Terrorzellen - Dämonen nach Fjodor Dostojewskij in der JVA Charlottenburg

Theater – Gefängnis – Gesellschaft

 

Terrorzellen
Dämonen nach Fjodor Dostojewskij in der JVA Charlottenburg

 

Das Regieteam des Gefängnistheaters aufBruch unter der Leitung von Krzysztof Minkowski und Dirk Moras (Konzept und Regie) hat im Theatersaal der Justizvollzugsanstalt Charlottenburg mit 8 Inhaftierten und einem Berufsschauspieler eine Terrorzelle aus Nihilisten, Anarchisten, Terroristen des Schriftstellers Fjodor Dostojewski geschaffen. - Moment mal. Theatersaal? Gefängnis? Terrorzelle? Was kommt denn da zusammen? – Am Mittwochabend war umjubelte Premiere.

„Dämonen“, sagt  Herr G. fragend bei einem Umtrunk am Nachmittag in Mitte Nähe Alexanderplatz, bevor ich in den Knast gehe. „Geht es nicht etwas lustiger?“ Ja, warum eigentlich nicht? Muss sich Theater mit Gefangenen, mit Straftätern, die rechtskräftig von einem deutschen, einem Berliner Gericht zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt worden sind, denn mit so einem schweren Stoff wie Dämonen beschäftigen? Warum nicht besser einen Schwank oder Comedy, und nicht gleich so richtig schwere Weltliteratur, die im Magen liegen bleibt?


Dämonen beginnt mit Party. 9 Männer machen eine Polonaise. Luftschlangen. Clownshütchen. Glitzerperücken. Und natürlich Flaschen mit Alkohol. Party! Witze über Sex. Stoßbewegungen und nackte Mädchen auf Magazinbildern. Für eine Party braucht Mann Sex. Grölen. Ist eigentlich irgendwie ganz normal. Vor allem Freitags- oder Samstagsnachts ziehen Junggesellen-Gruppen oder so kostümiert mit Flaschen, Bauchladen und bestens aufgelegt durch Berlin-Mitte vor allem auf dem Ku’damm, der Oranienburger Straße und aufm Alex. Alles super. Und uriniert, gepisst wird zum Beweis der Männlichkeit an jeder mehr oder weniger einsichtigen Ecke.


Party ist irgendwie immer mitten in der Gesellschaft. Die Partyjungs und –mädchen verkriechen sich nicht etwa. Sie suchen die Öffentlichkeit, die Aufmerksamkeit, um den dicken Mann oder das flotte Mädchen zu markieren. Es ist ja nicht so, dass Party   außerhalb der Gesellschaft stattfindet. Ganz und gar nicht. Geht man Samstagabends mehr oder weniger zufällig ins Alex unter dem Fernsehturm am Alexanderplatz, dann kann es schon ’mal passieren, dass ein junger Mann unter dem Gegröle junger Frauen auf der Tanzfläche strippt. Smartphones blitzen. Pics werden auf Facebook hochgeladen. Und irgendwann laufen alle wieder auseinander.   


Das Verhältnis von Gesellschaft und Party, von Anerkennung in der Gruppe, unter Facebook-Freunden und „Krieg gegen die Gesellschaft“ (Programmzettel Dämonen) ist keinesfalls einfach zu bestimmen. Ist die Party schon Krieg? — Weil es mit Dämonen im Gefängnis, in einer konkreten Berliner Justizvollzugsanstalt für Männer auf zugespitzte Weise um Fragen des Verbrechens, der Gesellschaft und der Anerkennung als sozialen Akt geht, schimmert nicht zuletzt auch der jüngste tödliche Vorfall am Alex bzw. den Rathauspassagen in Mitte durch. Was ist da möglicherweise aus Partystimmung passiert? — Instrumentalisiert wurde der tödliche Vorfall sogleich von unterschiedlichen, gesellschaftlichen Gruppen. Das war dann zum Teil wahrhaft bestialisch.


