Ums Erbe zerstritten - Nachhaltigkeit in der Digitalen Welt und Erbe - Übertragungskonzepte zwischen Natur und Kultur

Nachhaltigkeit – Erbe – Internet

 

Ums Erbe zerstritten

Zu Nachhaltigkeit in der Digitalen Welt und Erbe – Übertragungskonzepte zwischen Natur und Kultur (2013)

 

Fast hätte es dann doch noch einen Eklat gegeben. Sonst herrschte beinahe Einigkeit über die Nachhaltigkeit als Sinn und Aufgabe „in der Digitalen Welt“. Auf den Vortrag von Stefan Willer, dem stellvertretenden Direktor des Zentrums für Literatur- und Kulturforschungen (ZfL), reagierte Verena Metze-Mangold, Vizepräsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, deutlich gereizt. Hatte Willer in seinem Vortrag über „Nachhaltigkeit und Kulturelles Erbe“ doch nicht zuletzt, die Widersprüche in der Erbedefinition und –praxis der UNESCO entfaltet und durchaus als fragwürdig formuliert.

 

Nachhaltigkeit ist gut. Darüber herrscht breiter Konsens. Und damit beginnt schon das Problem. Die Rede von der Nachhaltigkeit ist so weit verbreitet und so stark in aktuellen Diskursen von Natur, Umwelt, Medizin, Wirtschaft und Kultur implementiert, dass jeder davon ausgeht, er und alle anderen wüssten, dass von etwas Gutem, ja, ein Gut, ein Wert an sich gesprochen wird. Die 8. Initiative des Internet & Gesellschaft <Co:llaboratory> „Nachhaltigkeit in der Digitalen Welt“ hatte am 31. Mai zur Abschlussveranstaltung ins Auditorium des Jüdischen Museums eingeladen. Stefan Willer verlas neben Kathrin Passig und Stefan Gradmann eines der 3 Referate. Denn er hat soeben zusammen mit Sigrid Weigel und Bernhard Jussen Erbe – Übertragungskonzepte zwischen Natur und Kultur als suhrkamp taschenbuch wissenschaft herausgegeben.

 

Willer hat insbesondere mit dem 6. Teil von Erbe den „Begriff des >kulturellen Erbes<“ in der Moderne analysiert. Seit der Französischen Revolution nimmt der Begriff Erbe in der Moderne neue Ausformungen an. Denn „die aktuelle Rede von Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit, ob nun in kultureller oder auch in ökonomischer und ökologischer Hinsicht, befördert gegenüber einer … emphatischen Futurisierung einen eher konservativen Umgang mit der Zukunft“.[1] Das ist durchaus ein Problem. Was macht das nämlich mit der Zukunft der künftigen Kinder und Kindeskinder? Stefan Willer kommt in Erbe zum Schluss:

… Dieses auf Dauer gestellte Moratorium hat testamentarischen Charakter; das Rezeptionsverhalten kommender Generationen wird also nicht nur prognostiziert und antizipiert, sondern festgelegt: in Form von konkreten Handlungsanweisungen, wie künftige Populationen mit den ihnen übertragenen kulturellen Werten umzugehen haben. Damit wird einer künftigen kulturellen Weltgesellschaft, lange bevor sie selbst zur Welt kommt, ihr Status als Erbengesellschaft vorgeschrieben.[2]

 

Die Verknüpfung von Kultur und Literatur im Begriff Erbe macht nicht zuletzt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Goethes Faust Teil 1 in der Belehrungsformel des Gelehrten Faust an seinen Famulus Wagner ungeachtet der durchaus prekären Vortragssituation, die in Fausts Selbstmordversuch mündet,[3] allenthalben Karriere:

Was du ererbt von deinen Vätern hast,

Erwirb es, um es zu besitzen.

