Unerhört großstädtisch - HK Grubers Großstadt-Konzert als Philharmonie >>Late Night<<

Late Night – Großstadt – HK Gruber

 

Unerhört großstädtisch

HK Grubers Großstadt-Konzert als Philharmonie »Late Night«

 

Bereits zum zweiten Mal in dieser Saison gab es Philharmonie »Late Night«. Ab 22:30 Uhr erklingen dann musikalische Kleinode mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker und Gästen. Unter dem Thema Großstadt standen die Konzerte mit HK Gruber am 20. und 21. Januar. Großstadt ist geradezu beispielhaft Kurt Weills Berlin im Licht-Song von 1928. Großstadt fand 1928 auf dem Wittenbergplatz mit Blasorchester, in der Krolloper mit großem Jazzorchester oder im Theater am Schiffbauerdamm statt.

Berlin im Licht ist ein einziges Versprechen. „Beim Spazierengehn genügt das Sonnenlicht. Doch um die Stadt Berlin zu sehn, genügt die Sonne nicht…“ Der Anspruch auf das elektrische Licht wurde als Werbesong der Berliner Elektrizitätswerke damit begründet, dass die Nacht zum Tag werde. „Damit man alles gut sehen kann, braucht man schon einige Watt. Na watt denn, Na watt denn …“ Die Welt war nachts, anders als heute, noch dunkel. Nicht Sicherheit verspricht das Licht, sondern ein vollständiges Sehen: Tag und Nacht.

Die Verlängerung des Tages in die Nacht wird zum Versprechen des elektrischen Lichts und der Großstadt. Was heute nicht mehr allein den Großstädten vorbehalten ist, machte 1928 ihre Faszination aus. Bereits 1927 hatte Walther Ruttmann Berlin – Sinfonie einer Großstadt ins Kino gebracht. Beginnt der Film noch mit einer Eröffnungssequenz, in der ein Zug morgens in die Großstadt Berlin fährt, so gewinnt der Film zunehmend an Dynamik bis in die Nacht. Die hell erleuchteten Boulevards werden ebenso als spezifisch großstädtisch ins Bild gerückt wie die Maschinen und die Glühbirnen-Produktion. Es gibt zwar noch ruhige Sequenzen von der Großstadt am Morgen. Doch es deutet sich bereits an, dass die Maschine Großstadt pausenlos laufen muss.


Glühbirnen in Walter Ruthmanns Berlin - Sinfonie einer Großstadt (1927)

Die Musik, den Sound zum Fortschritt des Großstädters in die Nacht, ein Eroberungsvorhaben, lieferte Kurt Weill (1900-1950) mit dem Jazz-Song Berlin im Licht. Anklänge, gar Echos aus den Songs der Dreigroschenoper – „… schon einige Watt. Na watt denn, na watt denn …“ - sind unüberhörbar. Geschrieben für großes Jazz-Orchester, uraufgeführt mit Blasorchester und aufgeführt mit Jazz-Instrumenten Freitagnacht in der Philharmonie mit HK Gruber als Dirigent und Chansonnier kann man sich der Faszination des Sounds nicht entziehen. Das Licht wird übersetzt in den schnellen Rhythmus des Jazz.

Die maschinenhafte Schnelligkeit des Jazz verlängert nicht nur den Genuss am Sehen der Stadt in der Nacht. Vielmehr wird auch die Arbeit in die Nachtschicht verlängert. Viele Menschen arbeiten nun auch oder nur noch nachts. Das elektrische Licht – „Komm, mach mal Licht, damit man sehn kann, wo man da ist.“ – verspricht Orientierung. An der Chausseestraße bei Edison, Siemens & Halske und am Humboldthain bei AEG kommen die Glühbirnen vom Band. Tag und Nacht. Auf der Chausseestraße in Berlin selbst entsteht als Verlängerung der Friedrichstraße in Tanz-Cafés ein legendäres Nachtleben.

In der refrainartigen Wiederholung von „Komm, mach mal Licht“ funktioniert das Lichtmachen per Schalter. Die Schalter werden gedrückt oder gedreht. Das Lichtanknipsen wird zu einer Bewegung, die in den Körper übergeht. Die am Berliner Jargon angelehnte Formulierung, „damit man sehen kann, wo man da ist“, bietet mehr als reine Orientierungshilfe durch das elektrische Licht. Geradezu existentiell wird das Dasein nicht nur auf den Ort bezogen, an dem man sich befindet. Vielmehr wird das Dasein, die Existenz mit dem Anknipsen des elektrischen Lichts – „Komm, mach mal Licht, und bring es uns bei“ - verschaltet.

