Unter die Haut - Die Asyl-Monologe von Michael Ruf im Heimathafen Neukölln

Dokumentartheater – Asyl – Menschenrechte

 

Unter die Haut
Die Asyl-Monologe von Michael Ruf im Heimathafen Neukölln

 

Wenn Ali aus Togo, Felleke aus Äthiopien und Safiye aus der Türkei ihre Asyl-Geschichten in der Dramaturgie von Michael Ruf und den Körpern der SchauspielerInnen Asad Schwarz-Msesilamba, Björn von Wellen und Abak Safaei-Rad mit Cello-Zwischenspielen von Manuel Manko erzählen, dann geht das unter die Haut. Das Thema Asyl, das es ab und zu mit spektakulären Fällen in die Medien schafft, spielt sonst für die deutschen Bundesbürger keine drängende Rolle. „Asylanten wollen eh nur den Zugang und die üppigen Vergütungen des deutschen Sozialsystems“, dürfte als weitverbreitete Einstellung zu Asylfragen gelten.

Asyl ist kein leichtes Thema. Worum geht es da eigentlich? Ist das deutsche Asylrecht sowieso nicht viel zu lasch? Und im deutschen Rechtsstaat ist doch eh alles so geregelt, dass es schon mit rechten Dingen zugeht, wenn Asylbewerber nicht anerkannt werden. Da will man sich lieber nicht mit belasten. Doch der Verein Bühne für Menschenrechte und Michael Ruf, Regisseur und Autor von Asyl-Monologe, kümmert sich genau darum. Mit der Methode des Dokumentartheaters hat er das Stück bereits 80mal in 50 Städten mit mehr als 120 Schauspielern aufgeführt.

Die Asyl-Monologe sind ein Großprojekt im Kleinen. Bereits im März 2011 wurde die Bühne für Menschenrechte mit ihrem ersten Stück, eben den Asyl-Monologen, im bundesweiten Wettbewerb Aktiv für Demokratie und Toleranz der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet. Jetzt waren sie wieder für 3 Vorstellungen im Heimathafen Neukölln an der Karl-Marx-Straße. Die Vorstellungen waren ausverkauft. Sitzkissen wurden vor die erste Reihe gelegt. Die Asyl-Monologe haben schon jetzt viel angestoßen. Und sie sprechen ein breites, junges Publikum an.

Der Heimathafen Neukölln im Rixdorfer Ballsaal versteht sich seit 2009 als „neues Volkstheater aus Berlin“. Volkstheater?!  - Allein das Wort weckt Assoziationen an Willy Millowitsch und Heidi Kabel oder Vorabendserien und das Hamburger Ohnsorg Theater, das beim älteren Zielpublikum auch leicht als Ohnesorgtheater mit e durchgeht. Eben als eine Form von Theater, das keine Sorgen macht, während im Schauspiel und im Regietheater landauf, landab Sorgen gemacht werden. Aber man will doch am Samstagabend zur Prime Time nicht auch noch Sorgen haben müssen.

Gegenüber den 80er Jahren als Volkstheater zum Gegenstand kritischer Theaterforschung wurde und eine deutliche Nähe insbesondere beim Niederdeutschen  und sonstigen Mundarttheater zu nationalsozialistischen Theatergroßereignissen herausgearbeitet werden konnte, hat sich viel geändert. Volk und Heimat sind heute zumindest in Berlin und deutschen Großstädten bunt oder vielfältig. Sie funktionieren anders. Volk und Heimat werden heute nicht mehr homogenisiert oder als Begriffe rechten Ideologen überlassen. Heimat ist das, was in Neukölln auf der Straße passiert. Im Heimathafen läuft am 11. Dezember um 19:30 Uhr wieder einmal ARABQUEEN – ODER DAS ANDERE LEBEN - oder eben Die Asyl-Monologe.

Das Dokumentartheater oder Dokumentarische Theater, das z.B. mit den wörtlichen Formulierungen von Interviewpartnern oder Protokollen arbeitet, wurde nach ersten Ansätzen in den 1920er Jahren vor allem in den 1960er Jahren von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt oder Peter Weiss wiederbelebt. Der Stellvertreter (1963) von Hochhuth, der in der Regie von Philip Tiedemann im Repertoire des Berliner Ensembles steht, ist in seiner dramaturgischen Form eher schwer erträglich, weil permanent eine Wahrheit der Darstellung beschworen und geboten wird. Hochhuths, Kipphardts und Weiss’ Stücken fehlt heute massiv eine Nähe zum aktuellen politischen Geschehen. Michael Rufs Asyl-Monologe funktionieren als Theater anders.

