gespür hatte, was übersehen wurde und wird. In seinem Film Empire, gedreht am 25. und 26. Juni 1964, filmte er 6 Stunden und 36 Minuten in 24 Bildern pro Sekunde die Spitze des Empire State Building bei Nacht. Weniger Ereignis war nie. Dagegen sind Webcams in den Städten der Welt die pure Action. Wenn Empire mit 17 Bildern pro Sekunde vorgeführt wird, dauert er 8 Stunden und 5 Minuten, in denen nichts passiert und kaum mehr als das Filmmaterial selbst zu sehen ist. Empire ist eben auch sein eigenes Reich und nicht nur ein Film über das Empire State Building.  

CCTV ist indessen eine deutsche Erfindung der Firma Siemens, die zum ersten Mal 1942 am Test Stand VII zur Überwachung des Starts der V2 Rakete in Peenemünde eingesetzt wurde. Das auf einen begrenzten Raum für einen begrenzten Personenkreis als Überwachung eingerichtete Fernsehen hat demnach nicht nur eine zeitliche Nähe zu einem der ersten Fernsehsender, der ab dem 22. März 1935 das erste regelmäßige Fernsehprogramm der Welt in Berlin austrahlte. Zwar war das Fernsehen noch bis 1959 in Deutschland von einem Massenmedium weit entfernt, aber die Nähe von Sendung und Überwachung wurde dem Fernsehen bereits in seiner Kindheit eingeschrieben.

 

Die Webcams in Berlin sind eher unbefriedigend. Jene, die im Internet leicht zugänglich sind, wahren die Anonymität der Menschen, die sich an den Orten bewegen und aufhalten. Für Überwachungskameras der Polizei, der BVG oder privater Sicherheitsdienste in Einkaufszentren sieht das natürlich anders aus. Sie sind angelegt, um potentielle Täter besser überführen zu können. Das hat sich nicht zuletzt beim spektakulären Raub während Europas größtem Pokerturnier im Grand Hyatt Berlin am 6. März als nützlich erwiesen. Das Turnier war damit allerdings auch beendet. Alle fünf Täter sind gefasst, heißt es.

https://www.youtube.com/watch?v=u6QTkXHqkvg

Gäbe es YouTube nicht, man würde es möglicherweise für ein Märchen aus uralten Zeiten halten, dass es einst einen Sendeschluss, ein Pausenbild und einen Pausenton gab. YouTube ist zu einem sich ständig erweiternden Archiv geworden. Besonders schön ist der Sendeschluss der ARD 1979 ins Bild gesetzt.

https://www.youtube.com/watch?v=AN4srD7bfP8

In knapp 3 Minuten kehrt die Ära des Sendeschluss zurück. Wunderbar auch der Sendeschluss des ZDF aus dem Jahr 1984. Im Pfeifen des Sendepausensignals kam die ganze Leere des Mediums zu Gehör. Es war nicht zuletzt ein untrügliches Zeichen für die Schlaflosen, trotzdem ins Bett zu gehen. 1984 hätte man womöglich die aktuelle Mischung aus Dauersendung und Überwachung  für die Einlösung von George Orwells gleichnamigem Roman gehalten. Obwohl der Totalitarismus gegen Ende des letzten Jahrhunderts seine ideologische Verankerung aushauchte, kehrte er schleichend als Medienpraxis zurück.  

https://www.youtube.com/watch?v=6r-tXks9NYM 

Die Musikeinspielungen zum Sendeschluss sind in eine untrügliche Zeitmarke. Und 1993 gab es dann auch die 3. Strophe der Deutschen Nationalhymne zu Bildern des Schlosses Schwetzingen beispielsweise. Ein technischer Fortschritt muss statt dem Pausensignal die computergenerierte Wiederholung der Worte „Erstes Deutsches Fernsehen, ARD“ gewesen sein.

 

Das Spielen der 3. Strophe der Deutschen Nationalhymne in der ARD zum Sendeschluss war auch ein Effekt der Diskussion um die Nationalhymne des aus beiden deutschen Staaten vereinigten Deutschland. Die Nationalhymne wurde keinesfalls seit den Anfängen des Deutschen Fernsehens zum Sendeschluss gespielt. Helmut Kohl hatte am 23. August 1991 Richard von Weizsäcker apodiktisch erklärt:

Der Wille der Deutschen zur Einheit in freier Selbstbestimmung ist die zentrale Aussage der 3. Strophe des Deutschlandlieds. Deshalb stimme ich Ihnen namens der Bundesregierung zu, dass sie Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland ist.

