Über verschiedene Lokalitäten - Quer durch Berlin: Esszimmer, Dos Palillos und Rio Grande

Restaurant – Lokal – Genusstempel 

 

Über verschiedene Lokalitäten 

Quer durch Berlin: Esszimmer, Dos Palillos und Rio Grande 

 

Der kulinarische Streifzug durch Berlin geht diesmal an verschiedene Lokalitäten von der völlig unspektakulären Scharnhorststraße, die sich gerade rasant in eine gehobene Wohnstraße verwandelt, über die Weinmeister- Ecke Rosenthalerstraße am geradezu glamourösen Hackeschen Markt zum spektakulären May-Ayim-Ufer mit der Oberbaumbrücke über die Spree. Ein verborgenes, denkmalgeschütztes Lager- und Geschäftshaus, ein Designhotelneubau von 2010 und eine Bootsanlegestelle aus dem Jahr 1896 sind die Lokalitäten, die eine jeweils völlig andere Atmosphäre zum Speisen vermitteln. Das Esszimmer in der Scharnhorststraße, das Dos Palillos in der Weinmeisterstraße und das Rio Grande am May-Ayim-Ufer bieten eine sehr unterschiedliche, aber jeweils hervorragende Gastronomie an.

Das Esszimmer könnte man glatt übersehen - Straßenschäden! Zwischen Boyenstraße und Kieler Straße, Habersaath- und Invalidenstraße hat sich in der Scharnhorststraße in den letzten Jahren ein gehobenes Wohnquartier mit Townhouses im Pankepark und Hofgarten entwickelt. Und ins Kaiserin-Augusta-Hospital ist statt eines Hotels die MEDNOVO Medical Software Solutions GmbH gezogen. „MEDNOVO vernetzt IT und Medizintechnik“, heißt es auf der Website des Unternehmens. In den ehemaligen Invalidenhäusern für ausgediente Soldaten neben dem Invalidenfriedhof residiert schon seit dem Umzug der Regierung das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, wie es neuerdings heißt. Fahrradfahrer und im Halbstundentakt der Bus 120 vom und zum Hauptbahnhof, Krankenwagen zum Bundeswehrkrankenhaus mit Blaulicht, aber ohne Martinshorn, gelegentlich ein Fuchs, mehr passiert hier nicht.   

Gegenüber dem Restaurant Esszimmer auf der Scharnhorststraße 6-7 rottete noch 2008 die ehemalige Betriebsberufsschule (BBS) und Postverteilstelle der Deutschen Post in der DDR vor sich hin. Jetzt ist es ein schicker Wohnhof geworden. Seit der Bau der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in der Chausseestraße vorankommt, wurde in die Straße auf der Rückseite des Geländes kräftig investiert. Zwischen Bundeswehrkrankenhaus, einstigem Kraftwerk Mitte mit Industrieschornstein und bemaltem Tank, ehemaligem Kaiserin-Augusta-Hospital und Invalidenhaus, Kieler Eck mit erstem Mauertoten und Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal hat sich abseits der großen Verkehrs- und Touristenströme ein überraschend anspruchsvolles Restaurant, das Esszimmer, eingerichtet. Falsch kann das schon deshalb nicht sein, weil der 14. Band der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers unter  RESTAURATIF ou RESTAURANT 1765 vor allem einen Begriff der Medizin führt, der auch mit der Ernährung in Verbindung gebracht wird.  

Tatsächlich sollte ein Restaurant ein Raum sein, an dem man sich wiederherstellen, erholen und stärken können sollte. Es ist nicht gleich, wo ein Restaurant eröffnet. Das Umfeld und nicht zuletzt die Mieten sind entscheidend. In Einkaufsstraßen sind die Mieten hoch, weshalb man dort nur selten gute Restaurants finden wird. In Kombination mit einem Hotel können sich gute bis exquisite Restaurants etablieren. Da gelten andere Spielregeln. Wiederum anders funktioniert ein Restaurant an Ausflugsorten. Das Esszimmer wäre undenkbar in einer sogenannten Laufgegend. Die großzügigen Räumlichkeiten mit den wenigen Außenplätzen auf einem eher schmalen Bürgersteig wären in einer Laufgegend nahezu unbezahlbar oder erlaubten eher Systemgastronomie, was auf Kosten der Küche gehen muss. Das Esszimmer von Thorsten Wanke, Sandra Arndt und dem Koch Richard Heinz kann man also nur an so einem seltsamen Ort wie der Scharnhorststraße finden.