Kaum hat Verena Metze-Mangold die nach Stefan Willer schwierige Begriffspraxis des Erbes in den Dokumenten der UNESCO zurechtgerückt, zitiert sie verstärkend den Goethe-Vers. Mehr noch: 1865 wird der Verein für die Geschichte Berlins den Goethe-Vers ummünzen in ein aneignendes Erlebnis von Erbe und Geschichte. Der Verein war aus einem Berliner Geschichts-Verein hervorgegangen, dessen Gründung Karl Reichsfreiherr von und zum Stein als Nachwirkung der Preußischen Befreiungskriege (1813-1815) 1819 initiiert hatte. Der Leitspruch des am kulturellen Erbe ausgerichteten Geschichts-Vereins lautet nun:

Was du erforschet,

Hast du mit erlebt.

 

Es ist auf die „Digitale Welt“ und die Nachhaltigkeit zurück zu kommen. Denn die „Digitale Welt“ ist mangels haptischer Datenspeicher wie Steintafeln, Papier, Zetteln, Karteikarten etc. vermeintlich stärker vom Verlust von Daten, Wissen und „Anfangszeiten“ bedroht. Nachhaltigkeit will vor allem vor Verlust bewahren. Im Leben geht es nicht ohne Verlust. Denn der generationelle Vorgang wird durch den Tod immer auch von Verlust begleitet. Mit der Nachhaltigkeit geht es darum, dem Tod als Finalität ein Schnäppchen zu schlagen.

 

Der verlustreiche Tod in der „Digitalen Welt“ heißt delete. Dabei weist delete ein weites Bedeutungsspektrum von auslöschen, ausradieren, löschen, ausstreichen, beseitigen, tilgen, zerstören auf. Der Tod als delete ist in der „Digitalen Welt“ notwendige und vielgeübte Praxis beispielsweise gegen Bedrohungen durch Viren ebenso wie ultimativer Schrecken des Verlustes von Dateien. Die Del-Taste und -Funktion gehört wie alle anderen Tasten und Funktionen zur Praxis des Schreibens im Digitalen. 

 

Anders als beim Schreiben auf Papier etc. ist delete in der „Digitalen Welt“ heiß umstritten. Einerseits klagt Viktor Mayer-Schönberger vom Oxford Internet Institute in seinem Buch Delete: The Virtue of Forgetting in the Digitale Age (2009) ein Recht aufs Vergessen wie Löschen ein, wie 2011 besprochen. Andererseits beklagt Paul Klimpel, Leiter der Initiative von <Co:llaboratory>, dass „bei jedem neuen Medium die Anfangszeiten nicht erhalten“ sind. Deshalb waren an der Initiative auch einige hochrangige „Gedächtnisinstitutionen“ wie die UNESCO oder das Bundesarchiv beteiligt. Denn bei der „Langzeitarchivierung“ ergeben sich nach den Leitern der 8. Initiative, Paul Klimpel und Jürgen Keiper, neuartige Übertragungsfragen.

Es werden neue technische und organisatorische Kompetenzen gefordert, wenn es um Fragen der digitalen Langzeitarchivierung geht. Dabei konkurrieren verschiedene Strategien der Migration, Emulation und auch der Übertragung von digitalen Informationen auf physische Träger. (ebenda)

 

<Co:llaboratory> ist nicht mit HIIG, dem Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft an der juristischen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin zu verwechseln. Doch wie die „Initiale Finanzierung und Förderung“[4] des akademischen Instituts, so geht auch das Co:Lab, wie es sich kurz nennt, auf eine Startfinanzierung von Google Germany mit 65.000 € im Jahr 2010 zurück.[5] Google unterstützt nicht nur Vernetzungsstrategien und Internetauftritte, „supported by Google“ wurde beispielsweise auch der Abschlussbericht in Papier also Buch der 6. Initiative von Internet & Gesellschaft <Co.llaboratory> mit dem Titel »Innovation im Digitalen Ökosystem«. Das ist nicht ehrenrührig, sondern Ausdruck des Faktums, dass Google im höchsten Maße Internet und Gesellschaft beeinflusst. Google pflegt seine Infrastruktur und Algorithmen nicht nur in der „Digitalen Welt“ oder dem „Digitalen Ökosystem“, sondern auch mit „Initiativen“, die aus „Ohus“ hervorgehen, sprachliche und semantische Verschiebungen inbegriffen.[6]