 https://www.youtube.com/watch?v=tGVjgg4PMHU

Bereits ein Jahr zuvor wurde ein wichtiges Modul, Fernsehmenschen sprechen wohl eher von Sendeplatz, für die Dauersendung eingeführt. Am 13. Juli 1992 wurde die Erstsendung des Morgenmagazins von ARD und ZDF ausgestrahlt. Fortan war die sendefreie Zeit um halb sechs Uhr morgens zu ende. Seither beginnt für gut 3 Millionen Menschen in Deutschland der Dauerbeschuss zwischen 5:30 und 9:00 Uhr morgens. Das Morgenmagazin soll als Sendeplatz übrigens wirklich auf das Schießen zurückzuführen sein. Es heißt, dass während des Zweiten Golfkriegs zwischen dem 2. August 1990 und dem 5. März 1991 das Informationsbedürfnis der Zuschauer am Morgen so groß gewesen sein soll, dass das Morgenmagazin geschaffen wurde. Derartige Entwicklungen und Ursprünge lassen sich meistens nicht genau überprüfen.

 

Medien generieren ihre eigenen Dynamiken. Mit der Frage nach dem Sendeschluss und seiner Inszenierung konnte durch einige Recherche an die heute bereits weit zurückliegende Ära der Sendepause erinnert werden. Durch die Mediatheken der Fernsehsender im Internet werden mittlerweile vergangene Sendungen tendenziell zu jeder Zeit abrufbar. „Sendung verpasst?” (ARD) Was als Freiheit der Wahl und Service der Sender formuliert wird, nähert sich tendenziellem einem medialen Dauerbeschuss, der letztlich nur noch durch künstlerische Invention wie dem Geistersingspiel Die schwarze Kammer von Brigitte und Niklas Helbling in einem anderen Medium thematisiert werden kann.

 

Deshalb sind Zäsuren wichtiger denn je. Sie unter- und durchbrechen eine Medienmaschinerie.

 

Torsten Flüh

 

PS (6. März 2011):
Kommentar-Piraten

Im Laufe des Jahres 2010 wurde NIGHT OUT @ BERLIN als Blog regelrecht zum Ziel von Kommentar-Piraten. Was sind Kommentar-Piraten?

 

Da es für mich zur Aufgabe einer Blog-Wissenschaft gehört, auch das Abseitige, Schräge und Regelwidrige des Bloggens zu untersuchen, rücken Kommentare bzw. Kommentar-Piraten in den Fokus der Aufmerksamkeit.

 

Dieser Blog war durch keine Authentifizierungsfunktion gesichert, so dass jeder Besucher einen Kommentar schreiben konnte. Es sollte eine Praxis der Offenheit ermöglichen. Ehrlich gesagt wurden nur wenige Beiträge oder Besprechungen inhaltlich kommentiert, obwohl sie oft gelesen wurden. Kommentieren ist offenbar gar nicht so einfach.

 

Stattdessen wurden einige Besprechungen vor allem im Oktober/November 2010 massenhaft mit Piraterie-Kommentaren überflutet. Bei einem Piraterie-Kommentar geht es nicht darum, den Beitrag zu kommentieren, sondern durch einen Nonsense-Kommentar einen Link zu einer anderen Seite zu legen. Warum wird das gemacht? Und wer macht es?

Es sind kommerzielle oder semikommerzielle Netzwerke mit der regelwidrigen Verlinkung von Seiten im Internet beschäftigt. Das ist ein Business, ein Geschäft. Es macht sich die Listungsparameter der Suchmaschinen zu Nutze. Die Urheber sind, wie unten lesbar, anonymisiert. Im Oktober/November 2010 erreichte die Kommentar-Piraterie ein derartiges Ausmaß, dass ich die Verlinkungen zu Porno- und illegalen Kredit- oder Produktpiraterie-Seiten nicht mehr löschen konnte. Hunderte von Kommentarmeldungen gingen innerhalb einer Woche in  meinem Postfach ein. Ich entschloss mich, die Kommentarfunktion abzuschalten.

 

Die Parameter der Suchmaschinen generieren mit anderen Worten ihre eigene Piraterie. Denn für die Listung einer Seite muss entweder an die Suchmaschinen - Google, Bing, Yahoo etc. - bezahlt werden oder die Parameter werden für Piraterie genutzt. Dabei wird die Piraterie natürlich selbst zum obskuren Geschäft. Da Google bekanntlich ein sehr großes Geschäft ist, bekommt die tendenzielle Kriminalität der Piraterie einen heroischen Zug der Freibeuterei. Die Beute wird sozusagen parasitär am ganz großen Geschäft gemacht.

 

Natürlich gibt es auch Suchergebnisse der Maschinen, die legal und ohne Werbemittel zustande kommen. Blog-wissenschaftlich ließe sich festhalten, dass Parameter gesetzesförmig sind. Sie lassen sich kommerziell Nutzen und generieren gleichzeitig den Gesetzesbruch. Der Gesetzesbruch wird weniger zur Frage der Moral als zur Folge von Parametern, Messeinheiten, die immer auch ihr Gegenteil generieren.

 

Kommentare (4) -

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