Gesellschaft als Gesellschaft ist kein Sanatorium. Das wäre ja einmal festzuhalten. Wenn es denn Gesellschaft als Einheit gäbe, dann müsste man nicht ständig darüber reden. Gesellschaft findet allerdings im ständigen - auch kakophonischen - Gerede statt. Ohne Gerede, akademischer gesagt, ohne Diskurs gäbe es gar keine Gesellschaft. Wie am Alex so auch im Justizvollzug wird ständig über die Gesellschaft gesprochen. Denn Gesellschaft definiert beispielsweise Straftaten, die geahndet werden müssen und die in der bundesdeutschen Gesellschaft, möglicherweise nicht zuletzt aus Kostengründen, den Straftätern eine Resozialisierung ermöglichen soll. Auf der Website zum Justizvollzug in Berlin heißt es:  „Mit dem Vollzug der Freiheitsstrafe sollen die rechtskräftig verurteilten Straftäter befähigt werden, zukünftig in sozialer Verantwortung ohne erneute Straftaten zu leben. Zugleich soll die Öffentlichkeit vor gefährlichen Tätern geschützt werden. Diese Aufgaben nehmen Justizvollzugsanstalten des offenen und des geschlossenen Vollzuges wahr.“  


Der Schriftsteller Fjodor Dostojewski (1821-1881) gehört nicht nur zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern, vielmehr durchzieht sein literarisches Werk wenigstens seit seiner zweiten Veröffentlichung, Двойник/Dvojnik/Der Doppelgänger (1846), ein spezifisches Verhältnis von Einzelnem, Sprache und Gesellschaft. Dostojewskis Protagonisten wurden und werden vor allem mit „soziologisch orientierten Analysen“[1] untersucht. Das Verbrechen des Einzelnen und Sprache als Ausdruck sozialer Kommunikationsfähigkeit werden dabei aufeinander bezogen.

Бесы/ Bessy/Die Dämonen erschien 1872. Auf dem Programmzettel zur Inszenierung im Gefängnis heißt es:

… Wut und Selbstmitleid führen nicht zu Veränderungen, sondern zu Egoismus, Misstrauen und Isolation. Dostojewskis Roman ist eine Beschreibung des Nihilismus, das heißt von Erfahrungen und Denkweisen, denen der Verlust von Sinn und Werten, eines festen Haltes, die Erfahrung des Schwindens fester Gewissheiten und Orientierungspunkte, eben die Erfahrung des „Nichts“ gemeinsam ist… Der unbegrenzte Individualismus führt zu asozialem Verhalten untereinander und schließlich zu mehrfachem Mord, Selbstmord und Wahnsinn.

Man kann es so formulieren und es ist dem Regieteam geglückt, einige wichtige Züge von Dostojewskis Dämonen herauszuarbeiten. Allerdings wird dabei die Rolle der Sprache zugunsten von „Sinn und Werten“ ein wenig zurückgedrängt und die Werte-Problematik in Dostojewskis Werk wird etwas schulmäßig formuliert. Denn es ist durchaus eine wissenschaftliche Frage, wie Sprache gesellschaftlich oder sozial funktioniert oder nicht. Dass ein gesellschaftlicher Diskurs werteorientiert sein muss, ist noch lange nicht ausgemacht. Mit anderen Worten: in der Kommentierung des tödlichen Vorfalls an den Rathauspassagen schossen durchaus unterschiedliche und widersprüchliche Werte durcheinander. Und zwar derart deutlich und vehement, dass während der Live-Schaltung vom Tatort RBB-Reporter ihre Mikrophone (!) abschalteten oder der Sender andere Kommentare zwischen schnitt.

