Terror des Guten - Mark Ravenhill Freedom and Democracy I Hate You am Berliner Ensemble

Angst – Liebe – Hass

 

Terror des Guten

Mark Ravenhill-Marathon inkl. Freedom and Democracy I Hate You am Berliner Ensemble

 

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte ist, dass die Deutschen noch immer keinen Humor haben. Die gute, dass Mark Ravenhill jetzt neben London auch in Berlin lebt. Da könnte es zu einer Annährung des Humors kommen.

Gemessen am britischen Humor haben die Deutschen weiterhin Nachholbedarf. Berliner Schnauze ist zwar auch eine Art Humor, aber doch nicht zu vergleichen mit dem feinen und oft sehr bösen englischen. Mark Ravenhill ist nicht nur englisch. Er ist sehr britisch. Das wird sofort klar, wenn er letzten Samstag um ca. 5 Uhr nachmittags im Nadelstreifenanzug mit schwarzer Krawatte und einer kleinen Drehung plötzlich selbst mit dem Monolog The Experiment auf der Probenbühne des Berliner Ensembles steht.

Ein Herr, very British und schwul, der darüber spricht, dass sein Partner eine unheilbare Krankheit hat, die man nur durch Experimente mit einem Medikament an einem Kind behandeln kann. Der Herr beteuert immer wieder, wie sehr er sein Kind liebt. Doch wenn sein Partner nur durch Experimente an seinem Kind geheilt werden kann, dann muss es sein. Das ist alles sehr böse und hört sich doch über weite Strecken wie die Konversationdistinguierter Herren beim High Tea an.

 

Das scheinbar Harmlose ist das Böse. Der liebe Onkel experimentiert an dem Kind, was das Zeug hält. Die Einstichstellen an beiden Armen des Kindes zerstören es ebenso wie Schnitte über dem Brustkorb. Aber der liebe Onkel im Nadelstreifenanzug tut alles nur aus Liebe zu seinem erkrankten Partner. Dann darf und muss man das tun. Es geht doch um Liebe.

Das Böse wird immer in der Überzeugung des Guten getan. Tatsächlich wird ein heilendes Medikament für die Krankheit gefunden, doch von anderen. Das Experiment war komplett überflüssig. Und jede Partnerschaft hat ihre Zeit. Es gibt mittlerweile einen anderen Partner. Nichts dauert ewig. Egal, ob das Experiment geholfen hat oder nicht, aus ihm erwächst keine moralische Verpflichtung, mit dem Partner zusammen zu bleiben.

 

Britisches und deutsches Theater unterscheiden sich. In London am Royal Court wurde im März 2009 Ravenhills Stück Over There als Theaterstück zu 20 Jahren Deutsche Einheit uraufgeführt. Das altehrwürdige Royal Court ist besonders bekannt für seinen Anteil an der Geschichte des Modernen Theaters in London. Im 60 Plätze bietenden Studio des Royal Court wurden bereits Stücke von Sarah Kane und Mark Ravenhill aufgeführt. 60 Plätze! - Die Probebühne des BE hat 199. Der kleinere Pavillon immer noch 99.

Im britischen Theater gilt von London über Edinburgh bis Dublin weiterhin, dass der Dramatiker bzw. Playwright der Hauptakteur des Theaters ist. Das ist so selbstverständlich, dass Mark Espiner, der gelegentlich im Berliner Tagesspiegel schreibt, im Londoner Guardian am 3. März 2009 einen Artikel mit dem Titel geschrieben hat: What could British Theatre learn from Berlin? Und das Produktionsteam für Ravenhills Over There ist extra nach Berlin gefahren, um sich dort Inszenierungen anzusehen.


Interessant ist dann die Reaktion der Kritikerin Clare Brennan vom Observer am 15. März, deren Kritik betitelt ist: It’s all double Deutsch to me. Klasse. In Over There geht es um zweimal Deutsch auf verschiedenen Ebenen. Es geht um Zwillinge aus Ost und West, um die beiden deutschen Staaten und englische Zwillinge als Schauspieler. Es ist aber auch eine deutsche Geschichte und eine Inszenierung mit deutschen Einflüssen. It’s all double Deutsch to me wird dann zum Ausdruck kompletten Unverständnisses. Denn nicht zuletzt umschreibt man im Englischen mit „double Dutch“ etwas, was einfach unverständlich ist.