 

Ohus sind keine großen Nachteulen, sondern eine basisdemokratische, netzbasierte „Arbeitsgruppe einer Gemeinschaft“, die ein zentrales Thema formulieren und langfristig im öffentlichen Diskurs verankern soll. Das Wort kommt sympathischer Weise aus der Sprache der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Die Ohus sollen bei Co:Lab „Experten aus allen vier Stakeholdergruppen - Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik – zusammenführen“. Ohus sind mit einem anderen Wort thinktanks. Die Sprach- und Diskussionsform der Ohus wird dabei als eine weitgehend offene Praxis betrieben. Sie gleicht eher einem Workshop mit ergebnisoffenem Ausgang als einer akademischen Konferenz. Wesentlich dienen Ohus allerdings dazu, ein Thema als zentrales zu formulieren. Insofern gehen „Nachhaltigkeit in der Digitalen Welt“, „Innovation im Digitalen Ökosystem“, „Gleichgewicht und Spannung zwischen digitaler Privatheit und Öffentlichkeit“ etc. aus Ohus hervor.

 

Die 3 Referate der Abschlussveranstaltung zur Nachhaltigkeit formulierten diese auf durchaus unterschiedlichen Ebenen. Kathrin Passig als Journalistin, Schriftstellerin und Bloggerin ging mit „Facebook, Froschlaich, Folianten“ eher assoziativ vor. Stefan Willer hinterfragte mit seiner kulturwissenschaftlichen Begriffsanalyse den Modus der Nachhaltigkeit. Und Stefan Gradmann fokussierte seinen Vortrag auf „Semantische Nachhaltigkeit und Kontrolle: Gedanken zu schema.org und Linked Open Data“. In allen drei Referaten spielte die Ambivalenz der Nachhaltigkeit eine Rolle. Es gibt keine einfachen Antworten.

 

An den semantischen Verschiebungen der Ohus und Initiativen lässt sich beobachten, dass die Initiative „Nachhaltigkeit und Digitale Welt“ aus der Ohu Kulturelles Erbe und Digitale Welt hervorgegangen ist. Aus dieser Ohu ging bereits im November 2012 die Konferenz Ins Netz gegangen – Neue Wege zum kulturellen Erbe hervor. Und als Fortsetzung wird am 28. & 29. November 2013 die Konferenz Zugang gestalten! Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe stattfinden. Liest man die entsprechenden Themenschwerpunkte, dann findet hier vor allem eine Verschiebung von einer Verlustangst durch das Digitale und Digitalisierungen zu einer Accessibility, also Zugänglichmachung von Museumssammlungen und Archiven statt. Das Erbe soll sich quasi durch Digitalisierung für jeden zugänglich öffnen.

 

Das (kulturelle) Erbe ist aufs Innigste mit Konzepten der Schrift und ihrer Materialität verknüpft. Darauf verwies nicht zuletzt Kathrin Passig mit Johannes Trithemius und seiner Schrift De Laude Scriptor pulcher/Zum Lob der Schreiber (1492), der auf Papier Geschriebenes für weniger haltbar hielt als auf Pergament Geschriebenes.    

Gedrucktes aber, da es auf Papier steht, wie lange wird es halten? Geschriebenes, wenn man es auf Pergament bringt, wird an die tausend Jahre Bestand haben ... wenn Gedrucktes in einem Band aus Papier an die zweihundert Jahre Bestand haben wird, wird es hoch kommen.  

