The Freaks' Coup - The Tiger Lillies Freakshow im Wintergarten

Freak – Brecht – Film

 

The Freaks' Coup

The Tiger Lillies Freakshow im Varieté Wintergarten 

 

Am Schluss sind die Siamesischen Zwillinge, die Hilton Sisters, getrennt und wirbeln am Trapez auf atemberaubende Weise durch die Lüfte. Das Publikum rast. The Tiger Lillies machen ihre brechtische Rockmusik und der ganze Saal tobt, bis sich die Schlangenfrau und der Jongleur, Hans und  Daisy Hilton, Frieda und Violet Hilton auf der Bühne in den Armen liegen.

The Tiger Lillies' Freakshow ist eine sehr brechtische Mischung aus Rockmusik, Gesellschaftskritik und Varieté. Sie bringt Varieté-, Zirkus- und Filmgeschichte in ebenso fetzigen wie leisen Tönen auf die Bühne. Eine moderne Dreigroschenoper verschnitten mit dem Plot des Filmklassikers Freaks von Tod Browning aus dem Jahr 1932.     

Martyn Jacques ist Gründer, Falsett-Sänger, Akkordeon- und Klavierspieler, Texter und Komponist der Tiger Lillies. Seine Lieder handeln von Zuhältern, Prostituierten, Drogenvergehen, Verlierern und anderen Randexistenzen. Die Lieder der Freakshow tragen sprechende Titel: The Snake Woman, Three Legged Jake, Rosa with 3 Hearts, the Fat Lady, Deathless Man, Normo, Bleeding Lady, Matchstick Man, Ugly Joe, Hairy Man and the Sleeper.

Adrian Huge sitzt fett und feist am Schlagzeug und spielt mit großer Lässigkeit Percussion und Toys wie z.B. - wie sollte es anders sein bei so einem fettkostümierten Ungetüm - die Triangel. Pling. Adrian Stout zupft und streicht den Kontrabass ebenso virtuos wie die Singende Säge und das Theremin. Er ist morgenländisch gekleidet und könnte aus dem Horrorfilm die Mumie (1932) entsprungen sein.

The Tiger Lillies sind eine wunderbar anarchische Formation auf höchstem künstlerischem Niveau. Martyn Jacques ist als eine Mischung aus Mackie Messer, der Joker und einem Zirkus-Clown geschminkt. Von Lied zu Lied wechselt seine Fresse die Nuancen von abgrundtief böse bis hochpoetisch.

Das Varieté Wintergarten hat mit der Freakshow einen echten Renner eingekauft. Eine unwiderstehliche Mischung aus rockiger Musik, historischer Menschen- und Monstrositäten-Schau, leiser bis spektakulärer Akrobatik und einer Dreimannband, die es versteht, den Saal zum Toben zu bringen. Mit den einzelnen Nummern wird dann auch noch eine Geschichte erzählt, die sehr böse Ursprünge hat und durchaus anspruchsvoll erzählt wird.

Bevor es Talkshows und Realitysoaps am Nachmittag in den Privatsendern gab, war alles anders. Freaks waren noch richtige Freaks. Dabei ist schon das englische Wort Freak von schillernder Bedeutung. Es kann sowohl positiv eingesetzt werden für einen äußerst unangepassten Typen wie auch als Schimpfwort benutzt werden. So wie es die korrupte, schöne, aber böse Trapezkünstlerin Cleopatra in Tod Brownings Film Freaks auf dem dramatischen Höhepunkt gegen die körperlich behinderten Menschen beim Hochzeitsbankett mit dem kleinwüchsigen Hans benutzt. Freak changiert von Laune bis Missgeburt. Ein freak of nature kann ebenso mit einer Laune der Natur als auch mit Monstrum übersetzt werden.

Freakshow knüpft an den Film Freaks und seine Geschichte ebenso wie an das Schicksal der Hilton Sisters an. Sie spielten in dem Film mit. Freaks gilt als der künstlerische Höhepunkt des Horrorfilmregisseurs Tod Browning. Er hatte ein Jahr zuvor, 1931, den Ur-Dracula-Film mit Bela Lugosi gedreht. Doch während Dracula ein durchschlagender und nachhaltiger Erfolg wurde, war Freaks eine Kassenkatastrophe und beendete Brownings Karriere als Regisseur. Was war falsch gelaufen?  

