Sonntag mit Jean - Hommage zum 100. Geburtstag im Schwulen Museum

Existenz – Biographie – Besitz

 

Sonntag mit Jean

GENET – Hommage zum 100. Geburtstag im Schwulen Museum

 

Um 6:43 Uhr zeigte das Thermometer am Askanischen Platz minus 10,8° Celsius. Eisblumen an den Fenstern bei Sonnenaufgang. Tagsüber blieb es deutlich unter minus 6° Celsius. Ein Tag, um Jean Genets 100. Geburtstag im Museum zu feiern. Das Schwule Museum am Mehringdamm feiert Genet mit einer umfangreichen Ausstellung, eine Hommage.

Es gibt vermutlich wenige Dichter des 20. Jahrhunderts, deren Literatur so eng mit dem eigenen Leben verwoben wird wie das Jean Genets, geboren am 19. Dezember 1910. Er hat dazu selbst beigetragen, indem er sein Schreiben auf seine Biographie bezog. Das war in Zeiten des Existenzialismus ein Grund, Genet zum Helden einer philosophischen Bewegung zu machen, wie es Jean Paul Satre getan hat. Kann man das Verhältnis von Existenz, Literatur und Biographie in Genets Werk auch anders sehen?

Das Schwule Museum hat nun mit Wolfgang Theis als Kurator eine beeindruckende Ausstellung zusammen getragen, obwohl Genet heute vielleicht nicht mehr der meistgelesene schwule Autor ist. Zahlreiche private Leihgeber aus Berlin und Paris, die Stiftung Stadtmuseum Berlin, der Merlin Verlag in Gifkendorf, die Deutsche Kinematek und die Rainer Werner Fassbinder Foundation haben Ausstellungsstücke beigetragen. Die nun fünfundzwanzigjährige Geschichte des Museums und Jean Genets Werk sind miteinander eng verbunden. Genet lesen, galt lange Zeit als eine Initiation ins Leben der Schwulen.

Das Verhältnis von Leben und Literatur hat nicht zuletzt mit dem aufsehenerregenden Hamburger Prozess 1960 um die Erstveröffentlichung von Notre-Dame-des-Fleurs im Jahr 1955 durch den Rowohlt Verlag eine wesentliche Rolle gespielt. Als „Onaniervorlage“ hatte die deutsche Staatsanwaltschaft den Roman verboten. Für den Urteilsspruch 1962 war entscheidend, dass die literarische Kunst höher einzuschätzen war als das Leben.

 

Kein geringeres Medium als die BILD-Zeitung schrieb am 1. August 1962:

Als Sachverständige waren aufgeboten: Die beiden Literaturexperten Willy Haas von der „Welt“, Prof. Sieburg von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und Dr. Giese, Direktor des Sexualwissenschaftlichen Institutes der Universität Hamburg. Das Urteil der Sachverständigen war einhellig! Zwar wimmele das Buch objektiv von Obszönitäten, die aber für einen intelligenten Leser durch den sehr hohen künstlerischen Wert des Romans aufgehoben würden.

Die Konstellation ist deutlich. Zwei Experten der Literatur sowie der Mediziner und Sexualforscher Hans Giese (1920-1970) fällten ein „einhelliges“ Urteil, dem das Gericht folgte. Bei Professor Sieburg handelt es sich um Friedrich Sieburg (1893-1964), der einerseits als junger Mann dem George-Kreis nahegestanden hatte und andererseits ein vehementer und teilweise polemischer Kritiker der Nachkriegsliteratur um die Gruppe 47 war.

Die Einhelligkeit des Urteils, die die Rezeption von Genets Werk nachhaltig beeinflusst hat, wird nicht zuletzt durch Sieburgs uneindeutige Haltung zur damals zeitgenössischen Literatur fragwürdig. Die „Obszönitäten“ der Lebenswirklichkeit werden „für den intelligenten Leser durch den sehr hohen künstlerischen Wert des Romans aufgehoben“. Es braucht also nicht zuletzt einen „intelligenten Leser“, um „den sehr hohen künstlerischen Wert“ zu erkennen. Allerdings reicht das, um den Roman nicht länger zu verbieten.