Das Pergament wird von Johannes Trithemius an der Schwelle zum Buchdruck —  1458 hatte die erste Buchdruckerei nach Johannes Guttenbergs Erfindung in Straßburg ihren Betrieb aufgenommen —, dem Papier als materiellem Träger vorgezogen. Die Prognose sollte sich nicht bestätigen. Doch formuliert Trithemius mit dem Wechsel vom Schreiber zum Drucker und vom Pergament zum Papier ein entscheidendes Problem der Schrift. Ihre Haltbarkeit wird durch ihre Flüchtigkeit vom Verlust bedroht.

 

Kathrin Passig entwickelte aus dem Hinweis auf Johannes Trithemius und dem Wechsel der Medien bzw. des Speichers keine weiteren Überlegungen, sondern führte den Wechsel lediglich als prominenten Gegenbeweis an, dass digitale Speicher weniger haltbar wären als das Papier. Das Problem der Schrift und ihrer Materialität, nicht zuletzt als einer Konservierung von Sinn durchzieht allerdings die gesamte Geschichte der Schrift, um es einmal so zu formulieren. Nachhaltigkeit als ein Vorgang der Konservierung schützt nicht oder zumindest nur bedingt vor Verlust. Um es noch einmal mit Goethes Faust I und der Szene Nacht zu illustrieren, lässt sich sagen, dass die enorme Wissensakkumulation des Gelehrten gerade nicht vor Verlust an Sinn im Leben schützt. Vielmehr erscheint ihm die Lese- und Schreibarbeit als Auslöschung von Sinn:

Habe nun, ach! …

 

Bevor auf Stefan Willer zurück zu kommen ist, soll der Vortrag von Stefan Gradmann, Direktor der Universitätsbibliothek der KU Leuven, vorgezogen werden. Mit der Verkopplung von semantischer Nachhaltigkeit und Kontrolle führte Stefan Gradmann sozusagen in ein Kernproblem von Nachhaltigkeit, dass nämlich einem auf Dauer angelegten Format immer auch eine unter Umständen weitgehende Kontrolle innewohnt. Gradmann entwickelte seinen Vortrag vom „Chaos“ im Netz über „das Web der Dokumente“ zur Hierarchie der Suchstruktur, die schema.org für die Suchmaschinen Bing, Google, Yahoo! und Yandex entwickelt hat, um mit der Frage zu schließen, ob dies „vielleicht … schlimmer als Zensur“ sei. Schema.org verspricht, nach eigens entwickelten Rastern, nicht nur Dokumente, sondern ein Ding, „Thing“, im Web zu finden.

 

Die Semantik als Wissenschaft von der Bedeutung der Zeichen betrifft Denk- und Wissensstrukturen, die entweder als offen und polysemantisch oder als fest und eindeutig konstruiert werden können. Sie bezieht sich nicht zuletzt auf den Text als Binarismus von 0 und 1. Denn letztlich sind die „Dinge“, die schema.org im Netz finden soll, binäre Texte. Das gilt für Text- wie Bild- oder Sound-Dateien. Unerlässlich ist nicht zuletzt für das Finden des Dings laut schema.org ein Text bzw. „description“:

A short description of the item.

 

Das Ding lässt sich mit anderen Worten nur finden, wenn es sprachlich erfasst, beschrieben werden kann. Doch die sprachliche Erfassung von Welt oder einem einzelnen Ding stellt sich immer wieder auch als ein Problem von Sprache und Benennung. Daran lässt sich nicht zuletzt mit dem modernen Begriff der Masse und seiner Formulierung durch D’Alembert erinnern. Durch die Verschränkung von mathematischer Berechnung und sprachlicher Benennung überführt er Newtons Rede vom „corpus“ in eine Rede von der „masse“. Unterbinden kann D’Alembert allerdings nicht, dass „masse“ in der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers auch noch andere Dinge wie zum Beispiel den Teig oder eine große Menge von Menschen bezeichnet.