Bevor man also das Versagen der Sprache bei Dostojewski sozio-logisch einem Werteverlust zuschreibt, kann man dessen Modi – soweit das anhand einer Übersetzung möglich ist und berücksichtigt wurde – einmal genauer beobachten. Anarchismus, Nihilismus und Terrorismus haben sicherlich mit einer Ebene des Monologisierens als Modus des Sprechens zu tun. Im Monologisieren versagt die Sprache auch. Dafür hat sich Dostojewski nicht erst bei den wahlweise und beziehungsreich als Die Dämonen, Die Teufel, Böse Geister oder Die Besessenen übersetzten Бесыinteressiert, sondern bereits im Doppelgänger.


Dostojewski ist geradezu ein Meister im Schreiben mono-logischer Prozesse. Es spricht nicht nur ein Einzelner ständig mit sich selbst wie in Doppelgänger, sondern „die Dinge“ selbst sprechen auf eine seltsame Weise. Allerdings bleibt das Sprechen meistens eher folgenlos, obwohl es doch Kommunikation herstellen sollte. In der Eröffnungssequenz wird von einer bedenkenswerten Genese der Sprache des Samowars erzählt:

… Petruschka war wieder nicht zu sehen, nur der hinter dem Verschlag auf dem Fußboden stehende Samowar brodelte zornig, ereiferte sich, drohte überzulaufen und schwätzte, schnarrend, lispelnd und sich überstürzend, Herrn Goljadkin in seiner seltsamen Sprache etwas vor, was wohl heißen sollte: So setzt mich doch endlich auf den Tisch, ihr guten Leutchen, ich bin ja schon ganz fertig.[2]


Herr Goljadkin wird den Samowar nicht auf den Tisch stellen. Es wird gar keine Rede mehr vom Samowar sein. Das ist insofern bemerkenswert, als der Samowar nicht nur zu einem sprechenden Ding gemacht wurde, was beispielsweise im Genre des Märchens weitreichende Folgen haben könnte, sondern dessen Sprechen, dessen Tonfall — „brodelte zornig, ereiferte sich, drohte überzulaufen und schwätzte, schnarrend, lispelnd und sich überstürzend“ — erstens bedeutungsvoll herausgestellt wird und zweitens gleich ein ganzes Szenarium an Modi des Sprechens — brodeln, ereifern, drohen, schwätzen, schnarren, lispeln — erzeugt wird. Hört Herr Goljadkin den Samowar nicht? Wer soll ihn hören? Es ließe sich wenigstens sagen, dass der Samowar in seiner Sprache Modi des Sprechens aufruft und doch nur für sich selbst spricht.

 

Die merkwürdige Sprachszene mit dem Samowar, der nur vor sich selbst hinspricht, korrespondiert mit Herrn Goljadkins Vorsprache bei seinem Arzt, „Christian Iwanowitsch Rutenspitz“, im Zweiten Kapitel. Bereits der Name des Arztes „Rutenspitz“ könnte als sprechend aufgefasst werden. Doch obwohl es zu einem Arzt-Patienten-Gespräch kommt, bleibt völlig unergründlich, welche Krankheit Goljadkin denn nun hat. Angedeutet wird im Modus der ärztlichen Anamnese eine Melancholie.

»Hm! nein, das ist nicht das Richtige, und ich habe Sie gar nicht danach fragen wollen. Es interessiert mich im allgemeinen zu wissen, ob Sie ein Freund lustiger Gesellschaft sind und Ihre Zeit fröhlich verbringen … Also, führen Sie jetzt ein melancholisches oder ein fröhliches Leben?“[3]