Um Martyn Jacques’ Freakshow in der Regie von Sebastiano Toma würdigen zu können, ist es angebracht, die Wiederkehr des Freaks im Varieté in Kontrastierung mit dem Film zu befragen. Freaks ist in seiner Art einmalig. Das zeigt nicht zuletzt der epische Vorspann zum Film, wie er heute erhalten ist und bei Google Video als historisches Dokument online abgerufen werden kann.

 

 

Die verfügbare und erhaltene 64minütige Fassung ist eine verstümmelte. Denn Brownings Originalschnitt stieß auf heftige Proteste. Infolge der ersten Vorführungen soll eine Frau Metro-Goldwyn-Mayer beschuldigt haben, dass der Film eine Fehlgeburt verursacht habe. Browning hatte den Film nicht nur mit den Siamesischen Zwillingen, Daisy und Violet Hilton (1908-1969), sowie den kleinwüchsigen Geschwistern Hilda (1907-1980) und Kurt Schneider (1902-1985) aus Stolpen in Sachsen, in Hollywood bekannt als Daisy und Harry Earl oder ebenso als The Doll Family, sondern z.B. auch mit Johnny Eck (1911-1991) und anderen körperlich behinderten Menschen besetzt. Johnny Eck fehlten durch ein Kaudales Regressionssyndrom ab den Lenden die unteren Extremitäten.

Laut Quellenlage herrscht Uneinigkeit darüber, ob die für die Hauptrollen vorgesehenen Hollywood-Stars wie Myrna Loy und Jean Harlow sich geweigert haben, neben den Schauspielern, die aus Freakshows rekrutiert wurden, zu spielen oder ob die Produzenten und Metro-Goldwyn-Mayer von vorne herein auf weniger bekannte Schauspieler auswichen, um ihren Stars nicht zu schaden. Olga Baclanova (1896-1974), deren Karriere nach Erfolgen in Stummfilmen angeblich im Verblassen war, übernahm schließlich die Hauptrolle als Cleopatra.   

Bereits die Besetzungsfrage galt demnach als schwierig. Wieviel Sichtbarkeit des Freaks war möglich? Wurden doch behinderte und fehlgebildete Menschen in den 30er Jahren bereits weggeschlossen und aus einem sauberen Stadtbild entfernt. Natürlich oft aus philanthropischem Engagement.  Im Unterschied dazu hatte Tod Browning (1882-1962) mit der Besetzung der Freaks durch „Freaks“ weniger Probleme. Zumal er als junger Mann, bevor er zum Film kam, auf Jahrmärkten, Völkerschauen und im Zirkus selbst aufgetreten war. Browning soll als Clown in dem damals größten Zirkusunternehmen, dem Ringling Brothers Circus, aufgetreten sein. Ringling verband ähnlich wie Carl Hagenbeck in Deutschland Tier- und Menschenschauen mit artistischen Vorführungen.

Freaks gilt heute als Kult-Film. Wenn ein Film zum Kult-Film wird, dann wird er leidenschaftlich verehrt. Der Film wird wiederholt angeschaut und oft werden einzelne Charaktere zum Vorbild genommen. Wenn ein Film zum Kult wird, dann verständigt sich die Gemeinde über die Wiederholung von markanten Sätzen. - Spiel's moch einmal, Sam. Schau mir in die Augen, Kleines. Harry, hol schon mal den Wagen. Achtung, Janet! Der Zweig. - Ob die Sätze so jemals im verehrten Film gefallen sind, spielt keine Rolle. Er wird zum Objekt der Identifikation. Die Lesarten des Films Freaks können indes sehr unterschiedlich ausfallen.