Die Aufführung von The Experiment, ein Text, der 2009 entstanden ist, wie Mark Ravenhill später bei Scones mit Marmelade im Pavillon verriet, ist letztlich very British. Hat man einmal für längere Zeit im angelsächsischen Raum gelebt, dann ist der Charakter präzise getroffen. Distinguiert und freundlich bis zur größtmöglichen Brutalität. - Den Scones des BE muss allerdings demnächst durch eine Selbstback-Aktion Abhilfe getan werden. Zu klein, zu feucht. Meine Lieblingsscones sind staubtrocken wie englischer Humor.

 

Für das Berliner Theater ist es ein Novum, dass der Autor seinen eigenen Text spielt. Von der Art des Auftritts bis zum Champagner-Glas, das aus der Jackettasche wie selbstverständlich hervorgeholt wird, sitzt jede Geste. Britischer Humor besteht aus einer gehörigen Portion Boshaftigkeit. Und es ist ebenso köstlich wie beklemmend dies vom Playwright selbst zu Beginn eines Mark Ravenhill-Marathon im BE serviert zu bekommen.

Vor den Scones servierte das Deutschlandradio Kultur im Pavillon eine Hör-Aufführung des Hörspiels Gemeinschaftskunde von Ravenhill. Es ist die Übersetzung von Citizenship, das 2006 erschienen ist. Gemeinschaftskunde wurde am 28. November zum ersten Mal gesendet und ist im Internet abrufbar. Es gehört zu Stücken, die Ravenhill für Jugendliche geschrieben hat.

 

Gerd Wameling hat bei der Produktion mit Studierenden der Universität der Künste Regie geführt. Eine eher konventionelle, aber qualitativ hochwertige Hörspiel-Produktion ist daraus geworden. Und es ist eine besondere Hörerfahrung, das Hörspiel mit anderen zu hören. Denn ich muss gestehen, dass ich kaum die Muße habe, mich für 69:10 Minuten vor das Radio zu setzen. Auch dazu kann also ein Theater-Marathon von letztlich 7 Stunden gut sein. 

Gemeinschaftskunde ist eine frische, unverklemmte Geschichte darüber, dass Tom im Traum heftig geküsst wird und nicht weiß ob von einer Frau oder einem Mann. Entscheide dich, ob du hetero-, bi- oder homosexuell bist, fordern ihn die Freundinnen auf. Doch diese Entscheidung ist womöglich die schwierigste. Am Schluss jobt Tom in einem Club und hat einen Freund, trifft seine Freundin wieder und weiss doch nicht, ob er nun als Schwuler glücklicher ist. Ravenhill belehrt nicht. Er lässt in seinen Stücken offen, was gut wäre.

Nach den Scones gab es dann die richtig, schwere Theaterkost Freedom and Democracy I hate you in der Inszenierung von Claus Peymann. Entstanden ist das Stück, wenn man von einem Theaterstück sprechen kann, bereits 2007. Innerhalb weniger Monate schrieb Ravenhill 17 Kurzstücke für das Edinburgh Festival. Der „Epic Cycle of Short Plays“ wurde dort als Ravenhill for Breakfast aufgeführt. Im April 2008 wurde er in Einzelteilen als Shoot / Get Treasure / Repeat an mehreren Theatern in London gleichzeitig gezeigt.

 

Gutes Theater muss wehtun. Es muss eine Aktualität haben, die schmerzt. Und es spricht durchaus für ein Theaterstück, wenn es heutzutage mit der Zeit an Aktualität gewinnt. Dann bekommt ein Theaterstück so etwas wie eine vorausschauende Qualität. Der Zyklus handelt nicht ein Thema ab, das dann als erledigt gelten darf. Vielmehr spürt er eine schmerzhafte Stelle im Zusammenleben auf, die sich wie durch einen Wundbrand vergrößert. Der Wundbrand heißt heute Angst.

Wie begegnen heute westlichen Gesellschaften dem Wundbrand der Angst, die sich von makrologischen Ängsten um 9/11 und Terrorwarnungen des Innenministers de Maizière bis in mikrologische Strukturen der Weihnachtsmärkte und partnerschaftlicher Beziehungen hineinfressen? Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, von dem das 20. Jahrhundert die schönsten Blütenträume hatte, kann heute schon als eines der Angst angesehen werden. Und die Angst frisst sich weiter. Ist es gerade das Gute als Gut, als Besitz, das Angst erzeugt?