 

Um die Tragweite des Urteils im Jahr 1962 richtig einzuschätzen, muss man einen Moment bei der Formulierung verharren. Was heißt es, wenn „Obszönitäten durch den … künstlerischen Wert … aufgehoben“ werden? Wenn ein Urteil aufgehoben wird, dann wird es für ungültig erklärt. Eine Aufhebung wird nicht zuletzt durch Friedrich Hegel als dialektische Aufhebung formuliert. Es wird ein Widerspruch überwunden. Der Widerspruch bestand zwischen „Obszönität“ und „künstlerischem Wert“. Der Nicht-Wert der Obszönität wird durch den künstlerischen derart überwunden, dass der negative Wert nicht mehr zählt und der Kunst das Recht zugeschlagen wird.

Der Prozess gegen das Buch, den Roman Notre-Dame-des-Fleurs, endete mit einem Freispruch. Es war nicht zuletzt ein Freispruch für die Homosexualität, was die BILD-Zeitung nicht schrieb. Das wäre dann im August 62 doch zuviel des Guten gewesen. Doch der Hamburger Sexualwissenschaftler Hans Giese gilt heute als wissenschaftlicher Vorkämpfer für die Abschaffung der Paragraphen 175 und 175a Strafgesetzbuch, mit dem Homosexualität selbst zwischen Erwachsenen unter Strafe gestellt war. Die Paragraphen waren Teil einer restriktiven Biopolitik, gegen die bereits Magnus Hirschfeld (1868-1935) im Kaiserreich und der Weimarer Republik gekämpft hatte.

 

1919 arbeitete Hirschfeld als wissenschaftlicher Berater an der Produktion des weltweit ersten Films zur Homosexualität und gegen den § 175 mit. Es war eine Art Dokufiktion mit dem Titel Anders als die Andern von Richard Oswald. Hirschfeld wurde zu einem bevorzugten Gegner der nationalsozialistischen Biopolitik. Sein Institut für Sexualwissenschaft im Berliner Tiergarten wurde von den Nationalsozialisten zerstört, seine Bücher verbrannt, sein Lebenswerk vernichtet. Er selbst starb abgedrängt im französischen Exil in Nizza.

Hans Gieses Rolle im Nationalsozialismus als Mitglied der NSDAP und als Hörer der Vorlesungen von Martin Heidegger ist prekär. Einerseits hielt er 1944 einen Vortrag mit dem Titel Untersuchungen zum Wesen der Begegnung, wie Martin Hegemüller angibt, andererseits war er 1942 in die Partei eingetreten. Bereits im Vortragstitel klingt mit „Wesen“ Martin Heideggers Sein und Zeit (1927) an. 1959, also 15 Jahre später, hat Detlev von Uslar einen Aufsatz mit gleichem Titel in der Zeitschrift für philosophische Forschung veröffentlicht.

 

Die Rolle Hans Gieses für die biopolitische Entkriminalisierung der §§ 175 und 175a StGB ist bisher wenig erforscht worden. Einerseits gilt er im Fall des Buches als Sachverständiger, der mit den „Literaturexperten“ ein einhelliges Urteil fällt. Andererseits ist er maßgeblich an der Produktion des Films Anders als Du und ich (1957) mit Veit Harlan als Regisseur beteiligt gewesen. Der Film misslang gründlich. Statt einer Entkriminalisierung erreichte der Film mit der Rolle der Mutter, Paula Wessely, und des im Milieu der Homosexuellen in Berlin ermittelnden Vaters, Paul Dahlke, eine Schuldzuweisungspolitik, die bis in die späten 70er Jahre überaus wirkungsmächtig blieb.    

Das Urteil über das Buch von Jean Genet wurde damit vor einem Horizont von Literatur und Biopolitik als Sexualpolitik gefällt. Es kam zum Freispruch, weil die Artikulation homosexuellen Begehrens auf „einem sehr hohen künstlerischen“ Niveau stattfand. Was heute in den blumigen Formulierungen Jean Genets befremdlich klingt, war damit allererst Grundlage für den Freispruch. Das Sprechen und das „freie“ Sprechen in Obszönitäten sind zutiefst mit Notre-Dame-de-Fleurs - Unsere heilige Jungfrau der Blumen - und Jean Genet als Autor verknüpft.

