Über sinnliche Spektren - Ensemble BERLIN PIANOPERCUSSION spielt Spektralmusik im Konzerthaus

Piano – Percussion – Spektrum

  

Über sinnliche Spektren     
Ensemble BERLIN PIANOPERCUSSION spielt Spektralmusik im Konzerthaus

 

Das ambitionierte Ensemble BERLIN PIANOPERCUSSION spielte am Mittwochabend mit seinem Programm Musik und Architektur II im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Auf dem Programm standen Kompositionen von Jean-Luc Hervé, der am Morgen extra aus Paris angereist war, Oliver Schneller, Régis Campo und Orm Finnendahl. Die Komponisten gehören mehr oder weniger entschieden zur zweiten Generation der Kompositionsschule von Hugues Dufourt, der 1973 mit Gérard Grisey, Tristan Murail und Michaël Lévinas unter dem Namen «L’Itinéraire» eine Art Klang-Forscher-Gruppe gründete. Sie experimentierten mit dem Klang und seinem riesigen Spektrum an Obertönen, daraus entstand die «musique spectrale». 

Die Gummikeile im Steinway-Flügel sind in mehrfacher Hinsicht ein treffendes Bild für die Spektralmusik. Denn Hugues Dufourts Invention der Spektralmusik ist einerseits mit der Transformation von Farbflächen in den Bildern von Mark Rothko, Jackson Pollock oder Barnett Newman verknüpft. Andererseits erforschten und visualisierten die sogenannten Spektralisten mit dem Computer und der mathematischen Fourier-Analyse den Klang, um daraus neue Kompositionen entstehen zu lassen.

Konkret führt der Einsatz von Gummikeilen in der Komposition „2“ für zwei Klaviere von Jean-Luc Hervé aus dem Jahr 2002 dazu, dass im Klangspektrum nur noch Obertöne auf den Saiten des Pianos erzeugt werden. Obertöne lassen die Klangfarbe eines Instrumentes entstehen. Sie können allerdings auch künstlich erzeugt werden, wie eben mit verschiedenfarbigen Gummikeilen. Jean-Luc Hervé hat am Pariser Konservatorium bei Gérad Grisey studiert. 

 

Spektralmusik, so kann man vielleicht einmal für das Programm am Mittwochabend verallgemeinernd sagen, spielt an den Grenzen des sinnlich Wahrnehmbaren. Die Grenzen der Wahrnehmung werden quasi durch mathematische Operationen als Kompositionsprinzip hinausgeschoben. Oliver Schneller und Orm Finnendahl setzen auf unterschiedliche Weise für das Hinausschieben der Wahrnehmungsgrenzen „Live-Elektronik“ ein. Mit anderen Worten: was bei Jean-Luc Hervé durch die Präparation der Pianos oder den Einsatz „sinnlicher“ Ton-Blumentöpfe als Klangerweiterung hergestellt wird, kehrt auf andere Weise durch mathematische Operationen des Computers wieder. 

 

Die Aufführung der Musik, der Komposition, durch BERLIN PIANOPERCUSSION wird nicht nur zu einem Hörerlebnis, vielmehr führen die exzellenten Musiker des Ensembles an den Grenzen zum Forschen das Machen der Musik vor. Sie visualisieren die Musik sozusagen. Die Musiker um die Pianistin und Dirigentin Ya-ou Xié und den Pianisten Prodromos Symeonidis, die das Ensemble 2008 gründeten, sind selbst als Solisten tätig. Sawami Kiyoshi (Klavier), Friedemann Werzlau (Schlagzeug), Adam Weisman (Schlagzeug), Matthias Engler (Schlagzeug) führen jene forschende Leidenschaft an ihren Instrumenten vor, die eben auch deren Klangspektrum erweitert. Das ist große Kunst. Pianisten sind daher nicht nur eine Frau oder ein Mann, die vor der Tastatur eines Saiteninstruments mit Pedal sitzen, sondern die wissen, wie sich das Instrument erweitern lässt. Der Konzertflügel verwandelt sich in einen weiträumigen Klangkörper.

 

Faszinierend ist an den Kompositionen und ihrer Aufführung insbesondere, dass das Machen von Musik auf fast schon artistische Weise vorgeführt wird. Trotzdem erscheint die Musik geheimnisvoll, gespenstisch, uneindeutig. Denn auch der Aspekt des Gespenstischen wird mit der Spektralmusik und dem Spektrum und dessen Bedeutungswandel seit dem 18. Jahrhundert angesprochen. Das naturwissenschaftliche Spektrum und das Gespenst überschneiden sich im französischen spectre. Doch zunächst kommt die Frage nach dem Spektrum aus der Metaphysik als ein Problem der Bestimmung von Körper und Geist. Sie durchzieht die Mystik des Mittelalters als eine Frage der Körper, Bilder und des Geistes als Glauben.   