Doch für einen Doktor der Medizin und Chirurgie ist die Melancholie in St. Petersburg 1846 nicht mehr unbedingt das geeignete Betätigungsfeld. In Berlin war bereits 1811 mit dem Tod der Mademoiselle Thiele an der Charité ein heftiger Streit zwischen Chirurgen und Medizinern bzw. Irrenärzten ausgebrochen. Die leitenden Ärzte der Charité, Dr. med. Heinrich Kohlrausch, Chirurg, und Dr. med. Ernst Horn, Medizin, waren vor allem darüber in Streit geraten, wer die Vertretung des Direktors der Charité, Christoph Wilhelm Hufelands, während dessen Reise nach St. Petersburg übernehmen dürfe. Daraus folgte einer der ersten Arzthaftungsprozesse[4] in Berlin. Deutlich herauszustellen ist, dass wegen der dynastischen Verbindungen zwischen Preußen und Russland ein reger Wissensaustausch zwischen Berlin und St. Petersburg herrschte. Die Melancholie war zum Betätigungsfeld der Psychiatrie und der Nervenärzte geworden.

Obwohl Christian Iwanowitsch Rutenspitz Herrn Goljadkin ein Rezept ausstellen wird und jener verspricht, dass er „die Arzenei nehmen“ (S. 19) werde, bleibt völlig offen, welche Krankheit er haben könnte. Stattdessen wird eine Vorsprache beim Arzt inszeniert, die vor allem das sprachliche Unvermögen Goljadkins und Sprachprozesse selbst vorführt. Denn er wiederholt mehrmals: „… ich bin kein Meister im Schönreden.“ Stattdessen redet sich Goljadkin in Rage und erzählt von den unsicheren und unkontrollierbaren Sprachmodi „Klatsch“ und „Gerücht“:

»Sie haben ein Gerücht über ihn in Umlauf gesetzt … Ich muß gestehen, ich schäme mich sogar, es Ihnen zu sagen, Christian Iwanotisch.«
»Hm …«
»Sie haben ausgestreut, dass er sich bereits schriftlich verpflichtet hat zu heiraten, dass er schon anderweitig verlobt ist …« (S. 22)

Dostojewski nannte Doppelgänger „Ein Petersburger Poem“ im Untertitel.[5] Er gab damit gleichfalls einen Wink auf die sprachliche Verfasstheit seiner Erzählung, die einerseits an die literarischen Diskussionen in seinem Umfeld anspielte und andererseits nicht nur in St. Petersburg spielte, sondern auch geschrieben worden war. An dem Untertitel mit der Anspielung auf das Genre des „Poem“ oder Gedichtes möglicherweise sogar Versepos wurde in der literarischen Diskussion Anstoß genommen. Denn das Poem stellt anders als die Erzählung oder der Roman weniger das Erzählerische als vielmehr das sprachlich Kompositorische heraus. Abgesehen von den sprachlichen Eigenheiten im Schreiben Dostojewskis wird dieser 1849 zum Tode verurteilt, weil er durch die Obrigkeit kriminalisierte Texte vorgetragen, öffentlich gesprochen hatte. Er wird in allerletzter Minute von Zar Nikolaus I. begnadigt. Vor diesem und keinem geringeren Hintergrund schreibt Dostojewski Dämonen.  

Wann scheitert Sprache? — Die Terrorzelle in der JVA Charlottenburg pervertiert und reduziert Sprache und Sprechen auf ein Erteilen von Befehlen oder eine Hingabe an den Sprachfluss im Gewaltrausch. Die Texte sind dabei durchaus mit den Inhaftierten im Team erarbeitet worden. Wenn das Erzählen glückt, dann wird es schauerlich. So erzählt Nikolai Stawrogin (Bob Leemans) im Modus der Beichte, wie er ein 14jähriges Mädchen missbraucht und es nicht vom Selbstmord abgehalten hat. Ignat Ledjadkin (Adrian Schäfer) brüllt sich in einen Gewaltexzess an seiner behinderten Schwester, die er schließlich nur noch „richtig platt machen“ will.