Was bei Rolf Hochhuth noch als Belehrung unter der Formel „Nichts tun – das ist so schlimm wie mittun!“ funktioniert, findet bei Ruf einen anderen Modus, der über die Schauspieler statthat. Natürlich geht es bei seinem Dokumentartheater heute auch darum, Geschichten, Asylbewerber-Geschichten zu dokumentieren, um das Publikum anzusprechen und zu einer politischen Haltung anzuregen. Doch die Bühne für Menschenrechte und die Asyl-Monologe sind anders organisiert.

Nicht das staats- oder stadttheatralische Ereignis im Repertoire steht im Vordergrund, sondern eine Vielzahl von Schauspielern, bisher 120, sprachen oder lasen die Asyl-Erzählungen an unterschiedlichsten Orten auf verschiedene Weise. Die Aufführungspraxis der Asyl-Monologe bietet nicht die Wiederkehr des Erfolgsstücks im Theaterprogramm, vielmehr splittern die mehr als 80 Aufführungen in größere und kleinere Einzelereignisse auf. Die Schauspieler machen sich zu einem Sprachrohr von unten, um es einmal so zu sagen.

Die Organisationsform der Asyl-Monologe ist eine wichtige Verschiebung im Dokumentartheater. Es kommt näher an das Publikum. Und zur Aufführung gehört das anschließende Gespräch mit Aktivisten und nicht etwa mit den Schauspielern. Nicht die Frage, wie sich der Schauspieler beim Spielen der Rolle gefühlt hat, steht hier im Vordergrund, sondern eine aktive Teilnahme am politischen Geschehen, das in Hilfs- und vor allem Aktivistengruppen der Selbsthilfe stattfindet. Tatsächlich organisieren sich immer mehr Asylbewerber selbst und lassen nicht einfach das Verfahren und die Unterbringungsmodalitäten über sich ergehen. Das ist eine wichtige demokratische Veränderung.


Menschen sind keine passiven Gegenstände. Und Asylbewerber sind als Flüchtlinge keine Rechtlosen. Vielmehr haben Asylbewerber bei der Flucht aus ihren Heimatländern schwere, folgenreiche, persönliche und politische Entscheidungen getroffen. Das Recht auf Asyl ist kein hoheitlicher Gnadenakt, wie er oft verstanden wird, sondern ein Menschenrecht. In den Asylgeschichten von Ali, Felleke und Safiye kommen Menschen zu Wort, die höchst individuell für die Anerkennung ihres Asylrechts kämpfen mussten und gewonnen haben. Sie haben dafür schwer kämpfen müssen. Und sie haben Schäden davon getragen. Doch Felleke erhielt 2009 von der Stiftung „Pro Asyl“ zusammen mit Nissrin Ali einen Menschenrechtspreis und ist Mitglied des Bayrischen Flüchtlingsrats.

Das Recht auf Asyl steht in Deutschland und Europa aktuell auf dem Spiel. Es wird nicht als ein notwendiges, zu gewährendes Recht wahrgenommen und politisch wie administrativ geregelt, sondern die Hürden werden hinauf gesetzt, um einen Zustrom von Flüchtlingen einzudämmen. Asylrechtspolitik wird zur Eindämmungspolitik. Als politisches Thema haben Asylbewerber keine Lobby. Sie kommen von einem imaginären Außen, an dessen Grenzen harte Reglementierungen aufgebaut werden, um ein imaginäres Innen zu schützen. Die Frage des Rechts auf Asyl spielt sich mit anderen Worten an den Grenzen und heute insbesondere auf den Flughäfen Europas ab.

Während der BER oder Flughafen Berlin Brandenburg noch längst nicht eröffnet wird, soll bereits eine neue Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF, am neuen Flughafen wie am Flughafen-Frankfurt eröffnet worden sein. Das Bundesamt informiert darüber nicht aktuell, sondern hat seine Liste der Außenstellen seit 18.01.2011 also seit fast 2 Jahren nicht aktualisiert.In der Berliner Flüchtlingshilfe kursieren laut einer Mitarbeiterin von Xenion stattdessen Gerüchte, dass in der neuen Außenstelle bereits Asylverfahren im Schnelldurchlauf stattgefunden haben. Der Ablauf des deutschen Asylverfahrens mit dem aktuellen Datum vom 12. Oktober 2012 erfordert vom Laien eine umfangreiche Einarbeitung.    