Das Esszimmer bietet ein Mittagslunch und eine überschaubare, saisonale Abendkarte. Anders gesagt: bei Öffnungszeiten von 12:00 bis 23:00 Uhr täglich in der Woche, samstags bis 24:00 Uhr und sonntags bis 23:00 Uhr erfordert das Restaurant ein Höchstmaß an Engagement von seinen Betreibern. Thorsten Wanke ist mit seinem Team in höchstem Maße engagiert und setzt auf wirklich überraschend hohe Qualität. An einem Montag im August ─ Fuchs überquert Scharnhorststraße, Bus fährt mehrfach vorbei, Radler ebenfalls, wenig Autos, kaum Fußgänger ─ hatten Freunde und ich das Vergnügen, die Küche des Esszimmer auf wirklich vielfache Weise kennenzulernen.

Die Kombination aus Häkeldecke und alten Gartenstühlen und -tischen gibt schon einen Wink, worum es geht. Eher regionale Produkte von hoher Qualität und Frische werden zu einfallsreichen Gerichten verarbeitet, die Standards setzen. Das Rahm-Süppchen vom Teltower Rübchen mit Chorizo und Parmesanchip als Vorspeise wird man so schnell nicht vergessen. Überraschung durch und durch. Klar, dass ich das Gericht wegen der Teltower Rübchen probieren wollte und dann kam die geradezu gewagte Kombination mit dem Parmesanchip am Holzspieß und der Chorizo. Da kann jemand kochen und scheut sich nicht vor gewagten Kombinationen. Zwischen regional brandenburgischen, italienischen und spanischen Zutaten entsteht mit einem Mal eine Qualitätsküche.

Die Streifen von der Kalbsleber mit Pfifferlingen auf einem warmen Salat von Blumenkohl und Kartoffeln ist ein typisches Saisongericht. Der Salat überrascht allerdings mit einer leichten Säure, was sehr gut zur Kalbsleber passt. Die Streifen waren wunderbar zart und keinesfalls trocken. Das spricht für eine hohe Sensibilität beim Garvorgang. Wohl nur in Frankreich unterscheidet man dann noch zwischen Foie de veau und Foie de broutard. Doch ebenso wie die französisch angehauchte Kalbsleber, wenn man an eine Foie de veau au vinaigre balsamique denkt, überzeugte das Wiener Schnitzel vom Kalbsrücken an Majoran-Bratkartoffeln und Gurkensalat.

Die geschmorten Rinderbäckchen mit in Rosmarin gebackenen Bandnudeln und Portwein waren ebenfalls überzeugend. Allerdings sind Rinderbäckchen, wie wir sie im de maufel hatten, derzeit in einer gewissen Restaurantkategorie schon fast ein wenig modisch. Doch der qualitative Vergleich mit dem de maufel in der Charlottenburger Leonhardstraße stellt sich beim Esszimmer als absolut angemessen heraus. Und das de maufel hat es immerhin 2011, 2012 und 2013 in den Gault Millau geschafft. Ähnliches wird man vermutlich für das Esszimmer erwarten dürfen.

 

Die vegetarischen und veganen Gerichte, die wir bestellten, rundeten dann den hohen Anspruch der Küche ab. Das Zucchini-Minz-Curry mit Birnen-Risotto und Roquefort für den Vegetarier unter uns war keinesfalls eine Verlegenheitslösung, sondern bleibt als das geschmacklich anspruchsvollste Gericht, dass der Vegetarier jemals gegessen hatte, in Erinnerung. Ein veganes Gericht steht nicht auf der Karte. Doch die vegane Küche boomt. Schließlich gibt es Menschen mit Verträglichkeitsproblemen bei tierischen Fetten, Milch und Zucker. Was soll man also tun, wenn man im Esszimmer ein veganes Gericht bestellen möchte? Normalerweise sollte man es bei der Reservierung erwähnen. Doch an einem Montag im August zaubert die Küche auch unvorbereitet ein veganes Gericht, das höchsten Ansprüchen gerecht wird.

Das Esszimmer in der etwas abseitigen, obwohl geschichtsträchtigen Scharnhorststraße ist also eine wahre Entdeckung und äußerst empfehlenswert. Die Preise kann man als geradezu zivil bezeichnen. Und natürlich hatten wir eigentlich vor, in ein ganz anderes Restaurant zu gehen. Doch montags haben viele, wenn nicht die meisten Restaurants Ruhetag. Durch einen Zufall also kann man wirkliche Entdeckungen machen. Das Esszimmer steht noch nicht in kulinarischen Führern und wurde noch nicht von Jürgen Dollase in der Süddeutschen Zeitung besprochen. Das Dos Palillos (Zwei Stäbchen) in der Casa Camper in der Weinmeisterstraße von Albert Raurich wurde dagegen natürlich längst von Jürgen Dollase wahrgenommen. Das Erlebnis der zufälligen Entdeckung bleibt allerdings aufgespart.