 

Vorherrschend ist selbst in der Encyclopédie D’Alemberts und Diderots noch im 15 Band von 1765  Spectre als Begriff des Bildes oder der Erscheinung in der Metaphysik. Doch le spectre ist im Französischen immer auch das Gespenst, was in der Encyclopédie keine Erwähnung findet. Vielmehr wird bereits neben les Spectre als Muschelart knapp auf das Spectre coloré, das Farbenspektrum, in der Optik verwiesen, während Johann Christoph Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart 1811 noch gar kein „Spektrum“ oder eine „Spekulation“ kennt.  

Spectre coloré, (Optique.) est le nom que l’on donne à l’image oblongue & colorée du soleil, formée par le prisme dans une chambre obscure.
(Farbiges Spektrum oder Farbspektrum, (Optik.) ist der Name, den man dem länglichen und farbigen Bild der Sonne gibt, das durch das Prisma in einer dunklen Kammer ausgeformt wird.)    

 

Die Entdeckung des Spektrums durch Isaac Newton mithilfe eines Prismas 1666, gehört zu den Urszenen der Aufklärung als Erklärung von Welt mittels mathematischer Operationen. Doch das Prisma lässt sich ebenso gut als eine Medialisierung des Lichts formulieren. 1810 wird Johann Wolfgang Goethe in seiner spektakulären wie umstrittenen Farbenlehre heftig mit einem Komplementär-Spektrum gegen Newton und die Encyclopédie polemisieren. Die Erfassung des Spektrums wird zu einem Problem der Unterschiede, der Grenzen und nicht zuletzt der Sprache. Die Zerlegung und mathematisch-formelhafte Erfassung des Lichts und seines Spektrum wird von Goethe als ein Problem von „Werth und Würde“ formuliert.

… (Newton) gibt den brechenden Mitteln allerley Formen, den Raum, in dem er operiert, richtet er auf mannigfaltige Weise ein; er beschränkt das Licht durch kleine Oeffnungen, durch winzige Spalten, und nachdem er es auf hunderterley Art in die Enge gebracht hat, behauptet er: alle diese Bedingungen hätten keinen andern Einfluß, als die Eigenschaften, die Fertigkeiten des Lichts rege zu machen, so daß sein Inneres aufgeschlossen und sein Inhalt offenbart werde.        
(Goethe, Johann Wolfgang von: Zur Farbenlehre. 1810. S. 5)

Warum wird das Spektrum durch Newton so wichtig? Welcher Umbruch findet mit ihm statt? Und was stört Goethe als dichtenden Wissensproduzenten an Newtons Versuchsanordnungen? Goethe polemisiert vor allem gegen die Reduktion des Raumes, in dem das Licht „auf hunderterley Art in die Enge gebracht“ wird, um aus dem tendenziell und auf paradoxe Weise unsichtbaren Licht ein „längliches und farbiges Bild“, eine begrenzbare Bandbreite aus Farben zu machen. Newtons Reduktionen lassen das Licht aus sich selbst allererst als begrenzbares Bild sichtbar werden. Indem Newton durch seine Reduktion quasi den Körper des Lichts sichtbar macht, werden die Licht-Bild-Konzepte der Mystik in ihrer Uneindeutigkeit überschrieben, gelöscht. Der Operationsraum — „der Raum, in dem er operiert,“ (Goethe) — bringt allererst ein neues Wissen über den Lichtkörper hervor. Spectre  und Spectre coloré markieren in L'Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers dirigée par Diderot & d'Alembert, in der Wissenssammlung und Wörterbuch konzeptionell zusammengeführt werden, eine breit angelegte Umschreibung des Körpers, wie es u.a. mit der Masse zur Sprache gebracht wird.    

 

Goethe formuliert das Spektrum als eine Frage von Zerlegung und Ganzheit. Die Aufspaltung des Lichts wird von Goethe als dessen Entwürdigung gesehen. Entzaubert Newtons Formel doch das Licht und seine Wirkung. Goethes Newton-Kritik wird nicht folgenlos bleiben. Letztlich widerlegt er Newton nicht. Doch sein Welt- und Wertmodell ist ein anderes kommunikatives von Entgegenstellung und Hervorbringung:

