Stadtkultur im Film - Jakob-Kirchheim-Retrospektive en miniature im Kino Lichtblick

Stadt - Film – Linolfilm

 

Stadtkultur im Film

Jakob-Kirchheim-Retrospektive en miniature im Kino Lichtblick

 

Geld oder Leben heißt einer der ersten Filme von Jakob Kirchheim von 1990. Geld oder Leben ist ein Berlin-Film. Die Wahl zwischen Geld oder Leben mit vorgehaltener Pistole ist eine Berlin-Frage: entweder man kommt zu Geld oder man lebt ein kreatives Leben. Es ist eine Wertfrage. Jakob Kirchheims Film Geld oder Leben nach einem Gedicht von Stefan Döring ist eine Art Rohdiamant.

Der Linolfilm Geld oder Leben von Jakob Kirchheim ist auf dem besten Wege ein Kultfilm wie Walther Ruttmanns Berlin – Sinfonie der Großstadt (1927) zu werden. Er ist ganz anders und doch sehr ähnlich. Kult dürfte ein Film werden, wenn in ihm eine schon verlorene Zeit auf bahnbrechende Weise Film geworden ist. 1990 war Geld oder Leben nahezu schmerzhaft an der Berlin-Zeit dran.

Der Kultstatus von Geld oder Leben wurde am Sonntagabend im Kino Lichtblick in der Kastanienallee 77 im Prenzlauer Berg oberhalb vom Weinbergspark gewürdigt. Stattkino Berlin e.V. hatte Kirchheim zu einer Retrospektive seiner Kurzfilme eingeladen. Das Kino Lichtblick ist ein Programmkino, was vor allem Kino und ambitioniertes Programm heißt.

Das Haus Kastanienallee 77 oder kurz K77 wurde laut Denkmaldatenbank bereits 1852-53 vom Dampfsägewerksbesitzer Arnheim als Bauherr erbaut und 1893-1894 zu einem Mietshaus umgebaut. Nach Information des K77 wurde das Vorderhaus schon 1848 erbaut.

Man darf davon ausgehen, dass sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts hinter dem Vorderhaus demnach ein frühindustrielles Dampfsägewerk, wie heute noch in Rötz in der Oberpfalz zu sehen, mit einem größeren Kessel befand. Der Dampfdruck trieb über einen Lederriemen eine Säge an. Somit gehört das Haus zur Frühphase der Industrialisierung Berlins. Derartige Dampfkessel und Maschinen wurden seit den 1840er Jahren in Feuerland in der Chausseestraße von Egells, Borsig u. a. gebaut.    

Für das K77 war die Frage Geld oder Leben eine Besetzung wert. 1992 wurde das leerstehende, verfallende Haus von der Gruppe Vereinigte Varben Wawavox mit der Kunstaktion „Kunst-Besetzen-1.Hilfe“ besetzt - und gerettet! Hat sich in der jüngeren Zeit das Klima für Besetzungen in Berlin drastisch verschlechtert, so darf doch an dieser Stelle einmal daran erinnert werden, dass Besetzungen das Berliner Kulturleben entscheidend gerettet haben. 1995-1998 wurde das Haus totalsaniert.

Jakob Kirchheim zeigte am Sonntag 6 seiner Kurzfilme: Geld oder Leben, Im Schnee, Madrid, B. A. polipoético, Rutas Simultáneas und Alfabet. Seine Filme sind Kunstfilme, die zwischen Linol- und Dokumentarfilm eine eigene Ästhetik entwickelt haben. Sie kommen aus der Agitprop-Tradition der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts und sind verwandt mit den Lichtspiel-Filmen opus 1 - 5 von Walther Ruttmann aus den Jahren 1921 bis 1925. Wie Ruttmanns so tendieren Kirchheims Filme zum sogenannten absoluten Film. Deshalb sollen sie hier einmal einzeln kurz besprochen werden.

Der absolute Film stellt optisch nicht zuletzt die Frage, was Film ist. Ist Film Musik? Ist Film Sprache? Ist Film Erzählung? Welches Verhältnis von Bild und Text macht Film? Welche Möglichkeiten bietet die Kamerabewegung im Film? In welchem Verhältnis stehen Ton und Bild im Film zueinander? Wie lässt sich ein Rhythmus im Film erzeugen? Wie laut kann ein Film ohne Ton werden? Welche Effekte lassen sich durch Farbe im Film erzeugen?

Jakob Kirchheim hat einige seiner Filme auf der Website Linolfilm zugänglich gemacht. Das ist hilfreich und doch nur ein Hilfsmittel. Denn Film ist nicht zuletzt Kino. Film braucht Kino. Kino ist Publikum – Mitseher – und Leinwand. Wie man allein essen kann, so kann man auch allein Film sehen. Aber es ist nur halb so schön.

Play it again … Spiel es noch einmal … und noch einmal. Aber jedes Mal wird es sich anders ansehen und hören lassen. Lichtblick hat sich als Stattkino das Play-it-again zur Aufgabe gemacht, weil jede Wiederholung durch Zeit, Raum und nicht zuletzt Publikum die Wiederholung anders hervorbringt. Man könnte das einen Casablanca-Effekt nennen, wie es nicht zuletzt Homi K. Bhabha vorgeschlagen hat. In der Wiederholung wird man niemals den selben Film gleich sehen.