Das große Geld, die großen Namen, viel Design und höchste Ansprüche machen das Dos Palillos zum Szenetreff und vor allem Genusstempel im Hackeschen Markt Quartier. Die Preise sind dann allerdings auch entsprechend. Empfehlenswert ist ein erschwingliches 4-Gänge-Lunchmenu inklusive Getränk für 25,- €. Im Dos Palillos ist, wie in dieser Restaurantkategorie üblich, die Verkopplung von Sprache und Speisen zum Genuss im Highend-Bereich zu suchen. Traditionelle chinesische, japanische, koreanische, thailändische und vietnamesische Originalgerichte werden hier in kleine Tapas verwandelt. Hier wird nicht einfach Asiatisches zusammengewürfelt, sondern kenntnisreichen zwischen den Regionen unterschieden. Die Aromen, Düfte und Farben, die visuellen, taktilen und olfaktorischen Wahrnehmungen werden gereizt und umspielt. Darauf sollten sich die Gäste einlassen können und sich nicht gegen Qualle auf Kimchi mit einem winzigen Basilikumblättchen zur Wehr setzen, nur weil das Wort Qualle vorkommt. Eine gewisse Weltläufigkeit wird an die Gäste schon als Anspruch gestellt.

Wo die Häkeldecke im Esszimmer auch mit einem leichten Augenzwinkern liegt, erwartet die Gäste im Dos Palillos der Design-Tresen von Ronan und Erwan Bouroullec mit Aus- und Einblick in die offene Küche, in der die Köche die Speisen zubereiten und gelegentlich einem Flirt nicht abgeneigt sind. Design und Inszenierung sind hier alles, weil die Rosenthaler und die Weinmeisterstraße sonst auch nicht so wahnsinnig viel an Ausblick zu bieten haben. Ob chinesische Jaudzi, koreanischer Kimchi, chinesisches Dong-Pu-Rou oder eher vietnamesischer Tintenfisch mit Ingweröl, japanische Teppanyaki-Spieße oder filetierte frische Makrele mit weißen Kombu-Algen auf einem Schiefertäfelchen, das Design steht im Dienst des Geschmacks. Wer diese Makrelenscheibchen und Tintenfischrauten im Dos Palillos gegessen hat, wird sich seinen Lebtag daran erinnern. Die Texturen der Speisen sind bis in jede Feinheit herausgearbeitet. Der Tintenfisch ist nicht ledrig zäh, wie es häufig vorkommt, sondern zart.

Das Design, wie die Küche, des Dos Palillos zielt auf einen gewissen Minimalismus als einer Kunst des Weglassens. Ausgeklügelte, meist originale Zubereitungsverfahren werden noch einmal verbessert, um die Speisen zuzubereiten. Ähnlich wie bei der Molekularküche, die Albert Raurich mit Ferran Adrià im el Bulli weiterentwickelte, so setzt das Dos Palillos in Barcelona und Berlin auf die Verfeinerung von Kombinationen und Zubereitungsverfahren. Ein koreanischer, scharfer Kimchi aus eingelegtem Weißkohl wird mit Qualle kombiniert, die in der Shanghaier Küche feingeschnitten mit Öl und Essig zu einem einfachen Salat angemacht wird. Die Speisen werden von den Köchen direkt am Tresen serviert und erklärt, was man dann noch einmal auf einem kleinen Kärtchen nachlesen kann. Die oft fremden Namen und ungewöhnlichen Kombinationen können so nachvollzogen werden. Das Sinnliche des Speisens wird auf höchstem Niveau mit der sprachlichen Ausformulierung verknüpft. 

Natürlich ist das Dos Palillos gegenüber der Niederlassung von SAP Deutschland AG an der Ecke zur Gipsstraße richtig platziert. Bereits Anfang der 2000er Jahre hielt der Schuhhersteller Camper aus dem inländischen Inca auf Mallorca Ausschau nach Verkaufsräumen in der Neuen Schönhauser Straße, wo noch heute ein Flagshipstore zu finden ist. Die Familie Fluxà Figuerola aus der Lederwarenstadt Inca hatte den entsprechenden Hintergrund, das Vermögen und die Lifestyle-Orientierung, um dann ihr Designhotel Casa Camper in der Weinmeisterstraße um die Ecke zu bauen und zu eröffnen. Camper, mallorquinisch Bauer, ist die Geschichte vom Schuster zum Lifestyle-Familienkonzern. Das Qualitäts- und Lifestyle-Konzept der gesunden wie trendigen Schuhe ließ sich verknüpfen mit dem Hotelbetrieb in Barcelona und Berlin sowie mit der Highend-Gastronomie des Dos Palillos von Raurich.