Elektrizität hält in Berlin die Stadt am Laufen. Seit 1881 gab es die erste Elektrische Straßenbahn der Welt von Siemens & Halske von Lichterfelde zur Kadettenanstalt. 1902 war die erste U-Bahnlinie auf der Strecke der U 1 in Berlin eröffnet worden. Seit 1923 wurde die Linie U 6 unter der Friedrich- und Chausseestraße ausgebaut. Elektrizität wird zum großen Versprechen pausenloser Betriebsamkeit in seiner Doppeldeutigkeit von pausenloser Aktivität zum Vergnügen bzw. einer Vergnügungsindustrie und der zwanghaften Notwendigkeit, die Maschine des Kapitals ohne Pause am Laufen zu halten.

Von wem der überaus positive Text zu Berlin im Licht ist, lässt sich nicht genau klären. Kurt Weill und/oder Bertold Brecht werden als Autoren genannt. Fast gleichzeitig arbeitete Kurt Weill an der Musik für Leo Lanias (1896-1961) Bühnenstück Konjunktur. Konjunktur kam bei Erwin Piscator im Theater am Nollendorfplatz heraus. Das als Wirtschaftssatire konzipierte Stück kritisierte die Ölkonzerne. Die Öl-Musik beginnt musikalisch mit einer „Nachtszene“, fährt fort mit der Maschinenmusik von „Arbeitsrhythmus – Arbeiterlied“ und gipfelt in dem satirischen Song „Die Muschel von Margate“.

In dem Song Die Muschel von Margate, der in einer Fassung des Piscator-Dramaturgen Felix Gasbarra (1895-1985) erhalten ist, wird auf satirische Weise der Ölkonzern Shell kritisiert, indem die Geschichte von der Gründung des Konzerns erzählt wird. In Margate auf der Promenade am Schwarzen Meer nämlich habe ein alter Mann Muscheln als Andenken verkauft. Dann sei ihm der Gedanke gekommen, dass das Öl mit Tankern vom Schwarzen Meer nach London transportiert werden müsse. So sei er ins Ölgeschäft eingestiegen. Der Refrain lautet auf „Shell, Shell, Shell“, was auch Freitagnacht vom großartigen Jazz-Ensemble gestisch und vokal hervorgehoben wurde.

Überhaupt wurden die Musiker von HK Gruber mehr als gewöhnlich zum Mitmachen aufgefordert. Das war nicht nur eine karnevalistische Marotte. Zwar kann man Kurt Weill eher einem unterhaltenden Musikgenre zuordnen, weil er vornehmlich für das Theater schrieb. Und HK Gruber, der seine musikalische Laufbahn als Wiener Sängerknabe begann, um dann bei Gottfried von Einem Komposition und Dirigieren zu studieren, bezeichnet sich als Chansonnier. Doch dies geschieht nicht nur auf allerhöchstem musikalischem und darstellerischem Niveau, sondern auch als politische Geste.

HK Gruber versteht sich, wie er am Freitag sagte, als 68er. Das Politische kann in der Abweichung liegen. In seiner Komposition Frankenstein!!! Ein Pandämonium für Chansonnier und Ensemble nach Kinderreimen von H. C. Artmann (1976/77) hat Gruber das Instrumentenspektrum um knallende Papiertüten, quäkende Spielzeugtrompete, lärmende Autohupe und geheimnisvoll jaulende Plastikrohre erweitert. Dabei sind allerdings die Kinderreime nicht nur für Kinder gedacht. Vielmehr sind es sprachliche Transformationen von populären Comic-Helden: Frankenstein, Fräulein Dracula, Goldfinger, Bond, Django, Unhold, Monster, Robinson Crusoe, Superman, Batman und Robin sowie Herr Supermann.