Der Terror richtet sich keinesfalls „nur“ nach Außen auf eine imaginäre Gesellschaft als Feind, sondern führt gleichfalls die Aggressionen der Mitglieder unter einander vor. Wer nicht „das Mädchen mit dem blöden Blick in der ersten Reihe“ mit einer Holzlatte schlagen will, nicht dazu imstande ist, wird ausgeschlossen, ist nicht mehr für die Zelle zu gebrauchen. Das wird eindrucksvoll und höchst bedrückend in einer Pantomime zum Thema aus Peter Tschaikowskys Schwanensee vorgeführt. Warum schlägt er nicht zu? Stattdessen zittert die Lippe wie bei Dostojewskijs Goljadkin. Ist das jetzt eine Memme? Oder ein Widerstand gegen den (Test-)Befehl von Fedjka Katschorny (Nikolai Plath) aus Menschlichkeit? Spricht durch das hochemotionale Schwanensee-Thema die Tragik der Gewalt? 

 

Strafgefangene sind keine professionellen Schauspieler, weshalb es durchaus zunächst zum Zögern vor einem weltliterarischen Stoff im Gefängnistheater Anlass geben mag. Das aufBruch Team um Sibylle Arndt hat allerdings in den letzten 15 Jahren 30 Produktionen mit insgesamt geschätzten 300 Gefangenen realisiert. Im Sommer war in der JVA Tegel Kain und Abel in der Inszenierung von Peter Atanassow als Freilufttheater zu sehen. Dort wurde ein eher chorisch inszeniertes alttestamentarisches Drama - „Dein Gott liebt Blut./Du sollst nicht töten.“ - um die Frage der Schuld und des Brudermordes auf der Grundlage der drei monotheistischen Religionen – Judentum, Islam, Christentum – aufgeführt. Das war allein deshalb schon spannend, weil die Gefangenen ebenso bunt sind wie die Berliner Bevölkerung – Deutsche, Griechen, Polen, Araber etc. Sie sangen beispielsweise griechische, hebräische und muslimische Lieder zusammen.


aufBruch arbeitet nicht nur mit „straffällige(n) Menschen aller Altersgruppen, die aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus stammen und verschiedene Sprach- und Bildungsniveaus vorweisen“, sondern arbeitet eben auch in den Produktionen mit diesen unterschiedlichen Menschen, die sich auf eine unwiederholbare Weise mit ihren Rollen im Ensemblebzw. Team auseinandersetzen müssen. Das ist keinesfalls ungefährlich. Zumindest in dem Sinne nicht, dass in einer Produktion auf einmal Menschen interagieren müssen, die sonst wie auch in der Gesellschaft außerhalb der Gefängnismauer kaum oder gar nicht mit einander sprechen.

Jede Inszenierung, jede Aufführung wird einzigartig. Denn die Inszenierungen im Gefängnis können nur wenige Mal wiederholt werden. Die Ensembles finden erst während der Produktion zusammen. Anders als am Theater außerhalb der Gefängnismauern stellen sich Fragen, die sonst nicht vorkommen. Das Ensemble für Dämonen lässt beispielsweise die Rollen derart nah an sich ran kommen, dass Schäfers Ignat Ledjadkin als übelster Schlägertyp erscheint. Doch bereits im obligatorischen Gespräch zwischen Publikum und Darstellern nach der Vorstellung, fällt Schäfer dadurch auf, dass er sich besonders gut artikulieren kann und dass er beteuert, dass seine Rolle harte Arbeit gewesen sei. Das könnte zumindest eine Erwartung von Authentizität in Frage stellen, um es einmal so zu sagen.


Anders gesagt: Es passiert nicht nur etwas mit den Darstellern im sozialpädagogischen Sinne durch Theaterspielen, sondern der Zuschauer selbst sieht sich mit Wahrnehmungsmustern, die er für seine eigenen hält, konfrontiert. Nur weil dies bei Schäfer besonders eindrücklich geschieht, soll er noch einmal beispielhaft genannt sein. Der Vollzugsleiter der JVA Charlottenburg stellte ihn in kleinerem Kreis auch als Redakteur der Gefängniszeitung vor, er bezeichnete sich selbst als eher ruhigen Typ und er war der einzige Gefangene im Jackett. Wahrnehmungsmuster täuschen nur all zu häufig das Authentische vor. Zu den Spielregeln des Gefängnistheaters gehört es, dass das Publikum nicht erfährt, für welche Straftat die Inhaftierten verurteilt worden sind.  