Wenn man vom U-Bahnhof Schlesisches Tor in Kreuzberg die Bevernstraße hinuntergeht, dann sieht man das Restaurant Rio Grande nicht, aber eine rote Signalkugel der Künstlerin Ulrike Mohr. Das Rio Grande ist eine Kreuzberg-Geschichte. Zwischen preußischer und kaiserlicher Kolonialgeschichte, Stadtentwicklung und Migrationsgeschichte gibt es seit 2010 in den Katakomben einer Doppelkaianlage, die einst sogar ein Leuchtturm zierte, das Rio Grande. Die Restaurantleitung hat die aus Österreich stammende Edith Berlinger, die bereits seit 30 Jahren in Kreuzberg lebt und verschiedene Lokale leitete. Mehr Kreuzberg geht eigentlich gar nicht. Infolgedessen ist die Küche auch mit einem deutlichen österreichischen Akzent von der Pfifferlingsschaumsuppe mit Kräuternocken bis Marillenknödel und Topfenmousse mit Vanillesauce ausgerichtet.

Bis 2009 hieß das May-Ayim-Ufer Gröbenufer, was der Kolonialausstellung von 1896 im Treptower Park zu verdanken war. Am Gröbenufer feierte sich das kaiserliche Berlin mit einem Leuchtturm und der Doppelkaianlage an der Spree. Ein Hauch von Überseebrücken sollte dem Berliner Publikum vermittelt werden. Die Dichterin May Ayim (1960-1996), die sich als Aktivistin in der afrodeutschen Bewegung engagierte, wurde dann mit der Umbenennung geehrt. So verdankt das Rio Grande seine spektakuläre Lage der widersprüchlichen deutschen Geschichte, zumal die Anlage bis 1989 an der Sektorengrenze und quasi in einem toten Winkel lag.

In der Küche kochen engagiert Pirkko Stenzel-Zorn und Christian Girnth, die wie das gesamte Team auf Qualität, Originalität und Frische bei angemessenen Preisen achten. An jenem Juliabend, als ich das Rio Grande und sein Team kennenlernte, gab es ein einfallsreich komponiertes Stück Lachs als Vorspeise. Optisch und geschmacklich war das eine angenehme Überraschung. Auch der Perlhuhnschenkel auf saisonalem Kohlrabi- und Möhrengemüse war unbedingt empfehlenswert. Das Holunderblütensorbet mit Mandel und Passionsfrucht wurde wirklich sehr fein abgestimmt. Die Karte wird ständig aktualisiert, so dass beispielsweise zurzeit eine Brunnenkressekaltschale mit Krustentiersamoosa als Vorspeise angeboten wird.

Das 3-Gänge-Menü wird abends für 35,- € angeboten, was wirklich mehr als gerechtfertigt ist, wenn man beispielsweise aktuell eine Brunnenkressekaltschale mit einem Gebratenen Zanderfilet auf sautiertem Speck-Pfifferling-Weinbergpfirsich und Püree von lila Kartoffeln  als Hauptgang und Zweierlei von der Blaubeere kombiniert. Obwohl man über den Namen Rio Grande zunächst stolpert, wird hier am Ufer der doch eher kleinen, wenn auch breiten und einstmals vielbefahrenen Spree mit einem Sinn für Frische, Aromen und einer gewissen Regionalität gekocht. Den Blick auf die Spree, die Oberbaumbrücke und das mittlerweile geradezu luxuriös schicke Friedrichshainer Ufer bekommt man fast umsonst gleich dazu. Es lohnt sich wirklich, die gastronomische Landschaft in Berlin immer wieder mit Neugier zu erkunden. 

Torsten Flüh 

 

Rio Grande 

May-Ayim-Ufer 9 (ehem. Gröbenufer) 

10997 Berlin 

Täglich 10:00 bis 24:00 Uhr 

Telefon: 61074981 

U: Schlesisches Tor

 

 

Dos Palillos 

Weinmeisterstraße 1 

10178 Berlin 

Dienstags bis freitags 19:00 bis 00:00 Uhr 

Samstags 12:30 bis 15:00 Uhr 

Sonntag geschlossen 

Telefon: 20003413 

U: Weinmeisterstraße 

 

Esszimmer 

Scharnhorststraße 28-29 

10115 Berlin 

Mo-Fr: 12:00-23:00 Uhr 

Sa: 17:00 bis 24:00 Uhr 

So: 12:00 bis 23:00 Uhr 

Telefon: 202 15 30-1 

Bus: Bundeswehrkrankenhaus      

 

 


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