 

Der Terror des Guten hat Existenzen von New York bis Bagdad, von Teheran bis Tel Aviv, von Berlin bis Birmingham, von Kabul bis Kaulsdorf voll im Griff. Kein Mensch bricht heute mehr einen Krieg vom Zaun, wenn es nicht für das Gute wäre. Kriege werden heute in der Überzeugung des Guten geführt. Man führt Krieg des Friedens willen. Freiheit und Demokratie legitimieren den Krieg. Deshalb ist der Untertitel auf dem Handzettel von Freedom And Democracy I Hate You grundfalsch: Ein Stück gegen den Krieg. - Der Untertitel kann so kaum von Mark Ravenhill stammen. Es wäre eine Revision jedes einzelnen der 17 „Short Plays“.

 

Kann man so einfach gegen „den“ Krieg sein? Es gibt nicht mehr den einen großen Krieg, in dem das Gute gegen das Böse kämpft. Der Krieg gegen den Terror war immer ein Hollywood-Versprechen. Obwohl es längst um einen dezentralisierten Krieg ohne klare Fronten ging, wurde ein Krieg ausgerufen, um wenigstens eine geographisch lokalisierbare Front herzustellen. Sie wurde im Namen von Freedom and Democracy als das Gute schlechthin hergestellt. Die Front verläuft seither mehr denn jemals zuvor im Imaginären.

 

Mit dem „Epic Cycle of Short Plays“ hat Ravenhill eine zeitgenössische Gattung des Epischen Theaters geschaffen. In den Titeln erinnern die Short Plays an die großen Erzählungen und Dramen: Die Troerinnen, Intoleranz, Furcht und Elend, Krieg und Frieden, Mutter, Die Odyssee, Gestern gab es einen Vorfall … Doch die großen Erzählungen funktionieren nicht mehr. Das Epos war narrative Sinnstiftung. Der Epische Zyklus horcht als Stethoskop den Verlust von Sinn zwischen Smoother aus Himbeeren, Cranberries und Apfelsaft, probiotischem Yoghurt und Pumpgun unterm Sternenbanner am Puls der Zeit ab.    

... Die Entscheidung liegt bei mir. Das ist Demokratie. Das nennen wir Demokratie. Demokratie – ich hasse dich,

sagt der Soldat (Felix Tittel) am Schluss von Verbrechen und Strafe. Vorher wollte er von der Frau (Ursula Höpfner-Tabori) hören, dass sie ihn liebt. Sie sollte ihn lieben wie die Demokratie, die er ihr als Soldat nach Bagdad gebracht hat. Es ist eine Verhörsituation. Eine dieser unsäglichen Warum-liebst-Du-mich-nicht-Situationen. Jedes Verhör ist bereits eine Dokumentation des eigenen Scheiterns. Er hat der Frau, als sie nicht antworten will, in die Beine geschossen und die Zunge mit dem Kampfmesser herausgeschnitten, als aus ihr heraus bricht: „ich hasse dich.“ Ein Albtraum.

 

Die Verstrickung des Persönlichen im Weltpolitischen. Wer die Demokratie nicht liebt, liebt mich nicht. Der Soldat verhört eine Betrügerin. Sie hat ihn, um seine Liebe betrogen. Betrogene werden leicht zu Sadisten, die die Betrüger im Namen der Demokratie mit Stromkabeln an Genitalien foltern. Wer mich nicht liebt, soll auch keinen anderen mehr lieben. Es geht immer um die Liebe. Der Hass ist ihr betrogener Bruder nur.

Nach der Aufführung der 11 Kurzstücke von Freedom and Democracy I Hate You erzählt Mark Ravenhill von einem Gespräch mit einem Deutschen, der gesagt habe, dass das Stück für Amerikaner und Engländer zutreffen möge, aber für die Deutschen nicht. Die Deutschen hätten sich da raus gehalten. Sie seien wirklich gut. Das kann man zwar denken, aber kaum ernsthaft sagen. Corinna Kirchhoffs schmerzhaft präzise Helen aus Intoleranz mit ihren gesunden Säften, kein Koffein und der Gewissheit der Frau eines erfolgreichen und originellen Professors für Politikwissenschaft könnte man jeden Augenblick zwischen August- und Schröderstraße in Mitte begegnen. In Charlottenburg und Wilmersdorf natürlich auch.

 

Olivia (Katharina Susewind) und Harry (Harald Windisch) in Furcht und Elend könnten ebenso mit dem Babyfon bei Pasta in einer Küche in der Hufelandstraße im Prenzelberg sitzen. Sie kommen aber auch in jeder besseren Eigenheimsiedlung der Bundesrepublik vor oder in Wilmersdorf. Harmonie, Korrektheit, Sicherheit sind die obersten Gebote ihrer Existenz:

HARRY Gehst die Straße runter, und deine Augen scannen, scannen, scannen. Warten auf den Schlag. Tritt in die Eingeweide. Kugel in den Kopf, irgendwas … Du weißt, weißt, dass „die“ dich angreifen. Die werden dich ausrauben, dich erniedrigen. Werden sie. Werden sie.

