Urbane Reinigungsrituale - David Bloom und Nathan Fuhr im Mica Moca

Tresor – Geld – Kunst

 

Urbane Reinigungsrituale

David Bloom und Nathan Fuhr im Mica Moca-Project

 

Der August 2011 wird irgendwann einmal als der Monat des Großreinemachens in die Geschichte eingehen. Der freie Fall der Aktienkurse verbrennt Geld virtuell weltweit. Schon in der chinesischen Mythologie ist das Verbrennen von Ten Thousand Hell Bank Dollars ein notwendiges Ritual. Einerseits geht die lästige Macht des Geldes in Flammen auf. Andererseits macht das Verbrennen des Geldes den Toten das Leben im Jenseits auf ewig angenehm.

Reinigungsrituale wie die derzeitige Baisse negieren einerseits den Wert der Aktien, also einer auf Zukunft ausgerichteten Investition. Andererseits bejahen sie Werte. Insofern knüpften David Bloom und Nathan Fuhr am Samstagabend im Mica Moca-Project in der Lindower Straße 22 mit ihrer Tanz- und Trommel-Performance Dances@a Gathering & Demonshaker. Das Mica Moca gehört in diesem Sommer zu den urbanen Hotspots.

Das Mica Moca-Project Berlin ist ein Verein, der Kunst macht und sein junges, internationales Publikum aus Berlin bereits gefunden hat. Mica Moca will über den September 2011 seine Projekte wie die Tanzwoche, die Samstag begann, weiter betreiben. Dafür hat der Verein bereits einen Brief an Klaus Wowereit geschrieben. Ob der allerdings der richtige Ansprechpartner für ein Fortbestehen von Mica Moca ist, hat sich noch nicht erwiesen. Jedenfalls wird hier jetzt erst einmal Kunst gemacht. Und außerdem kann man die Räume und die verbleibenden Sommernächte für bis zu 9.000,- € pro Drehtag mieten.

 

Die Industriegebäude in der Lindower Straße 22 direkt an der Ringbahn und dem S-Bahnhof Wedding sind noch nicht gentrifiziert. Hier stehen noch die echten Graffiti-Kraftausdrücke an der Wand. In den Arbeiterwohnhäusern links und rechts wohnt man noch auf schlichteste Weise. An der Ecke in dem Nachkriegsflachbau war bis vor kurzem eine Angola-Disko. Mittlerweile ist sie polnisch. Ein Afrika-Shop liegt neben einem ehemaligen Schrottplatz.

Am anderen Ende der Lindower liegt gegenüber dem Edelstahlverarbeiter Uzuner ein afghanischer Festsaal für türkische, afghanische und pakistanische Hochzeiten und Familienfeiern. Der Festsaal heißt Maksim! Das Gebäude war früher eine Autowerkstatt. Neben Uzuner ein gnadenloser Abschleppdienst für falsch geparkte Autos und dann die Böschung der S-Bahn leider deutlich vermüllt.

Den Bahnhof Wedding gibt es seit 1872. Damals wurde die erste Ringbahn um Berlin herum gebaut, um die Berliner Kopfbahnhöfe, Potsdamer Bahnhof, Lehrter Bahnhof, Hamburger Bahnhof, Stettiner Bahnhof etc. miteinander zu verbinden. Und gleich neben dem Bahnhof Wedding, erbaute der Apotheker Schering im selben Jahr für seine Chemische Fabrik die ersten Verwaltungs-, Labor- und Lagergebäude. Die Zentralverwaltung in Backstein steht heute noch auf dem Gelände.

1873 gab es schon mal einen Börsenkrach, unter der auch die junge Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering), die direkt an der Bahnstrecke lag, leiden musste. Ausgerechnet an der damals bedeutenden Wiener Börse findet am 9. Mai 1873 der sogenannte Gründerkrach statt. Der Gründerkrach bahnte seinen Weg bis zum 19. September nach New York. Es lag vor allem an der Spekulation auf Eisenbahnstrecken-Aktien, weil Eisenbahnstrecken staatlich wurden. Vorher waren Viele durch Spekulationen auf Eisenbahn-Aktien reich geworden. 100 Jahre später hatte Schering vor allem Erfolg mit der Anti-Baby-Pille. Heute gehört die Fabrik zum Bayer-Konzern.