 

Die biopolitische Relevanz der Literatur Jean Genets hat nicht zuletzt zur fast unauflösbaren Verschränkung von Biographie und Literatur beigetragen. Sie hat ihre Kraft bis in den erbitterten Streit zwischen Peter Zadek (1926-2009) und Jean Genet anlässlich der Uraufführung von Der Balkon 1957 in London entfaltet. Peter Zadek inszenierte ein realistisches Bordell. Jean Genet hatte sein erstes Theaterstück zwar in einem Bordell angesiedelt, doch dies als fantastisches, vielleicht sogar metaphorisches geschrieben. Genet beschimpfte Zadek als „Schwachkopf“. Er habe das Stück „vulgär und billig“ gemacht.

Die material- und kenntnisreiche GENET-Ausstellung im Schwulen Museum, zu der es bedauerlicher Weise keinen Katalog gibt, führt nicht zuletzt Peter Zadeks Inszenierung neben etlichen vor allem Berliner Inszenierungen von Stücken Jean Genets vor. Die Berliner Inszenierungen sind oft durch Leihgaben der Stiftung Stadtmuseum dokumentiert. Die Kataloglosigkeit der Ausstellung ist eindeutig ein Manko. Viel Gezeigtes bedürfte zweifellos einer Kommentierung, weil es sonst glanzlos bleibt. Ohne Katalog bleiben die teilweise außerordentlichen Exponate nur stumpf und plakativ.  

 

Das Schwule Museum inszeniert lieber, als dass es kommentiert. Dabei wären gerade Jean Genet und das Biographische ein wichtiger Bereich der Kommentierung. Dies entfällt und lässt sicher manchen Besucher allein mit den Exponaten leicht ratlos zurück. Ist Genet nur ein Ur-Opa der Schwulen und Lesben? Allein die Phase, in der das literarische Werk des Gefeierten entstanden ist, wäre der Kommentierung bedürftig. Genets literarisches Werk ist wesentlich zwischen 1942 und 1958 entstanden. Später in den 70er und 80er Jahren kamen Essays hinzu. In den 80er Jahren faszinierten ihn die Palästinenser.

Auffallend an Genets literarischem Werk, vor allem seinen Romanen, Notre-Dame-des-Fleurs 1944, Miracle de la Rose 1946, Querelle de Brest 1947, Das Totenfest 1947, Tagebuch eines Diebes 1949, ist, dass sie innerhalb von nicht sehr viel mehr als 5 Jahren geschrieben wurden. Spätere Arbeiten formieren sich eher um dieses, als dass sie eine Weiterentwicklung wären. Dabei handelt es sich um 5 Jahre, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dem Ende des Hitler-Faschismus und Nachkriegs-Europa eine außerordentlich instabile gesellschaftliche Phase waren.

 

Die Faszination der frühen Leser durch die Literatur hat zur nachträglichen biographischen Erzählung geführt. Aus der Literatur heraus wurde Genets Existenz zu einer erzählungswürdigen, weil sich daraus die Narration vermeintlich entschlüsseln ließe. Josef Winkler hat 1992 im Zöglingsheft des Jean Genet eine Erzählung Genets in einem Interview zitiert:

Als ich zu schreiben begann, war ich dreißig Jahre alt. Als ich das Schreiben aufgab, war ich 34 oder 35 Jahre. Das war ein Traum, zumindest eine Träumerei. Ich schrieb im Gefängnis. Als ich freikam, war ich verloren. (S. 36)

Was nicht erzählt werden kann, muss erträumt werden. Das Verhältnis von Literatur und Biographie als gelebte Existenz erweist sich als schwierig. Erzählt wird weniger, was das Leben war, nämlich die Monotonie und graue Zelle des Gefängnisses, als vielmehr was sein könnte oder sein sollte. Nach der Befreiungsgeschichte homosexueller Existenzen, die in Deutschland mit der Aufführung von Rosa von Praunheims Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt 1971 begann, erweckt nicht zuletzt Genets Film Un chant d’amour von 1950 heute neues Interesse.

  

Der Film wird in der Ausstellung in einem eigenen Raum gezeigt. Vielleicht ist es noch stärker als das Buch dieser Kurzfilm von 26 Minuten, von dem sich Genet später distanzierte, der heute anders lesbar wird. Wurde er früher als Anklage und Aufforderung zur Befreiung aus gesellschaftlicher Diskriminierung gesehen, so kann er, nachdem die Befreiung weitestgehend stattgefunden hat, anders gelesen werden. Damit könnte GENET zu mehr als dem Ur-Opa der Schwulen und Lesben werden.