Einerseits wird häufig in der Filmhandlung ein emanzipatorisches Moment gesehen. Hans, der sich in die große, schöne Trapezkünstlerin verliebt, wird von ihr nur geheiratet, weil er durch eine Erbschaft vermögend geworden ist. Sie schmiedet mit ihrem Geliebten Hercules einen Mordkomplott an Hans, der von den „Freaks“ vereitelt und in einer kollektiven Aktion gerächt wird. Hercules wird entmannt, kastriert und Cleopatra derart verunstaltet, dass sie selbst zum Freak wird. Die Rolle des Kollektivs als Rechtsinstanz wird positiv eingeschätzt.

Andererseits ist Freaks eben auch eine finale Menschenschau im Mantel einer Horrorgeschichte. Der Schrecken könnte demnach vor allem darin liegen, dass jeder Mensch selbst zum Freak werden kann. Unglücksfälle oder Gewalttaten können potentiell jeden Zuschauer zum Freak machen. Als Freaks erscheinen eben alle vor allem sichtbaren Abweichungen von einem als normal gesetzten Menschenbild. Nicht nur die Größe wird zum Merkmal der Abweichung, sondern ebenso die geschlechtliche Eindeutigkeit. So trat auch Josephine Joseph in Freaks auf. Ob Josephine Joseph medizinisch tatsächlich intergeschlechtlich war, spielte dabei keine Rolle. Allein die Sichtbarkeit im Profil als Mann und als Frau verlieh ihm/ihr eine doppelte geschechtliche Zuschreibung. Die sichtbar durch Frisur und Kostüm hergestellte Doppelgeschlechtlichkeit changierte zwischen Laune und Brutalität der Natur.

Die Moral wäre demnach zweischneidig. Einerseits können sich eben jene behinderten Menschen im Kollektiv gegen das Unrecht, das ihnen angetan wird, mit Recht rächen. Die Zuschauer sollen also nett und freundlich zu Freaks sein, damit sie selbst nicht Gefahr laufen, zu Freaks gemacht zu werden. Die Identifikation mit Freaks, ihre Akzeptanz läuft also andererseits nur darüber, kein Freak sein zu wollen. Gerade die dramatische Emotionalisierung der Erzählung aus dem Zirkus verschafft dem Film eine Moral. Hans ist doch "wirklich" verliebt in Cleopatra. Cleopatra will Hans doch "wirklich" töten, um an sein Geld zu kommen. Aus dieser Wirklichkeit und ihrer Wirkungsmacht leitet sich die Moral des Films ab.

Der Horror, dem in der Erzählung und Verfilmung von Dracula eine stark erotische Konnotation beigegeben ist, erhielt in Freaks anhand einer erotischen Liebesgeschichte einen realen Gefährdungsgrad. Freaks als Freaks, so könnte man sagen, waren eben keine Freaks mehr im Film, sondern die potentielle Bedrohung, selbst Freak zu werden oder einen Freak zu gebären, wie es die kolportierte Geschichte von der Frau mit der Fehlgeburt äußert. Darin lag eine neue, unerträgliche Qualität des Horrors. Das war dann gar nicht mehr gruselig schön, sondern unheimlich. Mit dem Unheimlichen kehrte ausgerechnet das gesellschaftlich Ausgegrenzte als Reales wieder.

Die Diskussion um Freaks und die Verbote, die den Film in mehreren amerikanischen Bundesstaaten und für 30 Jahre in Großbritannien ereilten, dürfen als deutliches Indiz für die schwierige Rechtslage des Films gelten. Solange er als eine reale Bedrohung der Mechanismen von Ausschluss und Identifikation aufgefasst wurde, durfte der Film nicht gezeigt werden. Gerade der auf merkwürdige Weise wissenschaftlich argumentierende nachträgliche Vorspann des Films erhöht die Drohung des Realen und versucht es auszuschließen.