In der Lindower Straße 22 gibt es 1880 die Maschinenbauanstalt Halske & Co. Neben dem Hausmeister Herrn Baum wohnen noch der Werkmeister Dammann und der Portier Duchard auf dem Gelände. Johann Georg Halske (1807-1890) gründete zusammen mit Werner Siemens 1847 die Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske, aus der Halske bereits 1867 ausgeschieden war. Was genau die Maschinenbauanstalt in der Lindower Straße 22 produzierte, ließ sich nicht ermitteln.

Bis ca. 2007 nutzte der Berliner Tresorhersteller Max Koplin die Gebäude in der Lindower 22. Tresore sollen derzeit wieder Konjunktur haben, weil sich dort Werte lagern lassen, die nicht wie an der Börse verloren gehen können. Beispielsweise Goldbarren. Tresore sind, abgesehen von Außeneinflüssen, wertkonservativ. Der Tresor ist das, was früher Omas Sparstrumpf unter der Matratze war, für größere Werte. Ein Tresor wirkt dem Verlust entgegen.

Der Tresor kommt im Deutschen vom griechischen Thesauros. Ursprünglich wurde so eine Schatzkammer oder ein Schatzhaus in einer griechischen Tempelanlage genannt. Im Thesauros wurden Votivgaben hinterlegt. Mit anderen Worten: im Tresor liegt eine Opfergabe, die der oder die Gläubige auf ein Versprechen hinterlegt. Der Gläubige gibt einem Gott ein Versprechen oder Gelübde und hinterlegt einen Gegenstand, um den Gott gütig zu stimmen oder zu danken. Bisweilen wurde im Voraus gedankt, um den Gott für das zukünftige Schicksal gütig zu stimmen.

Heute ist das Thesauros, das sich auch als Vorrat übersetzen lässt, vor allem bekannt für ein Wörterbuch. Beispielsweise öffnet die Tastenkombination "Umschalttaste+F7" den Thesaurus von Microsoft Word. Thesaurus ist hier das Synonymwörterbuch, das nicht zuletzt beim literarischen Schreiben hilft. Thesaurus hält immer einen Vorrat an Wörtern bereit, die sich alternativ verwenden lassen. Im Englischen wird Thesaurus alternativ zu lexicon, vocabulary, glossary, phrase book oder word list verwendet.

Der Vorrat im Tresor wandelt sich indessen, wie sich die Sprache wandelt. Damit wird Thesauros, als Ort des Vorrats, der Sprache und dem Geld ähnlich. Vorrat kann veralten, verderben oder an Aktualität gewinnen. Nicht zuletzt arbeitet der Dirigent Nathan Fuhr (US, Dakar, Berlin) mit seinen Demonshaker oder Deggi Daaji an einer »„7-way street“ conducting language«.   

This language is a system of gestures developed specifically for the instrument, for real-time composing and sculpting of flow, by the conductor or the drummers themselves in communication to the ensemble.   

Für Dances@a Gathering & Demonshaker arbeitete Nathan Fuhr mit Spazzfrica Ehd (Barcelona), Masaya Hijikata (JP/Berlin), Giancarlo Mura (IT/Berlin), Steve Heather (AU/Berlin), Rui Faustino (PT/Berlin), Colin Hacklander (US) zusammen. David Bloom  stellte ein kaum weniger internationales Ensemble für den Tanz zusammen: Christine Borch, Jule Flierl, Justin F. Kennedy and Lara Martelli. Alle sind jung, international und in Berlin lebend. Und es geht allen um Sprache und Reinigung.

Offenbar ist die Reinigung, um die es derzeit in der Kunst geht, etwas anderes als Reinheit. David Blooms Choreographien verknüpfen eine starke Sinnlichkeit mit Körperlichkeit und dem Rituellen als einem Ursprung des Tanzes. So wurde denn die Einladung für Samstag auch als Frage formuliert:

Have you ever bathed in the resonance of twelve burning cymbals?

In dem Raum, in dem noch bis vor relativ kurzer Zeit Tresore zusammen geschweißt wurden, die nicht nur einen Vorrat, sondern die Sicherheit auf eine Werterhaltung versprechen sollten, fand gerade mit der Tanz-Schlagzeug-Performance eine radikale Verschiebung von Werten statt. Denn die Dinge wurden sozusagen auch aus ihrem Wertkontext herausgelöst.