Das imaginäre Innen von Volk und Heimat, das selbst permanenten, sprachlichen Prozessen und Neubestimmungen wie einem „neuen Volkstheater“ im Heimathafen unterliegt, hängt nicht zuletzt von der Sprachmächtigkeit der Akteure ab. Das wird auch an den Asyl-Monologen deutlich. Im Asylverfahren von Safiye kommt es zu einem idiotischen Übersetzungsfehler bei den geradezu inquisitorischen Anhörungen, zur Berechtigung als politisch Verfolgte anerkannt zu werden. Safiye wurde als politisch aktive Kurdin etliche Jahre in türkischen Gefängnissen festgehalten. Bei der Aufnahme ihres Antrages fragt die Sachbearbeiterin nach den Haftbedingungen. Das „türkische Bad“ im Gefängnis wird durch die Übersetzung zur „türkischen Sauna“. Tolle Haftbedingungen - oder gelogen. Ablehnung des Asylersuchens.

Es ist eine Stärke der Asyl-Monologe von Michael Ruf, dass er genau das Unvorhersehbare, den Übersetzungsfehler, das plötzliche Verschwinden eines Dokumentes, eine plötzliche politisch, bilaterale Veränderung, also das Zufällige und Individuelle als strukturellen Fehler im Ablauf des Asylverfahrens aufdeckt. Ali, Felleke und Safiye waren in tiefstem Vertrauen auf den deutschen Rechtsstaat und die Rechtsstaatlichkeit in Europa zu ihren Asylanträgen bewogen wurden. Sie mussten erleben, dass ihre Wahrheit durch strukturelle Fehler angezweifelt, erschüttert, sie selbst fast zerstört worden wären.


Der regelhafte „Ablauf des deutschen Asylverfahrens“ schafft allererst Regeln, die zwar einen Ermessensspielraum lassen, der sich allerdings auch negativ auswirken kann. Fellekes Asyl, das ihm in den Niederlanden gewährt worden war, geht verloren. Für ihn begann eine 9jährige Odyssee. Alis Status als politisch Verfolgter wird nicht anerkannt, weil der togolesische Diktator in Europa als afrikanischer Stabilitätsfaktor angesehen wird. Safiyes Martyrium in türkischen Gefängnissen verwandelt sich durch den Übersetzungsfehler in einen Aufenthalt im Sanatorium.

Asad Schwarz-Msesilamba, Björn von Wellen und Abak Safaei-Rad spielen nicht Felleke, Ali und Safiye. Sie erzählen deren Asyl-Geschichten und fühlen sich in diese hinein. Poetologisch formuliert: sie gewähren ihnen Asyl. Das geht nicht ohne Emotionen. Die politische Aufklärung findet hier nicht als formelhafte Agitation statt, vielmehr ist das breite Spektrum der Gefühle von der sorglosen Kindheit über die Jugend, Liebe und die erste eher zufällige Aktivität, die eine politische Relevanz erhält bis zum fluchtartigen Verlassen des Heimatlandes, dem hoffnungsvollen Asylantrag, der enttäuschenden Ablehnung und dem verzweifelten Kampf ein wichtiger dramaturgischer Strang.


Wenn man den Asyl-Monologen nachlauscht, dann liegt ihre Besonderheit gerade in einer Dramaturgie der Gefühle. Während die sprachlichen Unzulänglichkeiten der Flüchtlinge geradezu automatisch Diskriminierungen generieren und Felleke beispielsweise besonders darunter leidet, dass er nicht wie in seiner Heimat als angesehene Persönlichkeit anerkannt wird, entsteht durch die breit angelegte, autobiographische Erzählung, die sich wesentlich der dramaturgischen Arbeit von Michael Ruf verdankt, eine Möglichkeit zur emotionalen Anteilnahme. Es ist vor allem der Modus des Gefühls, der es vermag das Autobiographische zum Politischen zu machen.

Das Wechselbad der Gefühle lässt Spannung entstehen. Was wird Safiye noch zustoßen? Wird Felleke sich nach der dritten Abschiebehaft, noch einmal Gehör verschaffen können? Wie kann er sich gegen Polizisten wehren, die in ihm nur das widerspenstige Objekt einer Abschiebung sehen? Felleke hat den Menschenrechtspreis dafür bekommen, dass er sich für eine Verbesserung der miserablen Lebensbedingungen in bayrischen Asylbewerberheimen eingesetzt hat. Erst durch die Asyl-Monologe wird deutlich, dass er mit seinem Widerstand gegen die Abschiebungsversuche und die Abschiebungspraxis viel mehr geleistet hat. Er hat darauf aufmerksam gemacht, welchen politischen Strategien das Asylverfahren unterliegen kann.