 

Während mit unterschiedlichen Animationen wie cloudr oder inkdroid dynamische und wechselnde Bedeutungen der „Dinge“ im Text visualisiert werden, entwickelt schema.org quasi im Zuge einer „semantischen Nachhaltigkeit“ strenge Hierarchien, um die „Dinge“ vermeintlich besser zu finden. Schema.org will die Dinge in den Griff bekommen und übt im Namen der Suchmaschinen schärfste Zensur über ein festgelegtes Vokabular aus. Gradmann bezieht sich ausführlich und wesentlich auf Darin Stewart, Research Director for Gartner in the Collaboration and Content Strategies service. Darin Stewart hat 2011 ebenfalls auf die starke und restriktive Funktion des Vokabulars verwiesen.

Yesterday, Google, Microsoft and Yahoo! jointly announced schema.org, a new service intended to “create and support a common vocabulary for structured data markup on web pages.”  The idea is to provide a library of vocabularies that can be used in conjunction with the W3C HTML Microdata format to embed machine-readable data into webpages in a manner that can be fully exploited across search engines.  This is being pitched as a breakthrough among the big search engines, namely Google, Bing and Yahoo!  A shared vocabulary should make life simpler for everyone…
(http://blogs.gartner.com/darin-stewart/2011/06/04/schema-org-webmaster-one-stop-or-linked-data-land-grab/)

 

Semantische Nachhaltigkeit wird über ein restriktives Vokabular erzeugt. Nicht ganz zufällig korrespondiert die Restriktion des Vokabulars mit dem eingangs zitierten, von Stefan Willer formulierten und problematisierten, auf Dauer festgelegten „Rezeptionsverhalten“ für das >kulturelle Erbe<. Offenheit und Polysemantik werden durch eine Privilegierung der Nachhaltigkeit als Erbekonzept gelöscht, um mit einem „shared vocabulary … life simpler for everyone“ zu machen. Politische System, die versprechen, das Leben für jeden einfacher zu  machen, funktionieren i. d. R. diktatorisch, indem sie ein begrenztes Vokabular generieren und vorschreiben. Am Horizont der „Digitalen Welt“, die Dank eines „shared vocabulary“ einfacher geworden ist, geht eine andere Form der Diktatur auf, wie sich an Darin Stewart anknüpfend durchaus formulieren lässt:

… While not stated overtly, the implication is that if you adopt the microdata approach you will be well treated by their search algorithms. Those who stick to RDFa and microformats are likely to get lost in the crowd or even pushed to the bottom. Again, I could just be paranoid, but this is Microsoft and Google we’re talking about. Whatever happened to “do no evil?” 

(s.o.)

 

Die Herausgeber von Erbe formulieren im ersten Teil die „Tragweite und Aktualität (des) mehrdeutigen Begriffs“ Erbe. Denn sie teilen die Annahme, „dass man viele Debatten und historische Zusammenhänge besser versteht, wenn deutlich wird, dass in den getrennten und sehr verschiedenen Einsatzbereichen nicht zufällig das gleiche Wort >Erbe< gebraucht wird, dass diese Bereiche also konzeptuell enger zusammenhängen, als es den Anschein hat. Mancher Debatte, besonders derjenigen zur Embryonenforschung und Reproduktionsmedizin, täte es gut, ihre gedanklichen Gefangenschaften in idealen Konzepten von >Erbe< zu reflektieren und dessen historische und erkenntnistheoretische Voraussetzungen zu durchschauen“.[7] Die Annahme erscheint auch, vielleicht sogar insbesondere mit Konzepten des Erbes in der sogenannten „Digitalen Welt“ berechtigt. Dafür spricht nicht zuletzt der eingangs erwähnte Fast-Eklat. Werden die Erbe- und Nachhaltigkeitskonzepte doch allzu häufig sozusagen persönlich genommen. Kaum scheint das Erbe in der (analogen) Welt der Embryonenforschung und Reproduktionsmedizin weniger erhitzt, poppen, um ein webaffines Wort von pop-up zu gebrauchen, Erbe und Nachhaltigkeit in der „Digitalen Welt“ auf.