Nachdem der Film 1950 gezeigt wurde, wurde er sofort verboten, kursierte und „überlebte“ in Kreisen vermögender Homosexueller. Anders als heute, ließ sich der Film nicht einfach als Datei kopieren oder gar in einen Artikel einbetten. Die Überlieferung und der Erhalt des Films sind von mediengeschichtlicher Relevanz. Es grenzt an ein Wunder, dass der Film überhaupt erhalten ist, was in Zeiten digitaler Verfügbarkeit über das Internet fast schon vergessen ist und sicher bald vergessen werden wird. Das Medium Film bedurfte eines technischen Apparatesystems, das erst durch den Schmalfilm eine größere Verbreitung erfuhr.  

  

Erst seit 1975 konnte der Film öffentlich gezeigt werden. Die Öffentlichkeit war dem Film 25 Jahre gesetzlich verwehrt worden. Die Geschichte von Un chant d’amour, seine Aufführungsgeschichte und damit die Geschichte seiner Sichtbarkeit ist also nicht zuletzt mit der Schwulenbewegung und Rosa von Praunheims Film mit dem umständlich belehrenden Titel verstrickt.

Anders als noch in Rosa von Praunheims Film 1971 war in Un chant d’amour in einer winzigen Einstellung ein halb erigierter Penis zu sehen. Man muss schon sehr genau hinsehen, um ihn zu sehen. Das genügte, um den Film als Pornographie zu verbieten. Am Ende des Jahrzehnts zeigte Frank Ripploh (1949-2002) 1980 seinen autobiographisch-narrativen Film Das Taxi zum Klo mehr als einen Schwanz und löste damit einen neuerlichen Skandal aus.

 

Seit August 2007 hat Google den Film im Internet als Video zugänglich gemacht. Auch dies ist eine GENET-Geschichte. Worum geht es in dem Film mit dem verführerischen Titel Un chant d’amour?

 

Drehbuch, Regie und Schnitt wurden von Jean Genet ausgeführt. Jean Cocteau und Jacques Natteau übernahmen die Kamera. Das schwierige Verhältnis zwischen Jean Cocteau (1889-1963) und Genet ist bekannt. Einerseits unterstützte Cocteau Genet nach Kräften, andererseits war er ihm zu blumig, um es einmal so zuformulieren. Im Oktober 1942 schreibt Cocteau in sein Tagebuch über das Manuskript von Notre-Dame-des-Fleurs:

Dreihundert unglaublich Seiten, auf denen er mit allen Versatzstücken eine Mythologie der >Tunten< erschafft.

Was Jean Genet später zu einer Revision und Zurücknahme seines ersten und einzigen Films geführt hat, ist schwer zu sagen. Womöglich spielte auch das Verhältnis zu Cocteau, ohne den der Film vermutlich nie entstanden wäre, eine Rolle.

 

Der Film beginnt damit, dass ein Gefängniswärter an einer Mauer entlang kommt und etwas sieht. Was er sieht, wissen wir nicht. Mauern werden ein strukturierendes Moment des Films. Die nächste Einstellung zeigt zwei vergitterte Fenster nebeneinander, aus denen sich zwei Hände recken. Es gibt nur diese Hände, keine Gesichter. Die eine Hand hält eine Blumenkette, die sie hin und her schwingt. Die andere Hand will sie greifen, was ihr nicht gelingt.

 

Das Bild der pendelnden Blumenkette kehrt im Film mehrfach wieder. Es gehört auch zur Schlusssequenz, in der nun die Blumenkette von der anderen Hand ergriffen wird. Der Wärter lächelt und dreht sich zum Gehen um. Wir wissen und sehen nicht, ob die Blumenkette nun der anderen Hand entrissen wird, ob sie als Verbindung gehalten wird oder ob beide Hände sie fallen lassen.

  

Was ist passiert? Haben wir einen Blumentraum gesehen? In welchem Verhältnis steht die Blumenkette zum Schwanz? Träumt der Wärter? Oder ist der Wärter eine brutale Aufsichtsmacht?