Unter der Kategorie „Brauchtum“ veröffentlichte Focus am 03.12.2012 das Foto von der norwegischen Weihnachtstanne am Brandenburger Tor. In dem dazugehörigen kurzen Textbeitrag werden die protestierenden Asylbewerber als Störenfriede marginalisiert und diskriminiert. Die Weihnachtstanne und das Brauchtum mit der norwegischen Frauenband sollen von den Protesten der Asylbewerber und ihrer Unterstützer nicht gestört werden. Felleke war auch ein Störenfried und leistete Widerstand bis zum äußersten, um damit zur Sensibilisierung und Verbesserung der demokratischen Grund- und Werteordnung der Bundesrepublik Deutschland beizutragen. Geradezu beispielhaft lässt sich am Fokus-Beitrag eine sprachliche Ausgrenzungs- und Marginalisierungsstrategie zugunsten des Brauchtums beobachten.

Zur Aufführung der Asyl-Monologe im Heimathafen gehörte auch eine kleine Ausstellung zu den protestierenden Asylbewerbern am Brandenburger Tor. Es ist richtig, dass die Asylbewerber am Brandenburger Tor ausharren. Denn das Brandenburger Tor ist wie wohl kein anderes Bauwerk durch die politischen Ereignisse zur Wiedervereinigung sowie diversen Großereignissen zu einem politischen Symbol geworden. In ihm spiegelt und medialisiert sich eine deutsche Öffentlichkeit vom Silvesterfeuerwerk über den Zieleinlauf beim Berliner Marathon bis zum Sonntagsspaziergang. Ob man sich mit den Forderungen der Protestierenden in allen Punkten solidarisieren will oder nicht, die Fragen des Asyls und des Umgangs mit Asylbewerbern gehören als Wert genau hierhin.


Wenn das Brandenburger Tor mehr sein soll als ein beliebtes Fotomotiv wie der Schiefe Turm von Pisa - und das ist es zweifelsohne bereits für Deutschland und Europa geworden -, dann wird es zu einer Schnittstelle eben jener Werte-Fragen, die sonst allzu gern und lautstark hochgehalten werden. Der Wunsch nach Werten, die imaginär als dauerhaft und tradiert formuliert werden, wird auch dem Brandenburger Tor als Schnittstelle nur gerecht, wenn sie ständig aufs Neue befragt werden. Der Wert des „Brauchtums“ besteht aus „tausenden kleine(n) Lichtern“ und der Stromrechnung dafür. Der Wert des Asyls ist zutiefst mit Menschenleben verknüpft.

Asylbewerber haben sich seit geraumer Zeit selbstorganisiert. Das kann ein demokratisches Staatswesen nur begrüßen. Denn es hat diese Selbstorganisation trotz aller asylrechtlichen Einschränkungen allererst ermöglicht. Deshalb ist die Selbstorganisation keine Bedrohung, sondern ein Geschenk! Ob es um Arbeitserlaubnis, zentrale Unterbringung oder Bewegungs- und Reisefreiheit von Asylbewerbern geht, diese Fragen müssen ständig neu ausgehandelt werden und können nicht einfach nur als Almosen erteilt werden. Asylbewerber sind keine Menschen zweiter Klasse. Sie werden allerdings derzeit dazu gemacht.

Vom 5. bis 7. Dezember findet in Rostock ein „bundesweiter Jugendprotest zur Innenministerkonferenz“ statt. Jugendliche ohne Grenzen organisiert an den drei Tagen eine Bleiberechtsdemo unter den Motto „RECHT auf BLEIBERECHT – Dulden heißt beleidigen!“, eine Gala, eine Party und eine Theateraufführung. Darüber informierte am vergangenen Freitag Nurjana Arslanova von Jugendliche ohne Grenzen Niedersachsen. Die Asyl-Monologe und die Bühne für Menschenrechte ermöglichen mit anderen Worten eine Diskussion um Asyl und Asylverfahren in Deutschland, die an anderer Stelle medial vom Focus und dpa ausgegrenzt wird.

 

Torsten Flüh

 

Die Asyl-Monologe
Bühne für Menschenrechte

Die Asyl-Monologe
Lüneburg
, Montag, 10.12.2012, 20 Uhr

Glockenhaus, Glockengasse 9, 21335 Lüneburg

eingeladen von amnesty international Lüneburg

Cello: Krischa Weber

Marburg, 23.1.2013, 19 Uhr
ESG Marburg

Rudolph-Bultmann-Str. 4

Hamburg, 1.-5. Mai 2013
34. Deutscher Evangelischer Kirchentag 2012

Hamburg

Heimathafen Neukölln
Karl-Marx-Straße 141

12043 Berlin

U7 Karl-Marx-Straße

 

 


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Categories: Theater

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