Die „Kinderreime“, die beispielsweise der Artmann-Sammlung allerleirausch von 1967 entnommen sind, verschneiden ältere und neuere Pop-Mythen, wie es um 1967 noch keinesfalls üblich war. Goldfinger und Bond beispielsweise sind ja nicht nur und allererst Kindern bekannt, sondern Helden der populären Kinokultur. Goldfinger (1964) aus der Serie der Bond-Verfilmungen gilt als Rekordhalter bei der Schnelligkeit des Erfolgs. Man kann also sagen, dass Goldfinger mit dem von Shirley Bassey gesungenen und von John Barry groß orchestrierten Titelsong, einen Nerv der Zeit traf, mit anderen Worten eine mythologische Erfüllung oder Kompilation dessen war, was in der Gesellschaft eine Rolle spielte. „Herr Supermann“ seinerseits wird wie im Comic mit „heia“ und „wroooom“ als allgegenwärtiger mythischer Retter vorgestellt, sozusagen ein technifizierter Engel. (Klangbeispiel

Zum Mythos des Bösen und Schaurigen gehört es, dass das Böse sich nicht verstehen lässt. Wenn „Frankenstein tanzt“, dann hört sich das kaum noch wie ein Tanz an. (Klangbeispiel)  Das Böse erzeugt Töne und Worte, Botschaften und Kürzel, die eine Bedeutung haben müssen, die indessen nicht zugänglich ist. Das Sausen der Plastikrohre im Orchester erzeugt ebenfalls den Gedanken an Schauriges, weil sich nicht einordnen lässt, woher es kommt. Etwas Undefinierbares scheint zu fliegen. Weil es sich nicht Einordnen lässt, muss es ein Dämon sein. Die unsauberen, schrägen Töne des Plastiksaxophons gehen dem Orchesterklang entgegen. Es sind Disharmonien.

HK Gruber als Chansonnier überartikuliert den Gesang. Er faucht und prustet. Keucht und hechelt die „Kinderreime“, dass man schon von einer Extended-Voice-Technik sprechen muss. Der Chansonnier ist hier nicht dem Liedgesang verpflichtet, er artikuliert die Widersprüche und Abseitigkeiten mit äußerstem Einsatz. So wird das „Mi-Ma-Monsterchen“ allein durch die mimisch unterstützte Artikulation zu einem schaurig lieben und auch harmlosen Monster, vor dem Kinder keine Angst haben müssen. Der Chansonnier hat eine Botschaft gegen das, was weit verbreitet Angst macht. Er ist Darsteller und Agitator des Liedes selbst. Das unterscheidet ihn von einem Liedsänger. Gruber (geb. 1943) hat in seiner virtuosen Art der Darbietung am Freitag das Publikum zu Beifallsstürmen hingerissen.  

Im Zwischenteil glänzte Gábor Tarkövi mit Sequenza X (1984) von Luciano Berio (1925-2003) für Trompete und verstärkende Klavierresonanzen. Der besondere Trick bei dieser Komposition besteht darin, dass der aufgeklappte Flügel vom Trompeter als Resonanzraum benutzt wird. Damit erhält das Klavier bzw. der Flügel als Instrument eine völlig neue Funktion. Er wird als ehrfurchtgebietendes Konzertinstrument geradezu dekonstruiert. Berio hat über das Stück gesagt:

In Sequenza X für Trompete und Klavierresonanz gibt es keine klangfarbliche Transformation oder Kosmetik: Die Trompete wird in einer natürlichen und direkten Weise verwendet. Vielleicht ist es genau diese Nacktheit, die Sequenza X zur größten Herausforderung von allen macht.

Gábor Tarkövi spielte Sequenza X auf virtuoseste Weise, so dass das Geflecht aus Echo und Resonanz klar als Struktur des Werkes herauskam. In dieser Komposition, wenn auch auf ganz andere Weise, spielte ebenso der veränderte, der abweichende Klang eine entscheidende Rolle. Der Sound der Großstadt besteht nicht nur aus Schnelligkeit, sondern insbesondere aus vielfältigen Echos, Resonanzen und abweichenden Tönen. Er ist nicht nur Rauschen oder Maschinen-Musik. In Berlin kommt hinzu, dass der Großstadtsound an vielen Orten durch Vogelstimmen ergänzt wird. Aber das wäre vielleicht schon eine andere jüngere Vorstellung von Stadt und Großstadt als Lebensraum.

 

Torsten Flüh

 

PS: Die Photos wurden auf dem Weg von der Philharmonie zur Wohnung Freitagnacht mit dem Smart-Phone aufgenommen.

PPS: Für die Saison 2012/2013 sind weitere Late Night-Konzerte geplant.

 

Das Konzert wird in Kürze in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker zur Verfügung stehen.

 


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Categories: Kultur

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