 

Gerade hat Peter Kümmel im Feuilleton der ZEIT über das Internationale Werbefestival Cannes geschrieben und betont, wie sehr Nachhaltigkeit als Lable in die Selbstbeschreibung von Werbefachleuten und ihrer Produkte eingegangen ist. Nachhaltigkeit als ein Konzept von Erbe wird dabei in der Oberflächen-Branche der Werbung zur Tiefenvokabel.

... Als Moralist kommt in Cannes schon durch, wer von sich sagen kann, er habe den richtigen, »nachhaltigen« Kaufreiz gesetzt... Eine große Idee hat tatsächlich das Potenzial, um die Welt zu reisen, to get global, to go viral, also ist es ratsam, dass der Werber sich als verantwortungsbewusster Mensch ausweist. Die Begriffe, die er dazu verwendet, lauten: Relevanz, Nachhaltigkeit, Globalität, Verantwortung, Zukunft, Respekt, Perspektive, Reise...
(DIE ZEIT, N° 24, 6. Juni 2013, S. 52)
 

Erbe ist deshalb ein wichtiges Buch, weil es das Wort >Erbe< in seiner Bedeutungsvielfalt auf unterschiedlichen Ebenen von „Verwandtschaft“ (Bernhard Jussen), „Theologie“ (Urban Kressin), „Recht“ (Karin Gottschalk), „Literatur“ (Ulrike Vedder) „Kultur“ (Stefan Willer) und „Biologie“ (Orhad Parnes) durcharbeitet. Ulrike Vedder untersucht beispielsweise „Die Schriftlichkeit des Testaments“ und kommt zu dem Schluss, dass das „Testament … sich mithin als Reflexionsfigur der Bedingungen und Funktionen literarischer Repräsentation ebenso begreifen wie als eine Erbe-Figur, die — jenseits einer Philosophie des Todes — ein kulturelles Verhältnis zwischen den Lebenden und den Toten erschafft, übermittelt und doch immer wieder in Zweifel zieht“.[8] Und es lässt sich hinzufügen, dass Schwierigkeiten bei der Absicherung der „Übertragung“ immer auch obsiegen können, mithin Testamente verschwinden, zerstört, falsch verstanden, angefochten oder einfach nicht eingehalten werden können.

 

Torsten Flüh

 

Erbe

Übertragungskonzepte zwischen Natur und Kultur

Herausgegeben von Stefan Willer, Sigrid Weigel und Bernhard Jussen

Berlin 2013

15,- €  

 

 

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[1]Willer, Stefan: 6. Kulturelles Erbe – Tradieren und Konservieren in der Moderne. In: Willer, Stefan; Weigel, Sigrid; Jussen, Bernhard: Erbe – Übertragungskonzepte zwischen Natur und Kultur. Berlin 2013. S. 160

[2] ebenda S. 201

[3] Anm.: Die Belehrung ist bei Faust durchaus auch Formulierung einer Verzweiflung am Wissen: „Den ich bereitet, den ich wähle, /  Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele, / Als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht! (Er setzt die Schale an den Mund.)“

[6] Anm.: 65.000 € sind für Google Peanuts, um den Betrag ein wenig zurechtzurücken. Das ist nicht einmal die jährliche Werbeeinnahme, die Google für die Listung eines kleinen Start-ups nimmt, wie der Berichterstatter aus zuverlässiger Quelle versichern kann.    

[7] Willer, Stefan; Weigel, Sigrid; Jussen, Bernhard: Erbe … S. 9

[8] Vedder, Ulrike: 5. Erbe und Literatur. Testamentarisches Schreiben im 19. Jahrhundert. In: Willer, Stefan … S. 159


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