Die Lehre dagegen, die wir mit Überzeugung aufstellen, beginnt zwar auch mit dem farblosen Lichte, sie bedient sich auch äußerer Bedingungen, um farbige Erscheinungen hervorzubringen; sie gesteht aber diesen Bedingungen Werth und Würde zu. Sie maßt sich nicht an, Farben aus dem Licht zu entwickeln, sie sucht vielmehr durch unzählige Fälle darzuthun, daß die Farbe zugleich von dem Lichte und von dem was sich ihm entgegenstellt, hervorgebracht werde.      
(ebenda)

 

Die im Französischen deutliche Überschneidung von Bild, Erscheinung und verschlossener Muschel, Körper und Geist sowie mit Goethes Aufschluss und Inhaltsbestimmung des Lichts durch das Spektrum bringt ein Tiefen- und Inhaltsproblem der Philosophie zur Sprache. Das Spektrum/spectre wird selbst zum Erkenntnisproblem. Läßt es sich lösen? Jacques Derrida hat das widersprüchliche Bedeutungsspektrum von spectre zum Anlass seines Philosophierens gemacht und eine regelrechte Hantologie praktiziert, woran Markus Mittmannsgruber mit Das Gespenst und seine Apokalypse (2012) angeknüpft hat. Die Zerlegung des Lichts in ein begrenzbares wie berechenbares Spektrum hält Goethe für ein Problem. Und genau an dem Punkt setzt die «musique spectrale» ein. Sie fordert die sinnliche Wahrnehmung über ihre Grenzen hinaus heraus. Sie ringt nicht um Ausdruck, sondern führt die Musik zwischen mathematischer Berechnung und unendlicher Klangfarbe auf.        

 

Musik bleibt trotz aller Architektonik mit der Zeit verknüpft. Während Schopenhauer und Goethe von der Architektur als „gefrorene“ oder „erstarrte Musik“ sprechen, wird von den zeitgenössischen Komponisten die Musik heute als Baukunst praktiziert. Klänge werden geschichtet. Rhythmen werden moduliert. Akkorde zitieren die Musikgeschichte. In den Kompositionen werden Klangräume aufgebaut, elektronisch zerlegt und wieder in den Klang eingespeist. Erweitert werden die Töne durch Obertöne, die neue Färbungen erzeugen. Und in der Kombination von Schlagzeug und Klavier, Percussion und Piano wird es, wenn man die Augen schließt, schwierig, das Tasteninstrument vom klingenden Blumentopf abzugrenzen. In „4“ für zwei Klaviere und Schlagzeug von Jean-Luc Hervé, für das unterschiedlich große Blumentöpfe erforderlich sind, werden auch die Grenzen der Instrumente aufgelöst.

 

Ya-ou Xie sagt, dass das Piano ein Schlaginstrument ist. Gegenüber der landläufigen Zuordnung zu den Tasten- und Saiteninstrumenten liegt darin durchaus eine Provokation. Doch die Funktion des Klavieres in der zeitgenössischen Musik geht klanglich über seine Grenzen hinaus. Es kann durch unterschiedliche Schlagstöcke, durch verschiedene Schlag- und Zupftechniken am Klavierkörper mit großer Präzision einen ganz anderen Klang hervorbringen. Die Uraufführung von Bewegte Beobachtung 3 für zwei Klaviere, Schlagzeug und Live Elektronik am Mittwoch setzte sozusagen die fast schon Serie der Bewegten Beobachtung von 2008 fort, zu der Orm Finnendahl schreibt:

Ein Modell. Dann verschiedene Beobachtungen: Reflexionen über Tempo und dessen Verschiebungen, das Fragment, Klang, Recycling und labyrinthische Verknüpfungen. Der Titel als Metapher für wechselnde Hörhaltungen und die Differenz der Wahrnehmung bei Interpreten und Publikum (Notation und Hörerlebnis).

 

Gerade die sehr unterschiedlichen Erweiterungen des Instruments Klavier, das selbstverständliche eine hohe Kunstfertigkeit der Pianisten erfordert, die kammermusikalisch höchst unterschiedlichen Anordnungen der Instrumente im Raum, die Stellung der Lautsprecher/Verstärker tragen zu sich ständig verändernden Klangräumen und –farben bei. Anders gesagt: die Ordnungen generieren Klangfarben.  Es geht nicht um den Originalklang oder ein wie auch immer abschließbares Klangspektrum, sondern um dessen Erweiterung. Darin ist die Architektur der Musik heute Goethes Farbenlehre weit näher, als sie es wohl selbst gedacht hätte.

 

Mit dem Ensemble BERLIN PIANOPERCUSSION gibt es in Berlin eine leidenschaftliche Musikerformation, die sich in nur 5 Jahren ein eigenes, überraschendes und höchst professionelles Profil erarbeitet hat. 

 

Torsten Flüh

 

BERLIN PIANOPERCUSSION