Die Demonshaker spielten nicht etwa auf den 6 Schlagzeugen, sondern die Musiker arbeiteten unter der Leitung von Nathan Fuhr mit einer minimal breath/body percussion. Die Schlagzeuge bildeten einen spirituellen Kreis, doch dienten nicht der Musik.

Vielleicht muss man es so formulieren: die Herauslösung der Dinge, Instrumente, Gesten, Orte, Körper aus ihren Verwertungszusammenhängen funktioniert als Reinigung von „cynical spirits“, wie es in der Einladung steht. Damit werden Werte indessen für ein Floaten freigesetzt.

Ein Crash an der Börse hat immer etwas Zynisches, weil er im Kampf um Werte versucht, den Gegner zu übervorteilen. Es lässt sich höchst lukrativ auf eine Baisse spekulieren. Man muss nur wissen wie. Doch gerade das wäre zynisch. Nicht zuletzt äußert sich Zynismus als Entwertung zum eigenen Vorteil.

In der aktuellen Situation der sogenannten Finanzmärkte, die auf die Entwertung nicht nur einzelner Staaten, sondern ganzer Systeme wie dem System Euro spekulieren, geht es um die Struktur des Zynismus als Gewinn versprechende Marktstrategie. Die Politik und Staatensysteme, die qua Politikversprechen auf den Erhalt von Werten ausgerichtet sind, können daher allein strukturell nicht auf den Zynismus der Börse reagieren. Dabei ist der Zynismus eine Börsensoftware keinesfalls eine Entscheidung einzelner Akteure. Zynismus ist insofern kalkulierbar.

Der niederländische Künstler Dadara, der sich vor zwei Jahren sehr intensiv dem Thema der Grenze beispielsweise im Stattbad Wedding mit dem Checkpoint Dreamyourutopia gewidmet hat, ist jüngst Banker geworden. Am 12. August erhielt ich von ihm folgende E-Mail:

I am not an artist protecting the border between dreams and reality anymore but I am a banker now ;-)

I started a new bank - the Exchanghibition Bank - in times when governments spend billions on preventing banks from falling, but those same governments are cutting back drastically on the Arts. A project which raises questions about the value(s) of Art and Money. The bank already has popped up at various spots in Amsterdam. In cultural venues, such as Paradiso and the Nuit Blanche festival, but we also did some guerilla banking in the main hall of Amsterdam Central Station, where we provided visitors with the opportunity to exchange their euros for our banknotes of Zero or One Million.

Recently we introduced our new banknote - the Infinite one - and presented the very first banknote to Larry Harvey, founder of Burning Man, based on a gift-economy where money doesn't exist. And we did that in the Magna Plaza shopping center, which seems rather based on shop-till-you-drop!

(But of course we do need (unfortunately) ‘real’ money well to make this happen, so please help by either spreading the word or donate and become a Millionaire yourself ;-)!

Dadaras Aktionen wie The Art of turning Art into Money spielen sich als Camp ab. Mit einem ;-) praktiziert er auf radikale Weise, was den Gesetzen der Finanzwelt entspricht. Anstatt die Gesetzmäßigkeit von außen zu kritisieren, nimmt er sie strategisch als Rolle an. Der Effekt ist entlarvend. Denn bis zum Verkauf eines prototypischen Bank-Anzugs der Exchanghibition Bank wird künstlerisch umgesetzt, was sowohl auf den Finanz- wie auf den Kunstmärkten profitabel und ruinös stattfindet.

Es ist bei Dadara weniger der strategische Zynismus der Börse, als vielmehr der philosophische Zynismus der Kyniker, der tendenziell auf einen heilenden Prozess, den man Katharsis nennen könnte, eines Unheil verbreitenden Gewinnstrebens zielt. Sprachlich unterscheiden sich die künstlerischen Verfahren von Bloom/Fuhr und Dadara. Setzen die Ersteren auf einen Reinigungsprozess, so treibt Dadara den Diskurs auf die Spitze und macht ihn lächerlich.

 

Torsten Flüh


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Categories: Tanz

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