Harry will in eine „Gated community“ ziehen. In eine bewachte Wohnanlage, wie sie gerade am Friedrichshain gebaut werden.

Aktuell hat die ZEIT den Aufmacher Der Überfall. Susanne Leinemann, „unsere Kollegin“, schreibt Unterhaltungsromane – Der Liebespakt und Warteschleife. Sie schreibt im Zeitmagazin in dieser Woche über den brutalen Überfall, dem sie am 29. April in Wilmersdorf zum Opfer fiel. Sie wurde fast totgeschlagen. Und das Ganze war nicht mehr wert als eine zweizeilige Überfallmeldung in der Tageszeitung. Susanne Leinemann schreibt ihre Geschichte mit bewundernswürdiger Neutralität und Präzision.

 

Sogar den Prozess gegen die drei, deutschen, jugendlichen Täter, der bereits stattgefunden hat, beschreibt sie nüchtern. Einer der drei Jugendlichen hatte sie mit einer aus einem Treppengeländer herausgebrochenen Sprosse von hinten niedergeschlagen. Willkürlich. Die jugendlichen Räuber hatten es auf ihre Handtasche abgesehen. Die Räuber, die sie fast totgeschlagen hätten, wohnten in einem sozialtherapeutischen Wohnprojekt. Sie hatten bereits Heimkarrieren hinter sich.

Geschichten wie diese, bestätigen Harrys Angst und den Wunsch nach Sicherheit entweder in Hochsicherheitswohnanlagen oder fernab von U-Bahnhöfen, die zufällig jugendliche Räuber ausspucken könnten. Man kann fragen, ob Berlin, Deutschland immer gefährlicher wird. Oder hat unser Sicherheitsdenken nicht bereits die Grenze zur Paranoia überschritten? Sicherheit ist ein gutes Geschäft. Von der Lebensversicherung bis zum Rauchmelder wird unser Leben immer sicherer. Angst kurbelt das Geschäft an.

 

Unsicherheit ist ein soziales Randphänomen geworden. Wer arm ist, lebt ungesund und unsicher. Kein gesundes Essen, kein Rauchmelder, keine Lebensversicherung. Wer sich in den Unsicherheiten des Lebens einrichtet, hat einen sozialen Schaden. Unsicherheit bedeutet sozialen Abstieg. Geliebt wird die Sicherheit – um jeden Preis.

Mark Ravenhills „Epic Cycle“ wie er jetzt am Berliner Ensemble aufgeführt wird, ist eine große Erzählung von der Angst und was die Menschen jenseits und diesseits des Atlantiks bereit sind, gegen sie zu tun. Sie führen Kriege. Sie schneiden Zungen heraus. Sie malträtieren Menschen wie Ruth – „Scheiß auf deine Welt.“ - in Paradise Lost Nacht für Nacht mit dem heißen Bügeleisen und zerschmettern ihr als Sicherheitsbeamte mit dem Vorschlaghammer die Schienbeine. Albträume der Sicherheit.

 

Freedom and Democracy I Hate You ist richtig schwere Kost. Und das ist gut. Mark Ravenhill setzt seinen schwarzen, britischen Humor ein, um messerscharf eine Zeitdiagnose zu stellen, die das Monster in jedem Gutmenschen bloßlegt.

Überraschenderweise ist das Berliner Ensemble mit Claus Peymann und großartigen Schauspielern wie nicht zuletzt Swetlana Schönfeld als herrlich schlampige und todtraurige Mutter diesmal die präzisere und politischere Volksbühne. Das Politische kehrt ans BE zurück. Aber anders. Dies kann selbst dann gelten, wenn der Untertitel so was von falsch ist. Vielleicht war er einem imaginären Publikum geschuldet, das sich lieber mit dem Krieg da drüben beschäftigt als mit sich selbst.

 

Must see.

 

Torsten Flüh

 

FREEDOM AND DEMOCRACY

I HATE YOU

Nächste Vorstellung:

30. Dezember 2010, 19:00 Uhr

Berliner Ensemble

Theater am Schiffbauerdamm

Bertolt-Brecht-Platz 1

10117 Berlin