Das Reale ist die Katastrophe, dass die Freaks keine Schauspieler sind. Zieht man allerdings Josephine Joseph in Betracht, dann wird noch deutlicher, wo das Reale einschlägt. Josephine Joseph, die eine geschlechtliche Katastrophe sichtbar macht, verunsichert nämlich vor allem die eigene geschlechtliche Identität. Mehr noch, jeder, der den Film sieht könnte selbst einer sein oder werden. Im Film wird genau diese Geschichte erzählt, wenn Cleopatra die Freaks als Freaks beschimpft. Sie ist und will kein Freak werden, selbst wenn sie Hans heiratet. Wieweit sie selbst als Trapezkünstlerin im Zirkus schon ein Freak ist, leugnet sie damit auch. Denn das Schicksal oder Wesen des Freaks ist es nach den überlieferten Worten von Daisy Hilton, angestarrt zu werden. Als schöne Trapezkünstlerin wird Cleopatra allerdings immer angestarrt. Sie war schon immer ein Freak.

Die Selbstzensur von Freaks führte schließlich soweit, dass die Szene, in der Hercules' Entmannung durch die Freaks akustisch als Sopranstimme hörbar wird, herausgeschnitten wurden. Der Coup der Freaks, der Schlag oder Schnitt, richtet sich gegen die vermeintliche, geschlechtliche Eindeutigkeit. Hercules wird entmannt. Cleopatras Schönheit, die sie als Frau auszeichnet, wird zerstört. Versetzt der Freak das Menschenbild schon immer ins Schwanken mit seiner Uneindeutigkeit - Vogelfrau, Lebender Torso, The Doll Family, Mann und Frau, Frau mit Bart, der ungetrennte Körper der Siamesischen Zwillinge etc. -, wird durch den Film dieses Schwanken mit dem Coup am Menschenbild von Hercules und Cleopatra vollzogen.   

Die Verschränkung des Mediums Film mit dem Medium Jahrmarktszauber und Menschenschau erweist sich demnach als schwierig. Verführt der Film doch zu einem Starren, das die Bilderfolge und der Schnitt vereiteln können oder auch geradezu aufzwingen. Während man auf dem Jahrmarkt bei der sprichwörtlichen Dame ohne Unterleib an einen Spiegel-Trick glauben konnte und wollte, funktioniert dieser nun nicht mehr im Film beispielsweise bei Johnny Eck als Prinz Randian, „dem lebenden Torso“, weil der Film ein Spiegel ist. Das Wissen des Jahrmarkts prallt in Freaks auf das des Films und funktioniert nicht mehr, weil der Film als Medium etwas anderes verspricht. Die Kassenkatastrophe ist letztlich eine der Medien.

Es bedurfte und bedarf anderer Medien-Techniken, dass heute in Dokumentationen und Dokusoaps z.B. kleinwüchsige Menschen gelegentlich auftreten, um ein geordnetes und selbstbestimmtes Leben vorzuführen. Sie sind keine Freaks mehr, weil sie vom sozial-diskursiven Netzwerk über den selbst gewählten Beruf und das auf sie zugeschnittene Haus oder Wohnung bis zur Spezialausstattung des Autos eingeschlossen sind. Die changierende Uneindeutigkeit des Freaks zwischen Laune und Monster ist heute normalisiert. Es bedarf einer eigenen Erfindungsgabe, zum Freak zu werden. 

Die Freakshow der Tiger Lillies wird somit zur historischen Retrospektive und Kapitalismuskritik. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, wie es sprichwörtlich nach Bertolt Brechts Dreigroschenoper heißt. Freak zu werden bedarf heute der Anstrengungen von Castings. Massenhaft rennen Menschen zum Casting, weil ihnen die Medien Aufmerksamkeit und Geld versprechen. Von Big Brother bis Dschungelcamp hat sich eine Freakkultur entwickelt, die sich Castings nennt. Freak zu werden, verspricht die Teilhabe am Konsum. Denn es geht natürlich in der Welt der Freaks, wie es Jacques Martyn formuliert, immer nur um das Geld und Korruption: Money, Money, Money.


Freakshow entfaltet ein Panorama von der Schlangenfrau über die Frau mit dem unendlich langen Haar bis zu Rosa mit den drei Herzen. - Und wo sind die wirklich schillernden Freaks heute? Gibt es sie noch?

 

Torsten Flüh

 

The Tiger Lillies

Freakshow

noch bis 23. Oktober 2010

Wintergarten

Potsdamer Straße 96

10785 Berlin

 


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Categories: Film | Theater

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