Theaterspielen ist im Vollzugsplan Freizeit. Es ist nicht unbedingt eine Vergünstigung. Vielmehr hat aufBruch das Gefängnistheater so weit entwickelt, dass so manch ein Gefangener davon überrascht worden sein dürfte, was das Theaterspielen mit ihm gemacht hat. Das kann von jedem mehr oder weniger stark reflektiert werden. Doch im günstigeren Falle kommt man gerade als Laiendarsteller als ein Anderer aus der gespielten Rolle heraus. Die Gebrüder Taviani, die mit Cesare Deve morire den Goldenen Bären in diesem Jahr gewonnen haben, stellten deshalb die Erfahrung eines Gefangenen in seiner Zelle an den Schluss ihres Gefängnistheaterfilms. Er sagt, dass ihm seine Zelle zum Gefängnis geworden sei, seitdem er erfahren habe, was Kunst ist.

Könnte es sein, dass der Film bisher nicht in größeren Kinos angelaufen ist, weil „die“ Gesellschaft sich mit „den“ Mördern, Dieben und ehemaligen Mafia-Mitgliedern in Cesare Deve Morire partout (!) nicht auseinandersetzen will? Das Verhältnis von Öffentlichkeit und Gefängnis bzw. Justizvollzug ist nicht unproblematisch. Zunächst einmal muss man sich als Besucher von Gefängnistheater darauf einlassen, ins Gefängnis, in den Knast zu gehen, sich hinter Sicherheitsbarrieren und Fenstergitter nach Abgabe seines Personalausweises zu begeben, ja, sich einschließen zu lassen. Voilá!


Gefängnistheater leidet nicht unter Besucherschwund. Die Vorstellungen sind ausverkauft. Vielleicht mag der eine oder andere Besucher gar ein voyeuristisches Interesse verspüren. Doch allein die Ernsthaftigkeit der Prozedur, dass die Theaterkarten 5 Tage im Voraus unter Vorlage des Peronalausweises und Nennung des Namens an der Tageskasse in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gekauft werden müssen, macht den Besuch im Gefängnis zu einer Unternehmung. Deshalb wäre es durchaus eine Frage, wessen Biographie den Text füllt, die der Gefangenen oder/und die der Besucher, wenn aufBruch Heiner Müllers Formulierung Biographie füllt Text zum Motto gemacht hat.

 

Torsten Flüh

PS: Der Berichterstatter musste neben Waffen, die er nicht bei sich trug, vor allem seine Kamera einschließen. Im Gefängnis herrscht Fotografierverbot aus verschiedenen Gründen.

 

Dämonen

JVA Charlottenburg
Friedrich-Olbricht-Damm 17
13627 Berlin

Weitere Vorstellungen:
23., 26., 27. und 28. November 2012, 18:00 Uhr

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[1] Martini-Wonde, Angela: Nachwort. In: Dostojewskij, Fjodor: Der Doppelgänger. 2009. S. 207

[2] Dostojewskij, Fjodor: Der Doppelgänger. 2009. S. 5 -  Übersetzung 1963 Marianne Kegel, H. Kolls, Arthur Luther und Erwin Walter.

[3] Ebenda S. 13

[4] Vgl. Flüh, Torsten: Die Criminalgeschichte des Sackes. Durch einen Todesfall während einer von Horn veranlassten Handlung kam es zu einem der ersten, aufsehenerregenden Arzthaftungsprozesse. In: Deutsches Ärzteblatt Jg. 108, Heft 12, A657

[5] Martini-Wonde, S. 205,