Die Schnitte als Erzähl- und Versatzstücke geben keine eindeutige Antwort. Stattdessen geht es in dem Film um ein merkwürdiges Verhältnis von Sehen und Gesehenwerden. Die Gefangenen sehen einander nicht. Dass sie sich sehen könnten, ist dem Schnitt zu verdanken. Das Sehen des Anderen, das im Film durch Schnitt und Gegenschnitt montiert ist, wird durch die Wände unmöglich. Der Einzige, der sieht, ist der Wärter, könnte man sagen. Der Wärter sieht, beobachtet, was wir von den Gefangenen sehen. Vielleicht ist es sogar so, dass er sieht, was wir sehen sollen.

  

Wir sehen Männer in Zellen mit einem Begehren, das nicht realisiert werden kann, durch eine Aufsichtsperson, einen Gefängniswärter, der uns zu sehen gibt. Die Anordnung des Sehens und Verfehlens des Begehrens in Un chant d’amour ist wie in einem Traum inszeniert. Selbst in der traumhaften Sequenz der beiden Männer im Freien sehen sie sich nicht an. Sie verfolgen einander. Sie verstecken sich hinter einem Baum und nur in der Schnitt und Gegenschnitttechnik des am Boden liegenden jungen Mannes gibt es die Illusion, dass sie sich in ihrem Begehren anblicken. Doch selbst in der Einstellung des sich begehrend über die Lippen leckenden jungen Mannes werden nicht die Augen des älteren gegen geschnitten, sondern die behaarte Brust.

Un chant d’amour wird so gesehen ein Film über die Unmöglichkeit der Liebe und der Erfüllung des Begehrens. Die ästhetische Einordnung des Films in den Film der 30er Jahre oder den Surrealismus verdeckt mehr, als dass er ihn erklärt. Gleichwohl ist der Film, seine Ästhetik (homo)sexuellen Begehrens außerordentlich wirkungsmächtig geworden. Nicht zuletzt hat Rainer Werner Fassbinder seine Verfilmung des Genet-Romans Querelle de Brest (1947) als Querelle 1982 ästhetisch an den damals noch kaum bekannten Un chant d’amour orientiert. 

Rainer Werner Fassbinder hat sich am 9. Juni 1982 kurz vor seinem überraschenden Tod gegenüber dem Produzenten und Schauspieler Dieter Schidor dahingehend geäußert, dass Homosexualität im Kino „immer falsch“ dargestellt wird.

Du kannst keiner Gruppierung gerecht werden. Du kannst nicht den Homosexuellen und auch nicht den Heterosexuellen gerecht werden, du kannst keiner Gruppe gerecht werden. Du kannst immer nur alles falsch machen. Homosexualität ist aber in „Querelle“ auch gar kein Thema. Das Thema ist die Identität eines Einzelnen und wie er sich diese verschafft. Das hängt damit zusammen, wie Genet sagt, dass man, um vollständig zu sein, sich selber noch einmal braucht. Darin gebe ich Genet vollkommen Recht.

 

Die Frage der Identität, die Fassbinder 1982 mit Genet geradezu emphatisch bejaht und beantwortet, ist eine des Begehrens. Die Frage der Identität wird mit einer zutiefst narzisstischen Spiegelbildlichkeit beantwortet. Man braucht „sich selber noch einmal“. Das „sich selber noch einmal“ muss nicht aussehen, wie ich aussehe. Vielmehr sieht es aus, wie ich mich selbst im anderen sehe. Identität wird damit nicht zu einer, welche in der Gruppierung der Homosexuellen zu finden wäre. Stattdessen ist das narzisstische Szenarium der Identität ein großes Geheimnis, ein Mysterium.


Jean Genet suchte womöglich sein Leben lang nach Identität. Bis zuletzt wohnte er in Hotels, obwohl er Häuser besessen haben soll. Hotels sind Orte mit Betten, in denen jede Nacht ein anderer schläft. Sie bieten dem Gast keine Möglichkeit zur Inszenierung von Identität. Genet, der Mann, der 5 Jahre an seiner Identität als Fiktion im Gefängnis schrieb, ging die Identität im Freien verloren, halten, greifen, besitzen konnte der Dieb sie nicht.

Torsten Flüh

Schwules Museum
GENET
Hommage zum 100. Geburtstag
noch bis 7. März 2011

Mehringdamm 61

10961 Berlin

 


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Categories: Film

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