Geld oder Leben (1990) im Lichtblick, ach. Es ist ein Film ohne Ton, der nicht leise ist. Stefan Döring gehört zu den wichtigsten Vertretern der DDR-Untergrundliteratur der 80er Jahre.

GEld oder Leben

Um am Geld

zu bleiben muss

man sein Leben

verdienen Aber das

reicht nicht aus

Denn das ist

ja kein Geld

Wenn man nur

so wenig leben

hat Sein geld

zu fristen

Jakob Kirchheim hat den Text mit Linoldrucken in den Film komponiert. Fotos, Filmsequenzen und Karten aus der Zeit vor 1990 generieren einen Film ohne Ton, der zwischen leisen Bildern und lautem Text eine Nahaufnahme Ost-Berlins der achtziger Jahre entstehen lässt. Die Linoldrucke vermögen durch ihre Größe die Lautstärke des Films zu regeln.

Jakob Kirchheim erkundet in seinen Filmen gern den Klang. Das ist auch in Alfabet (1989) der Fall. Den Klang hat Kirchheim mit Rainer Viertelböck entwickelt. Alfabet ist Free Jazz. Die Linol-Schnitte sind so kurz, dass sich der Text nicht immer lesen lässt. Darauf kommt es auch im Film nicht an. In dem Maße wie sich Alfabet der Lesbarkeit beispielsweise durch räumliche Anordnungen der Buchstaben entzieht, gibt er ein Hinweis auf die Frage nach dem Film. Bild und Text werden in Alfabet durch Farbeffekte, die zum Klang beitragen, erweitert. Film wird zum Klangerlebnis.

Im Schnee (2006) erweitert die Tonspur das Schneetreiben und das Gedicht von Theresa Delgado, mit der Kirchheim oft zusammenarbeitet, um eine imaginäre Erzählung. Die Sichtbarkeit des Schnees als Löcher im Linol ruft Bilder hervor, die weder im Text noch im Schneegestöber vorkommen. Der Film wird zwischen Bild, Text und Tonspur sichtbar.

Mit B. A. polipoético hat Kirchheim 2005 einen Stadtfilm gedreht, der in einigen Sequenzen Ruttmanns Sinfonie der Großstadt am nächsten kommt. Anders als bei Ruttmann bestimmt keine sinfonische Komposition den Film, vielmehr werden die Geräusche, Töne und Stimmen der Stadt Buenos Aires selbst zu Sinfonie. Die Schnitte als rhythmisierendes Moment im Film sind eher Produkt einer zeitlich bestimmten Erfahrung als kalkulierte und auf Dauer angelegte Komposition. Das polipoetische Buenos Aires mit seinen Dichterlesungen und –treffen, mit dem Besuch in einer Aluminiumfabrik, die gleichzeitig als Kulturzentrum genutzt wird, mit den engagierten von Studenten selbstorganisierten Ausgrabungen von Folterkellern unter Autobahnbrücken, mit der Poesie der Stromkabel über und auf den Dächern der Stadt vor allem bildet dieselbe nicht ab, sondern verwandelt sie in einen polivisiblen Raum.   

Madrid (1989/2009) ist ein minimalistischer Animationsfilm, in dem Kirchheim vielleicht am intensivsten die Möglichkeiten der Farbe erkundet hat. Madrid ist nicht einfach bunt, vielmehr eine bildhafte Transformation der Stadt im Farbspiel. Die Stadt wird nicht ab-, sondern umgebildet: re-animiert, re-produziert und wieder-gelesen. Kirchheim hat mixed media für Madrid genutzt. Farben, Licht, Karton, die mit Reiß- und Schnitttechniken keine glatten Oberflächen bieten. Vielmehr generieren die ausfransenden Rissränder offene ineinander übergehende und doch trennende Strukturen.

 

Mit Rutas Simultáneas (2010) war sogar eine kleine Premiere zu feiern. Kirchheim zeigte seinen Film in einer gänzlich neuen Schnittfassung. Erst in der häufigen Diskussion um den director’s cut oder wie zuletzt bei der Wiederaufführung der restaurierten Originalversion von Metropolis (1927) wird deutlich, wie sehr das Wesen des Films im tendenziell unsichtbaren Schnitt seinen Ur-Sprung hat. Im Schnitt wird die Semantik des Films lokalisiert. Gibt es einen endgültigen Schnitt? Oder unterliegt der Schnitt dem Gesetz des Für-Einmal? Erzeugt Schnitt ein Ganzes, ein in sich geschlossenes Werk? Oder öffnet der Schnitt den Film für das Wieder-Lesen?


Die Poesie des Films lässt sich an Jakob Kirchheims Filmen nicht nur sehen, weil er wiederholt mit Gedichten von  Stefan Döring oder Theresa Delgado u. a. gearbeitet hat. Vielmehr lässt sich die Poesie des Films damit formulieren, dass man den Film gesehen und nicht gesehen haben wird. Was man gesehen hat, ist (nicht) der Film. Der Film ist ein temporales und temporäres Ereignis. Seine Inter-pretation findet immer schon zwischen dem Film auf der Leinwand im Kino und dem Inter-Preten statt.

Während der absolute Film die Optik des Films als absolut zu behaupten versuchte, den Film auf seine Sichtbarkeit reduzierte, lässt sich mit den Filmen von Jakob Kirchheim formulieren, dass sich Film nicht darauf reduzieren lässt. Die Poesie des Films ist ein sinnliches Ereignis, in dem viele Sinne zum Zuge kommen.

 

Torsten Flüh